Die wahre Bedeutung des iPhone 4

Apple stellte gestern die vierte Generation seines iPhone vor, und die Nachrichtenagenturen melden: „Der US-Computerhersteller Apple will mit der neuen Version des iPhones seinen Anspruch auf einen Spitzenplatz unter den Smartphone-Anbietern untermauern. Die Konkurrenz, vor allem Google, nimmt Apple immer stärker ins Visier.“

In Kürze: Blödsinn.

Apple ist längst nicht mehr nur ein „Computerhersteller“, das Unternehmen benannte sich vor einigen Jahren von „Apple Computer Inc.“ in „Apple Inc.“ um. Computer machen nur noch einen Teil des Gesamtumsatzes aus, weniger als die Hälfte. Der Rest-Umsatz wird mit iPod, iPhone, iTunes- und App-Store sowie nun iPad generiert. Wenn Apple schon einen erläuternden Zusatz bekommen soll, dann in etwa den gleichen wie Sony: Unterhaltungsgerätekonzern, Technologiekonzern oder ähnliches.

Google ist keinesfalls die große Konkurrenz zu Apple (Wie Apple mit der WWDC Google ärgert). Google hat ein einziges Handy im Angebot: das Nexus One. Wenn die Zahlen stimmen, wurden davon bislang nicht einmal 200.000 Exemplare verkauft – im Vergleich zu mehreren Millionen iPhones. Da ist RIM mit seinen Blackberrys um Längen erfolgreicher als Google und fällt eher in den Bereich Konkurrenz. Genausowenig präsentiert Apple einen neuen iPod, um Microsoft mit dem Zune das Fürchten zu lehren.

Betriebssysteme

Google hat allerdings ein Handy-Betriebssystem namens Android, das als Konkurrenz gelten kann. Es ist aber auf so vielen verschiedenen Handys so vieler verschiedener Handyhersteller verbreitet, dass eine direkte Konkurrenz schwer möglich ist. Die wichtigsten Probleme der Android-Plattform in Kürze:

  • viele verschiedene Versionen im Umlauf (1.5, 1.6, 2.0, 2.1, bald 2.2)
  • Upgrade auf die höhere Version z.T. nicht möglich (Hardware-Voraussetzungen) oder stark verzögert, da die nächste Version erst vom Handy-Hersteller angepasst werden muss oder nie (weil die Handy-Hersteller lieber neue Geräte verkaufen als Software für alte aufzubereiten)
  • begrenzter Speicherplatz (nur ein Teil des Gesamtspeichers) für Programme
  • läuft auf einer Vielzahl verschieden ausgestatteter Geräte (Bildschirmauflösung, Kamera, Sensoren, Tasten, Multitouch), sodass Apps nicht genau wissen, was sie erwartet bzw. sich am kleinsten gemeinsamen Nenner orientieren (was Innovationen eher behindert als fördert) (mehr über Fragmentierung von Android)

Will man aber nicht das Google-Handy „Nexus One“ mit Apples iPhone vergleichen, sondern Googles Handy-Betriebssystem Android, dann muss das nun in iOS umbenannte Betriebssystem der Kontrahent sein. Das iOS (bzw. das bisherige iPhone OS) läuft auf mehreren Geräten: iPhone, iPod touch und iPad. Damit verfügt das iOS über eine wesentlich divergentere Verbreitung als Android, da es eben nicht nur auf Handys eingesetzt wird, sondern ebenso auf Unterhaltungs- oder Begleitgeräten.

Nicht zuletzt ist Google weiterhin die Standardsuchmaschine, auch im neuen iOS. Der Nutzer kann zwar andere Suchanbieter einstellen, voreingestellt ist Google. Auch die Integration von YouTube und GoogleMaps ist geblieben. Ein echter Konkurrenzkampf gegen Google sieht anders aus. Apple konkurriert nicht direkt mit Android-Handys. Es versetzt aber mit den Werbebeschränkungen, dem neuen Reader-Modus in Safari 5 und allgemein der perfekten Hardware-Softwaer-Symbiose Google sanfte Nadelstiche.

