Tötet den Boten Sarrazin!

Thilo Sarrazin hat mal wieder die ganze Nation provoziert. Naja, zumindest tun alle so, als wären sie provoziert worden (stellvertretend die Kanzlerin und ein von mir sonst geschätzter Telepolis-Autor). Die Reaktionen sind erstaunlich. Zum einen gilt weiterhin der alte Spruch: „Getroffene Hunde bellen.“ Zum anderen stellt sich mir die Frage: Warum geht keiner auf die Aussagen ein?

Wenn Sarrazins Behauptungen so falsch sind, wie sie sein sollen – dann müsste man sie doch einfach widerlegen können. Kann man offenbar nicht. Also wird einfach der Überbringer der Nachrichten, die keiner hören will, medial niedergemacht.

Ich kann Sarrazins Zahlen und Behauptungen jetzt nicht nachrechnen, bislang bewies er jedoch, dass er durchaus korrekt mit Fakten arbeitet, sie nur eben etwas anders interpretiert als die meisten und seine Überlegungen provokant zuspitzt. Auch ich habe – wie wohl so ziemlich alle Meinungsäußerer – das Buch nicht gelesen, sondern nur medial verfügbare Auszüge oder Einzelsätze mitbekommen. Doch scheinen mir diese die entrüsteten Reaktionen nicht zu rechtfertigen.

Jeder kennt Beispiele für gelungene Integration – um diesen Bereich mal herauszugreifen – und Beispiele für misslungene. Keiner von uns kann aus seinem persönlichen Erleben eine faktische Wahrheit aufstellen, denn keiner kennt alle Migranten. Also bleiben nur Statistiken, und diese interpretiert Sarrazin, zugegeben etwas stark zugespitzt, aber nach meinem Kenntnisstand zulässig.

Er behauptet nicht, dass Migranten faul, träge, hässlich oder schlechte Menschen seien. Er stellt lediglich fest, dass laut Statistik verschiedene Aussagen auf einen Teil der Migranten zutreffen. Das ist nicht ausländerfeindlich, sondern sachlich, zumal er stets seine Überlegungen und Faktenquellen nachvollziehbar macht.

Ein persönliches Beispiel für gelungene Integration. Bei einem Nebenjob in einer Fabrik in Berlin, wo größtenteils Migranten arbeiteten, sprachen zwei Frauen in ihrer Heimatsprache miteinander. Eine andere (ebenfalls Migrantin) rief zu diesen hinüber „Hier wird Deutsch geredet!“ Selbst im Pausenraum war nur Deutsch zu hören. Die deutsche Sprache ist jetzt nicht der Maßstab aller Migrantenbelange, aber die gesamte Kultur und der Umgang der Menschen (verschiedener Kulturkreise) in der Fabrik hat mich angenehm überrascht.

Ein persönliches Beispiel für fehlende Integration. Eine mir über unzählige Ecken bekannte Frau lebt seit über zwei Jahrzehnten in Berlin. Ich war dennoch nicht in der Lage, mit ihr auch nur einen Gedanken auszutauschen, weil sie weder mein Deutsch verstand noch selbst mehr als „Hallo“ sagen konnte. Wie gesagt, Sprache ist nicht alles, aber wer einen längeren Zeitraum in einer fremden Kultur zubringt und nicht in der Lage ist, seine Bedürfnisse und Interessen zu artikulieren bzw. die anderer zu verstehen, gilt für mich als Beispiel für fehlende oder gescheiterte Integration.

Integration setzt einen gemeinsamen Nenner voraus, damit Menschen miteinander leben können. Dazu gehört der gegenseitige Respekt, die Toleranz und eben die Fähigkeit, fremde Gedanken zu verstehen und eigene so zu formulieren, dass andere sie verstehen.

Die Frage ist also nicht, ob Sarrazin jetzt aus der SPD, aus der Bundesbank oder aus Deutschland geworfen werden muss, sondern wie wir mit seinen Befunden umgehen. Wir können den Boten erschlagen und die Augen vor der Nachricht verschließen – es gibt nur wenige historische Beispiele, in denen diese Strategie funktioniert hat.

