Schweinegrippe: Body Count, aber richtig!

Beweis für den journalistisches Ethos: Welche Medien berichteten am Mittwoch über das neunte Todesopfer der Schweinegrippe und welche nicht? Drei Fälle (Fall sieben in Stuttgart, acht in Heidelberg und neun in Berlin) mit tödlichem Ausgang wurden von den Nachrichtenagenturen vermeldet. Bei allen drei Fällen wies der Meldungstext auf schwere Vorerkrankungen hin. Besonders im zuletzt gemeldeten Fall, dem ersten in Berlin, kam sogar der Hinweis, dass erst eine Obduktion die genaue Todesursache feststellen könne. Denn der 40-Jährige war eine Woche zuvor mit einer Lungenerkrankung ins Krankenhaus gekommen. Erst ein H1N1-Test habe ergeben, dass er infiziert war.

Allenfalls wäre vom „Tod eines mit der Schweinegrippe Infizierten“ zu sprechen gewesen. Sicherlich fördert eine Grippe-Infektion die Genesung von anderen Krankheiten nicht. Doch woran jemand nun wirklich gestorben ist, können nur Mediziner feststellen. Bis deren Ergebnis vorliegt, sollte – auch aus Anstand dem Toten gegenüber – jede verkürzte Faktenbehauptung unterbleiben. Monokausalität gibt es selten. Wir hätten immer gern einen klar und eindeutig benennbaren Schuldigen (das H1N1-Virus), aber das geht an der Realität vorbei. Oft führen erst mehrere Faktoren (beispielsweise die schwere Vorerkrankung in Kombination mit der Grippe-Infektion) in einem komplexen Wechselspiel zu einem Ergebnis. Doch es darf nur eine Todesursache geben.

Auch der Lebenswandel (Rauchen, Sport, allgemeine Fitness, psychische Verfassung) trägt zum Krankheitsverlauf bei. Doch selten wird als Todesursache „Depression“ genannt. Das erinnert an die HIV/AIDS-Meldungen. Zahlreiche AIDS-Opfer entstammen genau der Logik, der auch der Berliner Patient zum Opfer fiel. Die prominente Krankheit ist schlagzeilentauglich, eine schwere Lungenerkrankung ist es nicht. Auch die HIV-Infektion bzw. AIDS-Erkrankung behindert – darüber gibt es keine Debatte – die Genesung von anderen Krankheiten. Das Zusammenspiel im menschlichen Körper ist zu komplex, um monokausal verkürzt zu werden. Da hilft auch die Ausrede nicht, dass am Ende des Berichts ja auf die Unklarheit bzw. die noch erfolgende Obduktion verwiesen wurde.

Habt etwas mehr Anstand, Leute!

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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