Auf dem Weg zum Master

Der Bachelor steckt in der Tasche. Was jetzt? Ab ins Berufsleben? Oder doch lieber einen Master? Ein vielfältige Palette steht Master-Interessenten offen.

Von insgesamt 240 weiterführenden Studiengängen in Berlin, für die sich Studierwillige immatrikulieren können, enden bereits 217 Studiengänge mit Masterabschlüssen. Es gibt nur noch einen Magister-, 18 Lehramts- und zwei Diplomstudiengänge. Das ergibt die aktuelle Auflistung der Hochschulrektorenkonferenz für Berliner Hochschulen mit Promotionsrecht. Wer also mehr möchte als einen Bachelor-Abschluss, hat die Qual der Wahl: eben aus 217 Masterabschlüssen. In ganz Deutschland sind es bereits 3.038 – von insgesamt 3.302 weiterführenden Studiengängen. Dem stehen in Berlin Abgänger aus 150 Bachelorstudiengängen (von insgesamt 165 grundständigen Studiengängen) gegenüber, deutschlandweit gibt es 3.172 Bachelorstudiengänge.

Diese Zahlen machen deutlich: Der Master ist die Zukunft. Denn viele Studierende sehen den Bachelor nicht als vollwertigen Abschluss an und suchen nach einem Anschluss-Studiengang. Eine von den Suchenden ist Maria. Die 23-Jährige hat ihren Bachelorabschluss bald in der Tasche und hat sich immer noch nicht vollständig entscheiden können, ob sie jetzt ins Berufsleben wechselt oder einen Master macht: „Der Betrieb, wo ich ein Praktikum gemacht habe, hat mir eine Stelle angeboten, aber dort würde ich wohl nicht besonders hoch aufsteigen können. Eigentlich möchte ich lieber einen Master machen. Doch ob mir das gelingt … Die Auswahl ist einfach zu unübersichtlich, und dann muss ich ja auch noch einen Studienplatz abbekommen.“

Wechselschmerzen

Dass Studierende eher zum Master tendieren, als sich mit einem Bachelorabschluss zu begnügen, belegt auch die Untersuchung „Der Bachelor – zum Image einer neuen sozialen Kategorie“ von 2008. Jedoch ist der Wechsel vom hergebrachten Studiensystem mit Diplom und Magister nicht schmerzfrei verlaufen. Die Dissertation von Roland Bloch über „Flexible Studierende – Studienreformen und studentische Praxis“ (2009) zeigte anhand von Studenteninterviews: Die Flexibilität in der Arbeitswelt, die im Studium trainiert wird, erfordert Inflexibilitäten. Gefordert sind eine klare Prioritätensetzung, die strategische Gestaltung sozialer Interaktion (Networking), ein präzises Zeitmanagement sowie Durchsetzungsfähigkeit und Verhandlungsgeschick.

Dieses Paradox, dass strukturelle Flexibilität mit Inflexibilität im Studienalltag erkauft wird, sieht Maria gelassen: „Erst mal muss ich einen Masterplatz bekommen. Solche Herausforderungen bereiten ja auch auf das Berufsleben vor, denn Lehrjahre sind keine Herrenjahre, sagte meine Mutter schon immer.“ Schließlich dauert ein Master auch nur etwa drei Semester, für gute Karrierechancen sind solche Opfer angemessen, ist sich Maria sicher und markiert in den Listen mit Studienangeboten Masterstudiengänge, die ihr interessant erscheinen.

Illustration: der Master als Superheld

Illustration: Hannes Geipel

Licht ins Dunkel

Auf www.hochschulkompass.de hat sie sich einen halben Tag lang durch die Angebote in ganz Deutschland gewühlt, Listen ausgedruckt, Angebote verglichen und sich anschließend für etwa ein Dutzend Hochschulen entschieden, die meisten in Berlin und Umgebung, „denn das ist meine Heimat. Aber für einige Angebote würde ich auch ans andere Ende Deutschlands gehen.“ Die Möglichkeit, einen Master im Ausland zu erwerben, hat Maria ausführlich erwogen, doch zunächst will sie sich einen Überblick über das deutsche Angebot verschaffen. „Ich habe viele Studiengänge gefunden, die zu meinen Interessen passen, auch an renommierten Hochschulen. Wenn ich die Bewerbungen gemacht habe, werde ich sicherlich noch zwei oder drei Angebote im Ausland erkunden – ich will keine Chance ungenutzt lassen.“