Wir könnten aber auch überlegen, ob das Problem entweder bei der Faktenerhebung auftritt, vielleicht müssen wir unsere statistischen Methoden überarbeiten. Oder – wenn die statistischen Methoden in Ordnung sind – wie wir die Bereiche, deren statistische Ergebnisse uns beunruhigen, in den Griff bekommen können.

Lieber Herr Sarrazin, ich habe Sie in den vergangenen Jahren als unabhängigen Geist erlebt, der gern provoziert. Ich habe aber den Eindruck gewonnen, dass Ihre Argumente stets nachvollziehbar waren. Dies unterstelle ich Ihnen auch im aktuellen Fall und wünsche Ihnen, dass Sie sich nicht unterkriegen lassen.

Liebe Journalisten, liebe Politiker, liebe Bevölkerung, ich habe in den vergangenen Jahren ein gespaltenes Bild von Ihnen gewonnen. Es würde mich freuen, wenn Sie sich dazu herablassen könnten, die von Sarrazin aufgeführten Argumente und Belege zu widerlegen. Ein eingeschaltetes Gehirn – und zwar tatsächlich eingeschaltet und nicht auf Autopilot à la „der sagt was gegen Migranten, der ist ein schlechter Mensch“ – wirkt sich immer positiv auf meinen Respekt aus.

Und noch etwas zum Drüber-Nachdenken: Was erwarten wir eigentlich? Wollen wir von einer Einzelperson tatsächlich erwarten, dass diese die gesellschaftliche Debatte allein führt und uns anschließend nur noch mit schönen politisch korrekten und konsensfähigen Gedanken beglückt? Oder wollen wir tatsächlich Probleme gelöst wissen? Dazu müssen wir sie erst einmal benennen. Um Probleme zu benennen, braucht es mehr als ein politisch korrektes Neusprech. Alle schimpfen über Sprechverbote in Diktaturen, keiner will Denkverbote aussprechen. Dennoch ist es scheinbar verboten, bestimmte Gedanken zu denken und zu artikulieren. Wenn man seine Gedanken aus offiziellen Daten und nicht aus persönlichen Ressentiments oder Beobachtungen ableitet, ist es doch nur fair, sich einmal inhaltlich mit solchen Gedanken zu beschäftigen, als gleich die Barrikaden zu erstürmen und zu brüllen „Solche Gedanken darf man nicht denken!“

Zu einer demokratischen Kultur gehört meines Wissens, dass man erstens unbequeme Wahrheiten aushält („Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“) und zweitens gemeinsam (!) einen Konsens findet.

Sollte Sarrazin tatsächlich rechte Positionen vertreten, dann gehört dazu mehr, als ihm eine solche Gesinnung vorzuwerfen. Wenn wir ihm unterstellen, dass er rechte Gedanken vertritt, müssen seine Argumente und seine Schlussfolgerungen doch falsch sein. Sobald ihm dieses bewiesen wurde, werde ich meine Meinung revidieren und ihn genauso verfluchen und hassen, wie ich andere Rechte-Gedankengut-Träger und -Verbreiter verabscheue.

Wenn seine Befunde jedoch korrekt sind, dann sollten wir schnellstmöglich dafür sorgen, dass Korrekturen stattfinden. Davon profitieren wir als Gesellschaft direkt und indirekt, weil wir dann nämlich allen Rechten belegen können, dass ihre Aussagen jeder Grundlage entbehren.

Sollte es bereits als „rechts“ gelten, dass man von Menschen erwartet, sich in ihrer gewählten Gesellschaft zu integrieren und einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten (das muss nicht unbedingt Erwerbsarbeit sein), dann muss die Debatte etwas weiter ausholen und zunächst klären:

  • Was sind die Grundlagen und Werte unserer Gesellschaft?
  • Welche Erwartungen stellen wir an Menschen, die in unser Gesellschaft leben wollen? (das schließt hier Geborene ebenso ein wie Zugezogene und Geflohene)
  • Mit welchen Begrifflichkeiten bezeichnen wir in unserer Gesellschaft unerwünschte Menschen, und wodurch werden sie zu unerwünschten Menschen?

Beginnen wir also lieber endlich mal eine sachliche Debatte, um Missstände zu beseitigen und verprügeln wir nicht jedes Mal eine Person, die sich nicht so ausdrückt, wie wir es gern hätten! Vielleicht stecken ja auch ein paar berücksichtigenswerte Überlegung in einer solchen unbequemen Äußerung …

Abschließend noch eine Erinnerung: „Die Gedanken sind frei.“ Meine, Deine, Unsere. Im Zweifelsfall: in den Kommentaren widersprechen.

