Was will Technologie?

Kevin Kelly, Mitgründer des „Wired“-Magazin, hat der Technologie einmal auf die Finger geschaut und liefert eine inspirierende Betrachtung über das Wesen von Technologie. Für ihn ist – in einer provokanten Verkürzung – Technologie die nächste Evolutionsstufe. Dabei versteht er Technologie nicht als konkrete Maschine, sondern als technisches Prinzip. Er argumentiert, an irgendeiner Stelle in der technischen Entwicklung war die Erfindung der Dampfmaschine beispielsweise unausweichlich – die konkrete Gestalt jedoch war durch die Kultur, den Einsatzzweck und das Können des Erfinders beeinflusst.

Damit er konkrete Maschinen und Technologien von dem abstrakten Prinzip unterscheiden kann, führt er den Begriff des Techniums ein. Demnach ist auch die Schrift ein Technium, nämlich eine Errungenschaft, die der Technologie des Schreibens bedarf. Die Versuchung ist groß, das Buch hier komplett nachzuerzählen, weil es so viele Anregungen liefert. Ich beschränke mich allerdings auf einige ausgesuchte Aspekte und empfehle allen Interessierten dringend die Lektüre.

Zahlreiche Anekdoten, Übersichten und Querverweise zu anderen Fachgebieten begleiten Kellys Argumentation.

Evolution und Technium

Für Kelly beginnt die Evolution mit dem Urknall, als dessen Resultat sich irgendwann Leben entwickelte. Dabei stellt er zahlreiche Parallelentwicklungen fest: Flügel, Augen und andere komplexe Organe haben sich mehrfach in der Lebensgeschichte gebildet, und zwar unabhängig voneinander. Demnach gäbe es quasi einen Masterplan, der vorsieht, dass irgendwann einmal Augen entstehen „müssen“, wie sie konkret ausgeprägt sind, ist wieder Sache des Zufalls, aber Augen als Sehorgan sind unausweichlich. So zieht Kelly eine lange Linie unausweichlicher Evolutionsschritte. Vernachlässigt man die jeweils konkrete Ausprägung so ergibt sich eine fast zwangshafte Reihenfolge der Schritte.

Die Parallelen zwischen Technik- und Evolutionsgeschichte betont Kelly: Alles wird immer komplexer, spezialisierter, schneller, effizienter etc. Altes verschwindet dabei nicht, sondern überlebt in seinen Nischen weiter, Einzeller im Verdauungstrakt und manuelle Webstühle im Kunsthandwerk. Man ist versucht, all die aufgefahrenen Argumentationsketten zu den allgemeinen Tendenzen der Evolution und insbesondere zur Unausweichlichkeit zu übernehmen und Technologie als Fortsetzung der natürlichen Evolution anzusehen. Da sich Kevin Kelly auf das Abstraktum Technium bezieht, ist er schwer angreifbar, denn auf einer abstrakten Ebene können seine Spekulationen durchaus eintreffen – man kann sie sich derzeit nur schlecht vorstellen.

Wohin will die Technologie?

Gemäß der Tendenzen in der Evolution wird auch Technik immer komplexer und „klüger“. Die Klugheit entsteht dabei nicht, wie gemeinhin angenommen, in einem Super-Computer, sondern in der Vernetzung zahlreicher Computer im Web/Internet/Netzwerk. Bereits jetzt gibt es über eine Milliarde Geräte, die Maschinen steuern („freien Willen“ entfalten) und miteinander kommunizieren. Je mehr Geräte dazukommen, desto klüger wird das Gesamtsystem. Und wenn Technologie anfängt, eigene Geräte zu bauen und weiterzuentwickeln, ist der nächste Evolutionsschritt erreicht. Das Innere eines CD-Players beispielsweise ist vollautomatisch zusammengesetzt worden, kein Mensch hat das Innere des konkreten Geräts, das bei mir zuhause steht, bislang gesehen.

Vorhersagen sind allerdings stets kritisch, das weiß auch Kelly und verweist auf Edison, der für seinen Phonograph eine Liste möglicher Verwendungen notierte. Erst als allerletzte steht dort schon fast verschämt „Abspielen aufgenommener Musik“. Bei zahlreichen Erfindungen haben die Erfinder die tatsächliche Nutzung und Nebenwirkungen nicht abschätzen können. Will man dies tun, muss man sich nur fragen: Was geschieht, wenn jeder ein solches Gerät besitzt … Aber diese Vorstellung ist von der eigenen Lebenswirklichkeit so vorgeprägt, dass man kaum zuverlässige Vorhersagen machen kann.

