Von Bauern und Prinzen

Es war einmal ein edles Königspaar, dem wurde ein Kind geboren, und sie nannten es „iPhone“ und hegten und pflegten es, und alle Welt war begeistert und wollte mit ihm spielen. Im Dorf vor dem Schloss lebte die Bauersfamilie „Galaxy“ mit mehr als einem Dutzend Kindern, einige davon waren für Bauerskinder auch recht wohl geraten. Die Eltern waren über die allgemeine Begeisterung für den Prinzen entrüstet und erklärten allen, dass ihre Kinder mindestens ebenso gut wären und sowieso alle nur das gleiche könnten.

Ich bin gerade über eine interessante Analogie gestolpert. Früher (vor etwa 100 Jahren) bekamen viele Paare, vor allem ärmere, möglichst viele Kinder. Bei mindestens einem Dutzend Geburten war die Wahrscheinlichkeit höher, dass wenigstens ein paar davon überlebten und irgendwann erwachsen wurden. Das bedeutet auch, dass eine ganz andere Innigkeit in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern bestand.

Heute dagegen bekommen die meisten Paare, jedenfalls in Westeuropa, ein bis zwei Kinder. Selbst drei Kinder sind da oft die Ausnahme. Die Hoffnungen, die Konzentration, das Interesse und die Begeisterung der Eltern fokussieren sich dann ganz auf diese ein bis zwei Kinder. Wenn einem von diesen etwas zustößt, ist das Drama damit ungleich größer. Doch eine deutlich verbesserte medizinische Versorgung und die verbesserte Bildung und andere Faktoren reduzierten die Kindersterblichkeit in den vergangenen hundert Jahren so sehr, dass die meisten der Einzelkinder erfolgreich zu Erwachsenen gedeihen können.

Samsung wirft wie eine ängstliche Mutter möglichst viele Smartphone-Modelle auf den Markt. Eines davon wird schon durchkommen. Auf der einen Seite versucht es, diskriminierungsfrei alle gleich lieb zu haben (neun Werbebanner auf der Einstiegsseite, gleichwertige Präsentation innerhalb der Produktbereiche). Auf der anderen Seite hat es natürlich erkennbar seine Lieblinge (Galaxy S II und Nexus und das „Note“ – das aber auch nur, weil es das einzige Gerät mit einer erkennbaren Andersartigkeit ist).

Apple dagegen ist die ehrgeizige moderne Mutter, die ihr eines Kind (= iPhone) hegt, pflegt und ihm den besten Start in die Welt ermöglichen möchte. Weil Apple eben nicht eine ganze Kinderhorde versorgen muss, wirkt das von außen auch deutlich fokussierter.

Wenn man die Analogie weiter strapazieren möchte, wird man erkennen, dass die erwähnten Vielgeburten vorwiegend in ärmeren Bevölkerungsschichten üblich waren. Da Kinder damals durch eigene Arbeit auch zum Haushaltseinkommen beitrugen, war das eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Wohlhabende Familien dagegen verfügten meist über eine bessere medizinische Grundversorgung (und sei es nur Reinlichkeit) und bekamen häufig auch weniger Kinder. Selbst wenn es nur ein Märchenideal ist: König und Königin hatten einen Prinzen und vielleicht noch eine Prinzessin; die Bauernfamilie hatte eine ganze Kinderherde.

Diese Wahrnehmung überträgt sich auf die modernen Verhältnisse. Samsung wirkt ärmlicher und muss sein Glück in der Kindervielfalt suchen. Apple wirkt dagegen – vor allem auch im Vergleich – fast königlich. Dadurch wird jedes Produkt mit einer Botschaft, einem Versprechen aufgeladen. Ganz praktisch bedeutet das die Frage, ob jemand einen Prinzen (= iPhone) haben möchte oder sich mit der Bauerntochter (= Samsung Galaxy Irgendwas) zufrieden gibt. Der Anschaffungspreis differiert in einzelnen Fällen kaum. Und laut Auskunft ihrer Eltern sollen beide alles gleich gut können.

Nur der Prinz hat einfach mehr Stil und Eleganz, wenn er über die Felder reitet als die Bauerntochter.

Die Bauerntochter- und Prinzen-Analogie ließe sich noch enorm ausbauen. Aber ich bin ja nicht der Märchenonkel … ;-)

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

Ein Kommentar

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