Apples Probleme sind aller Probleme [Updates]

Das iPhone und iPad speichern die Aufenthaltsorte, in einem Logbuch wird jede Position erfasst. Die Welt ist entrüstet. Das könnte mit dem freien Android nicht passieren! Böses Apple! Aber dabei dürfte nicht vergessen werden, dass auch Android die Aufenthaltsorte temporär speichert. 50 Positionen umfasst die Cache-Datei, was gar nicht sooo klein und unwichtig ist, wie es scheint. (ArsTechnica hat die ganze Geschichte).

Ich kann mich an ein „Antennagate“ erinnern, wo eine ganz bestimmte Art des Telefonhaltens die Verbindungsqualität beeinflusste. Trotz dieser katastrophalen Eigenschaft jagt das iPhone von Verkaufsrekord zu Verkaufsrekord. Mehr als zehn Millionen iPhones wurden allein zwischen Januar und März verkauft. Zehn Millionen iPhone-4-Nutzer sind auf Apples Werbung hereingefallen und kauften sich ein Mobiltelefon, das so fehlerhaft war, dass man vergangenen Sommer den Eindruck hatte, es sei aus Satans Weltvernichtungswerkstatt gekommen. Und nun das: Das Gerät speichert Daten. Ok, ich will das nicht verharmlosen.

Aber: Alle Geräte speichern Daten, von den meisten wissen die wenigsten Nutzer etwas genaueres. Eines scheint bislang klar zu sein: Das Positionslogbuch wird offenbar nicht an Apple übertragen, sondern scheint eher aus Vergesslichkeit nicht regelmäßig gelöscht zu werden. Da iPhone und iPad via Computer synchronisiert werden, landet die Datei auch auf dem Computer. Was ich persönlich immer noch für eine geniale Entwicklung halte (die Geräte mit dem Computer zwangszukombinieren, sodass man echte Arbeit mit dem Computer erledigen kann), ist in dem konkreten Fall zum Fallstrick geworden. Denn auf dem Computer kommt man nun vergleichsweise leicht an die Positionsdaten heran.

Erstaunlich ist, dass der Aufschrei aus allen Richtungen kommt. Sogar aus den Ecken, wo es sonst immer heißt „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.“ Anstatt nun zu jubeln, dass mit dem iPhone quasi aus Versehen die beste universale Alibi-Möglichkeit besteht, wird geschimpft. Dabei haben iPhone-Nutzer doch eigentlich nichts zu befürchten, denn sie verbergen ja nichts ;-)

Irgendwann werden sich die Wogen auch wieder glätten. Spätestens wenn sich herausstellt, dass auch WindowsPhone, Symbian und WebOS auch Cache-Dateien anlegen, die man auslesen kann. Und falls nicht, haben wenigstens alle etwas gelernt: Aufregen ist schlecht für den Blutdruck, und wer Unbefugte an seinen technischen Geräten rumspielen lässt, kann über deren Entdeckungen mitunter ins Staunen geraten.

Nachtrag (25. April 2011)

Wie sehr eigentlich alle Mobilsysteme betroffen sind, wie ungenau (und damit auch wertlos) die gesammelten Daten sein können und was das Ganze überhaupt soll, reißt die Meldung des Heise-Newstickers zwar nur an. Sie ist aber wenigstens deutlich weniger dramatisch und effektheischerisch als das meiste andere, was man zum Thema sonst so geboten bekommt.

Nachtrag (26. April 2011)

Es war ja nur eine Frage der Zeit, bis Daniel Eran Dilger dem „Geolocationgate“ argumentativ den Zahn zieht. Wie immer lesenswert: „Why the phony LocationGate scandal targets fear of Apple’s iOS more than Android“. Wegen seiner Analysen sind die Texte immer eine lohnende Lektüre. Wo sonst finden sich Sätze wie diese:

„But the core motivation behind all of Apple’s location-related efforts remains the same as everything else the company does: it’s working to sell you hardware. Selling you a bad device that doesn’t work right, or fast enough, or which jumps through too many hoops, or which exposes too much data to potential spammers or even malicious third parties will result in lower sales for Apple. That aligns the company’s efforts with the needs and desires of its customers.“

„But Google doesn’t sell consumers anything directly. … The needs of Google-like companies are therefore not necessarily aligned with the needs of consumers. Consumers get what is available, not what they want, because they’re not in a position to demand anything.“

„And despite Apple’s size and profits, it’s ability to thrive is dependent upon making consumers happy, something Android doesn’t have to do. All Android has to do is keep down prices and glut the market with low end options.“

„After all, it was certainly easier to be the editor of Pravda than to report as a real journalist in the West. One requires effort, while the other only requires repeating the talking points of the leading monoculture paying for advertisements to the captive audience of a communist paradise.“

Apple’s iPhone and the Curious World of Android Enthusiasts (www.roughlydrafted.com)

Apple’s iPhone and the Curious World of Android Enthusiasts (www.roughlydrafted.com)

Aus der Angelegenheit eine politische Analogie über Kapitalismus und Kommunismus zu entwickeln, die über beide Organisationsformen valide Aussagen trifft und übertragbare Schlussfolgerungen zieht, scheint im ersten Moment etwas konstruiert. Auch dürfte es so manchem Google-Fan (oder Android-Fan) nicht einleuchten, warum gerade sein System so kommunismusähnlich sein soll, während Apple als Vertreter des Kapitalismus dargestellt wird. Doch letztlich läuft alles auf einen Punkt zu: Apple bietet iPhone und iPad an, damit diese gekauft werden, es muss die Kunden direkt überzeugen. Google bietet Android an (und zwar nicht direkt an Kunden, sondern an Unternehmen), damit Kunden überhaupt ein günstiges Mobiltelefonsystem nutzen können.

