Schon wieder Trauer

„Jonathan Zittrain bedauert den Tod des PC“, titelt der Heise Newsticker und stellt die schwarz-weißen Argumente zusammen. PCs sind besser, weil offener und von allen flexibel zu nutzen. Tablets und Smartphones sind schlechter, weil geschlossene Systeme und von wenigen Anbietern kontrolliert. Man könnte es auch so sagen: Fortschritt macht Angst. Einige der Argumente sind auch völlig verdreht und lassen die Qualifizierung des Autors für den Beitrag fragwürdig erscheinen.

Vor über hundert Jahren fuhren die ersten Fahrzeuge über die Wege; von „Straßen“ zu sprechen, wäre für die meisten Wege ein unangebrachtes Kompliment. 1911 lief bei Ford die Serienproduktion an. Bis in die 1980er war es üblich, dass Kundige ihr Fahrzeug selbst pflegten und warteten. Heute sind Autos abgeschlossene Systeme – wenn sie nicht funktionieren, muss man in die Werkstatt. Die Landschaft ist von Straßen durchzogen, die Fahrzeuge laufen mit einem von vier Kraftstoffen: Diesel, „Normal“-Benzin, „Super“-Benzin oder „E10“-Kraftstoff.

Was lehrt die Auto-Geschichte über Computer? Wenn wir einmal ganz frech einen PC mit einem aktuellen Golf gleichsetzen und ein Tablet mit einem Smart, dann haben wir ein brauchbares Gleichnis und können daraus einige Schlussfolgerungen ableiten:

  • Aufgrund der Existenz von Smarts wird der Golf nicht aussterben – so werden Tablets PCs nicht verdrängen.
  • Für einige Zwecke genügt ein Smart, für andere benötigt man einen Golf – mitunter genügt ein Tablet, mitunter braucht man einen PC.
  • Richtig frei und kreativ kann man an beiden nicht herumschrauben – nur eine (sehr) kleine Personengruppe kann tatsächlich frei und kreativ an Tablet/PC herumbasteln (dazu unten mehr).
  • Der Smart ist Quasi-Monopolist in seiner Fahrzeugklasse – das iPad ist Quasi-Monopolist in seiner Geräteklasse.
  • Beide Fahrzeuge verwenden die selben Straßen und Kraftstoffe – beide Geräteklassen nutzen die selben Datennetze.

Immer wieder wird das kreative Potenzial von PCs gepriesen. Ja, es ist toll, was findige Programmierer aus diesen Geräten herausholen können. Ich bin oft beeindruckt, was da immer wieder Neues entsteht. Doch die überwältigende Mehrzahl der Nutzer ist bereits mit einer Tabellenkalkulation überfordert bzw. nicht einmal in der Lage, diese in all ihren Möglichkeiten auszunutzen. Wenn wir ehrlich sind, machen die tollen Entwickler nicht einmal zehn Prozent der Gesamtnutzer aus. Weit mehr als 90 Prozent der Nutzer sind von den Möglichkeiten (mindestens teilweise) überfordert und bleiben in den Bahnen, die ihnen Betriebssystem und Programme setzen.

Die übrigen (oft „Nerds“ genannt) sind sowieso in der Lage, die Geräte so zu nutzen, wie es ihnen gefällt. Sie überwinden Grenzen der Hersteller und eignen sich die Geräte auch auf einer zweiten Ebene an. Das Internet ist voll von Belegen und Anleitungen, wie eigentlich geschlossene Geräte „geknackt“ und für andere Zwecke genutzt werden.

Die Quote zwischen Auto-Tunern und Auto-Nutzern ist ähnlich. Die überwältigende Mehrheit will einfach nur fahren und sicher und zügig ankommen. Wegen der anteilsmäßig wenigen Schraubfans  zu fordern, dass die Fahrzeuge eine offenere Architektur haben sollten, um Modifikationen zu erleichtern, würde niemandem einleuchten. Zumal die Tuning-Teile beim Wechsel des Fahrzeugs eh nicht mitgenommen werden können, da sie meist auf ein bestimmtes Fahrzeug angepasst wurden (fast schon eine Analogie zu den Apps).

