Was ist das für eine Welt?

Unterstellen wir einmal, dass die Tagesschau eine neutrale Nachrichtensendung ist, die Ereignisse gemäß ihrer Bedeutung präsentiert. Was war gestern die wichtigste Nachricht? Israels Präsident und Palästinenserpräsident reden miteinander und senden klare Signale für Hoffnung? 25.000 Karstadt-Beschäftigte behalten aller Voraussicht nach ihren Job? Hurrikan „Earl“ trifft auf die Ostküste, der US-Präsident hat in einigen Bundesstaaten sogar vorsorglich den Notstand ausgerufen? Im Golf von Mexiko ist eine Ölplattform explodiert?

Nein, viel wichtiger als alles andere ist: Die Bundesbank will ihr Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin abberufen lassen. Das ist die wichtigste Meldung des Tages. Darauf haben laut Börsenauskunft (vor der Tagesschau) sogar die internationalen Finanzmärkte mit Erleichterung reagiert. Was ist das für eine Welt?

Wir erinnern uns: Sarrazin hatte zunächst in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ die Integrationsergebnisse in Deutschland anhand von Statistiken untersucht, kritisiert und daraus Forderungen abgeleitet. Das löste sofortigen Beißreflex und den Ruf nach Denkverboten aus. In folgenden Interviews ließ er sich zu weiteren Formulierungen hinreißen, die weiteres Widerspruchspotenzial bergen. Die ständig zitierte Genetik-These hat er allerdings recht schnell wieder relativiert (sofern Spiegel online eine glaubwürdige Quelle ist):

„… Ich habe aber nichts Falsches gesagt, sondern ich war dabei, auszuführen, dass die Unterschiede der muslimischen Migranten eben gerade keine ethnischen Ursachen haben, und die ‚Welt‘ versuchte ständig, mich durch Fragen in eine bestimmte Richtung zu drängen. Und weil ich also meinen Gedanken fortführen wollte, sagte ich dann: Natürlich gibt es genetische Ähnlichkeiten. Mir fiel zuerst das Beispiel der Juden ein, weil ich dazu kurz vorher einen Aufsatz gelesen hatte. Ich hätte sagen sollen: Ostfriesen oder Isländer, dann wär’s kein Thema gewesen. …“

Das Argument der Aufreger über die Gen-Debatte besteht darin, dass die genetische Ähnlichkeit zwischen den „Juden“ oder anderen Ethnien geringer ist als die Unterschiede innerhalb mancher als homogen geltenden Bevölkerungsgruppe. Was für ein Argument! Einerseits sollen Gene keine Rolle spiele, andererseits gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Eine platte Analogie könnte so lauten: Tom Cruise hat mit allen dunkelhaarigen Frauen die dunkle Haarfarbe gemeinsam, mit allen Männern den Penis. Was wäre der Wert dieser Aussage? Dass es jeweils Kriterien gibt, nach denen Gruppen gebildet werden, eben Haarfarbe und äußeres Geschlechtsmerkmal. Keines dieser Merkmale trifft Aussagen über seinen Charakter, seine schauspielerischen Fähigkeiten oder religiösen Ansichten. Dennoch sind beide Aussagen zulässig, legitim und nachvollziehbar. Nur bei der Gen-Debatte schreien alle sofort los.

Ich bin auch kein Freund von Gen-Debatten, deshalb führe ich sie gar nicht erst, und wenn mich einer in eine solche verwickeln will, lasse ich mir vor meiner eigenen Meinung die Ansicht des anderen darlegen und frage nach, wie bestimmte behauptete Zusammenhänge gemeint sind, ob aus den Aussagen bestimmte Schlussfolgerungen zulässig sind usw. usf. Bevor ich auf jemanden verbal einschlage, muss ich doch wissen, wie sein Argumentesystem zusammenhängt und ob es nicht einfach durch eine logische Implosion eingerissen werden kann.

Wenn ein geistig reger Mensch – wie Herr Sarrazin offenbar einer ist – Artikel liest, sich mit neuen Gedanken beschäftigt, etc., dann wird jeder neue Input in Bezug zum bestehenden Wissen gesetzt und an irgendeiner Stelle dort angedockt. Das muss nicht immer die richtige Stelle sein. Im Laufe einiger Gespräche und Auseinandersetzungen verfestigt sich der neue Input und erhält eine passende Vernetzung mit dem vorhandenen Wissenshorizont. Genau in einer solchen Sortierphase scheint mir das Genetik-Thema bei Sarrazin gerade gewesen zu sein: ein Thema, das ihn beschäftigt, aber noch nicht ausreichend durchdacht und in sein übriges Wissen integriert ist. Es gab mal den Grundsatz „Im Zweifel zugunsten des Angeklagten“.

