Apple-Samsung-Prozess: Du sollst nicht stehlen!

Ach waren das aufregende Wochen und Monate. Überall auf der Welt verklagten sich die Mobiltelefonhersteller. Mit seinen Klagen gegen Samsung hatte Apple das gegenseitige Stillhalten der Mobiltelefonhersteller beendet. Nach Teilerfolgen und Teilniederlagen gab es nun von einem US-Geschworenengericht ein Urteil: Samsung hat Apple beklaut und muss über eine Milliarde Dollar Strafe zahlen. Natürlich ist Samsung gegen diese Sicht der Dinge, will das Urteil anfechten und beklagt ganz allgemein, dass es nun viel weniger Wettbewerb auf dem Mobiltelefonmarkt gebe …

Zu dreist geklaut

Erstens hat Apple nicht irgendjemanden verklagt, sondern Samsung und vor allem Samsung. Andere Hersteller hat Apple bis zum Start der „Android Wars“ weitestgehend in Ruhe gelassen: HTC, LG, Palm mit WebOS etc. Die meisten Klagen hat Samsung abbekommen, einige gingen auch an HTC und Motorola. Apple klagt also nicht jeder Kleinigkeit hinterher, sondern dann, wenn jemand zu dreist wird. Samsung als größter (erfolgreichster) Anbieter von Android-Smartphones generiert die meisten Gewinne mit seinen Konkurrenzprodukten zum iPhone.

Ich weiß nicht, wie man in Samsungs Führungsriege über Konkurrenzprodukte spricht und schreibt, aber die Dokumente, die den Geschworenen vorgelegt wurden, scheinen recht überzeugend gewesen zu sein. Jedenfalls entstand der Eindruck, dass sich bewusst am iPhone orientiert wurde. Unabhängig davon, ob bewusst geklaut, nur inspiriert oder schlampig nachgebaut – die Menge der Ähnlichkeiten ist peinlich und wäre vermeidbar gewesen.

Falsche Erwartungen

Zweitens ging es eigentlich nicht darum, dass jemand ein Samsung-Mobiltelefon mit Apples iPhone verwechseln könnte. Sondern darum, dass die Samsung-Geräte insgesamt den iPhones einfach zu ähnlich waren. Wenn Toyota anfinge, seine Autos einem Mercedes zu ähnlich aussehen zu lassen, gäbe es auch Ärger.

Das Problem ist eine mehrstufige Verkettung: Jemand benutzt ein Samsung „Galaxy Irgendwas“, hat damit bestimmte Erlebnisse (ob nun positive oder negative, ist erst einmal egal). Wenn diese Person nun irgendwann ein iPhone benutzt, bestimmen diese Erlebnisse, wie das iPhone wahrgenommen wird. Dadurch entsteht letztlich der größere Schaden.

Die Gesamterscheinung (aus Geräte-Design und Software) lässt das iPhone zu etwas Einzigartigem werden, und diese Einzigartigkeit wird durch die Ähnlichkeiten im Geräte- und Software-Design der Samsung-Telefone beeinträchtigt. Das wirkt sich auf das Image aus. Andere Hersteller machen es doch dutzendweise vor, wie mit Android auch Smartphones hergestellt werden können, denen man nicht ansieht, das sie vom iPhone inspiriert wurden.

Aus dem gleichen Grund ging Apple gegen alle Computerhersteller vor, die nach 1998 ihr iMac-Design zu dreist klauten.

Innovation und Auswahl am Markt

Drittens ist Apple nicht die einzige Firma, die innovative Produkte entwickelt. Sie haben in den vergangenen Jahren nur viel Glück und oft den richtigen Riecher gehabt – und sich die richtigen Partner ins Boot geholt. Denn eine Innovation kann sich nur dann erfolgreich am Markt etablieren, wenn genügend von ihr profitieren: z.B. Nutzer, Einzelhandel, Vertriebspartner, Entwickler. Je mehr Parteien auch monetären Nutzen aus der Innovation ziehen, desto größer ist die Erfolgschance.

Übrigens zieht Samsung aus Android den größten Nutzen und Profit (sonst niemand in relevanten Größenordnungen!) – deshalb habe ich bislang auch nichts von anderen Smartphone-Herstellern gelesen, die sich mit Samsung solidarisieren. Literarisch spricht man hier von „beredtem Schweigen“.

