Kitsch ohne Rührung

Ein romantisches Drama hätte „The Lucky One“ werden können oder sollen. Aber es wollte einfach weder Romantik noch Rührung aufkommen, und das Drama war keines. An den Beteiligten liegt es nicht. Das Drehbuch wollte einfach nicht funktionieren.

Das Gute: Bilder, Darsteller

Die Bilder sind von erlesener Schönheit und arbeiten sehr beeindruckend mit Fokus und Unschärfe. Obwohl es sich um keinen 3D-Film handelt, haben die Bilder stets eine gute Tiefenwirkung und eine bezaubernde Farbstimmung. Wunderschöne Landschaftsaufnahmen beweisen, dass es keine spektakulären Naturwunder benötigt, sondern mit einem neugierigen Auge überall Schönheit existiert. Ein wunderschöner Augenschmaus.

Zur optischen Attraktivität tragen auch die Darsteller bei. Glücklicherweise ist dies nicht die Zac-Efron-Version von „Rendezvous mit Joe Black“ geworden. „Joe Black“ kann man durchaus als Brad-Pitt-Porno bezeichnen, so verliebt inszenierte die Kamera Brad Pitt und seinen Körper. Bei „The Lucky One“ wissen Kamera und Regisseur zwar ebenso, was sie an Zac Efron haben und an wen sich ihr Film richtet. Aber von einigen fast schon sympathisch körperlichen Szenen abgesehen wird Zac Efron nicht so physisch präsent über-inszeniert. Wenn Beth oder Ellie ihn beobachten, wie er schwere Säcke vom Auto lädt oder etwas repariert, erhält die physische Aktion eine leicht erotische Note; vergleichbar der erotischen Aufladung von Alltagshandlungen in manchen Frauen-Romanen. Aber das Ausmaß ist erträglich, und Zac Efron hat es verdient ;-)

Aber abgesehen von seinem Aussehen kann Zac Efron auch schauspielern und verleiht dieser übernatürlich guten Figur namens Logan Sympathie und Bodenständigkeit. Sonst wäre diese Figur wirklich unerträglich. Ebenso sind Taylor Schilling und Blythe Danner voll überzeugend. Beths Son Ben gehört ebenfalls zu den angenehmen Kindern des Hollywood-Kinos, denn er wirkt unspektakulär natürlich und hat sowohl mit seiner Mutterfigur Taylor Schilling als auch mit Zac Efron eine gute Chemie.

Was man so sieht und hört hätte also vermuten lassen, einen guten Film zu erleben.

 

Das Schlechte: Story, Hektik

Doch was die Bilder an Tiefe aufweisen, fehlt der Story völlig. Es gibt keinen echten Konflikt, auch wenn das Drehbuch etwas anderes behauptet. Der „Bösewicht“ (Beths Ex-Mann und Bens Vater) ist derart überzeichnet, dass es einfach keinen Spaß macht. Zumal sein Handeln nicht motiviert scheint, außer durch das Drehbuch-Erfordernis, einen Bösewicht zu haben, damit es einen Konflikt geben kann. Wieviel schöner hätte dieser Film sein können, wenn er sich einfach auf die Geschichte von Beth und Logan konzentriert und deren Zusammenfinden thematisiert hätte …

So jagt der Film von einem Ereignis zum nächsten. Doch die Ereignisse sind keine. Der Bösewicht holt Ben zum Football-Spiel ab. Kurzer Dialog. Der Bösewicht bringt Ben wieder zurück. Kurzer Dialog. Nächstes Ereignis. Zac Efron hat Taylor Schilling einen Witz versprochen. Sie gehen ein Bier trinken. Kurzer Dialog. Sie gehen das alte Boot ihrer Eltern anschauen. Kurzer Dialog. Nächstes Ereignis. So reihen sich die Ereignisse nur aneinander, ohne sich harmonisch zu einem Ganzen zu fügen. So passiert es, dass einen die langsam keimende Romanze kalt lässt und nicht berühren mag. Weil sie auf ein abzuhakendes Ereignis (bzw. mehrere abzuhakende Ereignisse) beschränkt wird.

Die Figuren haben bei so viel Ereignishaftigkeit keine Zeit für echte Gefühle. Als Publikum fühlen wir uns um die Gefühle betrogen, die wir sonst in kleinen Gesten, Blicken oder scheinbar reglosen Gesichtern selbst (!) entdecken können. Als schönstes Beispiel der Filmgeschichte ist mir die Szene aus „Before Sunrise“ (mit Ethan Hawke und Julie Delpy) in der Hörkabine in Erinnerung, wo sie beide einen alten Song anhören. Ihre Blicke, ihre Körper, ihr Sein gibt so viel Menschlichkeit und Gefühle preis, wie der gesamte „The Lucky One“ nicht seinen Figuren gönnt.

Wir als Publikum haben ständig das Gefühl, dass etwas passiert (und zwar ein äußerlich beschreibbares Ereignis) und dabei werden uns die wahren Ereignisse (Veränderungen in der Gemütswelt) vorenthalten oder durch platte Dialog- oder Bild-Elemente kurz vorgesetzt. Fertig. SCHADE.