Dass Menschen Gene haben, ist unstrittig. Dass diese DNS-Stränge Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufweisen, ist ebenso bekannt. Dass manche winzigen Unterschiede sich nachhaltig auswirken, während andere große Unterschiede auf dem DNS-Strang kaum sichtbare Auswirkungen haben, ist ebenso bekannt. Da weder Sarrazin noch der Redakteur noch einer der aufschreienden Politiker Humangenetiker sind, hätte jeder der Beteiligten einfach unter Hinweis auf die eigene mangelnde Fachausbildung in dem Bereich die Debatte abbrechen müssen oder den anderen zur Erläuterung auffordern müssen.

So wurde aus dem Migrationsproblem ein Rassismus-Vorwurf und ähnliches mehr. Das ursprüngliche Thema verschwand „glücklicherweise“ rasch hinter der neuen Nicht-Debatte (wegen mangelnder Kompetenz kann es keine echte Debatte sein). Alle beteiligten Meinungshaber und Politiker sind sich nämlich einig, dass man unbequemte Themen nicht debattieren darf – so scheint es jedenfalls. Anstatt also zugunsten des „Angeklagten“ zu erkennen und souverän für den Diskussionsbeitrag zu danken, wurde los- und weitergedroschen. Wenn sie schon was zum Thema sagen will, dann hätte die perfekte Reaktion von Merkel und anderen so aussehen sollen, können, müssen:

„Dass Herr Sarrazin mit seinen Überlegungen provoziert und Kontroversen auslöst, freut mich, denn ich bin gern Kanzlerin eines Landes, in dem freie Meinungsäußerung und der Meinungsaustausch gepflegt werden. Sicher hat er einige unbequeme Probleme angesprochen, und es wäre falsch, auf ein mehrere hundert Seiten starkes Buch mit wenigen Worten reagieren zu wollen. Stattdessen möchte ich Herrn Sarrazin einladen, bei einer Gesprächsrunde in vier Wochen teilzunehmen, wo wir uns mit genau dem Themenkomplex auseinandersetzen wollen. Bis dahin werden ich und die anderen Teilnehmer in Ruhe seine Argumente lesen können, sodass wir sachlich und zielführend diskutieren können.“ Und in ihrer schon fast typischen Art hätte sie ergänzt „Wir müssen in dieser Angelegenheit eine gemeinsame Lösung finden. Ich finde es unangebracht und respektlos, einzelne Personen niederzumachen, die versuchen, über Probleme nachzudenken.“

Das wäre einer Kanzlerin würdig gewesen und hätte die Debatte dahin geschickt, wo sie hingehört: in die Sachlichkeit, in die Kreise, die die Möglichkeit haben, etwas zu ändern, in die Kreise, die nicht nur Meinungen haben und vertreten, sondern die tatsächlich debattieren und diskutieren können.

Leider hat sie nicht so reagiert. Sie hat so unsouverän reagiert wie die dumme Dorfpommeranze, für die sie manche halten: Sie hat sich einfach dem veröffentlichten Meinungseinheitsbrei angeschlossen, anstatt – wie es sich für eine Staatslenkerin mit Richtlinienkompetenz gehört – in Ruhe eine eigene sachliche Meinung zu bilden und zur Besonnenheit aufzurufen. Auch ein Provokateur wie Sarrazin hat es verdient, dass man ihm mit Respekt begegnet und genau diesen hätte sie einfordern müssen, denn auch Thilo Sarrazin ist ein Bürger ihres Landes und verdient somit ihren Schutz – genauso wie alle Migranten, Zeitungsschreiber, „Bild“-Autoren und -Leser und andere Menschen.

Die einzigen, die Respekt und Besonnenheit eingefordert haben, werden in die Ecke des rechten Gedankenguts geschoben. Armes Deutschland.

Ob Sarrazin mit seinen Äußerungen nun wirklich Deutschlands Ansehen geschadet hat, ob er die Bundesbank tatsächlich beschädigt hat, das müssen andere entscheiden. Meiner Meinung nach hat die völlig überzogene Reaktion Deutschland viel mehr geschadet als Sarrazin es je könnte. Dass sich ein solches Nicht-Thema über viele Tage erfolgreich im Medienmainstream behaupten konnte, belegt drei besorgniserregende Beobachtungen:

  • Deutschland hat tatsächlich ein Integrationsproblem, und über den Ersatzkriegsschauplatz Sarrazin wird dieses Thema wieder niedergekämpft.
  • Deutschland hat keine anderen Sorgen bzw. flüchtet sich vor den unzähligen anderen Sorgen in die Sarrazin-Debatte, denn die hat immerhin ein erkennbares Feindbild (zumindest ein Gesicht).
  • Deutsche Medien sind weit davon entfernt, sachlich, nüchtern, neutral, hintergründig zu sein.

