Wer braucht ein iPad?

Da hat mal jemand den Realitätstest gemacht und herausgefunden, dass ein iPad (oder auch andere Tablet-Computer) weder Smartphone noch Laptop ersetzen können. (die Zusammenfassung der Computerwoche). Achja, ein Taschenbuch kann weder einen Notizblock noch einen Fotobildband ersetzen.

Es ist eigentlich nur erstaunlich, dass sich so viele drauf gestürzt haben, u.a. der Schockwellenreiter. Die Argumente sind alle valide:

  1. Tablet-PCs sind nicht wirklich tragbar.
  2. Tablet-PCs sind einfach nur ein Stück mehr Hardware.
  3. Tablet-Browser sind beschränkt.
  4. Tablet-PCs sind nicht besonders robust.

„Das einzige, was ein Tablet-PC besser macht, ist das Surfen vom Sofa aus.“ stellt die Computerwoche fest. Surprise: Genau das ist der Sinn des Geräts! Man schaue sich nur mal an, für welche Aktivitäten iPads und Co beworben werden. Von einem Smartphone- oder Laptop-Ersatz spricht da niemand. Jeder, der alle Sinne beisammen hat, weiß bzw. erkennt, dass ein iPad (und jedes andere Tablet auch) weder Smartphone noch Laptop ersetzen können.

Tablets verstehen und nutzen

Das Hauptproblem ist, dass es „Tablet-PC“ genannt wird. Das ist purer Hohn und Schwachsinn. Es ist zwar ein persönlicher Computer, aber in einem ganz anderen Sinn, als es verstanden wird. Ein Computer im Sinne, dass Nullen und Einsen durch frei programmierbare (bzw. installierbare) Algorithmen (Apps) aus Eingangs- neue Ausgangssignale generieren. Persönlich in dem Sinne, dass es einer Person zugeordnet ist, also keine Multi-User-Unterstützung beinhaltet.

Für manche ist es daher völlig ungeeignet. Ich schreibe meine Blog-Einträge auch lieber auf dem Laptop. Aber meine Online-Lektüre erledige ich lieber mit dem iPad auf dem Balkon. Auch PDFs oder Filme lassen sich damit gut betrachten bzw. genießen. Natürlich gibt es auch zahlreiche Einsatzgebiete, in denen das direkte (!!!) Manipulieren von Bildschirminhalten einen Vorteil gegenüber einem Laptop darstellt und der größere Bildschirm die größere Form gegenüber einem Smartphone rechtfertigt. Ich finde beispielsweise ein Smartphone viel zu klein, um damit zwei oder drei Stunden in Ruhe Online-Lektüre zu genießen.

Ein Tablet ist ein Tablet – weder Smartphone noch Computer!

Wenn also die genannten Argumente durchaus ihre Berechtigung haben, so verkennen alle, die daraus das baldige Ende der Tablet-Ära ableiten wollen, das Wesentliche: Das iPad (und jedes andere Tablet auch) ist kein Computer! (siehe hier und hier) Es ist auch kein Smartphone. Es gibt Unternehmen, die verfügen über Fahrzeuge in verschiedenen Größenklassen: Mofas, Pkws, Kleintransporter, mittelgroße Transporter, Lkws. Je nach Einsatzzweck wird eines verwendet. Niemand käme auf die Idee, wegen der Existenz von Lkws und Pkws das Ende der mittelgroßen Transporter vorherzusagen. Die Analogie will ich jetzt nicht weiter ausbauen, obwohl es so viele schöne Parallelen gäbe (Gewicht – Zuladung = Gewicht – Einsatzmöglichkeiten, Anschaffung – Einsatzhäufigkeit = Preis – Nutzungshäufigkeit, Mobilität – Transportleistung = Flexibilität – Nutzungsmöglichkeiten).

Wenn nur endlich die Leute aufhören würden, persönliche Meinungen als Basis für Prognosen zu nehmen. Bzw. wenn sie endlich mal verstehen würden, dass die Welt etwas vielfältiger (geworden) ist. Um das Eingangsbild wieder aufzugreifen: Für Notizblock, Taschenbuch und Bildband haben sich verschiedene Einsatzgebiete etabliert. Niemand käme auf die Idee, das Ende des Taschenbuchs vorherzusagen, weil man ja auch alle Taschenbuchinhalte in Notizzetteln handlich verbreiten oder in Bildbänden prächtig darbieten könnte …

Weitere Analogien

Anfang der 1990er könnte auch jemand folgende Argumente geschrieben haben: Laptops werden sich nie durchsetzen. Sie können weder (stationäre) PCs noch programmierbare Taschenrechner ersetzen.

