Hetero New Year

Das ist typisch Hollywood: Grooooße Bauklötzer, aber wenig zu sagen. Dabei wird in „New Year’s Eve“ (Happy New Year) von Garry Marshall gar nicht so wenig gesprochen. Aber dennoch ist der Film erstaunlich belanglos. Die Wärme und Gefühle und das Wohl-Fühlen wird von den zuvielen Geschichten schier erdrückt. Dafür können die letzten Minuten (die besten des Films) zwar nicht entschädigen, eröffnen aber eine interessanten Blick auf den Film.

Fangen wir mal mit der größten Überraschung an. Es gibt diese klassische Szene, wo sich punkt Mitternacht alle Menschen am Times Square in New York gegenseitig in die Arme fallen und küssen. Im New York des 21. Jahrhunderts. Dabei werden auch Paare gezeigt, die gar nix mit den Handlungen zu tun haben. Einfach irgendwelche Menschen, die sich umarmen und küssen – weil ein neues Jahr beginnt. Erstaunlich, dass sich nur Männer und Frauen gegenseitig in die Arme fallen und küssen können. Ich dachte, über solche Gedankenschranken wären selbst die drögesten Drehbuchautoren hinweg.

Der Film ist irgendwie nett, kitschig und passagenweise klebrig. Aber vor allem ist er eines: belanglos in seiner Gesamtheit.

Es werden zu viele Geschichten auf einmal „erzählt“. Richtig erzählt wird keine, und die meisten werden nur angerissen, aber richtig berühren kann keine von diesen.

Ich versuche mal, die wichtigsten aufzuzählen *Spoileralarm*:

Ein Rockstar (Jon Bon Jovi) hat vor einem Jahr seine Verlobte (Katherine Heigl) stehenlassen; die ist noch sauer, aber jetzt am New Year’s Eve soll sie ein großes Bankett ausrichten, er ist auch da, sie begegnen sich – und alles wird am Ende gut.

Hilary Swank organisiert das große Kugel-Ereignis am Times Square, aber die Kugel streikt, und sie scheint auch sonst ein wenig neben sich zu stehen. Ihr fällt die Rolle zu, eine schöne Ansprache an die Welt zu halten (die schön geschrieben ist), um vom Kugel-Problem abzulenken. Realismus war ja noch nie die große Stärke von sogenannten „Romcoms“. Kurzerhand holt sie dann einen vor kurzem gefeuerten Elektriker zurück ins Team – und alles wird am Ende gut.

Robert de Niro liegt im Sterben im Krankenhaus und möchte vom Dach aus das Kugel-Herablassen am Times Square anschauen. Eine Krankenschwester (Halle Berry) kümmert sich um ihn. Sie wird später ihrem Mann (ein Soldat irgendwo auf der Welt) via Video-Chat ein „Happy New Year“ wünschen. Natürlich kann Robert de Niro am Ende aufs Dach – zusammen mit Hilary Swank … Kitsch, den keiner braucht. Hier wird mit dem Leiden nur der Kitschfaktor erhöht, diese Teilstory hätte es so nicht gebraucht, auch wenn es ehrenhaft ist, dadurch den Ärzten und Krankenschwestern, die arbeiten müssen, Tribut zu zollen und an die Endlichkeit des Lebens zu erinnern. Und spätestens bei der Chat-Szene sieht man vor dem geistigen Auge einen Drehbuchautor seine Pflichtliste abhaken.

Ein junger Mann (Josh Duhamel) – wie wir später erfahren: der Sohn der Musikverlagschefin, die das große Bankett ausrichtet, wo Jon Bon Jovi auftritt – muss von einer Provinzhochzeit zum Times Square gelangen. Er bleibt mit seinem Wagen liegen, wird nach einem netten Umweg über Larry Miller (witzig kauzig) von einer Familie in deren Bus mitgenommen … Laber Rhabarber. – Am Ende trifft er die Frau, die er (welch theatralischer Drehbucheinfall!) vor einem Jahr traf und die ihm auf einer Serviette sagte, dass sie ihn am Neujahrstag wiedertreffen will – am Ende wird … jaja, alles gut.

Besagte Frau – aber auch das erfahren wir erst ganz am Ende – ist Sarah Jessica Parker, die den ganzen Film damit zu tun hat, ihre 15-jährige Tochter irgendwie in Zaum zu halten. Diese will nämlich mit ihren Freunden zum Times Square, besorgte Mami ist dagegen, Tochter reißt aus, Mutter reist nach … blabla … am Ende … auch hier alles gut.

Michelle Pfeiffer (es dauert, bis man sicher ist, dass sie es ist) arbeitet in einem Büro und erhält eine Lieferung von Zac Efron. Dieser beneidet sie um Eintrittskarten für DIE angesagte Silvesterparty. Auch Michelle Pfeiffer ist mit ihrem Job unzufrieden, kündigt kurzerhand und beauftragt Zac Efron, ihre Vorsatz-Liste vom Vorjahr mit ihr abzuarbeiten, dafür erhält er die Eintrittskarten. Also rast Zac Efron mit Michelle Pfeiffer auf dem Moped quer durch New York. Nette Ideen, aber die Charaktere bleiben bei dieser (meiner Lieblinsstory) zu uninteressant … aber auch hier wird am Ende – natürlich – alles gut.