Den Blödsinn mit der Friedman-Attacke, werde ich gar nicht kommentieren. Jeder, der Michel Friedman im privaten Bereich ein „Arschloch“ nennt, hat recht. Die Aufnahmegeräte waren aus, das Interview war beendet – Sarrazin und Friedmann waren in einer privaten Atmosphäre. Es war nicht Sarrazins öffentliche Äußerung, sondern Friedmann hat eine private (!) Äußerung Sarrazins zu einer öffentlichen gemacht. Das ist kleingeistig und die entstandene mediale Reaktion aufgrund der nur persönlichen Betroffenheit um Längen kritikwürdiger als alles, was Sarrazin in den vergangenen Tagen gesagt und getan hat.

Die Vorkommnisse belegen eigentlich nur zwei Probleme: Die Politik entfernt sich weiter von den tatsächlichen Problemen und Lebenswirklichkeiten der Menschen. Und die Medien sind nicht länger ausgleichende vierte Macht im Staate, sondern nur noch Meinungsverbreiter – die einen („seriösen“) Medien verbreiten die Meinung der Politik, die anderen („Boulevard“) verbreiten die Meinung der Bevölkerung oder provozieren einfach fröhlich weiter („Bild“). Jeder ausgewogene, nüchterne, sachliche, wohldurchdachte Artikel zum Thema ist eine Bereicherung für Deutschland und ein Beleg für die Hochachtung, die wir uns selbst täglich schenken. Leider gab es dafür nur wenig Anlass.

Und wie jetzt alle aufatmen und erleichtert sind …Das passt zu Gartenzwergland Deutschland: Der Unruhestifter ist ruhiggestellt und wird durch Amtsenthebung bestraft (ob das gelingt, ist eine andere Sache). Keiner fürchtet einen pensionierten Sarrazin. Vielleicht hätte man vor seiner lauthals geforferten Pensionierung auch einmal einen gesunden Dialog pflegen können. Provokateur ist Sarrazin nicht aus lauter Langeweile geworden, sondern aus der Not heraus, dass ihm niemand zuhörte, wenn er unbequeme Themen besprechen wollte.

Ich erinnere mich an die Debatten, als er einmal durchrechnete, dass es auch einem Hartz-IV-Empfänger möglich ist, abwechslungsreich und gesund zu essen. In anderen Bereichen wäre dies unter der Überschrift „Machbarkeitsstudie“ gelaufen, doch Sarrazin musste spießrutenlaufen, weil er sich erdreistete, gegen den Strich zu denken und zu argumentieren. Wenn jetzt – wie in der gestrigen ZDF-„heute“-Sendung geschehen – Integrationsforscher davon sprechen, dass in Stadtbezirken mit hohen Ausländer- (oder Migranten-) Anteilen überdurchschnittlich viele Kinder leben, ist das nichts anderes, als Sarrazin festgestellt hat.

Wenn man Statistiken übereinanderlegt, ergeben sich fast immer spannende und unangenehme Wahrheiten. Vergleiche ich die Sterbefälle in Deutschland mit den Streikzeiten des Marburger Bundes fällt auf: Immer wenn die Ärzte streiken, sinken die Zahlen der Sterbenden. Statistischer Zufall oder systematischer Zusammenhang? Auch darüber muss man doch reden dürfen … Oder darf man nicht, weil man dann gleich ein Berufsverbot und Hetzkampagnen zu befürchten hat. Insofern hat die Sarrazin-Hatz zumindest eines bewiesen: Bürger, widersprecht nicht, eure Politiker und Medien wissen schon, wie es in der Realität aussieht.

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

Ein Kommentar

  1. In Sachen Sarrazin ist jetzt der Bundespräsident am Drücker. So wie ich gestern hörte, könnte er ihn rechtlich gar nicht entlassen. Das sagen wohl so ziemlich alle Fachleute. Allerdings ist derWulff ja ein Bundespräsident von Merkels Gnaden, d.h. er wird ihn schon entlassen. Der Weber von der unabhängigen Bundesbank ist ja in Sachen Sarrazin auch dann erst gesprungen, als die Merkel rief. Gut, dass die Bundesbank nicht mehr für unser Geld zuständig ist.

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