Orson Welles

Im Sommer wäre Orson Welles 95 Jahre alt geworden. Anfang Oktober wäre sein 25. Todestag. Genügend Anlass, sich mit der spannendsten Figur der Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts eingehender zu beschäftigen. Dazu schreibe ich an einem Artikel, und dabei fällt mir auf, wie unvollkommen, die Sprache ist, diesem Mann gerecht zu werden. Also habe ich mich hingesetzt, und diese kleine Quasi-Dokumentation kompiliert.


Orson Welles (1915 – 1985) from Alexander Florin on Vimeo.

Insbesondere die Bedeutung von Shakespeares Werken, Welles’ Stimme sowie die Bedeutung von Fragmentierung für seine Werke werden thematisiert. Mit etwa 25 Minuten bietet mein Filmchen einen Einstieg in das Thema „Orson Welles“ und dient als Appetitmacher, sich eingehender mit dessen Werken zu beschäftigen.

Die verwendeten Ausschnitte illustrieren die inhaltliche Darstellung und sind – soweit mir bekannt – frei verfügbar. In den meisten Fällen habe ich sie auch eingekürzt.

Erstellung des Films mit iMovie

Achja, dies ist mein allererstes eigenes Video (Ausstattung: im Laptop eingebaute Kamera und Mikrofon, Apple iMovie), also ist konstruktive Kritik mehr willkommen als Spott und Häme. Zu jedem verwendeten Ausschnitt, zu jedem Satz könnte ich noch lange Aufsätze formulieren. Viele Aspekte, Werke und Anekdoten werden nicht erwähnt. Dafür gibt es genügend Bücher über Welles. Hier drei der von mir geschätzten (Amazon-Links):

Zahlreiche Hörspiele lassen sich online hören: Mercury Theater online. Zahlreiche Radiosendungen hat das Online Archiv gespeichert. Viele Filme sind als DVD verfügbar (Amazon-Links): Citizen Kane (Restaurierte Fassung), Der Prozess (Arthaus Premium Edition – 2 Discs), Macbeth (Arthaus Premium Edition – 2 DVDs), F wie Fälschung, Der dritte Mann (Arthaus Premium Edition – 2 DVDs) (nur Darsteller), Ich & Orson Welles (Regie: Richard Linklater, 2008). Leider ist der hochgradig sehenswerte „Falstaff“ („Chimes at Midnight“) nur über umständliche Importkanäle zu beziehen :-(((

Das Redescript

Natürlich ergibt das Redescript nur dann wirklich Sinn, wenn es mit den passenden Film- und Trailer-Ausschnitten kombiniert ist.

Wer Orson Welles verstehen will, kommt um Shakespeare nicht herum. Shakespeares Werke haben ihn sein gesamtes Leben begleitet, und nicht immer hat Welles eine Theaterbühne gebraucht, um ihn würdig zu präsentieren. Shakespeares Verse waren Welles Lohn genug, er trug sie gern vor: in geselliger Runde, in einer Radiosendung oder – wie hier Shylocks Monolog aus „Der Kaufmann von Venedig“ – auch einfach allein vor der Kamera.

Von frühester Kindheit bis ins hohe Alter war Welles dem englischen Barden verbunden. Schon in der Schule inszenierte Welles Shakespeare-Stücke. Später brachte er mit großem Erfolg den Voodoo-Macbeth auf eine New Yorker Theaterbühne und wenig später „Caesar“, das als eine der bedeutendsten Shakespeare-Inszenierungen auf US-amerikanischem Boden gilt.

Einblicke in die Entstehung von „Caesar“ bietet der Film „Ich und Orson Welles“, der dieses Jahr endlich in die Kinos kam. Der 17-jährigere Richard – dargestellt von Zac Efron – blickt dabei hinter die Kulissen einer Welles-Produktion.

Mit heiterer Unbekümmertheit taucht er ein in Welles’ Theaterwelt. Während Richard als Figur fiktiv ist, sind die Ereignisse um ihn herum umso realer. Wir erleben Welles als genialen und von sich überzeugten Tyrannen, aber auch als Mensch.

