Mit Windows 8 rumgespielt

Es gibt diesen alten Witz aus Windows-95-Zeiten „Windows beendet. Möchten Sie ein anderes Spiel spielen?“ Windows 8 gibt diesem Eindruck neues Futter. Ich habe ein wenig mit der offiziellen Beta herumgespielt. Und mich aufgeregt.

Auf Erkundungstour

Das Ärgerlichste ist, dass man nirgends mehr Hinweise erhält, was wie funktioniert. Das Startmenü ist weg (ich vermisse es nur bedingt), aber stattdessen gibt es einen ganzen Start-Bildschirm. Dieser ist aber nur durch Zufall zu entdecken, wenn man nämlich mit der Maus die Ecke ganz unten links berührt. Wenn ich nur mal schnell ein Programm starten möchte, ist es bestimmt der ideale Weg, in den Kacheln auf einem separaten Bildschirm danach zu suchen.

Der Internet Explorer ist eine große weiße Fläche,  bis man eine Seite öffnet. Wieder gibt es keine Hinweise und nur rudimentäre Arbeitsmöglichkeiten. Eine Webseite als Bildschirmhintergrund einzustellen ist bestimmt viel wichtiger als sie auszudrucken oder mal in den Quellcode zu schauen oder die Codierung anders einzustellen (ja, es gibt immer noch Webseiten, bei denen das nötig ist) oder rein und raus zu zoomen. Geht bestimmt alles irgendwie.

Ein Menü hatte einstens die Aufgabe, alle verfügbaren Befehle sichtbar zu präsentieren, damit der Benutzer sie nicht auswendig lernen muss. Menüs waren der große Vorteil einer jeden grafischen Benutzeroberfläche über die Kommandozeile. Bloß gut, dass die alten Tastenkürzel noch funktionieren, mit <Alt><F4> kam ich aus dem Explorer wieder raus. Ich habe nix Passenderes entdeckt, als archaisches Wissen zu reaktivieren.

Klickibunti statt klarer Worte

Das Zweit-Ärgerlichste sind die Ribbons. Microsoft, gib es endlich zu: Ribbons sind nix anderes als grafische Menüs. Durch die optische Gewichtung (deren Entstehung und Entscheidung sind ein anderes Problem) gängeln diese Menüs aber ungeheuer. In einem Restaurant möchte ich auch alle Hauptgerichte gleichwertig untereinander aufgelistet haben, damit ich selbstbestimmt entscheiden kann. Wenn die Sortierung sinnvoll ist, beispielsweise alle vegetarischen Gerichte beieinander aufführt, ist mir mehr geholfen, als wenn die am häufigsten bestellten Speisen dreimal so groß geschrieben wären.

Ich bin und bleibe ein Verächter der Ribbon-Bedienung. Symbolleisten und Paletten zur Unterstützung der Menüs sind klasse. Aber ich finde es unverschämt, auf einem Breitbildmonitor (und das sind derzeit die meisten Geräte!) die Höhe der Arbeitsfläche zu verringern. Nur um etwas viel bunter zu präsentieren, was doch als normales Menü mindestens genauso gut funktioniert hat.

Falsches Gefühl

Windows 8 ist eigentlich, das mal so nebenbei erwähnt, „Windows 7“, denn das jetzt als „Windows 7“ verkaufte „Windows“ ist in der internen Zählung ein „Windows 6.1“ (quasi ein „Vista.1“, denn Vista war „Windows 6“). Wenn die alte Windows-Geschichte stimmt, dass immer erst die zweite Version brauchbar ist (1/2>3, NT3>NT4, 95>98, 2000>XP, Vista>7), wird „Windows 9“ (= „Windows 7.1“) in zwei oder drei Jahren auch tatsächlich irgendwie bedienbar sein. Ich glaube noch nicht dran.

