Filmklassiker: „Dr. Seltsam“ (1964)

Ein todsicherer Plan geht schief. Das kennt man zur Genüge, es ist aber eher selten, dass dabei die gesamte Menschheit draufgeht. Stanley Kubrick spielt den Gedanken, ein todsicheres Abwehrsystem im Kalten Krieg ad absurdum zu führen, konsequent in dem Filmklassiker „Dr. Seltsam oder Wie ich lernte die Bombe zu lieben“ von 1964 durch.

Nachdem der amerikanische General Jack D. Ripper seiner Bomberstaffel befohlen hat, die Sowjetunion anzugreifen, versuchen beide Seiten verzweifelt, die Katastrophe abzuwenden. Denn die Sowjetunion hat zur Abschreckung eine „Welt-Vernichtungs-Maschine“ entwickelt, die bei einem Angriff die Welt vernichtet – unpraktischerweise wird sie wahrscheinlich funktionieren. Das perfekte System der Sicherheit lässt weder einen Abbruch des Angriffs noch eine Abschaltung der Maschine zu. In wenigen Stunden haben die Bomber ihre Ziele erreicht.

Mit perfider Präzision schildert der Film die Erfolge auf dem Weg zur Verhinderung der Weltzerstörung. Doch kaum ist ein Problem gelöst, taucht ein neues auf. Die Verantwortlichen glänzen auch nicht gerade mit grandiosen Plänen – diese bitterböse Satire und Demontage des Topos vom „allfähigen Helden und den genialen Führungspersönlichkeiten“ ist heute mindestens so aktuell wie damals.

Einmal miterlebt, vergisst man nie wieder, wie der amerikanische Präsident Muffley (Slang für „Schamhaartoupet“) dem russischen Präsidenten Dimitri das Problem schildern will: „Ich versteh’ Sie so schlecht, könnten Sie bitte das Radio ausmachen.“ Ständig kommen den Handelnden solch alltägliche Banalitäten und ihre eigenen Schwächen ins Gehege. Gerade wegen der Brisanz bleibt einem das Lachen oft im Halse stecken.

In jeder Szene zelebriert und seziert Kubrick die menschlichen Befindlichkeiten und die Psycho-Logik der Situationen. Das Denken und Handeln der Männer kreist ständig um die Verlockungen der weiblichen Reize, dabei taucht nur eine einzige Frau kurz im Film auf. Mit dieser Bloßstellung der männlichen An-Triebe und deren Konsequenzen auf filmisch hohem Niveau ist Kubrick eine zeitlose Dokumentation gelungen, die beweist, dass trotz aller Vernunft, der Mensch sich stets selbst im Wege steht.

erschienen in „Spree“, Oktober 2004
mehr dazu gibts auch im Buch „Computer im Kino“.

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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