Schöne neue Ba/Ma-Welt

Fauler Zauber hinter den glanzvollen Kulissen beschädigt zunehmend das Ansehen der neuen Bachelor- und Master-Abschlüsse und schwächt das Vertrauen der Studenten.

Für die Verbesserung der Hochschulbildung gibt es eine neue Zauberformel: »Bachelor und Master« (Ba/Ma). Die Fachhochschulen und Universitäten sehen darin die Rettung ihrer Reputation. Sie wollen möglichst schnell mit Ba/Ma ihre Probleme lösen und einen Großteil der Studiengänge mit dem Glanz dieses Zaubers versehen. Denn glanzlos ist es wahrhaftig – wie man in den letzten Jahren oft hörte – was für ungeeignete Absolventen deutsche Hochschulen ins Berufsleben entlassen. Da kommt dieser Zauberspruch gerade recht, der nun schnell auf alles mögliche angewendet wird, schließlich macht er das Studium flexibler und entlastet die Studierenden. Nebenbei entstehen auch schöne Zauberstaub-Wolken, die so klangvolle Bezeichnungen tragen wie »Praxisnähe«, »internationale Vergleichbarkeit«, »Modernisierung«, »Effizienz« und »kurzes Studium«.

Wie bei jeder Zauberei ist das, was auf der Bühne geschieht, aber wesentlich schöner und beeindruckender anzusehen als die Arbeit hinter den Kulissen. Denn dort wird mit Personal- und Materialmangel gekämpft. Desorganisation und Improvisation bestimmen die Arbeit, einmal ganz davon abgesehen, dass die meisten Arbeitsvorgänge noch nicht einmal genehmigt sind. Nichtsdestoweniger sind alle mit Elan und Enthusiasmus dabei, um dem Publikum eine gute Vorstellung zu liefern. Das Publikum sind in dem Fall aber leider nicht die Studierenden, sondern die Politik und die Wirtschaft. Die brauchen nämlich ganz schnell ganz viele super geeignete Absolventen.

Gleiche Worte – anderer Inhalt

Ein Problem ist allerdings, dass diese Zauberei nicht richtig genormt ist. Egal welche Hochschule die magischen Formeln anwendet, bei jeder kommt etwas anderes dabei heraus. Nur die Zauberworte sind überall gleich, denn schließlich wollen sich alle mit etwas Zauberstaub schmücken. Auch das Personal wird nicht ausgewechselt, sondern das selbe Team, das bisher für Magister und Diplom zuständig war, muss sich jetzt um Ba/Ma kümmern. Es wird auch kaum jemand zusätzlich eingestellt. Kein Wunder, dass es oft noch hakt und die Magie einfach nicht überzeugt. Aber im globalen Wettkampf ist es eben wichtig, dass jede Hochschule diese Zaubersprüche aufsagen kann.

Da in den USA alles besser läuft und dort mit Ba/Ma richtig tolle Absolventen entstehen, mögen die deutschen Hochschulen doch bitte einmal dorthin schauen und das Gesehene übernehmen, lautet die Forderung. Also wird die amerikanische Zaubershow schnell auf die deutsche Hochschulbühne gebracht. Es ist unbestreitbar, dass die Vorführung von »Diplom und Magister« eine Überarbeitung nötig hat. Doch ob es nötig ist, jeden überarbeiteten Zaubertrick neu zu benennen, ist fraglich; »Abrakadabra« funktioniert ja auch bereits seit Jahrhunderten.

Der Bachelor-Abschluss ist eigentlich sehr alt – wurde jetzt aber komplett neu erfunden.

Verfachhochschulisierung

So neu, wie uns die Zauberkünstler weismachen wollen, ist Ba/Ma nun allerdings auch nicht. Genaugenommen wird damit eine alte Zauberformel nur wieder aufgegriffen. Schließlich war sie in Europa schon jahrhundertelang beheimatet, bevor sie in den USA aufgegriffen wurde. Dort wurde aus dem altehrwürdigen »Magister« ein »Master« und aus dem »Baccalaureus« ein »Bachelor«. Jetzt reimportieren wir diese Formel wieder und binnen weniger Semester soll der Großteil der Studiengänge mit Ba/Ma funktionieren.

Da die Umstellung sehr schnell passieren soll, bleibt kaum Zeit zu überlegen. Dennoch melden sich kritische Stimmen, die eine Verfachhochschulisierung der Universitäten befürchten, wenn diese sich nur noch pragmatisch an der Berufstauglichkeit ihrer Absolventen orientieren. Nicht minder kritisch ist die Frage, ob für die neue Zaubershow Gebühren fällig werden. Bei all den Reformen kann man die kostenlosen Magie-Darbietungen auch gleich mit abschaffen. Wem das nötige Eintrittsgeld fehlt, der wird von all den schönen neuen Sprüchen auf der Hochschulbühne nicht viel haben.

Wer sich schon einmal mit Zauberei beschäftigt hat, weiß allerdings, dass all die schönen Zaubersprüche nur eine Funktion haben: Sie sollen das Publikum von den eigentlichen Tricks ablenken.

erschienen in »Spree«, April 2005

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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