Frisch an die Uni

In der Reihe „Zehn Dinge“: der Studienanfang.
Heute ist alles besser. Oder vielleicht war es auch früher besser.

Heute

Alles ist klar. Endlich entschied ich mich, warum, was und wo ich studiere. Dann ging alles schnell: Bewerben, Unterlagen organisieren, Uni besichtigen, Unterkunft suchen, erster Studientag. Ich weiß nicht, warum es heißt, dass man das erste Semester zur Orientierung ver(sch)wenden sollte.

Raumpläne studieren. Nachdem der Bachelor-Stundenplan wenig Spielraum lässt, blieb nur noch die Frage der Raumwechsel. Google-Maps, Faltpläne, Online-Raumpläne und Durchfragen lösten schnell die Orientierungsprobleme. Die eine oder andere versteckte Seminarraumtür birgt weniger Geheimnisse als das Gerede vom Elfenbeinturm vermuten lässt.

Der erste Mensa-Besuch. Nach zwölf Jahren Schulspeisung ist das Mensa-Essen gar nicht so schlecht wie sein Ruf. Es gibt Auswahl, keine Lehrerecke, und bei schönem Wetter kann ich draußen essen.

Didowochen. Vorlesungen, Seminare und Übungen konzentrieren sich auf Dienstag bis Donnerstag. Montags und freitags sind quasi Reste-Tage. Wenn nur das eine Pflichtseminar freitagfrüh um acht nicht wäre.

Online-Recherche. Mitunter frage ich mich, wozu die Anwesenheitslisten nötig sind. Warum kann uns der Dozent nicht einfach die Linkliste schicken und am Semesterende mit einer Klausur abfragen? Es steht doch alles im Internet: Stundenpläne, Antworten auf alle meine Fragen, Grundlagentexte, und für den schlimmsten Fall gibt es Wikipedia. Jetzt muss ich mir nur noch einen Benutzerausweis für die Bibliothek holen.

Einen Essay zweimal schreiben. Schnell habe ich gelernt, dass nicht alles, was einfach scheint, einfach ist. Warum haben wir in der Schule nicht gelernt, wie man einen korrekten Essay schreibt? Was ist überhaupt ein korrekter Essay? Nunja, ich bin ja an der Uni, um zu lernen.

Vernetzt sein. Dem Internet sei dank, bin ich immer brandaktuell informiert. Zahlreiche eMail-Verteiler und Online-Seminare, vorlesungsbegleitende Chats oder Online-Übungen, Online hier, Online da sorgen dafür, dass ich rund um die Uhr lernen kann.

Zeitmanagement üben. Gleich zu Anfang habe ich mir die Studienregeln angeschaut. Das Schwärmen meiner Vorfahren von ihrem lockeren Studium scheint wohl nostalgische Verklärung zu sein. Mein Onkel hat mir verraten, dass er sich auch ahnungslos durch das erste Semester gemogelt hat. Wieso „auch“? Ich mogele nicht. Ich habe keine Ahnung.

Die Alles-Überall-Mentalität. Neulich habe ich mir beim Barkeeper in der Disco einen Zettel erbettelt, um meine Essay-Einleitung zu formulieren. Ja, es gibt ein Leben neben dem Studium. Ein kleines Leben.

Im Hier, Jetzt und Morgen. Ohne die Aussicht auf Morgen leide ich im Heute und Jetzt an einer Motivationsinsuffizienz. Aber irgendwann kann auch ich mein Studium romantisch verklären.

Illustration: Markus Blatz

Vor zehn Jahren

So viele Entscheidungen. Als Studienanfänger wählte ich zwischen Lehramt, Diplom und Magister. Es gab tatsächlich noch das eine oder andere NC-freie Fach, das sogar interessant war. Obwohl ich bewusst nicht in einem „In“-Bezirk hauste, war ich kein schlechter Mensch.

Der erste Stundenplan. Mutig und fasziniert bastelte ich mir aus den Verheißungen des Vorlesungsverzeichnisses meinen ersten eigenen Stundenplan zusammen: Viel Hauptgang, wenig Ballaststoffe, ausführliches Dessert. Ich stolperte von römischer Satire in Algebra mit einem Übungsseminar zu Java-Programmierung im Anschluss. In den meisten Fällen fand ich die passende Tür sogar gerade noch rechtzeitig.

Pausenbrote einpacken. Wie aus der Schulzeit gewohnt nahm ich mir Stullen mit. Warum soll ich mich mit Mensa- oder Cafeteria-Schlangen abplagen und den Ungewissheiten fremder Nahrungszubereitung aussetzen? Ab dem dritten Semester nahm ich das Risiko der studentenwerklichen Versorgung auf mich. Die Fauheit siegte.

Ausschlafen können. Natürlich fanden die besten Veranstaltungen immer erst am Nachmittag statt. Vor zwölf Uhr gab es sowieso nie gute Vorlesungen, daran glaube ich auch heute noch. Der Körper gewöhnt sich erstaunlich schnell an die neu gewonnene Freiheit.

Im Dschungel orientieren. Beratungen, Bibliotheken, Sprechstunden, Pflichtveranstaltungen, Wahlpflichtveranstaltungen und was es an universitären Bespaßungsmöglichkeiten mehr gab sorgten für ausgefüllte Nachmittage, in denen ich mir das Wirrwarr untertan machte.

Wissenschaft spielen. Wie aus Versehen entwickelte ich im Biergarten meine erste eigene Theorie, schrieb darüber eine Hausarbeit und kassierte eine Drei. Viele Semester später stellte ich fest, dass der Dozent sehr gnädig gewesen war. Die Theorie ist gut, aber die Arbeit war Murks.

Internet? War eine ferne Zukunft. Die fortschrittlichen von uns hatten eigene Computer, einige sogar Laptops, und der Rest ging in den PC-Pool. Es war keine Schande, eine eMail erst nach einer Woche zu beantworten.

Zeit für Staunen haben. Eine lebensverändernde Erkenntnis, ein gutes Klausurergebnis, ein überstandenes Seminar durften durchaus mit einem freien Zelebrationstag belohnt werden. Keiner hetzte und drohte und jagte einen durch das Semester – nur ich mich manchmal selbst.

Der Geruch von Papier. Die Reader im Copyshop waren noch handlich, die Dozenten legten Folien auf den „Polylux“ (Overhead-Projektor), und was es nicht auf Papier gab, taugte nichts. Wissenschaft war zum Anfassen, Erleben und Nach-Hause-Tragen.

Nostalgisch sein. Immer wieder kann ich die zehn Jahre sehnsuchtsvoll zurückdenken.

erschienen in „bus“, Oktober 2008

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Alexander Florin
Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de

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