S-Bahn-Geschichten: Donnerstag

Ein Krimi

Ärgerlich bestieg Kommissar Stürmer den Zug. Er war nun schon etwas über vierzig und ein wenig beleibt . Langsam gingen ihm die ersten Haare aus . Ob von der Arbeit oder nur, weil sie seiner überdrüssig waren, wußte er nicht zu sagen. Seine Frau jedenfalls war seiner überdrüssig und ausgegangen ohne wiederzukehren. Das war vor einem halben Jahr. Nun wohnte er allein in der geräumigen Mietwohnung am Rande der Millionenstadt.

Sven saß schon eine Weile in der Bahn. Er hatte sich in ein Buch vertieft und bekam nicht viel davon mit, was um ihn herum geschah. Die Bahn hielt, Leute stiegen aus, andere ein, das interessierte ihn nicht. In knapp einer halben Stunde würde er zu Hause sein. Dort wartete eine wichtige Arbeit auf ihn, wenn nicht die wichtigste seines Lebens. Er wollte sie endlich erledigen.

„Warum ausgerechnet ich?“, fragte sich Stürmer nicht zum ersten und sicher nicht zum letzten Mal. Konnte denn kein anderer diesen entwürdigenden Auftrag erledigen? Sicher, er war nur ein einfacher Kommissar; wegen dieser Sache damals konnte es auf der Karriereleiter nicht weitergehen. Aber ihn, der bereits über zwanzig Jahre im Beruf war, eine simple Befragung der Fahrgäste vornehmen zu lassen, das würde er Teumer nie verzeihen. Teumer, dieser aufgeblasene Dickwanst hinter seinem Schreibtisch, was wußte der schon vom realen Leben? Was wußte der davon, wie es draußen zugeht? „Ich weiß es“, dächte Stürmer, „deshalb bin ja ich hier.” Obwohl er zugeben mußte, daß ihm so ein Fall in all den Jahren noch nicht untergekommen war.

Sven sah‘ kurz über den Rand seines Buches. Es galt, das Pokergesicht aufrechtzuerhalten. Niemand durfte ihn etwas ansehen. Sicher, alle trugen sorgfältig ihr Pokergesicht, wo sonst ein freundliches Lächeln sein könnte, aber die trugen keine solch schwere Last in sich wie er. Die Gedanken durchfurchten sein Gehirn, ohne Spuren in seinem Gesicht zu hinterlassen. Warum mußte sie ihm auch in die Quere kommen. Sie hatte ihn überrascht. Instinktiv wie ein Raubtier hatte er sich bei dem leisen Geräusch ruckartig umgedreht. Den Rest verbannte er aus seiner Erinnerung; sein Pokergesicht würde dem nicht standhalten. Er erinnerte sich jedoch noch gut an die Arbeit, die er hatte, um alles wieder sauber zu machen. Nicht einmal duschen konnte er danach, denn die Badewanne war erst einmal belegt. Er linste noch einmal kurz über seinen Buchrand. Kein Fahrgast nahm Notiz von seiner Existenz.

Alles, was Stürmer dazu einfiel war schlicht und einfach „ekelhaft“. Vor einigen Wochen war eine abgetrennte Hand auf den Bahngleisen gefunden worden. Nach und nach, Stück für Stück fand man weitere Körperteile, auf verschiedenen Bahnstrecken verstreut. Man wußte jedoch nicht viel. Das einzige, was man ihm heute morgen mit Sicherheit sagen konnte, war, daß da eine etwa vierzigjährige Frau unfachmännisch zerstückelt und mithilfe der Bahn verteilt worden war. Ihn ekelten die Menschen an, die sich so etwas ausdenken konnten, die zu so etwas fähig waren; aber im Großen und Ganzen ekelten ihn eigentlich alle Menschen an. Und jetzt sollte er die Fahrgäste hier befragen, ob sie die Strecke öfter fahren, ob ihnen etwas aufgefallen sei. Hirnrissig das Ganze. Ebenso hätte Teumer ihn die Nadel im Heuhaufen suchen lassen können. Nun ja, wenigstens kam Stürmer für ein paar Tage aus seinem stickigen Büro raus. Früher war er gern gereist. Sein Blick glitt über die Fahrgäste. Wen sollte er zuerst befragen? „Am besten, ich gehe einfach der Reihe nach“, entschied er.

Sven klappte das Buch zu. Am nächsten Bahnhof mußte er aussteigen. Endlich raus aus der Menschenmenge und sich um seine Angelegenheiten kümmern können. Er stand auf und steckte das Buch in die Jackentasche. Sein Blick war stur aus dem Fenster in der Tür auf den näherkommenden Bahnsteig gerichtet. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Seine Finger befühlte den Bucheinband in der Tasche. Wie es mit Stürmer weiterging, wollte er morgen lesen, wenn er eine lange Reise mit einer großen Tasche antreten würde.

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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