Wittenwilers neuer Ring

„Dieses Buch erklärt den Lauf der Welt“, erklärte Heinrich Wittenwiler im zehnten Vers seines „Ring“. Um 1410 entstanden bildet das Kompilat aus unzähligen Lehrtraktaten und einer recht zügellosen Bauernschwankhandlung den „genialsten Rülps der deutschen Dichtung“ (Adolf Frey, 1919). Wer sich einmal in seinen Wirkungsbereich begeben hat, entkommt ihm so leicht nicht. Der Berliner Germanistik-Professor Werner Röcke hat nach vielen Jahren der intensiven Beschäftigung eine aktuelle Neuübersetzung des Werkes vorgelegt.

Diese Neuübersetzung ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Sie wuchs und gedieh über viele Jahre und versucht, nicht nur den Inhalt zu übermitteln, sondern auch die Lust an der Sprache, die zotigen, frivolen, religiösen, gesellschaftlichen Anspielungen würdig abzubilden. Da wird nichts weggebügelt, verharmlost oder verweltlicht. In einem mutigen Schritt wagte Werner Röcke die absolute Offenheit und stellte seine Übersetzung in einer studentischen Arbeitsgemeinschaft Vers für Vers zur Debatte. Gelebtes „Lehren/Lernen und Forschen“, wie es für Magisterstudierende noch üblich war. Über mehr als vier Jahre wurde gemeinsam um treffende und korrekte Übersetzungen gerungen.

Cover: Heinrich Wittenwiler „Der Ring“, Übersetzung von Werner RöckeDamit es die Studenten nicht zu leicht hatten, wurde in einem kühnen Schritt die geglättete Textfassung von Edmund Wießner beiseite gelegt und Kopien von der Originalhandschrift organisiert. Der nun erschienene Band vereint die exaktere und direkte Übertragung der Handschrift neben Wießners etablierter Fassung. Auf der gegenüberliegenden Seite findet sich dann die moderne Übersetzung. Dabei sind Passagen, die in den Kommentaren erläutert werden, kursiv gesetzt, sodass man stets erkennt, wo sich das Blättern lohnt.

Allein durch diese enorme Fleißarbeit der drei Textfassungen mit einem verständnisförderlichen Kommentar hat die Neuausgabe eine hohe Existenzberechtigung. Natürlich darf dabei auch nicht die Manuskript-Markierung mit der roten und grünen Linie fehlen, die „Ernst“ und „Spaß“ im Text markieren soll.

Kurze Handlungszusammenfassung: Bertschi Triefnas ist verliebt in Mätzli Schwanzgrapscherin und veranstaltet ein Minneturnier. Durch den späteren Austausch von Liebesbriefen – wobei Mätzli vom lesekundigen Arzt geschändet wird – verfestigt sich die Liebe, und eine Hochzeit wird ausgerichtet. Zuvor werden Bertschi und Mätzli in den wichtigsten Tugend-, Haushalts- und anderen Lehren unterrichtet. Beim Hochzeitsfest geraten zwei Gäste in Streit, woraus sich ein Streit zwischen zwei Dörfern entspinnt. Aus diesem entwickelt sich ein allumfassender Krieg, in den auch zahlreiche Sagengestalten verwickelt werden. Am Ende zieht Bertschi in den Schwarzwald.

Der Text nimmt sein Ziel, „delectare et prodesse“ (unterhalten und nützen, lehren) wörtlich und integriert Turnier- und Kriegslehre ebenso in die Handlung wie zahlreiche andere Lebensregeln. Nicht immer hebt dabei eine Figur zu einem Lehrvortrag an, viele Regeln werden anhand von Positiv- oder Negativ-Beispielen vorgelebt. So gerät das Hochzeitsfest zu einem Fest des Mangels und ist gegenbildlich zu einem idealen Fest angelegt. Gerade in solchen Momenten, wo Negativbeispiel und Handlung eng miteinander verschränkt sind, ist die Farbmarkierung fast willkürlich. Erschwerend kommt Wittenwilers Sprachlust und Freude an Anspielungen hinzu. Dadurch entzieht sich der Text einer klaren Deutung und kann – so Werner Röcke – nur dialogisch verstanden werden.

Als Text ist Wittenwilers Ring einmalig faszinierend und springt von vulgären Zoten über religiöse Belehrungen in groteske Gewaltexzesse. Was beim Lesen – in der nun vorliegenden Übersetzung – ästhetische Freude und Genuss bereitet, stellt die Literaturwissenschaft vor Probleme. Zu sehr entzieht sich Wittenwilers Text allen Schubladen, kaum etwas nimmt der Text wirklich ernst oder lässt es als unumstößliche Wahrheit einfach im Raum stehen.

Die nächsten Germanistengenerationen haben nun eine Freude mehr und eine Ausrede weniger. Mit der nun – endlich – vorliegenden umfassenden Präsentation des Textes könnte zwar das letzte Wort in Sachen „Wittenwilers Ring“ gesprochen sein … doch man kann es auch als Einladung zu einer weiter vertiefenden und analysierenden Beschäftigung ansehen. Zu viele Aspekte des Textes können noch genüsslich interpretiert, analysiert und darüber sinniert werden. Der „Ring“ ist so voller Bruchstellen, Widersprüche und Anregungen, dass man ihn nicht einfach abhaken und ins Regal stellen kann.

Ja, ich gehörte zu jener eingangs erwähnten Studentengruppe. Deshalb freut es mich besonders, dass der Text nun in einer so würdigen Aufmachung erscheint. Ich möchte Prof. Werner Röcke auf diesem Weg auch für seine Geduld, seine Ansprüche und seine Begeisterung danken, die das Altgermanistik-Studium zu einer aufregenden und spannenden Zeit werden ließen.

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Alexander Florin
Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de

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