Derzeit gibt es eine übersichtliche Anzahl an Autoherstellern und eine überschaubare Anzahl an PC-Herstellern und Betriebssystembereitstellern (Microsofts Windows, Apples Mac OS, Linux-Distributionen). Für die Infrastruktur (Kraftstoff, Straßen) gibt es weltweite Standards, an die sich die Marktteilnehmer halten müssen. Jeder Kfz-Hersteller, der einen supertollen Motor entwickelt, muss darauf achten, dass die Wiederbefüllung mit einem Standard-Kraftstoff möglich ist. In der Computerwelt gibt es ebenfalls die offiziellen Bahnen, die für alle gelten (die Standards des Internet). Daneben haben die Hersteller eigene Systeme (z.B. iCloud, Android Marketplace) etabliert, so wie die Autohersteller ihre Markenwerkstätten, Spezialteile oder Services, die nur ihren Fahrzeugen zur Verfügung stehen, beispielsweise die Ferndiagnose bei BMW.

Argumentativ passiert jetzt folgendes: Statt die Dualität zu betonen – denn Tablets und PCs können sowohl Internet als auch eigene Lösungen –, wird ständig befürchtet, dass die Parallelwelt der Apps den Tod und die Zensur des Internet bedeuten würde. Die Analogie würde behaupten, dass mit der Erfindung des Autos die Leute nicht mehr spazieren gehen, nicht mehr Fahrrad fahren oder dass Pferde aussterben.

Die ketzerische Frage lautet an der Stelle: Warum sollte der PC auf Teufel komm raus für alle erhalten bleiben, wenn viele Menschen doch die Vorteile von Tablets und Smartphones nutzen möchten? Warum sollten alle Menschen Limousinen der Golf-Klasse verwenden sollen, wenn ihnen doch ein Smart genügt oder sie einen Transporter (= Server) benötigen. Oder andersherum: Was kritisieren die Kritiker eigentlich: die menschliche Natur, die einfach ein funktionierendes Gerät haben möchte, oder die Hersteller, die diese entwickeln? Je nach Bedarf kann ich das passende Fahrzeug wählen oder auch die Plattform wechseln, wenn eine Lösung mich langfristig nicht überzeugen kann oder zu sehr bevormundet. So wie ich auch von einem Golf auf einen Toyota, Ford oder Dacia wechseln kann, so kann ich auch das iPad gegen ein Xoom tauschen.

An der Stelle hinkt die Autometapher allerdings, denn für die akkumulierten Daten gibt es da keine Entsprechung. Also muss man sich an der Stelle die konkreten Angebote anschauen. Wenn diese sich an Industrie-Standards halten, ist der Datenumzug bewältigbar. Natürlich wird er nie Spaß machen. Aber was wäre die Alternative? Sollen alle Hersteller auf die selben Standards in allen Details verpflichtet werden? Wie schwer das ist, zeigt der WWW-Standard, den die einzelnen Browser unterschiedlich interpretieren (auch wenn da inzwischen deutliche Fortschritte erkennbar sind). Auch der eMail-Standard ist nicht gerade standardisiert, denn die selbe eMail kann in Outlook ganz anders aussehen als im Google-Konto als im GMX- oder Arcor-Konto oder Thunderbird oder Apple Mail – aber zumindest wird sie überhaupt an alle gleichermaßen zugestellt.

In eine solche Analyse gehört auch das Preisargument. Die Kunden kaufen gern und oft „billig“. Wie kann man von einem Billig-Hersteller, dem verkaufte Stückzahlen und Profit naturgemäß wichtiger sind als nachhaltige durchdachte Lösungen und Qualität, erwarten ein Ideal anzustreben. Das Argument, Apple zu verteufeln, geht daher an den völlig falschen Adressaten. Denn billige Angebote profitieren von den Standards, die „große“ Hersteller am Markt durchgesetzt haben und tragen selbst wenig zur Weiterentwicklung bei. Und hier stellt sich wieder die Frage: Geht die Kritik an die Hersteller (die – auch – Geld verdienen wollen) oder an die Nutzer (die – auch – billige Geräte kaufen)? Die Argumente sich zwar an die Hersteller, aber die „Schuldigen“ sind doch letztlich die Nutzer, die entweder zu billige oder zu geschlossene Lösungen kaufen.