Wer innovativ ist, genießt Patentschutz. Einer der Geschworenen (selbst Patentinhaber) erzählte, er habe sich gefragt, wie er Samsungs Vorgehen beurteilen würde, wenn ihm eines der fraglichen Patente gehörte: „I was thinking about the patents, and thought, ‚If this were my patent, could I defend it?’“ Will man mit seiner Innovation möglichst viele Profiteure erreichen, so kann man dieses als standardrelevantes Patent freigeben – muss es dann allerdings zu allgemein-gültigen und vernünftigen Bedingungen lizensieren. D.h. jeder darf dieses Patent dann nutzen, solange er eine angemessene Gebühr entrichtet.

Apple möchte aber seine iPhone-Patente nur für sich alleine haben. Das ist das gute Recht jeder Firma. Ob nun das Patentwesen, die Patentfristen oder sonstwas geändert werden sollte, ist eine andere Debatte.

Wenn Samsungs Smartphones den Markt tatsächlich bereichert hätten, würde ich ihnen ja zustimmen, dass Konkurrenz das Geschäft belebt. Aber sie haben Android-Smartphones verkauft, die den iPhones so ähnlich waren, wie es ging. Ich kann mich nicht erinnern, von einer wirklichen Innovation gelesen oder eine erlebt zu haben, die von Samsungs „Galaxy Irgendwas“-Telefonen ausgegangen ist. Damit meine ich echte Innovation, nicht irgendwelche Detail-Optimierungen oder eine clevere App.

Lektion der Geschichte

Viertens sieht Apple sich und seine Produkte als eigenen Markt. Im Bereich der Computer verkauft niemand Geräte, deren Hardware und Software so optimal aufeinander abgestimmt sind. Apple ist im Computermarkt quasi seine eigene Nische, und niemand kann ihnen darin herumpfuschen. Gleiches gilt für den Tablet-Markt, den Apple mit dem iPad gut im Griff hat. Andere Anbieter setzen auf Android (eine Fremdsoftware) und passen diese an ihre Anforderungen an (Amazon beispielsweise). Immerhin geschieht im Mobilbereich eine Anpassung, sodass bei Mobilgeräten die Ödnis der Windows-Monokultur vermutlich ausfällt. Auch im Bereich der mobilen Musikplayer setzt Apple auf eigene Hard- und Software sowie die Verbindung zur eigenen Computersoftware iTunes. Durch dieses Zusammenspiel entsteht der Mehrwert, der die Kundenzufriedenheit bewirkt.

Im Bereich der Mobiltelefone ist Apple der einzige Hersteller, der ein iPhone anbietet. Und davon auch nur ein Modell. Das ist eine bewusste Entscheidung. Wenn nun ein anderer Hersteller daherkommt und Geräte verkauft (und zwar zahllose unterschiedliche Modelle), die dem iPhone zu ähnlich sind, entsteht der Eindruck, das iPhone sei ein Gerät unter vielen, gar nichts Besonderes, sondern Dutzendware. Unabhängig davon, ob dieser Eindruck korrekt sein könnte, besteht natürlich ein Interesse daran, diesen Eindruck zu vermeiden. Nicht umsonst verkündete Steve Jobs bei der Vorstellung des iPhone stolz „Boy, have we patented it!“ Die Erfahrungen des dreisten Macintosh-Kopierens (bekannt als „Windows“ im Software-Bereich) aus den 1980ern sitzen dem Unternehmen als warnende Lektion im Gedächtnis – damals gab es noch eine andere Patentkultur in den USA.

Genauso wie VW der einzige Hersteller eines Golf ist und bleiben will, so will Apple der einzige Anbieter eines iPhones bleiben. Dass der Golf quasi eine eigene Fahrzeugklasse bildet und ihm viele Fahrzeuge ähnlich sehen, ruiniert den Vergleich nicht. Denn die anderen Fahrzeughersteller schaffen genügend Unterschiede, sodass ihr Fahrzeug stets als etwas Eigenes wahrgenommen wird und dem Golf nicht zum Verwechseln ähnlich sieht. Vor allem plagt sie die eigene Ehre, dass jemand ihr Fahrzeug mit dem eines anderen Herstellers verwechseln könnte. Deshalb haben alle großen Autohersteller eigene markante Elemente wie Scheinwerferform, Kühlergrill oder setzen bestimmte Akzente im Design.

