Was tun Helden?

Jetzt wird „Spider Man“ schon auf Kabel 1 verramscht, und dabei fällt mir etwas auf: Amerikanische Superhelden sind ziemlich arme Kreaturen. Ihr Zweck, ihre Lebensaufgabe besteht immer nur darin, irgendetwas zu beschützen.

Historisch gesehen ist es beeindruckender, etwas Neues zu erschaffen, als das Alte nur zu bewahren. Amerikanische Superhelden erschaffen nichts, sie hinterlassen nichts, sie verteidigen immer nur. Damit können sie immer nur so interessant sein wie ihre Gegner. Das zeigte sich besonders gut an den Batman-Filmen. Je besser und überzeugender die Bösewichte, desto interessanter war der entstehende Film.

Die Bösewichter erschaffen etwas. Norman Osborne eine Killermaschine oder der Joker einen bizarren Lifestyle. Der wahnsinnige Wissenschaftler oder die schlimme Bedrohung durch selbstsüchtige Megalomanen gehören zum Standardrepertoire.

Eine hypothetische Frage: Müsste Peter Parker wählen, ob er seine Fähigkeiten in den Dienst der Wissenschaft stellen oder weiter allein gegen immer wieder auftauchende Schurken kämpfen will – wie würde er entscheiden? Denn taucht einmal kein Bösewicht auf, verliert er seinen Lebenszweck, seine Lebensaufgabe, sein Ziel im Leben.

Dieses Grundprinzip gilt für die meisten Superhelden und verrät viel über die Psyche der amerikanischen Gesellschaft. Eine stete Bedrohung fürchtend benötigen sie Waffen, um sich zu verteidigen, eine Armee, um Bedrohungen „rechtzeitig“ abzuwenden, ein wenig Wissenschaft, um vor Bedrohungen gewarnt zu werden – damit sie sich rechtzeitig in Sicherheit bringen können.

Das Bewahren und Verteidigen des Ist-Zustands hat einen höheren Stellenwert als das Infragestellen von Grenzen, als das Leben einer eigenen Vision, als das Erschaffen einer neuen Welt. Das Neue wird immer nur dann toleriert, akzeptiert, wenn es nicht mehr als das Neue erkennbar ist.

Deshalb gehört in jeden Superhelden-Film mindestens eine Szene, in der der Superheld als Bedrohung befürchtet wird. Der zynische Chefredakteur des „Daily Bugle“ ist eine überzeichnete Version dieses Topos.

Das Ziel des Superhelden-Films ist erreicht, wenn der Superheld als Held etabliert ist – er ist also nicht mehr das Neue, sondern hat etwas anderes Neues, was als bedrohlich (größere Bedrohung) wahrgenommen wird, besiegt. Im Sequel (spätestens im dritten Teil einer Superhelden-Filmserie) wird der erwähnte Topos des Superhelden als Bedrohung durchgespielt: Wenn es dem Pinguin gelingt, Batman als fragwürdig und bedrohlich darzustellen, wenn es Venom gelingt, Spider Mans Ruf zu beschädigen. Der Superheld triumphiert letztlich natürlich wieder, indem er den Ist-Zustand (seinen nun etablierten Ruf) wieder herstellt.

Arme Würstchen, diese Superhelden.

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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