Feste Preise für Kultur

Eine Preisbindung für DVDs, CDs und Computerspiele wäre gesellschaftlich gerecht. Sie würde den Markt stärken, die kulturelle Bedeutung unterstreichen und allen den Zugang ermöglichen. Nicht zuletzt ist es eine Frage des Anstands.

Kulturgüter müssen für alle erreichbar und erschwinglich sein. Diese Forderung klingt erst einmal plausibel und vernünftig. Bei Büchern gilt dies tatsächlich. Die Buchpreisbindung garantiert, dass jedes Buch an jedem Ort in Deutschland zum gleichen Preis erhältlich ist. Daneben gibt es noch zahlreiche Nebeneffekte.

Die festen Preise geben den Buchhändlern eine solide Kalkulationsbasis. Dadurch können sich neben den großen Buchhäusern und -händlern auch zahllose kleine Buchhandlungen am Markt halten. In fast jeder Kleinstadt existiert eine Buchhandlung. Die Konkurrenz findet nicht über den Preis statt, sondern über das Sortiment, die Beratung, den Service.

In den USA beispielsweise existiert etwas Vergleichbares nicht. Der lokale Supermarkt ist auch gleichzeitig der Buchhändler. Buch-Supermärkte in den Großstädten bieten zwar die gesamte Palette, aber schnell wird klar: Die Preisschere zwischen den Büchern ist groß. Während Dauerbrenner in Superbillig-Editionen stapelweise feilgeboten werden, findet sich die erlesene Auswahl wirklich lesenswerter Literatur zu vergleichsweise unverschämten Preisen nicht im Hauptdurchgangsbereich.

Die deutsche und die us-amerikanische Verlags- und Buchhandelslandschaft lassen sich nur schwer direkt vergleichen. In Deutschland wurde die Buchpreisbindung festgeschrieben, um eine freie Meinungsbildung zu fördern und das Kulturgut Buch nicht zur Ware zu degradieren. Egal, wo ich ein Buch kaufe – es kostet immer den selben Preis. Es ist unnötig, sich in einem service-orientierten Geschäft beraten zu lassen, um das Buch dann bei einem Billiganbieter zu kaufen. Es gibt keine Billiganbieter.

Ein buntgefülltes DVD-Regal ist auch Kultur.

Feste Preise ermöglichen Vielfalt.

Elektronikfachgeschäfte kennen das Argument nur zu gut. Scheinbar interessierte Kunden lassen sich ausführlich über die Vorzüge einer Musikanlage, die Einstellungen eines Fernsehgerätes oder die Bedienung einer Waschmaschine beraten und kaufen das Gerät dann deutlich günstiger bei einem Discounter. Für Berlin kann ich feststellen, dass es hier kaum noch Elektronikfachgeschäfte gibt, MediaMarkt und Saturn – beide gehören zur Metro-Gruppe und stehen in einer Pseudo-Konkurrenz – beherrschen den Markt.

Bei diesen Discountern stehen die DVDs auch stapelweise herum, oft auch deutlich günstiger als beispielsweise im „Kulturkaufhaus Dussmann“. Dort bekomme ich jedoch eine Beratung, erhalte Empfehlungen, und ich werde als kulturinteressierter Kunde behandelt. Beim Discounter bin ich nur Umsatzverursacher. Geht man von der Theorie aus, dass Filme ebenso Kulturgüter sind wie Bücher, stellt sich die Frage, warum es eine ausgeprägte Buchhandlungskultur mit zahllosen kleinen Läden, mittelgroßen Geschäften, Großhandlungen, Buchabteilungen im Supermarkt etc. gibt, dagegen DVDs fast ausschließlich über die Discounter verkauft werden (jedenfalls werden dort die größten Anteile des Gesamtumsatzes erwirtschaftet).

Nehmen wir noch Musik und Computerspiele als weitere relevante Kulturgüter hinzu, haben wir die m.E. wichtigsten Kulturträger erfasst. Für diese würde sich eine Preisbindung durchaus anbieten.

Was wären die Vorteile? Es gäbe keine Konkurrenz über den Preis mehr. Angebot, Auswahl, Präsentation, Beratung und Service wären die Unterscheidungsmerkmale. Es besteht die reelle Chance, dass sich zahlreiche spezialisierte Läden am Markt halten können, die nicht von der Gunst ihrer Kunden abhängig sind, sondern eben einfach durch Service überzeugen können. Es macht für den Kunden preislich keinen Unterschied, ob er eine DVD, CD oder CD-ROM anonym in einem Discounter oder individuell in einem Spezialgeschäft kauft.