Spiel ohne Ende

Versteht man Technologie als Fortsetzung der Evolution, dann gelten die gleichen Regeln für die Weiterentwicklung. Das Ziel der Evolution ist offenbar nicht, irgendeinen Idealzustand zu erreichen und zu bewahren, sondern das Leben voranzubringen und durch zahlreiche Anpassungsmechanismen dafür zu sorgen, dass das Leben stets weitergeht. Es handelt sich also um ein „Spiel ohne Ende“, im Gegensatz zu Schach, Monopoly, Skat oder Mensch ärgere dich nicht, das durch einen Sieger oder die Aufgabe eines Spielers beendet wird. Und an diesem „Spiel ohne Ende“ nimmt nun auch die Technologie teil.

Die technische Weiterentwicklung (das Technium) ist für Kelly eine ähnlich unausweichliche Naturkraft wie die natürliche Selektion, genetische Mutation oder die Tendenz des Lebens zur Komplexität (vom Einzeller über einfache Mehrzeller bis zum Vielzeller [wir haben ca. 210 verschiedene Zellarten in uns], die ihre Mutationsrate durch sexuelle Kombination optimieren). Das kann man enthusiastisch-freudig begrüßen wie Kevin Kelly oder mit argwöhnischer Skepsis zur Kenntnis nehmen – nur verhindern wird man es nicht können. Denn die Entwicklung lässt sich nicht aufhalten oder verhindern, allenfalls verzögern oder verlangsamen wie Kelly anhand der ausführlichen Auseinandersetzung mit den Amish-People darlegt.

Was tut der Mensch nun?

Ob angesichts der Unausweichlichkeit von bestimmten Entwicklungsschritten (Sprechen, Schreiben, Agrar, Maschinenkraft, Industrie, Computer) Erfinder überhaupt Verantwortung für ihre Erfindung übernehmen können, bleibt zweifelhaft. Zumal sich für den Großteil der Entwicklungen (Entdeckung, Erfindung) mehrere Urheber ausfindig machen lassen. Diese haben in einem überschaubaren Zeitfenster (früher wenige Jahre, heute wenige Monate) die selbe Entdeckung oder Erfindung gemacht, völlig unabhängig voneinander. Man könnte auch sagen: „Die Zeit war reif, und die Entdeckung oder Erfindung unausweichlich und die konkrete Person war reiner Zufall.“

Der Mensch wird so indirekt wieder ein Stückchen von seinem selbstgeschaffenen Gottespodest gestoßen und als Nebenwirkung zum Erfüllungsgehilfen einer abstrakten Entwicklung degradiert. Aber – und diesen Punkt betont Kelly mehrfach – wozu dient all das eigentlich: Die Menge der Möglichkeiten wächst. Heute hat selbst der ärmste Taxifahrer mehr Optionen zur Auswahl als beispielsweise ein König vor 200 Jahren. Auch wenn der Mensch also nur noch eine Randnotiz in diesem „Spiel ohne Ende“ ist, so profitiert er direkt davon, denn er oder sie kann aus einer jährlich wachsenden Menge aus Möglichkeiten oder Optionen wählen. Die Möglichkeit, selbst auszuwählen, ist per se etwas Gutes, und wenn die Auswahlmöglichkeiten immer mehr werden, so ist das sogar noch besser … Oder?

Dass Menschen verschiedene Strategien entwickelt haben, die Vielzahl der Auswahlmöglichkeiten für sie wieder handhabbar zu machen, ist Kelly natürlich bewusst. Jeder trifft individuelle Entscheidungen, welche Optionen er oder sie nutzen möchte oder nicht. Andere – wie die Amish – treffen kollektive Entscheidungen. Allein die Tatsache, dass die Menschen die Wahl haben (und jedes Jahr mehr davon), ist ein Fortschritt. Nicht unbedingt ein Fortschritt für die Einzelperson, aber für die Gesellschaft als Ganzes, für die Evolution, für die weitere Entwicklung des Techniums.

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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