Auf einem Laptop fühlt sich das System einfach umständlich und falsch an. Ich arbeite an einem leistungsfähigen Gerät, nicht an einem Tablet. Die von Microsoft so forsch betriebene Vereinigung von Tablet und Arbeits-PC bestätigt ein weiteres altes Klischee „Ein guter Kompromiss ist dann erreicht, wenn alle unzufrieden sind.“ Normale Computerbenutzer verlieren zugunsten der besseren Tablet-Bedienung wichtige Funktionen und gewinnen umständlichere Bedienweisen dazu. Tablet-Benutzer erhalten ein System, das auch auf normalen PCs benutzt werden soll, also nicht optimal auf ihre Bedürfnisse angepasst werden kann. Die Bedienung mit einer Maus unterscheidet sich nun einmal fundamental von der Bedienung mittels Finger (Touch). Der Mauszeiger kann auf etwas zeigen, der Finger kann immer nur einen Klick auslösen. Computerbenutzer (und erst recht Power-User) verlieren gefühlt viel Kontrolle über den Rechner, und der gefühlte Kontroll- und Machtverlust ist schlimmer als jeder reale.

Die schlichte Ästhetik mit ihren harten Ecken, klaren Linien, satt-farbigen Flächen und großen Menüpunkten ist mir zu minimalistisch. Aber das ist Geschmackssache. Positiv ist anzumerken, dass es keine iOS- oder MacOS-Kopie ist. Mehr Gutes fällt mir zum Aussehen und zu den Kacheln nicht ein. Der Desktop-Bereich krankt optisch an dem selben Über-Design wie Windows 7. Im Hape-Kerkeling-Tonfall: „Ich möchte das nicht.“

Falsche Erwartungen

Windows 8 wirkt wie eine große Kachel-Welt, die erkundet werden will. Damit erinnert es mich ästhetisch an die alten Spiele auf dem Commodore 64, wo die Bilder auch aus Klötzchen in 16 Farben zusammengestellt waren. Viele Spiele basierten darauf, dass man irgendwo etwas entdeckte, was nicht auf den ersten Blick sichtbar war. Der Unterschied ist: Es gibt Arbeitstage und Spielabende. Spiele sollen Kurzweil und Ablenkung liefern und dürfen vom Wesentlichen ablenken. Die Arbeit dagegen muss effektiv und effizient erledigt werden können – damit man dann Zeit zum Spielen hat. Für ein Mobilgerät ist die Kachelgestaltung ein interessanter Ansatz, aber auf einem Computer fühle ich mich infantilisiert und belästigt. Denn an einem Computer arbeite ich konzentriert und nicht nebenbei.

Was stört mich noch? Dass es so umständlich ist, das System auszuschalten. Vom Desktop auf den „Start-Bildschirm“ wechseln (den hätte man bei der Gelegenheit gleich umbenennen können, denn die Benennung des „Start“-Menüs war ja nie wirklich gelungen). Dort dann den Benutzer anklicken und dann Abmelden anklicken. Dann das Bildschirmschonerfoto mit Zeitanzeige nach oben schieben. Dann unten rechts den Ausschaltknopf anklicken. Jetzt endlich im Menü „Herunterfahren“ auswählen. Endlich.

Zensurenspiegel (sehr subjektiv)

Usability Desktop: 3 (zu bunt, zu wenig fokussiert, die Ribbons!)

Usability Start-Bildschirm: 3 (ist mir zu bunt und zu minimalistisch 80er)

Usability kombiniert: 4– (weil die Wechsel nerven)

Ästhetik Desktop: 4 (zu bunt, zu effektheischerisch)

Ästhetik Start-Bildschirm: 2 (eigentlich 3–, aber Bonuspunkte für das Nicht-iOS-Konzept)

Ästhetik kombiniert: 4 (die beiden Bereiche sind zu disparat)

Alltagstauglichkeit: 3– (Leute, vergesst eure Tastenkürzel nicht!)