Ebenfalls vernachlässig die Kritik einen ganz wichtigen Punkt: Wenn jemand Geld ausgibt, dann will er oder sie eine überzeugende Lösung und ist nicht an einem Ideal interessiert – denn wer ein iPad kauft, möchte vermutlich nicht die Welt verändern oder wild herumprogrammieren. Sollte man ihm oder ihr deshalb nur noch PCs verkaufen, weil ein Gerät wie ein iPad nicht zu einer offenen Ideologie passt? Vielleicht sollte man auch einfach die Ideale hinterfragen. Denn ein Tablet-Computer eignet sich aufgrund der fehlenden Tastatur genausowenig zum Programmieren wie ein Smartphone – aber genau in der veränderten Benutzung liegt auch der große Vorteil dieser Geräte! Wie groß der Wunsch nach einfacher Bedienung ist, kann jeder im Alltag feststellen: Eine Person sitzt vor einem Computer und fragt nach einem Taschenrechner!

Wenn alle Hersteller exakt die selben Standards in exakt der selben Weise nutzen, dann können wir gleich auf die Straße gehen und den Volkscomputer und das Volkstablet fordern! Von sozialistischen Planwirtschaftsideen sind wir dann nicht weit entfernt. Schon wieder stellt sich die Frage, wie mündig die Bürger eigentlich sind, wenn sie gute von schlechten Angeboten nicht unterscheiden können. Oder anders herum: Freiheit bedeutet auch die Freiheit, falsche oder schlechte Entscheidungen zu treffen (zur vertiefenden Lektüre seien die Gespräche in „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley empfohlen).

Ein anderer Aspekt

„Gegen die faktische Zensur durch das App-Konzept erscheine die Geschäftspolitik von Microsoft in den 90er Jahren heute geradezu harmlos“, wird Zittrain in der Heise-Meldung zitiert. Hm, wer hat da in Geschichte nicht aufgepasst? Microsoft hat in den 1990ern den Fortschritt mehr behindert als alle Hersteller heute zusammen. Der Web-Standard war eine Katastrophe. Mit FUD wurde der Markt manipuliert, andere Office-Programme vom Markt verdrängt (die plötzliche Abkehr von OS/2 und Hinwendung zu Windows, für das man als einziger eine funktionierende Office-Suite anbieten konnte), Hardware-Hersteller in Knebelverträge gezwungen und damit alternative Betriebssysteme gekillt (Geos, GEM, OS/2, NextStep, BeOS, etc.). Die Unterstützung eines funktionierenden Multimedia-Frameworks (QuickTime) wurde offensiv boykottiert, indem die Microsoft-Browser diese zunehmend schlechter integrierten und indem Microsoft andere Software-Hersteller zwang, ihre eigene Architektur zu nutzen, die QuickTime in vieler Hinsicht unterlegen war. Die Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen bei Netzwerkverbindungen war katastrophal. Die Entwicklungsumgebung Java wurde genauso boykottiert wie QuickTime.

Eine kühne These meinerseits behauptet, dass wenn Microsoft damals so agiert hätte wie heute Apple (breite Unterstützung und Förderung von Standards; Verführen von Nutzern statt Gängelung und Knebelung von Käufern), wären wir in der Computertechnik bzw. -entwicklung schon ein großes Stück weiter bzw. hätten wir eine vielfältigere Computerlandschaft als eine Windows-Monokultur. Dass diese Windows-PC-Monokultur etwas Gutes sein soll, will und wird mir nicht einleuchten. Und wenn Apple mit Mac OS und iOS sowie Smartphone-Hersteller mit Android den Markt etwas auffrischen und vorantreiben, so kann das doch erst einmal nicht schlecht sein. Der PC-Markt wird dabei weiterhin von einer Windows-Monokultur dominiert, und daran wird sich in den nächsten Jahren vermutlich auch wenig ändern. Ein Essay, der letztlich nichts anderes fordert, als den Nerds ihre Windows-PCs zu belassen, ist ein Affront gegen sein eigenes Ziel, nämlich Vielfalt und Offenheit zu fordern.