Aus dem großen deutschlandweiten Angebot hat Maria die Suche auf eine übersichtliche Zahl zusammengestrichen, darunter konsekutive und nicht-konsekutive Studiengänge. „Konsekutive Studiengänge schließen ja direkt an meinen Bachelor an, das ist dann fast wie früher mit Grund- und Hauptstudium.“ Zwei solcher Angebote an ihrer bisherigen Hochschule reizen sie besonders. Dass sie sich dafür bewirbt, ist schon klar. Die Unterlagen hat sie bereits zusammengesucht und rechnet sich auch gute Chancen aus, denn „in meinem Studiengang gehöre ich zur besseren Hälfte, und auch ein Professor hat mir neulich empfohlen, mich hier zu bewerben.“

Pluspunkt Berufserfahrung

Die anderen Angebote erkundet sie, weil sie mehr will als die neue Version der alten Diplom- und Magisterabschlüsse. „Dieses Bachelor-Master-System wurde ja erfunden, damit ich während des Studierens verschiedene Hochschulen kennenlernen kann, damit ich leicht das Beste aus verschiedenen Hochschulen miteinander kombinieren kann: die eine im Bachelor- und die andere im Masterstudium.“ Auch einige nicht-konsekutive Master- Studiengänge hat sie ins Auge gefasst: „Dort sind die Bewerbungen meist umfangreicher, und mitunter muss ich Berufserfahrung nachweisen.“

Da sie abgesehen von zwei Praktika und einem Nebenjob über keine Berufserfahrung verfügt, überlegt sie noch, ob sie vielleicht tatsächlich erst einmal etwas Berufserfahrung sammelt und dann an die Hochschule zurückkehrt. „Im Idealfall bekomme ich jetzt die Zusage für den konsekutiven Master in München, finde danach einen Job in Berlin und schließe zwei Jahre später einen nicht-konsekutiven Master in England an.“ Dann wäre sie immer noch unter 30, rechnet sie vor, und hätte dann zwei Abschlüsse, Berufserfahrung und auch drei Hochschulen im In- und Ausland kennengelernt.

Illustration: Die Masterin als Superheldin

Kostenkalkulation

Bei aller Euphorie für eine glänzende Zukunft bleibt sie mit beiden Beinen auf dem Boden und kalkuliert die Kosten für ihr Studium in die Entscheidung mit ein. „Viele nicht-konsekutive Master-Abschlüsse kosten Studiengebühren. Dafür könnte ich während des Jobs sparen, damit ich keinen so hohen Kredit brauche.“ Jetzt bestreitet sie ihr Leben durch einen kleinen Nebenjob, die Eltern zahlen ihr die Miete und ein kleines „Büchergeld“. „Meine Oma steckt mir auch immer mal was zu, wenn es ganz eng ist bei mir. Sie ist richtig stolz und sagt, ich soll unbedingt im Ausland studieren. Sie konnte das damals nicht und will mich dann jede Woche anrufen, damit ich ihr alles erzähle.“

Aber für die Studiengebühren will Maria selbst aufkommen, sie entweder durch einen Kredit oder Jobs finanzieren, „Ich habe Glück, dass meine Familie mich etwas unterstützen kann, aber bestimmte Kosten will ich aus Prinzip selbst bezahlen. Denn die Studiengebühren können mir meine Eltern auch nicht auslegen.“ Daher hat sie sich bereits mit ihrem Bankberater über Studienkredite unterhalten, „einfach damit ich weiß, was möglich ist und was nicht. Ich muss ja ordentlich kalkulieren können.“

Planvoll ins Unerwartete

In den Pausen zwischen Seminaren und Vorlesungen unterhält sich Maria oft mit ihren Kommilitonen. Der Informationsaustausch funktioniert, und sie haben die Recherchen untereinander aufgeteilt. „Ich erkläre nachher, was ich über Studienkredite weiß, und dafür erfahre ich, wie ich mich am besten an der Uni in München bewerbe, dort wollen nämlich auch zwei andere von uns hin.“

Obwohl sich in den sechs Bachelor-Semestern einige feste Bande zu Kommilitonen gebildet haben, ist Maria gespannt auf die Zukunft – auch wenn sie allein an einer fremden Hochschule landet. „Das ist doch gerade das Spannende und die Herausforderung. Wenn ich ein langweiliges Leben gewollt hätte, wäre ich bei der Firma meines Onkels eingestiegen und hätte kein Studium angefangen.“

erschienen in „bus“, Juli 2009

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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