Neben den Erfolgen auf der Theaterbühne war Welles in den 1930er Jahren eine markante Stimme im Radio. Nicht nur seine eigenen Hörspiele, sondern auch zahlreiche andere Sendungen lebten von seiner markanten Stimme. Obwohl noch jung an Jahren besaß seine Stimme bereits die Tiefgründigkeit und die Autorität gestandener Männer. Oft sprach der junge Welles Charaktere, die seine Väter oder Großväter hätten sein können. Zahlreiche der Hörspiele und Radiosendungen sind erhalten, sodass die markanteste Stimme des 20. Jahrhunderts auch heute noch zu erleben ist.

Das Markante an Welles’ Stimme sind ihre Substanz, ihre Energie, ihre Tiefe. Wer genau zuhört, erkennt, das Welles schon fast grobschlächtig laut sprach. Die Stimme war ideal für Theater und Radio, denn die tatsächliche Lautstärke variierte kaum. Nur die gefühlte Lautstärke. Sollte die Stimme leiser klingen, ohne tatsächlich viel leiser zu sein, nahm Welles etwas Energie heraus. Auch Pausen reduzierten die gefühlte Lautstärke. So war bei der damaligen Radioqualität – und später auch beim Film – stets gewährleistet, dass Welles Worte nicht untergingen. Sein Wisconsin-Akzent gab der Stimme genügend Natürlichkeit, ohne an Verständlichkeit zu verlieren.

Es wäre natürlich banal, Welles’ frühe Erfolge nur auf seine Stimme zu reduzieren. Aber ohne diese Stimme wäre er wohl kaum so früh erfolgreich gewesen. Diese Stimme verlieh ihm die Präsenz, die eine Theaterbühne verlangt und die im Radio unverzichtbar ist.

Mit seinem ehemaligen Schulleiter gab Welles selbst eine Shakespeare-Edition heraus, die für den Schulunterricht optimiert war und den programmatischen Titel trug „Everybody’s Shakespeare“. Mit Skizzen wurden Szenen verdeutlicht, nützliche Anmerkungen erleichterten es Schultheatern, die Stücke selbst aufzuführen, und Kürzungen oder Änderungen blieben dem Geist der Stücke verbunden.

Wie frei Welles Shakespeare-Texte bearbeitet, ist gut an seiner „Macbeth“-Verfilmung zu erkennen. Es ist fast zwecklos, sich den Originaltext danebenzulegen, zu viele Passagen wanderten an andere Stellen, drei Figuren tilgte Welles aus dem Stück und fügte dafür eine neue ein. Ein Priester übernimmt Sätze von den gestrichenen Figuren. Was 1948 als Sakrileg angesehen wurde, ist heute ein lebendiger Beweis für Welles’ Verständnis. Shakespeare muss leben! Von allen „Macbeth“-Verfilmungen wirkt Welles’ Version trotz ihrer budgetbedingten Beschränkungen am vitalsten und lässt die Charaktere nicht wie fremdbestimmte Bühnenfiguren auf der Leinwand umherwandeln.

Bereits mit seinem ersten Film „Citizen Kane“ sicherte sich Welles seinen Platz in der Filmgeschichte. Technisch versiert und mit shakespearscher Tragik wird das Leben von Charles Foster Kane aufgerollt. Die Dramaturgie orientiert sich am Hörspiel, zahlreiche Theatereffekte – wie Auf- und Abblenden zum Szenenübergang – lassen Welles’ künstlerische Herkunft erkennen.

Seine frühen Erfolge gaben Welles das künstlerische Selbstbewusstsein, das oft als Ego diffamiert wird. Wie jedem Tyrann – und auch jedem guten Künstler – sind Welles Kompromisse verhasst. Heute lässt sich leider nicht mehr rekonstruieren, warum genau   Welles sein zweites Filmprojekt „The magnificient Ambersons“ in der Schlussphase aufgab und verstümmeln ließ. Die erhaltenen Fragmente lassen erahnen, welche Vision er für den Film, in dem er nicht selbst mitspielte, verfolgte.