Ergänzt man die Preisbindung um eine Staffelung, ist auch den reellen Marktbedingungen Rechnung getragen. Mein Modell sieht – angeregt vom Buchmarkt – so aus: Erscheint eine DVD, legt der Anbieter den Preis verbindlich fest (wie beim Buch der Verlag). Dabei wird er einkalkulieren, dass er erstens Gewinn macht, zweitens aber keine potenziellen Kunden durch einen zu hohen Preis abschreckt. Wer DVDs unterhalb dieses festgesetzten Preises verkauft, macht sich strafbar. Nach einem Jahr am Markt darf der Händler den Preis um bis zu ein Drittel reduzieren, nach einem weiteren Jahr um ein weiteres Drittel. Die absolute Preisbindung würde also im ersten Jahr gelten, danach wäre sie relativ zum Ursprungspreis und würde den Händlern die üblichen „Ramschtische“ (vergleichbar dem modernen Antiquariat bei Büchern) ermöglichen.

Natürlich besteht die Befürchtung, dass durch eine Preisbindung die Preise steigen würden. Dem ist entgegenzuhalten, dass sich ein relativ stabiles Preisgefüge bereits gebildet hat, das von den Kunden akzeptiert wird. Neue DVDs kosten zwischen 15 und 20 Euro, für einfache Veröffentlichungen oft um 12 Euro. Nach der ersten Verkaufswelle sinkt der Preis auf 10 Euro. Will der Händler seine Regale leer bekommen, sinkt der Preis auf 5 Euro. Diese Preiserwartungen zu ignorieren, kann sich kein Anbieter leisten.

Um es ketzerisch zu formulieren: Ich kann nicht einsehen, dass Hera-Lind- oder Dieter-Bohlen-Bücher noch Jahre nach ihrem Erscheinen mehr als 10 Euro kosten, während die Entscheidung für den Erwerb eines Filmes von Stanley Kubrick, Orson Welles, Alfred Hitchcock, Akira Kurosawa oder Terry Gilliam hauptsächlich der Preis entscheidet. Es ist eigentlich demütigend für das Werk und den Käufer, wenn er es stillos aus einem Regal von Dutzendware nehmen muss, nur weil es keine würdigen Anbieter am Markt gibt. Das Kaufserlebnis ist minderwertig: Beim Waschmaschinen- und Kühlschrankhändler die DVD oder CD kaufen, auf die man sich seit Wochen sehnsüchtig freut!

Im Ergebnis scheint das billigere Angebot dem höherpreisigen gleichwertig: Ich besitze eine DVD mit der gleichen Bild- und Tonqualität und Ausstattung wie die doppelt so teure im Laden nebenan. Im Gegensatz zu einem Gebrauchsgerät wie einer Waschmaschine oder einem Toaster nützen mir als Kunden auch weitergehende Service-Leistungen des Händlers wenig. Da ist es auch mit menschlicher Vernunft nicht einzusehen, warum ich mehr bezahlen soll als das billigst mögliche.

Wer einmal die DVD-Abteilung im „Kulturkaufhaus“ durchstöbert hat, erkennt, wieviel eine gute und umfangreiche Auswahl dem Discounter-Angebot überlegen ist. Doch dieses Angebot gibt es nicht umsonst. Allerdings ist kaum jemand bereit, fünf Euro mehr für die selbe DVD oder CD zu bezahlen, nur um diese Vielfalt zu fördern. Dieser Geiz schneidet langfristig allen ins eigene Fleisch, denn die kulturelle Angebotslandschaft könnte um einiges vielfältiger sein.

Eine Preisbindung würde sich nicht an den teuren Angeboten orientieren, sondern zu Preisen führen, die wie bei Büchern einen möglichst großen wirtschaftlichen Erfolg bringen. Das sind oftmals günstige Preise, um Kaufinteressierte nicht abzuschrecken. Der Vorteil für die Anbieter wäre, dass diese sauber kalkulieren können. Die Käuferschar würde nicht vorwiegend der Metro-Gruppe große CD- und DVD-Umsätze bescheren, sondern diese Geldmenge würde zwischen zahlreichen Anbietern verteilt, die eben nicht über den Preis konkurrieren und um Kunden werben.

So wie wir zugunsten von Goethe, Schiller, Nietzsche, Kafka, Grass und anderen auch Lind, Bohlen, Pilcher und zahllosen anderen über die Buchpreisbindung ein breites Publikum ermöglichen, so sollten wir auch zugunsten von Kubrick, Welles, Truffaut, Fellini auch Wortmann, Ephron und Spielberg als Kollateralschäden einer Preisbindung ansehen. Haben wir kulturelle Werte, die wir bewahren und möglichst vielen zugänglich machen wollen? Warum tun wir es dann nicht?!

Wenn Filme und Musik in der Schule als wichtige Bereiche neben Mathematik und Literatur erkannt worden sind – warum können wir als Gesellschaft nicht die nötige Konsequenz daraus ziehen?

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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