Bedeutung der Software

Fünftens ist Android als Betriebssystem für die Smartphones ein häufiger Grund von Klagen. Anwender klagen über verzögerte Updates für ihr Gerät (wenn sie überhaupt noch eines erhalten). Entwickler klagen über den fragmentierten Markt. Und Apple klagt, dass Android ein iOS-Klon sei. Achja, und Oracle klagt, dass Androids Java-Engine zu dicht am Original ist – ohne Lizenzgebühren zu zahlen. Achja, Microsoft ist der andere große Android-Profiteur, denn es erzielt etwa zehn Dollar Lizenz-Gebühr für jedes verkaufte Android-Telefon (soviel zum Thema Offenheit; letztlich könnte Microsoft durch seine „Rechtssicherheit“ beim Windows-Phone wieder einige Marktanteile gerade in Unternehmen gutmachen).

Jeder Hersteller kann Android an seine Geräte anpassen, viele geben noch besonders angepasste Apps mit oder gestalten die Oberfläche um. Die meisten verletzten Patente lassen sich also vergleichsweise leicht über ein Software-Update beseitigen, indem entweder die Funktion entfernt, das Design geändert oder ein Umweg gefunden wird. Was den Streit mit Samsung so besonders macht, ist die Kombination aus Software und Hardware. Denn in beiden Bereichen wirken die „Galaxy Irgendwas“-Modelle vom iPhone inspiriert.

Mit seinem Ansatz, die „Galaxy Irgendwas“-Modelle als möglichst direkte Konkurrenz zum iPhone zu positionieren, hat Samsung Apple geradezu zum Klagen herausgefordert. Die Geschworenen waren bereits mit den Bilderstrecken der Geräte gut zu überzeugen, sie konnten sie auch selbst ausprobieren und direkt miteinander vergleichen. So wurden Patente bestätigt, die es Apple nun erleichtern, weitere rechtliche Schritte einzuleiten. Denn der Prozess behandelte vorwiegend Patente, die für „Normalsterbliche“ verständlich sind. Mit diesem Sieg in der Hinterhand können nun die Patente juristisch angegangen werden, die nicht so leicht zu verstehen oder so einfach zu illustrieren sind.

Der große Nachteil für Apple ist, dass Android in so vielen verschiedenen Versionen auf so vielen verschiedenen Geräten unterwegs ist. Sie können aber immer nur Einzelgeräte bzw. -modelle verklagen. Bislang wäre eine Klage gegen Android als solches von geringen Erfolgschancen begleitet. Also müssen die jeweiligen Produkte direkt verklagt werden – deshalb liest man auch ständig von solchen Klagen, weil es eben so viele geben muss. Bis allerdings eine entschieden ist (das betreffende Gerät also entweder vom Vorwurf befreit wurde oder aus dem Verkehr gezogen werden muss), können mehrere Monate ins Land gehen, und schon gibt’s die nächste Geräteversion. Und die nächste Klage, auf die sich die Medien stürzen können. Deshalb versuchen die Hersteller immer wieder, mit Einstweiligen Verfügungen oder Anrufungen der US-Handelskommission schnelle Ergebnisse zu erzielen.

Wäre Android nicht so fragmentiert bzw. würde nicht jeder Gerätehersteller seine „eigene“ Android-Version zusammenstellen, wäre das alles viel übersichtlicher. Dass auch die Rechtswelt so fragmentiert ist (jedes Land hat seine eigenen Patentgesetze und Möglichkeiten zur Durchsetzung von Rechtsverletzungen), verringert die Anzahl der Klagen ebenfalls nicht.

Fazit

Unabhängig davon, wie weit Android gestohlene Güter darstellt, ist Samsung mit seinen „Galaxy Irgendwas“-Smartphones einfach zu weit gegangen. Die Produkte eines Herstellers, der wie Apple auf Einzigartigkeit bedacht ist, derart erkennbar „nachzuempfinden“ ist nicht nur dreist, sondern grenzt an Blödheit. Apple hat im Vorfeld klargemacht, dass es viele Aspekte patentiert hat, dass es klagebereit ist und dass es Android sowieso auf dem Kieker hat. Samsung muss ja nicht vor solchen Ankündigungen kuschen. Aber ob es sinnvoll ist, einen solchen Gegner zum Klagen zu reizen, wage ich zu bezweifeln.