Ashton Kutcher ist ein Silvestermuffel, er bleibt zuhause und will dem ganzen Party-Wahnsinn entgehen, was sein Kumpel Zac Efron nicht gelten lässt, wie in einem Telefonat deutlich wird. Beim Müll-Runterbringen bleibt Ashton Kutcher mit Lea Michele (Rachel aus „Glee“) im Fahrstuhl stecken. Netter Dialog, nach acht Stunden werden sie „befreit“, und er folgt ihr zum Times Square, wo sie im Background-Chor von Jon Bon Jovi mitsingt … und als dieser sich mit seiner Flamme aussöhnt, kommt ihr die Ehre zu, das große Silvesterlied auf der Bühne zu trällern. Sie macht’s gut, aber kitschig bleibt’s trotzdem.

Achja, und parallel dazu versuchen Jessica Biehl (unterstützt von Seth Meyers) und eine mir Unbekannte (unterstützt von Til Schweiger) in der Silvesternacht ein Baby zur Welt zu bringen, denn das erste Baby im neuen Jahr erhält 25.000 Dollar. Nette Gags, aber zu krampfig gescriptet.

*Spoiler-Ende*

Sorry, aber ich musste die „Haupt-“Geschichten jetzt einfach mal auflisten, ganz einfach, um für mich selbst den Überblick zu behalten. Als Verfechter der Haltung „Es ist nicht nur wichtig, WAS erzählt wird, sondern auch WIE es erzählt wird“ habe ich auch nichts Schlimmes getan. Das Ärgerliche ist nur, dass hier das Was nicht allzu originell erzählt wird und durch die Menge der Geschichten auch nicht allzu viel mehr passiert, als ich hier geschrieben habe. Das Wie ist insgesamt ziemlich egal, und vom Was bleibt nur eine Übersättigung zurück.

All diese Geschichten werden in 118 Minuten untergebracht und sind lose immer mal wieder irgendwie miteinander verbunden – oder auch nicht. Hat niemand den Autoren erklärt, dass Weniger manchmal Mehr sein kann? Jede der kleinen Geschichten hätte einen netten und guten Film ergeben können. In ihrer Gesamtheit ist es einfach zu viel. Mindestens drei Handlungsstränge rausstreichen, dann bleibt es noch wechselvoll genug, aber man hat wenigstens ein wenig Zeit, sich mit den Figuren auseinanderzusetzen.

Aber vielleicht funktioniert der Film auch auf einer Meta-Ebene und sagt viel mehr über unsere Gesellschaft und unseren Umgang miteinander aus, als es ihm selbst bewusst ist? So flüchtig und oberflächlich, wie der Film mit seinen Figuren und ihren Geschichten umgeht, gehen wir doch oft auch miteinander um. Statt uns um ein paar Menschen richtig und intensiv zu kümmern, kümmern wir uns um Dutzende gleichzeitig und versuchen, alle ihre Geschichten gleichzeitig zu hören. Keiner können wir dabei richtig zuhören. Ist der Film letztlich eine Kritik an unserer alltäglichen Oberflächlichkeit?

Das glaub ich nicht. Unter seiner stargespickten Oberfläche verbirgt er eine ungeheure emotionale Leere und vermag uns so gar nix Wichtiges zu sagen. Bei der Vielzahl der Figuren ist einem auch egal, welche Namen diese erhalten haben. Man wechselt zwischen den de-Niro-Szenen und den Biel-Szenen, die „Charaktere“, die dargestellt werden, spielen keine Rolle. Als Jahres-End-Film taugt „Happy New Year“ nur insofern, als er mit seinen Happy Ends für fast jeden etwas bietet – aber für niemanden ein wirklich tief berührendes Ende. Und das ist das Schlimmste, was man einem gefühlsduseligen Film nachsagen kann: Dass er es nicht vermag, einen wirklich zu berühren.

Als schönste Szene des gesamten Films bleibt die – offenbar improvisierte – Tanzeinlage am Ende zwischen Zac Efron und Michelle Pfeiffer im Gedächtnis. Dazwischen sind verpatzte Aufnahmen geschnitten. Das geschieht noch vor dem Abspann und ist somit Bestandteil des Films und vielleicht als Hinweis auf die erwähnte Meta-Ebene zu deuten. Schade, wenn man aus dem Kino kommt und dies als einzige Frage aus dem Film mitnimmt …

Nachsatz: Wer auf Episodenfilme steht: „L.A. Crash“, „Amores Perros“ und „Leben und Lieben in L.A.“ sind allesamt besser, interessanter und berührender.

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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