Zweimal zehn Wochen

In der Reihe „Zehn Dinge“:
Die Euphorie vor Studienbeginn ist mit nichts zu vergleichen. Höchstens mit der Euphorie nach Studienbeginn.

Die letzten zehn Wochen vorm Studium

4. August: Studium ist Zukunft. Eingeschrieben bin ich. Aber sonst ist das Studium für mich noch ferne Zukunft und betrifft mich nicht unmittelbar.

11. August: Recherche. Eigentlich ist jetzt genau die richtige Zeit, mich bei all den Online-Communitys als Student zu registrieren. Beim Stöbern durch die Profile entdecke ich einige interessante Personen. Sieh mal an, Erik aus meiner alten Grundschule studiert das gleiche wie ich – glücklicherweise an einer anderen Hochschule.

18. August: WG finden. Eine Woche lang streune ich durch Berlin, besichtige Zimmer und kleine Wohnungen. Als einzige rufen mich die drei Lesben zurück, dass ich das WG-Zimmer beziehen könnte. Na gut, dann ziehe ich bei denen ein.

25. August: Computer vorbereiten. Ich organisiere mir sämtliche Text-Programme und teste, welches sich am besten tippt. Auch meine MP3-Sammlung sortiere ich um, meine Ballermann-Hits sind eines Studenten einfach unwürdig und verschwinden vom Laptop.

1. September: Urlaub. Nach so viel Vorbereitung ist etwas Urlaub angebracht, wer weiß, wann ich wieder Zeit dafür finden werde. Ein spontaner Kurzurlaub am Balaton ist genau das richtige. Tschüs Provinz!

8. September: Urlaub verlängern. Ich meine, mich dunkel dran zu erinnern, dass es Vorbereitungskurse gibt. Aber am Balaton ist es so schön.

15. September: Eltern erziehen. Meine Eltern konnten sich auch daran erinnern, dass es Vorbereitungskurse gab. Lange Debatte über Pflichten, Verantwortung und Lebensfreude. Dafür haben sie vergessen, wie mein Studiengang heißt. Das lässt mich als moralischen Sieger aus der Debatte hervorgehen.

22. September: Studentenstil entwickeln. Fachpresse, Kataloge und Fashion-Shops informieren gut darüber, was von mir als Student erwartet wird. Mein Budget lässt jedoch keine große Umstellung des Kleiderschrankes zu. Egal, dann bin ich eben Individualist. Ich stelle meinen Garderobenplan für die erste Studienwoche zusammen.

29. September: Umzug. Ich verlade all meine Habseligkeiten, entkomme Muttis Umarmung und räume mein Zimmer in der Lesben-WG ein. Die freuen sich und haben mich bereits im Putzplan eingetragen. Auch geben sie mir einige Kultur-Tipps. So verfliegt diese Woche wie im Flug.

6. Oktober: Letzte Handschläge. Meinen Stundenplan habe ich mir längst zusammengestellt und prüfe noch einmal, ob ich tatsächlich für alle Kurse angemeldet bin. Ich laufe die Wege ab, damit ich mich zwischen den Seminaren nicht verirre. Jedenfalls hatte ich mir das fest vorgenommen. Wenn Berlin nicht so verführerisch wäre, hätte ich das tatsächlich alles getan. Erster Anruf von Mutti. Ja, mir geht es gut.

Illustration: Markus Blatz

Die ersten zehn Wochen im Studium

13. Oktober: Semesterstart. Uiuiuiui. So viele Dinge, die andere für wichtig halten und die ich mir kaum merken kann. Ich hoffe auf die nächsten Wochen und darauf, dass es etwas entspannter wird.

20. Oktober: Der Kampf beginnt. Meine Lesben-WG spricht mir geschlossen Mut zu, und dass ich mich nicht hängenlassen soll. Ich vergrabe mich hinter dem plötzlich angeschwollenen Bücherstapel und bilde mir ein, dass Lesen mich schlauer werden lässt.

27. Oktober: Mut fassen. Mutti ruft an. Es geht mir gut. Ich habe mich das erste Mal in einem Seminar zu Wort gemeldet und wohl etwas nicht allzu Dummes gesagt. Jedenfalls hat keiner gelacht.

3. November: Es geht aufwärts. Onkel Karl ruft an. Es geht mir gut. Warum kann sich keiner in meiner Familie merken, wie mein Studiengang heißt? Übrigens ist das Mensaessen besser als sein Ruf, der Kaffee zuhause schmeckt trotzdem besser. Ja, ich bezeichne meine fröhlichen Mitbewohnerinnen inzwischen als Zuhause.

10. November: Im Lern-Flash. Ich komme kaum aus meinem Zimmer, denn mein erstes Referat ist in vier Wochen fällig. Ich blocke die Anrufe von Bruder, Cousinen, Eltern, Großeltern und anderen Anverwandten ab.

17. November: Scheitern akzeptieren. Mein Lieblingsseminar muss kurzfristig den Raum wechseln. Motiviert irre ich durch die Gebäude. Kurz vor meinem ersten öffentlichen Heulkrampf beschließe ich, dass ich alt genug bin, um mir eine Niederlage eingestehen zu können. Meine erste Fehlleistung als Student!

24. November: Leselust. Mein Konto hält meinen Lese-Ambitionen nicht stand, also muss ich wohl doch mal einen Blick in die Bibliothek werfen. Leider sind alle Plätze besetzt, daher schleppe ich das Dutzend Bücher, das man mir treusorgend zur Verfügung stellen konnte, nach Hause.

1. Dezember: Alltag. Mutti ruft an. Natürlich geht es mir gut. Nur zwei der geliehenen Bücher waren tatsächlich nützlich, ich schleppe die anderen zehn zurück in die Bibliothek. Diesmal erwische ich einen freien Platz und schmökere mich durch den Buchbestand in den Regalen.

8. Dezember: Erstes Referat. Mein tolles Handout wird nur müde von den Kommilitonen zur Kenntnis genommen. Auch der Applaus nach meinen eloquenten Ausführungen bleibt verhalten. Ignoranten! Der Dozent meint, ich hätte vorher in seine Sprechstunde kommen können.

15. Dezember: Weihnachten droht. Die Anruffrequenz meiner Anver- wandten schwillt unanständig an. Ich beschließe, zu Weihnachten alle zu besuchen, die wissen, wie mein Studiengang heißt. Zusätzlich besuche ich meine Eltern. Am zweiten Feiertag fliehe ich zurück nach Berlin.

erschienen in „bus“, November 2008

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Alexander Florin
Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de

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