Letztlich hat weder der Markt noch haben die Kunden verloren. Sondern ganz allein Samsung. Andere Hersteller zeigen ja, dass man Android-Smartphones bauen kann, die nicht an das iPhone erinnern.

Auch wenn die Sichtweise recht einseitig ist, fasst Apples Slideshow beim Schlussplädoyer die wesentlichen Argumente im konkreten Fall gegen Samsung gut zusammen. Hier die sieben schönsten Folien:

Debatte

Ja, ich weiß: US-Geschworene sind voreingenommen und bevorzugen ein US-Unternehmen. Die Koreaner hatten nie den Hauch einer Chance. Aber selbst wenn wir sämtliche irgendwo auf der Welt ergangenen Apple-Samsung-Urteile zu dem Thema statistisch auszählen, kommen wir zu keinem neuen Ergebnis. [Sarkasmus]

Ja, ich weiß: Samsung will das Urteil anfechten, und bis das nicht durchgestanden ist, lässt sich noch nix Finales sagen. [Basiswissen]

Ja, ich weiß: Apple hat all den Erfolg bei den Kunden, mit den Aktienpreisen und überhaupt und allgemein gar nicht verdient (ich kann mir langsam auch nicht mehr erklären, woher der kommt). [Ironie]

Ja, ich gebe es zu: Samsung baut gute Monitore und Fernseher und ist in vielen Bereichen ein wichtiger Zulieferer von Apple. [Fakt]

Ja, der Markt verliert: Und zwar hoffentlich bald Dutzende „Galaxy Irgendwas“-Smartphones. Weder kann ich die voneinander unterscheiden noch könnte ich mich zwischen all den Modellen entscheiden noch will ich von irgendjemanden hören, wieso die sooo viel besser als ein iPhone sind. [genervter Kommentar]VG Wort Zählpixel

Update [30.01.2015]

If you can’t beat them in court – beat them in the market.

Vor Gericht hat Apple zwar gesiegt, aber die tatsächliche Niederlage erfuhr Samsung dann auf dem Markt.

Vor Gericht hat Apple zwar gesiegt, aber die tatsächliche Niederlage erfuhr Samsung dann auf dem Markt.

AppleInsider stellt die Entwicklungen von Apple und Samsung gegenüber und erklärt, wie es Apple gelingen konnte, Samsung in Umsatz und Rentabilität deutlich zu überholen:

  • „In fact, while Samsung was routinely reported to have shipped twice as many total phones as Apple, Apple was earning twice as much profit (it’s now earning 13.4x as much, while selling about the same unit volume of devices).“
  • „Samsung’s product differentiation was increasingly based on building phones with large screens. As soon as rumors began hinting at larger iPhones, Samsung’s sales of high end Galaxy S phones began to stagnate.“
  • „Gunning for market share is much easier: just ship tons of cheap products, and if necessary, give them away.“
  • „In any case, Android now faces a huge wildcard because its largest advertiser and most dominant licensee by far is experiencing a major collapse in profits due directly to its use of Android. Given Android’s still unresolved intellectual property issues with Oracle, the company’s abandonment of Motorola and the departure of Android’s founder Andy Rubin, Google’s overall strategy for its alternative to iOS may experience some of its biggest changes ever in 2015.“

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

Ein Kommentar

  1. Ich stimme nicht ZU, ein nicht staatliches Unternehmen erlangt hier ein onopol über den gesamten Markt indem es ein einfaches und simples Prinzip nutzt. Gab es in der Natur jemals Patenrecht? Nein das was praktisch war und sinnvoll hat sich eben durchgesetzt, so entstanden auf vielen Kontinenten ähnliche Lebewesen ohne dirket miteinander verwandt zu sein, sondern einfach weil sich früher oder später alles auf ein sinnvolles Design einpendelt, wie z.B. Die große Zurücktaste beim iPhone die ja Samsung hier nicht einmal völlständig übernommen hat, auch das Menü ist einfach praktisch. Ein eckiger Bildschirm allemal. Samsung unterstellen zu wollen sie hätten „geklaut“ ist grenzwertig noch nicht absurd.
    Es haben sich dort nur ähnliche Designs entwickelt weil sie einfach diejenigen sind die stark sind. Warum sollte man mit Absicht etwas anderes bauen wenn erwiesen ist das es unpraktischer ist, nur um dem Patentrecht entgegezukommen…DAS ist absurd.

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