Die tatsächlichen Beschränkungen, die Microsoft in den 1980ern und 90ern durchsetzte, erfüllen natürlich nicht den Tatbestand der inhaltlichen Zensur, sondern sind schlichtes Ausnutzen einer Monopol-Stellung. Damit muss es natürlich in einem ganz anderen Licht gesehen werden [das meine ich irgendwie ironisch]. Zensur ist immer ein schwieriges Feld, wie die Arbeit der Bundesprüfstelle eindringlich belegt. Zugespitzt stellt sich bei Zensur die Frage: Erlauben wir die Äußerung von beispielsweise schwulenfeindlichen Meinungen, im Sinne der Meinungsfreiheit, oder verbieten wir sie – entgegen der Meinungsfreiheit? Wo ist die Grenze der Meinungsfreiheit? Wer zieht sie? Wieso verbieten wir Erwachsenen (!), Filme aus den 1930ern und 1940ern zu besitzen oder anzusehen und fordern Zensurfreiheit von allen anderen? Wieso werden Filme wie „Starship Troopers“ auf DVD verboten und müssen erst eine zweite Prüfung (für 25.000 Euro!) beantragen? Wieviele Werke entgehen uns aufgrund von Verboten? Bedeutet Freiheit nicht auch die Freiheit der Andersdenkenden? Offenbar wird das Konzept des mündigen Bürgers immer nur dann gebraucht, wenn es argumentativ passt.

„Wer das eine will, muss das andere mögen“, ist ein schöner Erziehungsleitsatz. Wenn ich absolute Offenheit will, muss ich auch einen Virenscanner auf meinem Smartphone wollen. Will ich aber nicht. Wirklich nicht. Mich regt es schon auf, dass jeder Versuch, mein virtuelles Windows zu nutzen, durch Software- und Virenupdates nachhaltig ausgebremst wird. Wenn ich also keine Virenscanner und andere Sicherheitssoftware haben will, muss die Sicherheit meines iPhone oder iPad anders garantiert werden. Ich bin wenigstens Nerd genug zu wissen, dass ich auf einem offenen System („offen“ im Sinne des Essays) einen Virenscanner benötige – der ja auch wieder zusätzlich Geld kostet. Viele andere Nutzer sind eher überrascht, wenn plötzlich Dateien verschwinden oder plötzlich wilde Facebook-Einträge auftauchen oder sonstige unvorhergesehenen Dinge geschehen bzw. viele haben einen Virenscanner installiert, „weil man eben einen braucht“, ohne wirklich zu wissen wieso.

Beim Auto – so schließt sich der Kreis – gibt es den Zwang zur Fahrerlaubnis, da die nicht korrekte Bedienung des Fahrzeugs Menschenleben kosten kann. Ich fordere eine Computernutzungserlaubnis, damit nur noch Leute digitale Geräte bedienen, die mehr über die Geräte wissen als wo sie an- und ausgeschaltet werden. Denn das korrekte Herumschubsen der Maus ist noch keine Computerbedienung, wenn man nie in irgendeiner Weise gezwungen war, über den Computer als Medien-Maschine nachzudenken. In dem Zusammenhang auch der Lesetipp „Nerd Attack“ (trotz des doofen Titels).

Die Nerds sind zwar eine winzige Minderheit, der Majorität aber technisch weit überlegen. Sie überwinden die Grenzen, sie schauen hinter die Vorhänge und sie erschaffen immer Neues. Man muss ein bisschen Vertrauen in die Menschen haben, auch wenn es Nerds sind.