Wie auf der Theaterbühne oder bei seinen Hörspielen wurde die künstlerische Freiheit bestimmend für Welles. Er wollte sich nicht von anderen in seiner Vision beirren lassen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass er ein ökonomischer Visionär war. Seine eigenen Filme überschritten ihre Budgets kaum, die Vision orientierte sich an den Möglichkeiten. Oft genug entstand gerade aus den gesetzten Schranken ein Meisterwerk wie „Der Prozess“, wo kurz vor Beginn der Dreharbeiten ein Produzent absprang und das gesamte Projekt neu geplant werden musste. Der entstandene Film ist vor allem in seiner fragmentierten Ästhetik und freien Bearbeitung des Romans ein treffendes filmisches Äquivalent. Auch dieser Film erscheint nun endlich in einer würdigen Aufmachung auf DVD.

Nicht so gut ist es um „Othello“ bestellt, an dem Welles mehrere Jahre lang drehte. Mit Gagen aus Auftritten in anderen Filmen finanzierte er seinen eigenen Film. Eine der bemerkenswertesten Zwischenstationen legte er mit seiner Rolle in „Der dritte Mann“ hin. Bei „Othello“ hangelte er sich von Katastrophe zu Katastrophe. Seine Versiertheit mit der Textvorlage und sein Verständnis für Shakespeare ließen ihn jedoch nicht verzagen. In manchen Momenten möchte man von „Genialität“ sprechen. So verlegte er kurzerhand die Mordszene in ein Badehaus, weil die Kostüme noch nicht am Drehort eingetroffen waren. Das lässt diese Szene nachdrücklicher und eindringlicher wirken als es eine kostümierte Fassung je könnte. Dialoge wurden zum Teil mit dem Abstand von Monaten gedreht. Wie ein Gedächtniskünstler wusste Welles genau, welche Aufnahmen bereits gedreht waren und wie demzufolge die komplementären Aufnahmen auszusehen hätten.

Leider gibt es von „Othello“ mehrere verschiedene Fassungen, von denen keine der tatsächlichen Kinoversion aus den 1950er Jahren entspricht. Erschwerend kommt hinzu, dass in den 90er Jahren eine restaurierte Fassung erstellt wurde, die sehr frei mit Welles’ Filmmaterial umging. Nicht nur wurde das Bild „überkorrigiert“, vor allem die Tonspur wurde verändert, beispielsweise komplett andere Musik verwendet. Auch die offenbar beabsichtigte Asynchronität von Bild und Ton wurde berichtigt, obwohl man bei einem Regisseur, der jahrelange Hörspielerfahrung besaß, doch eigentlich unterstellen kann, dass diese „Fehler“ beabsichtigt worden waren.

Ob er sich einem Massenpublikum verpflichtet fühle, wurde Welles in einer Publikumsdebatte einmal gefragt. „Wenn ich eines hätte, würde ich mich ihm verpflichtet fühlen“, antwortete er. Mit „Star Wars“ wäre seine Stimme beinahe noch einmal einem jungen Massenpublikum bekanntgeworden, doch George Lucas entschied sich letztlich doch dafür, James Earl Jones die markante Darth Vader-Sprechrolle zu geben. Ansonsten kannte das jüngere Publikum in den 1970er Jahren Welles vorwiegend als häufigen Gast in TV-Sendungen und Werbespots.

Seinem „Falstaff“, auch bekannt als „Chimes at Midnight“, blieb das Massenpublikum fern. Dabei gab er sich in dem Film als alternder Falstaff die größte Blöße, dichter kommt man vermutlich an Welles nie heran. In dem Film, der aus fünf Shakespeare-Stücken kompiliert wurde, revolutionierte er, wie Schlachten auf der Leinwand dargestellt werden: nicht als episches Gemälde, sondern als Gesamteindruck zahlreicher fragmentierter Einzelmomente. Was den Produktionsbedingungen geschuldet war, hat zahllose Regisseure beeinflusst und die Filmästhetik geprägt.

