Nachrichten als Ware

In Deutschland gibt es sechs Einrichtungen, die sich für Nachrichten zuständig fühlen:

  1. Zeitungen
  2. Print-Magazine
  3. TV- und Radio-Magazine
  4. Nachrichtensender (TV, Radio)
  5. Nachrichtensendungen (TV, Radio)
  6. Internet

Jede hat in gewisser Weise den Anspruch, den Stand der Welt abzubilden. Einige haben sogar den Anspruch, Neues aufzudecken. Doch wo ist investigativer Journalismus am ehesten zu finden? Überraschenderweise in den ersten drei (im Print und in Magazinen). Nachrichtensender und -sendungen dagegen sind kaum für ihre investigativen Enthüllungen bekannt.

Das hat mehrere Gründe. Einer resultiert aus den wirtschaftlichen Gegebenheiten, ein anderer aus den journalistischen Möglichkeiten.

Print: Vorteil des Drucks

Zeitungen erscheinen alle zur selben Zeit. Hat Zeitung A an einem Dienstag etwas eigenes entdeckt, kann Zeitung B dies erst wahrnehmen und darauf reagieren, wenn es davon Kenntnis erhält: oft erst am Tag der Verbreitung, am Mittwoch. Zeitung B kann das Thema also erst am Donnerstag in der eigenen Ausgabe berichten, am Mittwoch hat Zeitung A also einen Nachrichtenvorsprung und somit einen wirtschaftlichen Vorteil.

Gerade die aufwändige Produktion an einem Tag, das Drucken in der Nacht und die parallele Verteilung am Folgetag schirmt die einzelnen Zeitungen voneinander ab. Dadurch wächst der Wunsch in jeder Zeitungsredaktion, etwas eigenes im Blatt zu haben, was die Zeitung von den anderen abhebt. Das sind nicht nur eigene Themensetzungen, sondern auch – tatsächlich – investigative, hintergründig recherchierte Themen.

Bei Print-Magazinen wie Spiegel, Focus und Stern ist dieser Effekt noch stärker, denn die Redaktionen haben jeweils eine Woche lang Zeit, Themen tiefgründig zu recherchieren. Wer den spannendsten Aufmacher, die spektakulärste eigene (!) Entdeckung präsentieren kann, spürt dies direkt in den Verkaufszahlen und in der Relevanz.

Die Relevanz wirkt sich rückwirkend auf das Prestige aus, auf die Verkaufszahlen, auf die Kooperation von Informanten, auf die Werbe-Erlöse. Somit ist jede Redaktion gut beraten, gezielt nicht nur das Nachrichtengeschehen abzubilden, wie es über Agenturen geliefert wird, sondern eigene starke Akzente zu setzen. Viele größere Redaktionen leisten sich Recherche-Pools oder stellen Redakteure für aufwändige Recherchen frei etc. Der Vorteil ist eben: Eine Zeitung erscheint nur einmal pro Tag, ein Magazin nur einmal pro Woche, das gibt Zeit, um einen Vorsprung gegenüber den anderen herauszuarbeiten.

Immer aktuell im Radio und TV

Nachrichtensender – ob nun televisionär oder via Radio – müssen dagegen eine lange Nachrichtenstrecke liefern. Sie sind zu sehr mit dem Jetzt beschäftigt, um einen Vorsprung zu erarbeiten. Die Redaktion ist im Dauerstress, auf niemanden kann verzichtet werden. Die nächste Sendung steht an bzw. die laufende geht weiter. In solch einer Umgebung kann keine tiefgründige Recherche stattfinden.

Ist man ein Dauernachrichtenlieferant – im Gegensatz zum Print, die eben nur einmal pro Tag erscheinen – verliert die Nachricht an wirtschaftlicher Bedeutung. Der kontinuierliche Fluss von Nachrichten wird zur Hauptware. Hat eine solche Nachrichtenredaktion etwas eigenes, ist es im Moment des Sendens Allgemeingut. Eine aufwändige Recherche ergibt einen fünfminütigen Beitrag. Sofort nach dem Senden wissen alle Konkurrenten Bescheid, und eine halbe Stunde später melden es alle. Der teure Recherche-Vorsprung ist viel zu kurz (eben kein Tag, sondern nur wenige Minuten), sodass sich der Aufwand nicht lohnt.

Bei Radio- und TV-Nachrichtensendern wurde daher eine günstige Variante ersonnen, um exklusive Nachrichten zu produzieren: Studiogäste. Ein Studiogast kostet nicht viel Aufwand, und wenn er oder sie etwas Aufregendes sagt, hat man seine exklusive Nachricht. Andere müssen sie entweder von einem übernehmen oder einen eigenen Studiogast finden, der Ähnliches sagt. Die kurze – und damit nicht allzu wertvolle – Exklusivität wurde mit wenig Aufwand hergestellt. Daraus resultiert auch das Interesse an Talk-Sendungen: Sie sind preiswert zu produzieren und bieten immer die Chance auf eine exklusive Nachricht.

