Neue „Spree“-Ausgabe

Pünktlich zum Semesterstart liegt eine aktuelle „Spree“-Ausgabe aus. Diese steht unter dem frühlingshaften Thema „Nimm mich“. Natürlich meinen wir das nicht so platt und unreflektiert, wie es im ersten Moment klingt ;-)

Meine Beiträge zum Thema:

Editorial

Mit den Beatles fing es an, später kamen Take That, Caught in the Act, Backstreet Boys, Boyzone, Tokio Hotel und nun Jus­tin Bieber. Mädchen und junge Frauen schreien sich die Stimmbänder wund und heulen sich die Augen aus. Selbstgemalte Plakate versprechen Liebe, Paarungsbereitschaft und Treue. Von anderen als Schwärmerei abgetan, meinen die Mädchen ihr bedingungsloses „Nimm mich“ aber ernst. Und die Jungs in der Band wissen das.

„I wish it was me you chose“, singen Scouting for Girls auf ihrem Debütalbum. Das ist nicht nur an die besungene Dame gerichtet, sondern auch an die Mädchen im Publikum. Auf dem zweiten Album berichten zwei Songs recht direkt von One-Night-Stands. Doch eigentlich lebt die sexuelle Spannung zwischen Publikum und Stars nur von der Illusion der Erfüllbarkeit. Die bei Boybands obligatorischen Tanzeinlagen bestätigen das; schon Woody Allen wusste: „Tanzen ist der vertikale Ausdruck einer horizontalen Begierde.“ Berichte über die tatsächliche Erfüllung solcher – durchaus beiderseitigen – Begierden sind selten.

Im Frühling kochen die Hormone hoch, und jeder sehnt sich danach, nicht allein zu sein. Und das ist selten auf überfüllte Seminarräume bezogen.

„Nimm mich“

Klischees bestimmen, was wir von anderen denken.
Das kann von Vorteil oder Nachteil sein.
Wer Klischees für sich nutzt, profitiert.

Lehrer sind sexy. Jedenfalls aus Sicht von Schülerinnen und Studentinnen. Die Schwärmerei der Mädchen und jungen Frauen ist zum Klischee erstarrt. Umso überraschender ist es, wenn wir in der Realität Fällen begegnen, die uns bestätigen, dass das Klischee stimmt. Aber gilt das letztlich nicht für alle Klischees?

Klischees leben dadurch weiter, dass sie ein Korn Wahrheit enthalten, dass jeder genügend Beispiele kennt, in denen sie zutreffen. Aber Klischees sind nur Tendenzaussagen. Man sollte sie nie für eine Wahrheit halten. Nur weil es in Hollywoodfilmen in traurigen Szenen immer regnet, bedeutet das nicht, dass bei Regenwetter die Freundin oder der Freund Schluss machen wird.

Es gibt viele Gründe, warum ein Klischee in einer konkreten Situation nicht stimmen muss. Die Frau, die allein in der Disko tanzt, sucht möglicherweise nicht unbedingt einen Mann. Vielleicht braucht sie nicht mal einen Mann, sondern würde lieber mit einer anderen Frau tanzen. Vielleicht will sie nach einer anstrengenden Woche einfach nur ihren Körper neu spüren. Vielleicht hat sie wider besseres Wissen eine angebotene Pille doch genommen. Aber vielleicht würde sie sich doch freuen, wenn ein Mann sie endlich anspräche. Andererseits sind Klischees ungemein nützlich im Alltag. Letztlich konfigurieren sie unsere Vorannahmen, mit denen wir anderen begegnen.

Balztanz auf der Lebensbühne

Singles auf der Suche sehen jede Person als potenziellen Partner und baggern drauflos. Auch das ist ein Klischee. Etwas realistischer betrachtet suchen Singles nach Signalen, um das Interesse eines potenziellen Partners abzuschätzen. Zunächst gilt jede Person als potenzieller Partner, ob für eine Stunde, eine Nacht oder den Rest des Lebens. Aber sofort wird aussortiert: nach Geschlecht, Alter, Haarfarbe, Kleidungsstil, Körperhaltung, Beziehungsstatus, sozialem Verhalten und unangenehmen Gewohnheiten wie Nasebohren.

Scheitert das Gegenüber nicht grundsätzlich in dieser ersten Bestandsaufnahme, folgt die eigentliche Herausforderung. Die Kontaktaufnahme. Jede Geste, jeder Satz, jeder Gesichtsausdruck signalisiert Verfügbarkeit. „Nimm mich.“

Die Klischeefalle

Wer es dabei übertreibt, löst auf der Gegenseite allerdings eher Fremdschämen als Interesse aus. Die Peinlichkeit der Verzweifelten resultiert daraus, dass sie jede Person gleichermaßen begehren. Hauptsache verfügbar. Ich Mann, du Frau – wir poppen! Dass diese Rechnung nicht aufgeht, erleben sie zwar, merken es jedoch nicht. In der Bahn, im Seminar, selbst im sonst so aufgeschlossenen Internet sind sie selten erfolgreich. Vor lauter „Nimm mich“-Verzweiflung vergessen sie, dass es ja eigentlich nicht um sie geht. Es geht auch nicht um die andere Person. Letztlich geht es um die Zeit, die man miteinander teilt.

Gerade bei der Umwerbung von Partnern tappen viele in die Klischee-Falle. Zyniker sprechen bei einem Abendessen mit Kerzenschein abgeklärt von einem „Candlelight Dinner“. Romantiker freuen sich über das schummrige Licht und wissen, dass so ein Essen nicht unbedingt als Vorspiel gelten muss. Die Atmosphäre und das Gespräch entfalten ihren eigenen Reiz und verleihen dem Abend eine Erotik, gegen die der tatsächliche Sex fast profan wirkt.

Vorteil der Vorurteile

Der Vorteil von Klischees liegt auch darin, dass sie für alle gelten. Die selbe Voreingenommenheit, mit der wir anderen begegnen, können wir zu unserem Vorteil nutzen. „Kleide dich nicht danach, wer du bist, sondern danach, wer du sein willst“, lautet ein Karriereratschlag. Die Frage, wer man sein will, wird zwangsläufig von Klischees mitbestimmt. Das gilt auch für das Verhalten oder die Art zu reden. Erfülle die Klischees, auf die du auch anspringen würdest, wenn du auf der Suche bist.

Sollte einmal die falsche Person auf dich anspringen, kannst du in die ersten Sätze beiläufige Aussagen über einen Elternteil oder den Ex-Partner einflechten. Dem Klischee gemäß erkennt der Gegenüber sofort, dass du noch kein gutes Beziehungsmaterial bist und wird von dir ablassen.

Doch steigert sich das „Nimm mich“-Angebot in eine grenzenlose Schwärmerei, sind subtile Hilfsmittel zwecklos. „Don’t stand so close to me“, bat Sting, der früher auch als Lehrer arbeitete, eine Schülerin. Aus Mädchensicht scheint der Lehrer genau zwischen Daddy und Boyfriend zu liegen – das macht ihn zum idealen Ehemann. Wie die kreischende Meute bei Boygroup-Konzerten sind sie zu allem bereit: ewige Liebe, bedingungslose Treue, hemmungsloser Sex. Doch der Wunsch „Nimm mich“ lebt immer auch ein wenig von seiner Unerfüllbarkeit.

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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