Angriff statt Nutzen

Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass es tatsächlich Menschen geben könnte, die mit diesem System effektiver oder effizienter arbeiten als mit der Vorversion. Jedenfalls fällt mir keine Arbeitsumgebung ein, in der dies möglich sein könnte. Der einzige Vorteil besteht darin, theoretisch auch auf einem Tablet jetzt Windows verwenden zu können. Doch damit reduziert sich die Bedeutung von Windows 8 nur auf die Funktion „Microsofts Angriff auf iPad & Co“.

Einige Auguren prognostizieren in der Allianz Nokia-Microsoft nur Verlierer. Ich sehe in dem getesteten Windows-8-Entwurf ebenfalls nur Verlierer. Der Desktop fühlt sich immer noch nicht effizienter und besser an, und der Kachelansatz überzeugt mich auf einem Laptop nicht. Rein vom Benutzererlebnis her ist in meiner Wahrnehmung Windows XP immer noch das arbeitstauglichste Microsoft-System. Die darunterliegende Technik (und deren Vorteile) ist mir als Benutzer eher egal.

Benutzer sind keine Kunden

Aber Microsoft steckt auch wirklich in der Zwickmühle: Sie müssen ihre Software-Hure „Windows“ wieder so umgestalten, dass sie als neu und begehrenswert erscheint. Denn Microsofts Zielgruppe sind nicht die tatsächlichen Anwender. Microsoft verkauft seine Lizenzen an EDV-Abteilungen in Unternehmen, die das System dann den Benutzern vorsetzen. Und Microsoft verkauft seine Lizenzen an Hardware-Hersteller, damit diese eine Software mit ihren Geräten ausliefern können.

Beide Kundengruppen benötigen Feature-Listen und schöne Screenshots mit tollen Untertiteln als Überzeugungsbasis. Wieder einmal zeigt sich das Problem in einer marktlichen Trivialität: Die Benutzer von Microsoft-Produkten sind nicht die Käufer von Microsoft-Produkten. Kunden (= Bezahler) müssen nun einmal anders überzeugt werden als Benutzer (die das System eben einfach dazubekommen, entweder beim Rechnerkauf oder auf Arbeit).

Standpunkt

Nein, ich verweigere mich einer solchen Fenster-Welt. Denn diese bietet mir weder lohnende Aussichten noch pragmatische Vorteile. Ich möchte als Benutzer und Kunde ernstgenommen werden. Ich fühle mich von Microsoft weder als das eine noch als das andere respektiert.VG Wort Zählpixel

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

5 Kommentare

  1. Ich habe die letzten 15 Jahre auf Linux und MacOS gearbeitet und entwickele nun seit ein paar Monaten an einer Win8/Metro Software. Und mir gefaellt es sehr gut.
    Ein Programm zu starten geht insbesonders auf einem Geraet mit Tastatur sehr einfach: Windows-Taste druecken, anfangen, den Namen des Programms zu tippen und Enter. Auch Herunterfahren geht deutlich einfacher als vom Autor beschrieben: „Settings“ aus der Seitenleiste („Charm-Bar“) waehlen und im unteren Bereich „Power->Shutdown“ klicken. Der Shortcut fuer den Settings-Charm ist uebrigens Win-D.
    Den Internet Explorer gibt es uebrigens auch in einer Desktop-Variante (ich bekomme es auf meinem Notebook gar nicht hin, die Tablet-Version zu starten, welche im Screenshot abgebildet ist). Diese hat sogar inzwischen – deutlich an Google Chrome angelehnte – Developer Tools.
    Ein sehr gutes Feature, welches sich leider aufgrund noch fehlender Anwendungen nicht richtig ausnutzen laesst, ist die Such-Funktion, welche es Benutzern erlaubt, in den Daten einer jeden Anwendung zu suchen. Und die ebenfalls praktische Share-Funktion sorgt fuer eine ordentliche Isolation der Anwendungen untereinander.
    Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass es bis zum Erscheinen von Windows 8 im Herbst noch ein paar mehr Geraete mit Touch-Bildschirm gibt, denn in der Kombination von Touch+Tastatur sehe ich noch das groesste Potential von Windows 8.

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