Apple ist (in einer Analogie von mir) der Bäcker, der die Kunden überzeugen will und muss, seine teureren Brote und Schrippen zu kaufen. Google ist der Backkonzern, dessen Brot billig ist und zumindest die Grundvoraussetzungen zur Brothaftigkeit erfüllt: Es ist essbar und sättigend. Da durch den Google-Backkonzern stets ein verfügbarer und billiger Konkurrent bereitsteht, die hungrigen Massen zu versorgen, muss der Apple-Bäcker umso stärker mit seinen anderen Produkteigenschaften überzeugen, um Kunden zu gewinnen und zu halten. Für Billig-Brot nimmt man Unanehmlichkeiten (z.B. schlechter Service, Geschäft in abgelegener Lage, schwer verständliche Angabe der Inhaltsstoffe) in Kauf, denn schließlich muss der Mensch ja etwas essen. Würde der Apple-Bäcker die gleichen Unanehmlichkeiten bieten, hätte er keine Chance.

Was das Brotbacken mit dem Speichern der Ortsdaten zu tun hat? Wer Dilgers Ausführungen gelesen hat, versteht es ;-)

Nachtrag (27. April 2011)

Auch Microsofts Fenstertelefon („Windows Phone“) spielt in dem Reigen der Ortsbestimmung mit:

Windows Phone offers location-based services, and just as on the other platforms, these location-based services use a combination of WiFi positioning and GPS. Whenever the phone makes a location-based search, it sends the MAC addresses of visible WiFi access points, and if GPS is turned on, the GPS-acquired position and velocity. This information is persistently recorded for Microsoft’s Orion positioning service. (ArsTechnica)

Die genauen Details sind wohl nur noch für wirklich Technikaffine verständlich, weshalb wohl Verbraucherschutzministerin Aigner bislang nur von Apple vehement Auskunft verlangt – deren Produkte versteht sie wenigstens.

Was offenbar kaum jemand versteht (oder verstehen will): Ob nun mit Absicht oder aus Versehen – iPhone und iPad speichern die Daten nur lokal (die gespeicherten Daten werden an niemanden gesendet). Um die Daten auszulesen, benötigt es den direkten Zugang zum Gerät. Dass im Zuge der Synchronisierung mit dem Computer die Daten auch auf diesem abrufbar sind, ist nur konsequent. Jeder, der Zugang zum iPhone, iPad oder dem synchronisierten Computer hat, kann beispielsweise auch die Inhalte des Adressbuchs auslesen. Jeder, der Zugang zum iPhone hat, kann gesendete und empfangene SMS lesen. Darüber regt sich keiner auf, dabei wären die für viele Nutzer sicher ähnlich sicherheitskritisch oder verräterisch wie eine Historie der Aufenthaltsorte. Und um etwas mit den gespeicherten Ortsdaten anzufangen, benötigt es ein spezielles Programm. Es gibt übrigens zahlreiche Dateien, die viel über mich verraten und bedenkenlos gespeichert werden:

  • Cache-Dateien vieler Programme, insbesondere Webbrowser
  • gespeicherte W-Lan-Verbindungen
  • Dokumenthistorie (zuletzt benutzte Dateien und Historie innerhalb der Dateien, z.B. Word-Dokumente)
  • Adressbuch und Liste der eMail-Empfänger
  • alle Dateien/Dokumente (mit Spezialprogrammen sind auch gelöscht Dateien meist wieder herstellbar)

All diese Daten liegen auf meinem Computer, und nur dort. Damit sie jemand nutzen (auswerten) kann, muss ich ihm Zugang zu meinem Computer gewähren. Der einzige Unterschied besteht darin, dass ich die Datei, in der alle Aufenthaltsorte protokolliert werden, nicht deaktivieren kann wie beispielsweise die Cache-Dateien und die Seitenaufrufe meines Browser. Aber die Protokolldateien, die mein Computer intern erstellt, kann ich auch nicht deaktivieren oder verhindern. Selbst die so profane Historie innerhalb von Word-Dokumenten, die sämtliche Bearbeitungsschritte nachvollziehbar macht, kann ich nicht verhindern; allenfalls kann ich durch das Abspeichern in eine neue Datei diese Historie auf Null zurücksetzen. Ebensowenig kann ich verhindern, dass zahllose Informationen in der Windows-Registry abgelegt werden, die Rückschlüsse auf mein Tun zulassen.

Das ist quasi Apples Krux: Die machen ihre Geräte so einfach, dass sie leicht verständlich sind. Auch unter der Haube. Während nur IT-Experten ernsthaft fordern, die Registry-Datei von Windows verstehen zu wollen, sind bei Apple selbst die Systemdateien und -protokolle von bestürzender Schlichtheit. Ohne viel Fachkenntnis kann sie fast jeder zumindest ungefähr verstehen. Da Journalisten ja nur schreiben sollen, was sie selbst verstanden haben, schreiben sie auch lieber über Apple-Probleme. Denn wie deren Geräte sind eben auch die Probleme (oder das, was als Problem bezeichnet wird) für die meisten nachvollziehbar und verständlich. Damit wendet sich Apples Produkt- und Systemphilosophie ironischerweise immer wieder gegen die eigenen Schöpfer.

Und dass all das gar nicht so schlimm ist, behauptet der Heise Newsticker. Ach, wie schön waren die Vor-Internet-Zeiten, als – zumindest theoretisch – Journalisten und Politiker noch Zeit hatten und sich etwas Zeit nahmen, um etwas halbwegs zu verstehen, bevor sie mit ihrer viertelgaren Meinung über rudimentär bekannte Ereignisse die Öffentlichkeit behelligten.

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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