Faire Studiengebühren

Telepolis berichtet über ein Studiengebühren-Modell, das gerechter sein könnte. Ich habe dazu eine eigene Meinung. Je länger ich darüber nachdenke, desto fairer erscheint mir folgendes Modell, vor allem weil alle Beteiligten davon profitieren, auch in Hinblick auf die Finanzen.

  1. Jeder darf studieren, sofern er die Zulassungsvoraussetzungen erfüllt (Abitur, ggf. fachbezogene Hochschulreife).
  2. Jeder darf zwölf Semester ohne jede Gebühren studieren.
  3. Jedes weitere Semester muss der Student mit der Hochschule separat verhandeln. (Prüfungstauglichkeit, Studienabschluss realistisch etc.)
  4. Zu Beginn des Studium schließt ein Student mit der Hochschule einen Vertrag ab (bei Hochschulwechsel wird natürlich der erste Vertrag beendet und ein neuer geschlossen). Dieser sieht ganz einfach folgendes vor:
    1. Sobald ein Einkommen von 1.500 Euro netto monatlich erzielt wird (ab dem dritten Kind steigt der Schwellbetrag um jeweils 250 Euro), zahlt der ehemalige Student 2,5 Prozent seines Bruttoeinkommens an die Hochschule. Pro studiertes Semester ist dieser Anteil ein Jahr lang zu zahlen. Bei Hochschulwechseln wird die zuerst besuchte Hochschule zuerst bedacht. (Die Zahlpflicht tritt unabhängig von einem erreichten Abschluss ein – eben sobald die Einkommensschwelle erreicht wird.)
    2. Ab dem 13. Semester steigt der Anteil um jeweils 0,1 Prozentpunkte (also für das 13. Semester 2,6 Prozent, für das 14. Semester 2,7 Prozent usw. für das 20. Semester 3,3 Prozent).
    3. Die Gebühren können auf einen Schlag bezahlt werden, nach dem Ablauf der Jahresanzahl wird überprüft, ob die gezahlte Summe den tatsächlichen Anteilen entspricht. Es gibt keine Zinsen (weder für späteres Zahlen noch für zuviel gezahlte Beiträge, die rückerstattet werden).
    4. Ausschließlich wirtschaftliche Notlagen (also das Sinken des Netto-Einkommens unter den Schwellwert von 1.500 Euro) können ein Aussetzen der Gebührenpflicht bewirken. Sobald das Einkommen steigt, werden die Gebühren wieder gezahlt, die Zählung der Jahre erfolgt auf der Basis ein Jahr = zwölf Monate, ob diese nun von Januar bis Dezember dauern oder durch mehrere Pausen unterbrochen wurden und dadurch zwei Jahre oder gar mehr dauern.
    5. Das Geld erhalten die Hochschulen direkt. Der Student verpflichtet sich, seinen Einkommensverhältnissen entsprechend die Gebühren selbstständig zu zahlen. Das Finanzamt übernimmt das Inkasso für die Studiengebühren und reicht diese an die jeweilige Hochschule weiter. (Der Student gibt also gegenüber seinem Finanzamt an, wieviele Semester er wo studiert hat, das Finanzamt gleicht diese Meldung mit den angegebenen Hochschulen ab, sammelt das Geld beim Studenten ein und reicht es jahresweise an die Hochschulen weiter.)
    6. Ausnahmen gibt es nicht. Die Hochschulen haben nicht das Recht, diese Regelungen in irgendeiner Weise zu umgehen, zu verändern oder anzupassen. Ebenso gilt jede versäumte Gebührenzahlung (so nenne ich jetzt mal den zu zahlenden Einkommensanteil) als Steuerschuld – wäre für den Studenten also enorm nachteilig.

Wer also 1.500 Euro netto verdient, hat etwa 2.500 Euro brutto verdient. Davon 2,5 Prozent ergeben 62,50 Euro pro Monat – das ist zu verschmerzen. Das ergibt dann im Jahr 750 Euro. Somit würde die Hochschule pro Semester 750 Euro erhalten – mindestens! Bislang werden 500 Euro pro Semester verlangt, mit stattdessen 750 Euro ist sogar die Inflation mehr als ausgeglichen. Zumal jeder, der mehr verdient, der Hochschule mehr einbringt: beispielsweise bei 4.000 Euro Bruttogehalt 1.200 Euro pro Jahr.

Die Hochschule hat also ein eigenes Interesse daran, ihre Studenten so gut auszubilden, dass diese möglichst gut bezahlte Jobs erlangen. Andererseits werden die Gebühren erst dann erhoben, wenn die Studenten das Geld auch haben, wenn sie von ihrer Ausbildung profitieren, und auch dann nur in einer Größenordnung, die keine Lebens- oder Finanzplanung erschwert.

Ein faireres Modell ist mir bislang nicht untergekommen. Alle profitieren davon:

  • Die Hochschulen erhalten mehr Geld.
  • Ironischerweise stärkt eine solch langjährige Zahlungsverpflichtung die Bindung zwischen Alumni und Hochschule.
  • Alle Studenten zahlen (es gibt keine sozialen Härtefälle).
  • Die Studenten zahlen dann für ihre Ausbildung, wenn sie von ihr profitieren, und zwar abhängig von ihrem durch die Ausbildung ermöglichten Einkommen.
  • Für reiche Kinder gibt es keine Vorteile gegenüber armen Kindern, alle sind tatsächlich gleich.
  • Zwölf Semester sind angemessen, um einen guten Studienabschluss zu erlangen (ob nun Magister, Diplom, Bachelor oder Master). Die dann einsetzende Steigerung ist moderat, sodass niemand unangemessen für längeres Studieren bestraft wird.

Warum ist ein solches Modell nirgends in der Debatte? Welche Argumente sprechen dagegen? Ich weiß keine.

Und wenn wir schon dabei sind: Das Bafög gehört dringend reformiert. Wessen Eltern weniger als 1.500 Euro netto verdienen (plus 250 pro Kind, ab dem zweiten Kind), erhält pro Studienmonat Leistungen nach Hartz-IV-Regeln plus 100 Euro für Bildungsaufwand (das ist realistisch!). Diese Leistungen werden zu einem Drittel als Zuschuss zu zwei Dritteln als zinsloses Darlehen gewährt. Das Darlehen ist nach den gleichen Kriterien wie die Studiengebühren zurückzuzahlen, allerdings beträgt der Mindestanteil pro Monat 5 Prozent, der Student kann freiwillig, einen höheren Anteil zahlen. Hierbei zählt die zurückzuzahlende Gesamtsumme, keine Zeitdauer.

Studenten dürfen natürlich hinzuverdienen, 200 Euro anrechnungsfrei. Darüber werden die Zuwendungen pro zuverdientem Euro um jeweils 30 Cent des Auszahlungsbetrags und 30 Cent der übernommenen Leistungen gekürzt.

So, das wars erst mal wieder an Reformgedanken. Leider wird wohl nie einer davon in die Tat umgesetzt werden … *seufz*

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

Ein Kommentar

  1. Pingback: Studiengebühren geht auch ‚fair’ | Studenten-Welt.de Studenten-Welt

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