  1. Laptops sind nicht wirklich tragbar.
  2. Laptops sind einfach nur ein Stück mehr Hardware.
  3. Laptop-Hardware ist beschränkt (weniger leistungsfähig).
  4. Laptops sind nicht besonders robust.

Auch hätte jemand anderes schreiben können: Das Internet wird sich nie durchsetzen. Es kann weder die Kommunikation via Telefon noch die Information via Zeitung ersetzen.

  1. Das Internet ist zu langsam, und man ist auf eine Zusatzhardware (namens Modem) angewiesen.
  2. Das Internet ist einfach nur eine Möglichkeit mehr, Informationen zu übertragen.
  3. Internet-Programme sind beschränkt.
  4. Internetdaten sind nicht besonders robust (man muss sie ausdrucken, um sicherzugehen, sie auch morgen noch lesen zu können).

Auch diese beiden Argumentationen wären damals valide gewesen. Wie wir jedoch heute wissen, sind beide Nonsens. Oder um es mit Karl Valentin zu sagen: „Prognosen sind eine schwierige Sache. Besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ Was folgt daraus? Jeder hat das Recht, eine Meinung zu haben. Aber daraus gleich einen Trend abzuleiten, gibt der eigenen Meinung und dem eigenen Lebenshorizont mehr Gewicht als ihnen zusteht.

Nebenbemerkung

In einer völlig anderen Einschätzung wird von einem dramatischen Wachstum des Tablet-Markts ausgegangen: „IHS iSuppli predicts that tablets will grow at a compounded annual rate of 72.1 percent until 2015, more than 2.5 times as fast as smartphones.“ Unabhängig davon, für wie realistisch man Prognosen mit Nachkommastellen halten will, bleibt die Tatsache, dass der Untergang der Tablets von anderen – gelinde gesagt – nicht bemerkt werden wird.

Aus meiner persönlichen Erfahrung glaube ich auch nicht, dass iPads und Tablets schon bald wieder aussterben. Es sei denn, ein Meteor löscht sie aus ;-)

  1. Sie bieten einen einfachen (!) Zugang zum Internet – für Technikferne, Senioren, Kinder, Blinde u.v.a.m.
  2. In ruhiger, gemütlicher Atmosphäre (auf dem Sofa, auf dem Balkon, im Park, etc.) bieten sie unkomplizierten Zugriff auf das Internet. Dabei sind sie leichter lesbar und nutzbar als Smartphones. Als Spielegeräte sind sie aufgrund des größeren Bildschirms ebenfalls interessanter als Smartphones. Kurz: Immer, wenn man sich einer Aufgabe tatsächlich widmet (spielen, lesen, surfen) wird man den großen Tablet-Bildschirm einem Smartphone vorziehen, der für Zwischendurch-Aufgaben dagegen völlig genügt.
  3. Die Beschränkung der Funktionalität ist ihr Vorteil. iPods können nur Musik abspielen, digitale Fotorahmen nur Bilder anzeigen, Kameras nur Fotos schießen. Häufig braucht man gar keinen vollwertigen „PC“, beispielsweise für eine eMail, Facebook-Nachricht, Online-Lektüre oder ein kurzes Spiel zwischendurch.
  4. Aufgrund ihrer Bauform und ihrer Funktionalität (z.B. „Instant on“) werden sie nicht als Computer wahrgenommen. Das erhöht die „casual“ Benutzung. So wie man einen Computermonitor nicht ständig herumträgt (mit der Gefahr der Beschädigung), so wird jeder Tablet-Nutzer bald für sich einen begrenzten Radius von Aktivitäten entwickeln, in denen er das Tablet nutzt – eben nicht ständig, sondern gezielt für bestimmte Ziele.
  5. Die direkte Manipulation von Bildschirminhalten ist in absehbarer Zeit nicht auf normalen PCs anzutreffen. Für viele Aufgaben ist auch eine pixelgenaue Maus vorzuziehen. Für die reine Unterwegs-Nutzung bietet sich ein Smartphone dagegen eher an.

Einen Roman lese ich weder im Notizblock noch im Folioformat, sondern in einem Buch von etwa 20 x 13 cm Größe. Da haben Schrift und Gestaltung die optimale Ausgewogenheit zur Transportabilität gefunden. Genauso haben auf einem Tablet im Zehn-Zoll-Format Größe (etwas größer als ein Buch), Leistungsfähigkeit und Bedienbarkeit (großer Bildschirm!) eine gute Balance gefunden.

Ich kann es nicht oft genug betonen, aber offenbar gehen solche Artikel immer von einer Unterstellung aus, die eher vom Autor als aus der Realität stammt. Daher noch einmal in aller Deutlichkeit: Niemand hat je behauptet, dass Tablets andere Geräte ersetzen sollen.

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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