Entgegen der ersten Vermutung erscheint der alte Welles nicht verbittert. Mit Charme und Witz umschmeichelt er weiterhin das Publikum. In seiner Freizeit plant er neue Filme und Projekte. Sein Nachlass, den seine Lebensgefährtin Oja Kodar verwaltet, enthält zahllose Fragmente und Filmskizzen. Auch größere Projekte wie „The other Side of the Wind“ oder „The big brass thing“ scheinen wieder möglich. Doch ersteres wird aufgrund der verworrenen rechtlichen Situation mit den Finanziers kurz vor der Fertigstellung abgebrochen, zweiteres wird erst 1999 von einem anderen Regisseur erfolglos verfilmt.

Es ist im Rückblick erstaunlich, wie sehr ein technisch so virtuoser Regisseur gleichzeitig von der Technik abhängig ist. Von „Der Kaufmann zu Venedig“ verschwinden Filmrollen, sodass der Film nicht fertiggestellt werden kann. Bei „The Deep“ ist die Tonspur unbrauchbar, und ein Darsteller verstirbt, sodass dieser Film ebenfalls nicht fertiggestellt werden kann. Für „Don Quichotte“ filmte Welles über Jahre Material, wechselte Besetzungen aus, änderte das Konzept und schrieb das Drehbuch um. Dennoch ist uns heute nur ein großes Filmfragment erhalten, das Welles eigentlich nicht würdig ist. Vor allem deshalb nicht, weil das vorhandene Material versucht wurde, sinnergebend und ordnungsstiftend zusammenzustellen, ohne letztlich Welles’ Vision tatsächlich zu kennen oder aufgrund der zahlreichen Lücken berücksichtigen zu können.

Welles selbst beherrscht seine Fragmente und kann sie in überraschender Weise zu neuem Sinn fügen: als Kunstwerk. So zerlegte er mit seinem Ko-Autor Herman Mankiewitz die Handlung von „Citizen Kane“ in einzelne Episoden, die durch die verschiedenen Erzähler zusammengefügt werden. Bei Macbeth und Othello jonglierte er die Verse so umher, dass sie eine schlüssige Filmhandlung ergaben. Bei „F für Fälschung“ trieb er die Fragmentierung bzw. Rekonstruktion von Sinn auf die Spitze. Kein Spielfilm, sondern ein Filmessay über Fälscher entstand unter seinen Händen am Schneidetisch. Dieser Film allein bezeugt Welles’ Können und Fähigkeit, aus zahllosen Einzelteilen und scheinbar nicht zusammengehörenden Elementen etwas Neues zu kreieren, das nicht nur Sinn ergibt, sondern unterhält.

So bietet Orson Welles auch 25 Jahre nach seinem Tod noch genügend Beschäftigung. Weder ein zehnstündiger Film noch eine tausendseitige Abhandlung können das Phänomen Welles wirklich erklären. Der Mann hat mit seinem Hörspiel „Krieg der Welten“ 1938 Radiogeschichte geschrieben, mit zahlreichen weiteren Hörspielen und Hörspielreihen bis in die 1950er das Radiopublikum vor den Geräten gefesselt. Auf der Bühne schuf er Klassiker des Theaters mit „Caesar“ in New York und „Falstaff“ bzw. „Chimes at Midnight“ in London. Mit „Citizen Kane“, „Falstaff“, „F wie Fälschung“ und seinen anderen Filmen gilt Welles als einer der einflussreichsten Filmregisseure. Nicht in dem Sinne, dass er Einfluss gehabt hätte, sondern in dem Sinne, dass andere Filmemacher von ihm lernten. Auch war er nicht nur Gast in TV-Sendungen, vertrat Johnny Carson und füllte Werbepausen. Welles schuf mit „The Fountain of Youth“ auch eine ganz neue Art, Geschichten im Fernsehen zu erzählen.

In allen Medien des 20. Jahrhunderts hinterließ Welles seine Spuren, nicht nur mit seiner Stimme, sondern auch mit seinen eigenen Werken. Man kann ihn nicht genug preisen und loben. Doch hinter all den Werken von Welles scheint der Mensch Orson zu verschwinden. Oder lugt er nur zwischen all den Hörspielen, Theaterinszenierungen, TV- und Radiosendungn und Filmen hervor? Eine spannende Reise erwartet jeden, der sich auf diesen Mann einlässt.

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Alexander Florin
Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de

4 Kommentare

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