S-Bahn-Geschichten: Mittwoch

Ihre Bahn

Nach 18 Uhr ist die Bahn meist recht leer. Da findet man problemlos einen Sitzplatz. Um diese Zeit sind sogar Plätze mit guter Ausssicht keine Mangelware. Einen solchen hatte die Frau gewählt. Er war erst später zugestiegen und hatte sich auf die lange Bank am Waggonende gesetzt. Von dort konnte er sie gut beobachten ohne aufzufallen. Es war nicht so, daß er vorgehabt hatte, sie zu beobachten oder sich mit ihr zu beschäftigen, aber sie hatte schnell seine Aufmerksamkeit gewonnen. Ihre Art, wie sie konstant aus dem Fenster in die Dämmerung schaute, dann den Kopf kurz drehte, damit sie einen Blick auf das Wageninnere werfen konnte und sofort die Drehung rückgängig machte. Wie der Kopf eines Vogels ruckte ihr Kopf regelmäßig so, daß sie kurz ins Wageninnere sehen konnte. Er konnte nicht sagen, ob sie ihn wahrnahm; ihre Augen waren ausdruckslos für einen Sekundenbruchteil in die Richtung gewandt, wo er saß. Dieses Kopfzucken und ruckartige Umsehen interessierte ihn.

Ihrem ansonsten konstanten Blick aus dem Fenster schien nichts zu entgehen. Sie hatte die Häuser hier entstehen, abreißen, neu entstehen gesehen. Sie sah, wo heute andere Gardinen hingen, wo eine Firma auf-, wo eine zugemacht hatte. Ihren wachen, scheinbar so uninteressiertem Augen entging nichts . Sie müßte in den letzten dreißig Jähren viel von der Geschichte dieser Stadt an dieser Bahnlinie miterlebt haben, ging es ihm durch den Kopf. Vielleicht waren es auch vierzig oder noch mehr Jahre, er war sich nicht sicher, aber diese Strecke kannte sie auswendig. Heute jedoch schien sie nicht so fröhlich wie früher diese Fahrt zu erleben. Nicht, daß er sie schon einmal gesehen hatte; wann sah man jemanden zweimal in einer Bahn? Aber ihr zuckender Blick und ihre unmerklichen Regungen erzählten ihm Tausende Geschichten.

Diese Bahn war ihr Zuhause. Jahrzehntelang war sie die Strecke gefahren, zu irgendeiner Büroarbeit, morgens hin, abends zurück. In dreißig Jahren kommen über sechstausend Hin- und ebensoviele Rückfahrten zusammen, überschlug er im Kopf. Wenn es irgendjemand wagen konnte, dies als seine Bahn zu bezeichnen, so war es wohl sie. Ihr allein stand dieses Recht zu, es war ihre Bahn. Ihre Bahn, und sie ließ die anderen, die auf Arbeit mußten, mitfahren, gütig wie sie war. Bestimmt wartete jeden Abend ihr Mann auf sie, um sie freudig zu begrüßen, vielleicht trafen sie sich schon am Bahnhof. Sie war ihm eine gute Frau, er war ihr ein guter Mann. Doch in letzter Zeit fuhr sie nur selten. Ihr Gesicht war ein wenig traurig, aber hoffnungsvoll; früher muß es all die Schönheit und Güte offen gezeigt haben, die jetzt nur noch still in ihrem Herzen ruhte. Mit einem Ruck war ihr Gesicht wieder der altbekannten Aussicht zugewandt. Ihr stand es ja auch zu, in ihrer Bahn regelmäßig nach dem Rechten zu sehen.

Sie hatte ihre Arbeit verloren. Doch nach alter Gewohnheit erledigte sie ihre Einkäufe in den Geschäften rund um ihr ehemaliges Büro. Dazu mußte sie in die Stadt fahren, morgens hin und abends zurück. Darauf freute sie sich, schließlich wollte sie ihre Bahn ja auch nutzen.

Sein Bahnhof wurde angesagt. In ein paar Stationen war Endhaltestelle, sie würde also auch bald aussteigen. Gern hätte er weitere Geschichten aus ihr herausgelesen, doch er wollte nicht die ganzen Stationen, bis sie ausstieg, zurückfahren. Am Fenster war schon der Anfang des Bahnsteigs zu sehen. Sie schaute genau hin, stand plötzlich auf, nahm die große Tasche, die neben ihr stand, und ging langsam zur Tür. Ihre Bahn hielt, sie stiegen aus. Froh, daß er sie doch noch ein paar Schritte beobachten konnte, beeilte er sich, die Frau nicht so bald aus dem Blick zu verlieren. Eine junges Paar kam auf sie zu. „Mutti, schön, daß Du endlich ma1 zu uns gefunden hast.“

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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