Realsatire in »Bild«

Die „Bild-Zeitung“ dankt in ihrem Kommentar überschwänglich dem ehemaligen US-Präsidenten George Bush jun. Wofür? Dafür, dass er die Iraker von Saddam Hussein befreite.

Jeder, der solch einen Text laut vorträgt, würde als Kabarettist gelten. Das Erschreckende ist: »Bild« meint so was ernst. Ich bin einfach mal so frei und setze das Medium und seinen Autor Georg Gafron in eins. Schließlich hat das Medium dessen Ergüsse (pun intended) zum Leitkommentar erkoren … das sagt mehr über das Medium und sein Selbstverständnis aus als über den Autor.

Im Irak sei eine Demokratie entstanden – dank George Bush, behauptet »Bild«. Was das für eine Demokratie ist, erfährt jeder in ernsthaften Medien. Mehr als vier Monate nach der Wahl hat sich immer noch keine Regierung bilden können. Zu sehr sind die einzelnen Volksgruppen in Machtkämpfe verwickelt. Das damit entstandene politische Machtvakuum wird mit Terror, Unsicherheit und Angst gefüllt.

Die Demokratie muss noch wachsen, sei aber doch schon stabil, so die „Zeitung“ weiter. Jede stabile Demokratie ist – das ist wohl allgemein bekannt, oder? – dadurch gekennzeichnet, dass im Moment der größten Stabilität die Anzahl von Terroranschlägen signifikant ansteigt.

Wie wäre es stattdessen mit der Frage, woher die USA das Recht nehmen, einen Diktator, den sie jahrelang unterstützt haben, plötzlich zum Feind zu erklären und dessen Land einfach anzugreifen. Wenn Saddam Hussein wirklich ein so schlimmer Mensch war, hätte man mit ihm erstens keinerlei Geschäfte und Beziehungen eingehen dürfen, sondern lieber einen gezielten Schuss gesetzt (irgendeine geheime US-Organisation sollte so was können). Stattdessen muss ein ganzes Land mit dem Militär überrannt werden (die militärische Kompetenz der USA ist ein anderes Thema).

Die „Zeitung“ schlussfolgert aus ihren eigenen nicht ganz klaren Argumenten heraus: „Es ist höchste Zeit, Amerika für seinen Mut und seine Opferbereitschaft zu danken.“ Nord- oder Südamerika? Oder doch nur den USA? Ich bin mir jetzt auch nicht sicher, warum ich den USA (ich denke mal, dieses „Amerika“ ist gemeint) dankbar für einen Krieg sein soll, um den sie niemand gebeten hat. Weltweit haben Millionen Menschen am 15. Februar 2003 (allein in Berlin 500.000) einen Tag ihres Lebens geopfert, um gegen den Krieg zu demonstrieren. Diesen danke ich. Denn dazu hat sie keiner gezwungen, das war ihre persönliche Überzeugung.

Kriegsgegner hätten ein zweites Vietnam prophezeit, erinnert sich die „Zeitung“. Wir sind zwar froh, dass das nicht eingetreten ist, aber sollten wir deshalb dankbar sein? Ist allein schon das Verhindern eines größeren Übels Dankbarkeit wert? Hätte nicht auch das kleinere Übel verhindert werden können???

Immerhin „fast 4.500 Soldaten ließen ihr Leben für die neue Demokratie“. US-Soldaten? Irakische Soldaten? Deutsche Soldaten? Oder einfach nur Soldaten? Soldaten sind nicht nur laut Tucholsky Mörder, sondern auch Menschen. Doch um Menschen geht es der „Zeitung“ ja nicht. Ihr geht es um Soldaten. Da muss ich sagen, dass es grundsätzlich nicht verkehrt ist, die Abwesenheit von Soldaten für einen erstrebenswerten Zustand zu halten. 4.500 Soldaten weniger, sind 4.500 Menschen weniger, die sich gegen Geld als Kämpfer, Töter, Räuber verdingen (man kann auch von Söldnern sprechen). Die also für Geld Dinge tun, die sie nie täten, wenn sie nicht bezahlt würden – ganz im Gegensatz zu Demonstranten.

Soldaten werden dafür bezahlt, dass sie ein riskantes Leben führen, der Tod gehört zum Berufsrisiko. Wer den Beruf wählt, weiß in etwa, worauf er oder sie sich einlässt (die Hintergründe der Berufswahl sind ein anderes Thema). Nur selten habe ich das Gefühl, jemandem dankbar zu sein, nur weil er oder sie den gewählten Beruf ausübt. Wenn er besonders gut ausgeübt wird, dann ja. Aber ich kann und will mir gerade keine besonders gute Ausübung des Soldatenberufs vorstellen.

Die »Bild« ist also dankbar, dass ein Beinahe-Diktator (diese Formulierung ist mir bei Bush angebracht – Meinungsfreiheit) sich über jede Vernunft hinwegsetzt, Tausende Menschen sterben lässt, um in einem fernen Land Verwüstungen anzustellen und einen anderen Diktator abzusetzen? Bitte, soll sie doch. Ich bin dagegen immer wieder überrascht, wie wenig und selten qualifizierte Alternativen erwogen werden oder nach tatsächlichen Lösungen gesucht wird. Zumindest in der „Bild-Zeitung“. Achja, ich vergaß. Laut »Bild« ist der Irak ja jetzt stabil. Der braucht keine neuen Lösungen …

Man könnte natürlich auch über andere Beweggründe als das Verbreiten von segensreicher Demokratie im arabischen Raum spekulieren. Könnte man, tu ich jetzt nicht. Ich suhle mich noch in meinem Entsetzen, dass eine deutsche Zeitung völlig unhinterfragt, sich der Bush-Argumentation von Hussein als größtem Übel der Menschheit vorbehaltlos anschließt.

Natürlich ist mir nicht entgangen, dass das Loblied auf Ex-US-Präsident Bush eigentlich eine Klatsche gegen Ex-Kanzler Schröder ist, der den Krieg nicht mitmachen wollte (naja, fast nicht – wieder anderes Thema), während unsere jetzige Kanzlerin den USA unsere uneingeschränkte Solidarität versprach. Unter diesem Blickwinkel ist es schon fast erheiternd zu beobachten, welche geistigen Hakenschläge »Bild« vollführen kann, um unserer Kanzlerin zu huldigen.

Achja, ich bin auch dankbar. Dafür, dass die Auflage der »Bild« von fünf Millionen Anfang der 1990er auf jetzt unter vier Millionen gesunken ist. Das bedeutet, dass immerhin fast 78 Millionen sie nicht kaufen. Das erleichtert mich doch sehr und gibt mir Zuversicht.

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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