Josef K. und Jack Skellington

Demnächst erscheint Orson Welles’ Verfilmung von Kafkas „Der Prozess“ endlich in einer würdigen Fassung auf DVD. Beim Betrachten des Films entstanden bei mir Assoziationen an einen anderen Film. Anthony Perkins erinnert stellenweise in seiner Darstellung, Physiognomie, in seinen Bewegungen und seiner theatralen Inszenierung („Over-Acting“ oder übertriebene Darstellung beschreiben es wohl schlecht, denn der Effekt war vermutlich beabsichtigt) an Jack Skellington.

Je länger ich drüber nachdenke, desto vielfältiger werden die scheinbaren Parallelen zwischen „A Nightmare before Christmas“ (1992) und Welles’ „The Trial“ (1962). Das soll nicht bedeuten, dass diese Filme bewusst Parallelen integrierten, aber strukturelle Ähnlichkeiten sind schwer zu verkennen, wenn man sie einmal entdeckt hat.

Josef K. wird verhaftet, ohne zu wissen (und ohne später zu entdecken/erkennen) warum. Eine interessante spontane Idee wurde kürzlich in einer Unterhaltung über „Der Prozess“ geäußert: Josef K. könnte homosexuell sein. Der Text legt dies nicht nahe, aber wenn man die Idee einmal im Kopf hat, findet sie keinen Gegenbeleg. Insgesamt ist der Text ein Roman über Körperlichkeiten (Sexualität), ohne selbst körperlich zu werden. Die Vermutung, dass ein unterdrücktes Begehren von Josef K. der Auslöser für die der Traumlogik gehorchenden Ereignisse ist, lässt sich schwer von der Hand weisen.

Josef K. begehrt etwas, das er nicht haben kann, weil er sich – in all seiner überkorrekten und faktischen Angestelltenmentalität – selbst im Weg steht. Dass dieser Wunsch sexuell sein könnte, ist die naheliegendste Vermutung, und Welles gibt ihr mit dem Wortspiel vom „Pornograph“ in der Verhaftungsszene, mit der Interaktion zwischen Josef und Frauenfiguren weitere Nahrung. Das enge (offenbar sexuell aufgeladene) Verhältnis zwischen Leni und dem Anwalt sowie das diffuse (offenbar ebenfalls sexuell konnotierte) Verhältnis zwischen Leni und Bloch sind vor allem mit Augenmerk auf Josefs Reaktion darauf interessant.

Jack Skellington steht vor einem ähnlichen Problem. Ihn plagt ein ein unerfülltes Begehren (Anerkennung; z.B. als King of Halloween-Town gekrönt zu werden, der er in der Wahrnehmung aller aber schon ist), und er beginnt eine Sinnsuche. Natürlich kann Jack keine sexuellen Begehrlichkeiten verfolgen, aber sein Begehren ist dennoch ebenso diffus. In Christmas-Town meint er zu entdecken, was ihm zu fehlen scheint. Begeistert motiviert er die anderen Halloween-Figuren, diese Weihnachtswelt nachzugestalten. Dabei können sie nicht aus ihren Denkmustern ausbrechen, und so wird Weihnachten halloweenesk ruiniert. Aus der Außenperspektive ist Jack gescheitert. Ihm ist es aber vergönnt, zefleddert auf einem Friedhof zu erwachen und seine Niederlage zu reflektieren. Er will zumindest den angerichteten Schaden gutmachen.

Die Reflexion und die Wiedergutmachung bleiben Josef dagegen verwehrt. Der Moment des Scheiterns (Todes) ist das Ende. Bleibt also die Phase zwischen Begehren und Scheitern. Jack formuliert seinen Wunsch, der jedoch später von dem Wunsch nach Weihnachten überlagert wird, was leicht vergessen lässt, dass es ihm ursprünglich gar nicht um Weihnachten ging, sondern um eine Leere in seiner Brust. Josefs Begehren wird nie artikuliert, wir als Leser interpretieren es hinein und setzen es als Auslöser für die Verhaftung und den nachfolgenden Prozess. Was für Jack Weihnachten ist, ist für Josef sein Prozess. Beide arbeiten sich an diesem „Stellvertreter-Wunsch“ ab und verlieren dabei den ursprünglichen aus den Augen. Psychologisch ein interessanter Vorgang. Übrigens kommt auch Jack am Ende nicht wirklich auf sein ursprüngliches Begehren zurück, sondern kann nur die während der Weihnachterei entstandenen Schäden wiedergutmachen. Man könnte das Zusammensein mit Sally als Wunscherfüllung ansehen, was in seiner platonischen Art natürlich de facto auf Sexualität verweist.

Nachdem Jack die Halloween-Gestalten überzeugt hat, stürzen sie sich voller Eifer in die Umsetzung der Idee. Dabei kollidieren – natürlich – Jacks Vorstellungen mit ihren. Ebenso muss Josef bei allen Unterstützern erkennen, dass diese ihm nicht in der Weise helfen können, die er erwartet. Er bleibt auf sich allein gestellt.

Neben all den Parallelen, die natürlich spannend sind, bleibt die Frage, was uns diese beim Verständnis der Filme helfen können. Darüber denke ich noch nach … :-)

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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