Nachtrag

Nur um das klarzustellen: Ich halte Sarrazin weder für den Messias, intellektuellen Heilsbringer oder universalen Rechthaber. Aber er hat aus seiner zahlenfixierten Perspektive Problemkreise benannt, die die Gesellschaft direkt und massiv betreffen. Was mich also aufregt und zum obigen Text verleitet hat, war die ausgelöste Reaktion, die im einhelligen Verdammen der Person und dem indirekten Bestehen auf Denkverboten bestand.

Eine angenehme Ausnahme bildet beispielsweise dieser „Spiegel“-Artikel, der einige der von Sarrazin angerissenen Problemkreise aufgreift und aus einer anderen Perspektive beleuchtet. So funktioniert Demokratie: Jeder sagt, was er für richtig hält, und anschließend wird aus den Äußerungen ein tragfähiger Kompromiss entwickelt, der die Probleme (hoffentlich) löst.

Denn dass es Probleme gibt, kann nur die zunehmend weltfremde Politik verleugnen. Im Alltag sind sie überall zu erleben. Dabei bleibt es unbestritten, dass es zahlreiche Fälle von „guter Migration“ gibt (mir fallen viele Beispiele ein), aber eben auch von „schlechter Migration“ (auch dazu fallen mir viele Beispiele ein). Erreichen die negativen Wirkungen ein bestimmtes Niveau, muss überlegt werden, ob diese durch die positiven Wirkungen noch kompensiert werden, und wie ein Modus funktionieren kann, der wirtschaftlichen, politischen, menschlichen und gesetzlichen Anforderungen gerecht wird.

Eine persönliche Geschichte. In einer Kleinstadt fügte es sich, dass durch verschiedene Umstände begünstigt, zahlreiche geistig und körperlich behinderte Menschen ansässig wurden. Als Berliner ist man den täglichen Wahnsinn gewohnt, pro hundert Berliner gibt es mindestens einen „Verrückten“ in der U- oder S-Bahn. Was passiert aber, wenn man durch diese Kleinstadt geht, und gefühlt plötzlich jeder dritte geistige oder körperliche Defizite aufweist? Wie geht man mit einem solchen Befund sprachlich um, ohne jemanden in ungerechtfertigter Weise zu diskriminieren? Wie definiert sich „Normalität“ in einem solchen Umfeld? Ratlosigkeit.

Noch eine persönliche Anekdote. In der (vermutlich us-amerikanischen) Dokumentationsreihe „Die Sexualität des Menschen“ wurde in einer Folge dem Mythos nachgegangen, ob „Schwarze längere Schwänze“ haben. In Anbetracht des Diskriminierungsverbots waren die Forscher vor schwere Herausforderungen gestellt, die sie auch offen thematisierten. Ein Kondomhersteller berichtete beispielsweise, dass in bestimmten Regionen die Beschwerdequote (wegen zu kleiner Kondome) deutlich höher und in anderen Regionen deutlich niedriger als der Durchschnitt in den Stammregionen war. Ist es zulässig, daraus Schlussfolgerungen zu ziehen? Zahlreiche Messreihen erhoben die ethnische Zugehörigkeit, die aber nicht der „Rasse“ entsprechen muss, denn die Zielfrage der Episode war ja dem Kern nach rassistisch. War sie deshalb unlegitim? Im Ergebnis wurde konstatiert, dass Asiaten statistisch unter dem westeuropäischen Durchschnitt liegen und Schwarzafrikaner darüber. Keine weltbewegende Entdeckung, aber aufgrund der humorvoll-selbstreflektierenden Präsentation und des Herangehens an das Thema kann ich diese Dokumentation nur jedem empfehlen.