Seltsame Zitate

„Sich für ein Betriebssystem zu entscheiden, hatte etwas Wagemutiges.“ heißt es in der Langfassung des Essays. Wer entschied sich da, bitteschön? In den 1980ern gab es ja tatsächlich eine Vielfalt: C64/128, Amiga, Atari, DOS/Windows, GEM, etc. In den 1990ern gab es? Microsoft Windows. Ein paar Macintoshe, und irgendwann auch mal Linux. Das klingt nicht nach Wagemut. Denn letztlich erhielt jeder Windows, wenn er nicht gerade einen Mac kaufte.

„Ein Betriebssystem-Hersteller hatte sich erdreistet, seine eigenen Anwendungen anderen vorzuziehen.“ Diese zynische Zusammenfassung des sogenannten Browserkriegs in den 1990ern vernachlässigt erstens die vertragliche Gängelung der Hersteller, denen das Installieren eines alternativen Browsers bei Auslieferung untersagt war, die Boykottierung von Plugins, die Erfindung eigener „Standards“ (ein inhärenter Widerspruch, wenn es um das World Wide Web geht), um Netscape zu verdrängen. Mit seiner Bagatellisierung widerspricht Zittrain seiner eigenen Forderung nach Offenheit und Wahlfreiheit.

Natürlich zieht Apple auch das eigene Mailprogramm und den eigenen Browser Safari vor, aber dem Nutzer wird es durch nichts erschwert, andere Programme zu installieren. Auf einem PC ist die Vielfalt ok, aber auf einem Gerät wie einem Smartphone möchte ich keinen Ressourcenfresser wie Firefox (jedenfalls ist er auf meinem PC erkennbar ressourcenhungrig). Das ist keine Zensur im o.g. Sinn, sondern schlicht das Verbot, unnötige Software zu installieren. Der mobile Safari kann nicht mehr und nicht weniger als ein Firefox könnte. Achja, und die Flash-Debatte ist keine Zensur.

„Das Vergehen, für das zuvor Microsoft verklagt worden war, wiederholte sich, nur schlimmer. Diesmal ging es nicht darum, ob man sich ein iPhone ohne den Safari-Browser von Apple kaufen konnte. Nein, es war erst einmal gar kein anderer Browser auf dem iPhone erlaubt, es sei denn Apple duldete ihn. Damit nicht genug, kassierte das Unternehmen 30 Prozent eines jeden App-Preises (und später auch der Erlöse, die mit einer App gemacht wurden). Nicht einmal Microsoft wäre zu seinen Hochzeiten auf die Idee gekommen, eine Art Steuer für jede Software zu erheben, die für Windows geschrieben wurde.“ Hm, der Tonfall spricht für sich selbst. Und wieso jetzt ein Mobiltelefon (!) mit einem PC verglichen wird, erschließt sich mir nicht. Niemand fordert von Nokia, verschiedene Browser zuzulassen oder von Microsoft verschiedene Browser auf seinem Fenstertelefon zu erlauben. Jedenfalls wird das solange niemand fordern, wie die eingebauten ihren Zweck erfüllen. So verquer sich das für Wirtschaftstheoretiker anhören mag: Apple verbietet andere Browser zu meinem eigenen Besten, also zugunsten des Kunden (denn die zahlenden Kunden sind jene, die den meisten Umsatz bringen – und je zufriedener Kunden sind, desto mehr Geld kann man mit ihnen verdienen). Safari ist der effizienteste Browser für das iOS, jeder andere würde die Akkulaufzeit nachhaltig beeinträchtigen, was den Nutzwert deutlich schmälern würde. (Der Bogen zu den Nerds, die sich andere Browser installieren ist legitim, denn diese verlieren mit der Installation des Browsers genauso die Garantie wie jeder Autobesitzer, der ein nicht zugelassenes Teil einbaut – die Parallelen sind da, nur will man sie nicht so oft sehen.)