Als zweite Möglichkeiten werden Dokumentation eingekauft bzw. produziert. Diese haben zwar oft nicht den Anspruch, eine nachrichtliche Exklusivität zu liefern, aber sie stellen Themen vertiefend dar, die für das Zielpublikum interessant sind. Eine als Dokumentation konzipierte Sendung ist auch billiger zu produzieren als wenn der gleiche Inhalt in einer Nachrichtensendung untergebracht werden müsste (Live-Schaltungen, reibungsloser Ablauf, umfangreiche Planung, keine Chance für Korrekturen).

Nachrichtensendungen: kurz, effektiv

Die stündlichen Nachrichtensendungen im Radio folgen dem gleichen Anspruch wie Nachrichtensender: mit wenig – finanziellem – Aufwand über die aktuelle Nachrichtenlage informieren. Durch – ebenfalls preiswerte – Interviews werden diese aufgelockert bzw. können immer wieder einen kleinen Vorsprung vor der Konkurrenz liefern.

Nachrichtensendungen im TV folgen dem gleichen Prinzip, dabei setzen gerade die etablierten und großen Nachrichtensendungen auch auf Live-Schaltungen zu Korrespondenten oder Interviewpartnern, um etwas Exklusivität zu erzeugen. Das gelingt mitunter spektakulär (Innenminister de Maizière erklärte in der „heute“-Sendung des ZDF, dass das verdächtige Gepäckstück in Namibia völlig ungefährlich ist), sodass alle anderen Nachrichtenmedien sich auf das ZDF berufen müssen. Mal gelingt es gar nicht, wenn Studiogäste oder zugeschaltete Gesprächspartner nur Bekanntes wiederholen, mal wird auch einfach nur die trockene Nachricht aufgelockert.

Nachrichtenmagazine: Die Gnade der seltenen Sendung

Einmal pro Woche ist der übliche Turnus für ein Nachrichtenmagazin. Dabei entsteht wieder genau die zeitliche Unabhängigkeit wie bei den Print-Magazinen. Nachrichtenmagazine werden meist spät abends ausgestrahlt, sodass Zeitungen nicht mehr angemessen reagieren können. Somit zahlt sich eine umfangreiche Recherche aus, denn das Thema wird exklusiv bis zum übernächsten Tag besetzt. Davon profitieren alle. Am Dienstagabend setzt ein Nachrichtenmagazin eine eigene Duftmarke, indem es die Ergebnisse der eigenen Recherche enthüllt. Am Mittwoch steht in einigen Zeitungen dazu eine kurze Notiz, denn für mehr reichte die Zeit nicht, bis die Druckmaschinen in der Nacht anlaufen, die Nachrichtensender und -sendungen bringen allerdings die Information bereits. Aber dafür haben die Zeitungsredaktionen nun den gesamten Mittwoch Zeit, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Wenn es gut ist, wird es am Donnerstag in allen Zeitungen aufgegriffen. So kann eine Nachricht aus sich selbst heraus – ohne künstlich aufgeblasen zu werden – drei Tage (Dienstagabend im TV-Magazin, Mittwoch in allen Nachrichtensendungen, Donnerstag in Zeitungen) leben.

Die künstliche Verknappung durch die einmalige Sendung pro Woche kommt also der Recherche zugute. Natürlich könnte in einem Fernsehsender jederzeit das reguläre Programm unterbrochen werden, um auf eine exklusive Meldung aufmerksam zu machen. Das geschieht aber nicht. Stattdessen wird dieses Material innerhalb eines Nachrichtenformats (Sendung oder Magazin) verwendet. Dabei ist zu berücksichtigen, dass durch die seltene Sendung die Redaktion den Rücken frei hat für ausführliche Recherche und gute Aufbereitung. Die Redaktion für ein Nachrichtenmagazin im Fernsehen ist in etwa so groß wie die, die in einem Nachrichtensender die aktuelle Berichterstattung abwickelt. In beiden Fällen wird die Redaktion vor Ort durch zahlreiche freie Journalisten verstärkt.

Nachrichtenmagazine sind, das zeigt jedenfalls ihre bisherige Erfolgsbilanz, ein starkes Argument für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Denn dort besteht die Möglichkeit, jenseits von Quotendruck und Werbeeinnahmen einer Redaktion den Freiraum für qualifizierte Recherche zu geben. Die Nachrichtenmagazine im Privatfernsehen dagegen verwenden fast nur die Themen ihrer Print-Pendants und bereiten diese für das Fernsehen auf.

Internet: Grenzen sind nötig

Online ist jede Information gleich verfügbar, weltweit. Das entwertet die Recherche. Eine aufwändig generierte Information ist sofort für jedermann sichtbar, will man auf sie verweisen, setzt man einen Link. Die Informationen können frei fließen, aber davon profitiert der Informationsgenerator deutlich weniger als im Print- oder TV-Bereich. Da Online-Werbung nur für die 50 größten Websites funktioniert, ist das einzige, was eine Online-Veröffentlichung erzeugen kann, Prestige. Prestige ist allerdings ein geringes Wirtschaftsgut, wenn man bedenkt, wie aufwändig manche Recherchen sind. Somit degradieren viele Print- und TV-Produzenten das Internet zum Nachverwerter. Dafür ist das Internet ein großartiges Medium, um Gedanken zu verbreiten. Also weniger Recherche als vielmehr durch Reflektion und Nachdenken aus recherchierten und anderswo publizierten Fakten generiertes Wissen.

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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