Noch eine persönliche Überlegung: Auf der einen Seite wird von uns erwartet, dass wir Frauen gegenüber Achtung und Respekt zollen. Einem Mann müssen wir keine Tür aufhalten, tun wir dies bei Frauen nicht, gibt es meist böse Blicke. Ebenso, wenn wir Frauen sprachlich genauso begegnen wie wir Geschlechtsgenossen begegnen würden. In Geschlechterfragen wird irgendwie erwartet, dass wir das Geschlecht des anderen wahr- und ernstnehmen (das Problem der Hermaphroditen und andere Problemkreise spare ich hier aus). Im Sinne der Fortpflanzung bzw. im Sinne der sexuellen Orientierung ist das Geschlecht von nicht irrelevantem Interesse. Dennoch sollen wir alle Menschen gleich behandeln. Ich habe bislang noch keine weiblichen Klavierträger gesehen, auch in anderen Bereichen (Schwimmmeister, Lokführer, Tapezierer) sind sie selten zu finden, in wieder anderen (Sekretariat, Gastronomie, Krankenpflege) dafür überproportional. (Mir sind die sich ständig verstärkenden Teufelskreise und feministischen Anschuldigungen bekannt.) Für negative Wörter wie „Räuber“, „Schurke“ oder „Gangster“ gibt es kaum weibliche Wortformen, die Statistik behauptet auch, dass Amokläufer und andere Gewaltverbrecher zumeist männlich sind. Die Gleichmacherei und -behandlerei funktioniert nur bedingt, sondern muss sich solchen Herausforderungen stellen.

Es scheint also Unterschiede zu geben. Wäre ja auch schlimm, wenn alle gleich wären.

Genauso fällt mir auf, wenn eine Person eine deutlich dunklere Hautschattierung besitzt als ich. Die Frage ist nicht, ob alle gleich sind, sondern ob alle gleich behandelt werden. Damit aber alle gleich behandelt werden können, müssen sie sich den gleichen Pflichten unterwerfen und können dann auch die selben Rechte genießen. Zu solchen Pflichten gehört nach allgemeiner Auffassung in Deutschland, sich produktiv in die Gesellschaft zu integrieren. Wer nur von staatlicher Unterstützung lebt, muss sich erklären: mit dem Verdienst des Partners, mit gesundheitlichen Beschränkungen oder mit dem eigenen Bemühen (das ja vom Amt geprüft wird). So wie wir in Deutschland die Frauenarbeitslosigkeit beklagen und dagegen (nun von oberster Ebene aus, ohne Widerspruch erheben zu dürfen) aktiv vorgehen, so müssen wir doch auch – ohne gleich verdammt zu werden – von allen Bevölkerungsgruppen einerseits erwarten, dass diese sich gefallen lassen, statistisch erhoben zu werden und andererseits die Erkenntnisse im Vergleich zu den anderen betrachtet werden.

Wenn die Befunde zu bestimmten Bevölkerungsgruppen deutlich von anderen abweichen, stellt sich die Frage, wie man damit umgeht. So wurde eben beschlossen, dass ein hoher Anteil von arbeitslosen Frauen eine schlechte Sache ist und etwas dagegen getan werden muss. Unbestritten ist, dass Deutschland ein Zuwanderungsland ist und ein Migrationsproblem hat. Nun muss man Sarrazins Lösungsvorschlägen nicht unbedingt zustimmen, aber bevor man auf ihn eindrischt, sollte man erstens klären, ob denn wirklich alle so gleich sind, wie es immer behauptet wird (meine Vermutung ist eigentlich nein), und zweitens ob sich seine Befunde als so problematisch erweisen, wie er sie darstellt (meine Vermutung ist ein zurückhaltendes Ja), und drittens wie wir dafür sorgen können, dass die Befunde in künftigen Erhebungen so ausfallen, dass wir uns neue Problemfelder suchen können.

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

4 Kommentare

  1. Eine bessere und vor allem kostenlose Werbung für sein neues Buch kann sich Sarrazin gar nicht wünschen. Wenn das so weitergeht, dann kennt es auch der letzte in unserem Land. Zugegebenermassen habe ich es noch nicht gelesen und kann also nicht mitsprechen, allerdings wird man es lesen müssen um sich aus erster Hand eine Meinung zu bilden und das Buch entsprechend beurteilen zu können.

  2. Genau das ist mein Punkt. Ich beschwere mich nicht über das Buch, sondern über die unverhältnismäßig heftige mediale Erregung darüber. Aber das ist immer das Problem, dass jede Äußerung ja potenziell Werbewirkung entfaltet.

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