Die zwei Seiten des Internet

In der Reihe „Zehn Dinge“:
Internet ist toll. Oder auch nicht.

Es ist toll, Internet zu haben.

Das ganze Universum spricht mit mir. Chatprogramm gestartet oder bei meiner Community eingeloggt – schon treffe ich neue Menschen, kann mit Bekannten die Bekanntschaft vertiefen und neue Dinge lernen.

Das Wissen der Welt liegt mir zu Füßen. Die Suchmaschine meiner Wahl findet immer, was ich wissen will. Oft sogar mehr. Sehr viel mehr. Die neueste Musik aus Harlem bündele ich mit der Reiseverbindung nach Tallinn.

Noch nie war Rache so effektiv. Es gibt Idioten, die mich enttäuscht haben, das darf die ganze Welt erfahren – mit Name und Hausnummer. Blöderweise habe ich zwar kein passendes Foto zur Hand, aber mit einer Bildbearbeitung kann ich auch optisch ausdrücken, was ich empfinde.

Einsame Stunden müssen nicht einsam sein. Egal welcher Community ich mich anschließe, letztlich geht es nur um das Eine – also kann ich das Blabla vor dem Eigentlichen überspringen. Mit etwas Glück erweitere ich meinen Erfahrungshorizont in ungeahnte Regionen.

Studieren kann ich überall. Die Erfindung des eLearning, Webinare, Online-Vorlesungen und die Moodlesierung des Studiums machen den Studentenalltag so einfach wie noch nie.

Die ganze Welt kann meine Schokoladenseite sehen. Auf meiner Homepage erfährt die Welt, wie es mir geht, was ich für ein toller Mensch bin und was ich alles Tolles vollbracht habe. Auch die Profilseiten in zahlreichen Communitys preisen die Vorzüge, die es hätte, mich zu kennen.

Wenn ich will, kennt mich keiner. Das wirklich und wahrhaftig Tolle am Internet ist: Ich muss niemandem in die Augen sehen, wenn ich ihm oder ihr sage, was ich tatsächlich denke. Ich kann einfach so tun, als wäre ich eine verruchte einsame Lady, ein charmanter Börsenmakler oder der Pudel der Queen – und keiner kann mir das Gegenteil beweisen.

Es ist nirgends so schön wie daheim. Deshalb will ich hier nie wieder weg. Es gibt Online-Lieferdienste für alles: Pizza, Möbel, Klamotten, Bleistifte, Dübel, Kondome, Fahrradflickzeug, Computerersatzteile, Fischfutter, Diätpillen. Das Leben wird sogar billiger, denn Deo, Rasierzeug, Kämme brauche ich nicht, schließlich kann ich meine Freunde online treffen.

Am Rechner sitzen hat ja immer was von Arbeit. Ob ich nur zweckfrei und ziellos chatte oder die Weltformel analysiere – mein Tun sieht wichtig aus. Ich habe kein schlechtes Gewissen, wenn eine kurze „Ich schau nur kurz nach eMails“-Aktion zur durchgesurften Computernacht wird.

Ich bin einfach „in“. Die Generationen Golf, Ally, Retro, Praktikum sind „out“. Wer heute tatsächlich „in“ sein will, braucht Profile bei mindestens zwei Dutzend Communitys. Die Generation „Zweites Leben“ findet sich online, lebt dort und belächelt die Offline-Welt.

Illustration: Markus Blatz

Es ist toll, kein Internet zu haben.

Mein Leben ist real. Ich hyperventiliere nicht, wenn es irgendwo keinen W-Lan- oder Mobilfunkempfang gibt. Ich kann smiley- und *grins*-frei reden. Neulich habe ich sogar einen realen neuen Freund gefunden.

Ökologie ist mir wichtig. Es heißt, eine Google-Anfrage verbraucht so viel Strom wie eine Energiesparlampe in einer Stunde. Mein Bücherregal ist effektiver – was ich da im Lampenschein in einer Stunde alles finde!

Ehrlichkeit ist eine Tugend. Wenn mir etwas nicht passt, sage ich das dem Betroffenen ins Gesicht. Es kostet Überwindung, aber meist ist es das wert. Noch nie habe ich mich auf einer Party als „Hitman“ oder „Puschelmaus“ vorgestellt – wer mit mir spricht, darf mich mit Namen anreden.

Der Schlaf ist ruhig und entspannt. Wenn etwas wichtig ist, melden es die Nachrichten, oder ich bekomme einen Anruf. Ohne das Gefühl, etwas Wichtiges zu verpassen, kann ich mich abends ins Bett legen und brauche vor dem Frühstück nicht hektisch nach eMails zu schauen.

Ich brauche weder Viagra noch Brustvergrößerung. Glücklicherweise wurde die eMail erfunden – dieses ständige „Dingdong, hier kommt der Viagra-Mann“ würde einen ja wahnsinnig machen.

Mein Toaster hustet nicht. Keine Technologie ist perfekt, aber wenn schon gewöhnliche Viren eine ganze Stadt lahmlegen können, will ich mir ernsthafte Krankheiten gar nicht vorstellen. Niemand würde sich einen hustenden Goldfisch zulegen – warum potenziell kranke Technik?

Schäuble kann ich nicht leiden. Keine Daten werden irgendwo über mich erhoben. Nirgendwo hinterlasse ich virtuelle Fußspuren, kein digitaler Schatten begleitet mein Tun. Wer etwas über mich, meine Interessen und Ansichten wissen will, muss entweder mich oder meine Bekannten direkt fragen. Ätsch.

Die Region wird gestärkt. Sicher kann ich Bücher online bestellen, aber der Buchladen um die Ecke lädt zum Stöbern, Entdecken und Schmökern ein. Wer sich umschaut, entdeckt schnell, dass es alles auch in Reichweite gibt – niemand muss irgendwelche Produkte vom anderen Ende der Welt bestellen. Mein Beitrag zur Anti-Globalisierung.

Fitness ist mir anzusehen. Wenn ich etwas benötige, gehe ich einkaufen. Mit einem Buch setze ich mich in den Park, oft treffe ich mich mit Freunden, am Wochenende mache ich eine Radtour. Ich bin so viel unterwegs – meine Fettzellen haben keine Gelegenheit, mich zu verunstalten.

Ich bin lebendig. Das Gerede vom „Zweiten Leben“ soll doch nur darüber hinwegtäuschen, dass die Menschen sich vom wahren Leben entfremdet fühlen. Ein gesunder Geist braucht kein falsches Leben im echten.

erschienen in „bus“, April 2008

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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