Che unterwegs – Motorcycle Diaries (2004)

Wer war Che Guevara? War er einmal auch nur ein gewöhnlicher junger Mann, bevor sein Konterfei weltweit den T-Shirt-Absatz ankurbelte? „The Motorcycle Diaries – Die Reise des jungen Che“ gibt keine eindeutige Antwort. Das schmälert den Film nicht, macht ihn sogar stärker.

Wir brechen mit Ernesto Guevara de la Serna und seinem 29-jährigen Kumpel Alberto Granado hektisch auf und verlassen Buenos Aires. Dort studiert Ernesto Medizin und steht kurz vor dem Abschluss. Seine Familie sieht es zuerst gar nicht gern, dass sich der 23-Jährige auf Albertos betagtes Motorrad schwingen und quer durch Südamerika reisen will. Schon in dem raschen Aufbruch wird der Stil des Filmes klar: In kurzen, präzisen Szenen schildert er die Situationen, um sich danach gleich der nächsten zu widmen. Bis zum letzten Drittel erzählt Ernesto aus dem Off in Briefen an seine Mutter von der Reise. Diese Reflexionen über das Gesehene und Erlebte stören oft die unmittelbare Wirkung der angenehm bewegten Bilder der Handkamera.

Unbeschwert und übermütig fahren die beiden durch Argentinien und Chile. Die Personenkonstellation ist rasch klar. Alberto ist der Lebemann, auf der Jagd nach den Verheißungen eines jeden Rockzipfels, während Ernesto eher melancholisch-schüchtern das Geschehen rundum aufsaugt. Das zerstört den Che-Mythos nicht und die charismatische Inszenierung der Hauptfigur enthält wahrscheinlich sogar einen Funken Wahrheit.

Auf einem Tanzfest in Temuco, wo das Motorrad repariert wird, versucht sich auch Ernesto etwas unbeholfen auf der Tanzfläche – mit der Frau des Motorrad-Mechanikers. Das führt dazu, dass die Einwohner die beiden aus der Stadt jagen. Nun geht es zu Fuß weiter. Alberto scheint zusammen mit seinem Motorrad seine Fröhlichkeit verloren zu haben. Auch in Ernestos Gesicht findet sich seltener das leichte Lachen der ersten Etappen. Langsam schleicht sich der Ernst des lateinamerikanischen Lebens in die Reise. In der peruanischen Lepra-Kolonie San Pablo, etwa sechstausend Kilometer von Buenos Aires entfernt, haben sie nicht mehr nur Spaß, sondern sind mit immer wieder aufflackernder Jugendlichkeit zu Erwachsenen geworden.

Der Film schildert eine Reise von der Jugend in das Erwachsensein. Eine Reise durch die beeindruckend schönen Landschaften und Kulturen Südamerikas. Eine Reise, die verstehen lässt, warum jemand die Welt verbessern möchte. Eine Reise, deren zahlreiche Etappen ein buntes Bild der 50er-Jahre zeichnen. Eine Reise, die einen die Dunkelheit des Kinosaals mit einem guten Gefühl verlassen lässt.

erschienen in „Spree“, Herbst 2004, Seite 40

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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