Was ist an 30 Prozent Verkaufsgebühr zu beanstanden? Der Hersteller hat außer dem Programmierungsaufwand keine Kosten, ein Buch physisch im deutschen Buchhandel oder bei Amazon zu platzieren, verschlingt mehr als 50 Prozent des Verkaufspreises. Übrigens haben Google und Microsoft ähnliche Tarife für ihre App-Shops. Microsoft erhob die Steuer deshalb nicht, weil die Anbieter ihre Software selbst vertreiben mussten, und da gab es auch verschiedene Bevorzugungen. Apple berechnet die 30 Prozent nicht als Steuer, sondern für den Service, die App verfügbar zu halten (zuverlässiger Webserver), im Rahmen des AppStore Marketing zu betreiben und die Abrechnung vorzunehmen. Um diese drei Bereiche musste sich jeder Hersteller von Windows-Software selbst kümmern, und er hatte nicht die Garantie, dass nach einem Service Pack oder auf der nächsten Windows-Version seine Software noch lief. Deshalb gibt es auch vergleichsweise strikte Regeln für die Apps – nämlich um sicherzustellen, dass diese auch auf der nächsten iOS-Version noch problemlos funktionieren. Apple macht sozusagen die Sorgen und Probleme der Kunden/Nutzer und Hersteller zu seinen eigenen. Dafür sind 30 Prozent des real erzielten Umsatzes ein angemessener Betrag, denn im Gegensatz zu Android und Fenstertelefon erzielen die App-Anbieter auf iOS relevante Umsätze.

Übrigens mögen derzeit zwar mehr Android-Telefone als iPhones verkauft werden, aber wer ein billiges Telefon kauft, zahlt erstens weniger für Apps und hat zweitens auch geringere Erwartungen an sein Gerät. Viele nutzen nicht einmal die vorhandenen Funktionen wirklich aus, sondern wollen „einfach nur“ telefonieren, wie diese Statistik erneut belegt. Android ist aufgrund seiner Zielgruppe keine wirklich relevante Zielgruppe für App-Entwickler bzw. die Entwickler erzielen darüber kaum relevante Umsätze. Aller Ideologie zum Trotz [Sarkasmus].

„Mac-Apps dürfen zum Beispiel nicht das Aussehen der Mac-Oberfläche verändern – verfügt eine Firma, die einmal eine Werbekampagne mit dem Motto ,Think different‘ gemacht hatte. Entwickler dürfen auch kein Icon für ihre App auf dem Schreibtisch oder im Dock ablegen, ohne dass der Nutzer dies explizit erlaubt. Ebensowenig dürfen sie Apps anbieten, die Funktionen enthalten, die schon im Store angeboten werden. Schließlich dürfen sie ihr Werk nicht unter einer Lizenz für Freie Software vertreiben, weil sich dies mit Apples Lizenzmodell beißt.“ Mir missfällt der Tonfall zunehmend. Der Nutzer ist Herr seines Systems, nicht der Entwickler, deshalb wird nix vollgemüllt, so wie dereinst die Startmenüs von Windows mit „Readme“-Dateien und Deinstallern. Über das Launchpad sind alle Apps gleichermaßen und diskriminierungsfrei zu erreichen, ebenso über den Finder und über Spotlight. Es ist für einen Mac-Nutzer gar nicht nötig, dass eine App im Dock liegt (im Gegensatz zu Windows, wo kaum jemand ein Programm starten kann, das nicht im Startmenü verzeichnet ist). Die zugemüllten Schreibtische von Windows-Nutzern erschrecken mich ebenfalls. Auf dem Schreibtisch brauchen keine Programme zu liegen, dort liegen meine Dokumente, an denen ich arbeite, bis ich sie in der Ordnerhierarchie vergrabe. Was als Gängelung der Anbieter gegeißelt wird, ist ein Dienst gegenüber den Kunden/Nutzern. Als AppStore-Kunde habe ich auch kein Problem damit, dass es nur eine Furz-App und nicht achtzehn gibt. Wenn jemand eine Furz-App mit einer cleveren Umgebungsgeräusche-Analyse versieht, wird ja nicht mehr die Funktion einer bestehenden App dupliziert, sondern etwas Neues geschaffen. Find ich gut, dass es nicht Dutzende identische Apps gibt, sondern diese sich durch Funktionalität voneinander unterscheiden.