Achja, worum es geht. Logan kehrt aus seinem dritten Irak-Einsatz zurück. Er hatte das Foto einer jungen Frau gefunden, das ihn fast schon schutzengelhaft vor dem Tod gerettet hat. Nun sucht er im zivilen Leben ebenjene Frau. Aus irgendwie nachvollziehbaren Gründen (leider werden die nur behauptet, ein paar Filmsekunden mehr Zeit hätte man Zac Efrons Nachdenklichkeit geben können) offenbart er sich der Figur von Taylor Schilling jedoch nicht. Er nimmt eine Arbeitsstelle auf der Hundefarm von Schillings Großmutter (immer hinreißend menschlich-witzig-sympathisch: Blythe Danner) an. Zunehmend freundet er sich sowohl mit Beth als auch ihrem Sohn an.

Der einzige tatsächlich rührende Moment ist Logans und Bens gemeinsamer Auftritt in der Kirche, sie spielen gemeinsam ein Stück auf Klavier und Violine vor. Es gibt mal keinen Dialog, einfach nur die Gesichter – die verraten mehr als jedes Wort … endlich Gefühle zum Selber-Fühlen. Bloß gut, dass diese Szene einmal komplett ausgespielt wird und nicht auf das Ereignis-Nötigste reduziert ist. Beths Ex-Mann, der Scheriff des Ortes, droht ihr, das Sorgerecht für Ben wegzunehmen und ist auch sonst ein übler Gesell, den man ordentlich böse finden muss. Außerdem mag er Zac Efron nicht. Soviel zur Story, überraschend ist lediglich, wie die Story den Bösewicht am Ende loswird. Wieder ein Ereignis, das einen nicht wirklich mitreißt, sondern das man lediglich beobachtet.

Einige Beobachtungen

Boot = Symbol fürs Leben

Schön ist das Motiv des stillgelegten Bootes. Wie Beths und Logans Leben kommt es nicht vom Steg, sondern braucht erst viel Arbeit (vor allem Logans), bis es endlich ablegen kann. Klar, dass die neue Kleinfamilie (Logan, Beth, Ben) am Ende mit dem Boot in ihr neues Leben startet. In einem kleinen Boot, in dem jeweils zwei (Logan und Ben, Logan und Beth – aber nicht alle drei!) Platz finden, haben sie auch schon früher im Film auf dem See herumgeschippert. Aus der Boots- und Wassermetapher hätte man aber mehr machen können. Sie vor allem besser in die Handlung integrieren können.

Die Szenen mit Wasserbezug stehen nicht wirklich in Bezug zur restlichen Handlung bzw. wirken wie reingeklebt, um ein paar schöne metaphorische Bilder zu haben. Würde man sie rausschneiden, würde der Story nichts fehlen. Auch Bens Baumhaus und die mehrfach auftauchenden Brücken sind schöne Metaphernangebote, die aber leider verschenkt werden, da aus ihnen einfach nichts gemacht wird.

Bart = Mann = Sex

Zac Efron darf fast den gesamten Film mit Dreitagebart herumlaufen. Der steht ihm auch gut. Ganz zu Anfang, während der Kriegsszenen im Irak, war er glattrasiert, im zivilen Leben darf er dann bärtig sein. Auf diese Weise wird immer klargestellt, dass er ein ganzer Mann ist: entweder durch Uniform und Waffenbesitz oder durch Bärtigkeit. Zac Efrons Figur Logan ist einfach zu sehr schwiegermütterlicher Traum, aber durch die Dreitagefransen bewahrt er sich etwas männliche Rauheit. Sonst wäre die Figur in all ihrer Gutmenschlichkeit (oder fast Messiashaftigkeit) wirklich unerträglich.

Ben als Kind dagegen ist bartlos. Der Bösewicht darf als Sheriff in Uniform herumlaufen und Waffen tragen. Sein Vater, der Bürgermeister, dagegen nicht. Dieser hat drei Szenen, von denen die letzte besonders im Gedächtnis bleibt, so matschig hilflos wirkt er da. Und man stellt sich unwillkürlich die Frage nach seiner Lippenpflege, so unmännlich weiblich wirken sie. Die Lippen des Bürgermeisters sind der einzige Moment, in dem das Make-up als Make-up sichtbar ist, sonst wird allen Figuren eine natürliche Attraktivität zugestanden. Aber das Bild von Männlichkeit, das diese vier Figuren zeigen, ist interessant.

Übrigens ist, wenn ich nichts übersehe, Bartlosigkeit immer mit Nicht-Sexualität verbunden. Nur bärtige Männer sind echte Männer und dürfen Sex haben – das betrifft natürlich vor allem Zac Efron, aber von den anderen Figuren ist nicht mal im Ansatz ein befriedigendes Privatleben bekannt.

Sonstiges

Lesetipp: Die Rezension von Andreas Staben auf Filmstarts.de, dessen Fazit schließe ich mich an: „The Lucky One“ ist ein wunderschön fotografierter romantischer Bilderbogen mit einem charismatischen Hauptdarsteller. Den ganz großen Gefühlen, die bei einer Nicholas-Sparks-Verfilmung förmlich in der Luft liegen, stehen allerdings erhebliche erzählerische Mängel und eine allzu offensichtliche Formelhaftigkeit entgegen.VG Wort Zählpixel

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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