Was nützt die beste Handy-Kamera, wenn das zugehörige Android-Programm deren Funktionen nicht ordentlich unterstützt und miese Fotos produziert? Was nützt ein hochauflösendes Handy-Display, das im Sonnenschein schlecht zu lesen ist? Was nützt Multitasking, wenn die häufigste Anwendung, die sich Nutzer zusätzlich installieren, ein Programm-Beender ist? Was nützt eine gigantisch große Speicherkarte, wenn ich diese nicht mal zum Abspeichern meiner Programme nutzen kann? Beim iPhone (bereits beim ersten) stellten sich all diese Fragen nicht.

Die Kamera hatte zwar vergleichbar wenige zwei Megapixel, schoss aber immer gute Fotos. Das Display hat zwar nicht die Auflösung des Nexus One oder andere Spirenzien, es ist aber stets lesbar – und für das iPhone-4-Display gilt das erst recht. Das iPhone kannte kein Nutzer-Multitasking, sondern nur ein von Apple vorgegebenes (bestimmte Prozesse können im Hintergrund laufen). Mit iOS 4 kommt jetzt auch Multitasking für den Nutzer hinzu, wobei es nur eine Erweiterung des bisherigen Modell ist (solange der Arbeitsspeicher dafür ausreicht, werden Programme nicht beendet, sondern eingefroren, beim erneuten Aufruf stehen sie so schneller und an der selben Stelle bereit). Besitze ich das iPhone mit 16 Gigabyte Speicher, kann ich auch den gesamten Speicher so nutzen, wie ich möchte: Für Spiele, Programme, Musik, Filme, Bücher (auf Android-Handys müssen sich alle Programme einen Bereich von meist 512 Megabyte teilen, was aufwändige Spiele unmöglich macht).

Das Display zeigt die Zukunft

Logo Retina Display (Apple)Persönlich finde ich das Display des iPhone 4 die spannendste Neuerung: Ein Massenmarktdisplay in Druckauflösung! Mehr als 300 dpi definieren „scharfe Bilder“ und „scharfe Schrift“ völlig neu (mehr dazu). Damit kann erstmals ein Monitor ernsthaft mit gedruckten Texten und Zeitschriften ernsthaft konkurrieren. Wenn dieses Display sich durchsetzt und in größeren Ausführungen auch im iPad und in Laptops eingesetzt wird, könnte dies tatsächlich das Ende der Printkultur einläuten.

Denn der Vorzug von Gedrucktem bislang war die wesentlich bessere Darstellungsqualität bei Texten und Bildern. Dann bliebe nur noch ein einziger Vorzug: Unabhängigkeit von Strom (auch gute Drucke reflektieren bei hellem Licht – falls jemand das als weiteren Vorteil ins Feld führen wollte). Diesem Vorteil von bedrucktem Papier steht der Vorteil von Displays gegenüber: veränderlicher Inhalt. Alle anderen Vor- und Nachteile relativeren sich bzw. gleichen sich gegenseitig aus.

iPhone 4 (Apple)

iPhone 4 (Apple)

Damit markiert das vierte iPhone weniger eine Veränderung des Handymarktes als vielmehr die konsequente Beendigung der Gutenberg-Galaxis.

Denn der Druck auf Papier war schon immer Richtschnur für Apples Entscheidungen. Der erste Mac erhielt 72 dpi Bildschirmauflösung, weil dieser Wert in der Druckwelt gebräuchlich ist. Der erste Mac konnte verschiedene Schriftsätze (v.a. Serifenschriften) darstellen, weil das in der Druckwelt so üblich ist. Das Anti-Aliasing der Schriftdarstellung bleibt stets dem Tatsächlichen (Ausdruck) verhaftet; Microsoft und Adobe verschieben bei der Kantenglättung die Schriftkanten so, dass sie mit dem Monitorraster in Deckung liegen und glätten nur den Rest, dadurch erscheint das Schriftbild knackiger, allerdings wirkt das Schriftbild mitunter leicht unausgewogen. Apple verschiebt nix, sondern glättet das tatsächliche Bild so, dass alles genauso bleibt wie es auf Papier erscheinen würde. Dadurch wirkt die Apple-Glättung weicher und nicht so knackig.

Nun hat Apple ein Display im Masseneinsatz, das aufgrund des feinen Rasters sowohl drucktreu als auch knackig scharf ist. Wer braucht jetzt noch Druckerpressen?

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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