Worüber regt sich der Zittrain eigentlich auf? Bzw. auf welcher Seite steht er? Auf der Seite der Nutzer oder auf der Seite der Hersteller oder auf der Seite eines Ideals, das mit der Realität nur marginale Berühungspunkte hat?

Es gibt bei Malern und Designern den Usus, ihre Werke so zu verkaufen, wie sie sind. Eine nachträgliche Bearbeitung durch den Käufer ist nicht vorgesehen und wird teilweise auch geahndet. Es gibt einen Grund, warum das Mac-System so ist wie es ist. Wenn ich an Windows XP in seinen drei Standard-Darstellungen (ekliges Blau, fades Grau oder klassisches Design) oder an die verschiedenen Darstellungsmöglichkeiten von Windows 7 (in Abhängigkeit von der Grafikkarte) denke, bin ich sehr froh, dass auf dem Mac Konsistenz herrscht und ich auch am Telefon einfach sagen kann „der gelbe Button oben links am Fenster“. Hier wird argumentativ wieder ein Nerd-Bedürfnis (alles ändern zu können) allen übergebügelt. Nicht nur Nerds sind in der Lage, Software auch von anderen Quellen als dem Mac-AppStore zu beziehen, jeder kann nämlich Software auf dem Mac schreiben (Stichwort XCode) oder von CD, DVD oder aus dem Internet installieren. Und Nerds können noch viel mehr: nämlich in allen Systemdateien rumschrauben und basteln – die aufgrund ihrer Unix-Wurzeln sogar zugänglicher und verständlicher sind als alles, was Microsoft jemals unter dem Namen „Windows“ vertrieben hat.

Finale

„Nutzer wiederum sollten sich öfter auf alternative Apps einlassen und die Plattformen, die sie noch anbieten – und damit den Geist des PC-Konzepts hochhalten. Ergänzt um Systeme, die Apps erst einmal Testläufe machen lassen, bevor die auf das ganze System zugreifen können. Wenn wir von den Annehmlichkeiten in eingemauerten Gärten einlullen lassen, verpassen wir die Innovationen, die die Gärtner aussperren. Und wir ermöglichen eine Zensur von Code und Inhalten, die früher nicht möglich war. Wir brauchen endlich ein paar wütende Nerds.“ Damit endet Zittrain seinen Essay. Wieso sollten wir uns einlassen? Bei der Partnersuche fordert ja auch niemand, dass wir uns offen auf alle alternativen Angebote einlassen, sondern respektieren, wenn sich zwei Personen „gefunden haben“. Das ist die Realität. Wir sind Menschen, wir wollen Lösungen, die gut funktionieren. Wir mögen keine zusätzlichen Probleme mit der vagen Aussicht auf eventuelle Vorteile in einer imaginären Zukunft. Die geforderten wütenden Nerds sind es ja auch, die die Augen offenhalten und beispielsweise die Zulassung der App von Mark Fiore erkämpften. Das Korrektiv ist also da.

Ein ganz wichtiger Punkt fehlt allerdings in der gesamten Argumentation: die finanzielle Motivation. Apple handelt so, um Kunden zu gewinnen und zu halten. Entwickler haben von Apples App-Modell mehr als von Android, da dieses System aus verschiedenen Gründen kein Geschäftsmodell ist. Kein einziges Unternehmen würde Zusatzaufwand (=Kosten) vor seinen Anlegern rechtfertigen können, um mehr Offenheit oder weniger Umsätze zu rechtfertigen. Damit stellt sich die Frage, wie Zittrains Forderungen auch nur ansatzweise in einem kapitalistischen System umgesetzt werden können. Ist Zittrain also letztlich ein Kommunist oder Sozialist? Vermutlich nicht, aber die konkreten Bedingungen und Bedürfnisse des Marktes (= der geldausgebenden Menschen) sind bei seiner Argumentation nachrangig, und er fordert von einem auf Umsatz angelegten Wirtschaftszweig den Verzicht auf Umsatzsteigerung zugunsten eines Ideals.

Träum weiter.

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen