Was ist ein Text?

In der Literaturwissenschaft wird definiert, dass Literatur eine bestimmte Art von Texten sei. Aber was sind Texte überhaupt? Welche Eigenschaften weisen Texte auf? Wie unterscheidet man Texte von Nicht-Texten? Eine Definition und Auseinandersetzung mit den Einzel-Kriterien fällt im Studium meist unter den Tisch, aber es ist nötig, sich über die Grundlage der Basis seines Tuns klarzuwerden.

Die im folgenden gegebene Definition und Auseinandersetzung ist die verschriftlichte Form einer sehr lebhaften Debatte mit Jan Lindenau.

Jeder Text muss vier Kriterien erfüllen. Deren Konsequenzen werden weiter unten einzeln erläutert.

  1. Ein Text ist etwas künstlich – von Menschen – Geschaffenes (ein Artefakt).
  2. Ein Text ist linear (sequenziell) und verfügt über einen Anfang und ein Ende.
  3. Ein Text ist medial repräsentiert und für andere wahrnehmbar.
  4. Ein Text verfügt über innere Kohärenz.

Im ersten Moment erstaunt, dass nichts von Sprache, Schrift oder Buchstaben hier steht, aber beim Drüber-Nachdenken wäre das eine starke Verengung des Textbegriffs. Schließlich kann auch ein Hörbuch ein Text sein oder ein Lied oder auch ein Film.

Texte sind Artefakte

Gott oder die Natur können keine Texte schaffen. Das schließt nicht aus, dass man in der Natur „lesen“ kann wie in einem Text. Aber nur weil man etwas behandelt wie einen Text, ist es nicht unbedingt ein Text; manche Menschen behandeln Haustiere wie Menschen – ohne dass aus den Haustieren dadurch Menschen werden.

Das Kriterium der menschlichen Schöpfung besagt, dass es einen Schöpfungsprozess gegeben haben muss, aus dem der Text hervorging. Die Texterschaffung wurde von der Zeit, dem Umfeld und vielen anderen Faktoren beeinflusst. Ob wir den Schöpfer oder das Autorenkollektiv oder die Schreiberlinge kennen, ist unerheblich; es erleichtert höchstens manche interpretatorische Auseinandersetzung. Wesentliche Anforderung ist, dass der Text aus einem willentlichen Akt heraus geschaffen wurde. Dabei ist die Autor-Intention irrelevant. Es ist unerheblich, ob ein Text entstehen soll oder nicht – es zählt allein das Ergebnis und das Wissen um seine Beschaffenheit. Solange ein Mensch etwas schafft und das Geschaffene die übrigen drei Kriterien erfüllt, handelt es sich um einen Text.

Wenn eine Million Affen auf Schreibmaschinen herumtippen, würde nach einer lang genug bemessenen Zeitspanne dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit folgend etwas Lesbares und Textähnliches entstehen. Dies war aber kein willentlicher Schöpfungsakt. Außerdem wären die Affen gar nicht in der Lage, ihren eigenen Text als Text wahrzunehmen. Die Affen können keine bewusste Entscheidung über Aufbau, Anfang, Ende, Struktur etc. treffen – zumindest gemäß der allgemeinen Vorstellung von Affen-Intelligenz.

Die bewusste, willentliche Erschaffung eines Textes ist notwendige Voraussetzung für Interpretation und Verständnis. Verkehrsschilder ergeben nur deshalb einen Sinn, weil wir einer planenden Instanz unterstellt haben, dass sie sinnvoll aufgestellt werden. Würden wir wissen, dass die Verkehrsschilder von einer Horde Affen willkürlich in der Stadt verteilt wurden, könnten wir sie nicht ernst nehmen und würden sie nicht befolgen. Wir als Menschen wollen uns bewusst mit etwas auseinandersetzen, von dem wir wissen wollen/müssen, dass es ebenso bewusst entstanden ist; jedenfalls solange wir nicht natürliche Prozesse oder physikalische Grundgesetze erforschen.

Das erste Kriterium verhindert nicht, dass wir uns mit dem Affengetipsel oder den Ergebnissen eines Text-Erstellungs-Algorithmus’ beschäftigen können, aber es würde ein natürliches Unbehagen entstehen. In Kenntnis der un-willentlichen Autorschaft sprechen wir dem Text jede Autorität ab und können allenfalls seine Wirkung auf uns untersuchen, aber nicht seine inhärente Struktur – denn diese wäre vom Zufall oder einem Algorithmus bestimmt und daher in ihrer konkreten Ausprägung für unser Textverständnis nicht förderlich. (Allerdings könnten wir einiges über Zufall, Glück und Rechenvorschriften aus einer solchen Textentstehung lernen.)

Ist die Urheberschaft eines Textes unbekannt, können wir solange von einer menschlichen Erschaffung ausgehen, wie keine Argumente dagegensprechen. Das „menschliche Schaffung“-Kriterium ist keine Umkehrung der „Der Autor ist tot“-Debatte und soll diesem kein neues Gewicht geben. Es gewährleistet lediglich, dass nicht irgendetwas als Text behandelt wird, sondern nur als Text bewusst geschaffene Artefakte (unabhängig davon, ob sich der menschliche Schöpfer der Text-Qualität bewusst ist oder nicht).

Die Reduktion der Autor-Bedeutung auf nur eines von vier Kriterien trägt der Entwicklung der Literaturkritik Rechnung und geht gleichzeitig von der Annahme aus, dass Menschen Dinge bewusst und willentlich tun, also nicht „aus Versehen“ einen Text schaffen. Je nach Qualität des Textes – die aber nicht Bestandteil der Definition ist – gibt es natürlich bessere und schlechtere Texte.

Kurzum: Ein Text muss bewusst, willentlich von einem Menschen geschaffen werden. Jede Sinnzuschreibung ist davon abhängig, dass wir der Textschöpfung diesen bewussten Akt unterstellen.

Texte sind linear und endlich.

Ein Gemälde kann kein Text sein, eine Abfolge von Bildern (wie in einem Film) dagegen schon. Warum? Weil im Fall des Einzelgemäldes der Rezipient selbst entscheidet, wie er das Gemälde wahrnimmt, wo er anfängt zu schauen, wie sein oder ihr Blick wandert und wo die Betrachtung beendet wird. Weder ist ein Anfang noch ein Ende der Betrachtung definiert. Ein Text dagegen enthält einen – vom Autor gesetzten – Anfang und ein – ebenfalls vom Autor bestimmtes – Ende.

Die Linearität des Textes entsteht entweder durch die Zeit (beispielsweise im Vortrag oder Lesevorgang) oder durch den Raum (als Anordnung der Textzeichen oder -segmente hintereinander). Die Abschnitte eines Lesetextes, die Bildfolgen eines Films oder Comics können auch als Sequenzen aufgefasst werden, die linear angeordnet sind. Ein wesentliches Kriterium ist die vorgegebene Reihenfolge dieser Sequenzen oder Einzelelemente. Die Vorkonfiguration der Reihenfolge durch den menschlichen Schöpfer bedingt die Linearität des Textes. Durch den Autor gesetzte Verzweigungen beispielsweise in Hypertexten oder interaktiven Filmen erweitern nur die Möglichkeiten, setzen aber die Regel nicht außer Kraft, denn es besteht weiterhin eine vorgegebene Reihenfolge (mit Wahlmöglichkeit), und die Wahrnehmung ist linear bzw. sequentiell.

Die Endlichkeit eines Textes ist elementar für seine Bedeutung. Würde am Ende von Kafkas „Die Verwandlung“ der Satz folgen „Und dann wachte Gregor Samsa auf.“, wäre der gesamte Text in seiner Bedeutung verkehrt. Da bei einem unendlichen Text keine Gewissheit bestehen kann, dass eine solche Bedeutungsumkehr nicht vorgenommen wird, ist es für das Verständnis von Texten notwendig, dass diese einen Endpunkt besitzen. Das schließt nicht aus, dass eine textliche Fortsetzung geschaffen wird (wie beispielsweise bei den „Star Wars“-Filmen oder „Harry Potter“-Büchern), diese stellen jedoch eigene Texte dar und weisen einen sehr hohen intertextuellen Bezug auf.

Dagegen ist die Notwendigkeit des Anfangs fast schon trivial, schließlich muss in irgendeiner Weise kenntlich sein, ab welchem Moment der Text existiert, also die Rezeption beginnen kann. Klassischerweise ist dies die erste Seite eines Buchs, die erste Zeile eines Blog-Eintrags, das erste Filmbild, der erste Ton einer Musik, das erste Panel eines Comics etc.

Para-Texte wie Titelblätter, Marketing-Materialien (Trailer, Plakate, Fotos, Cover-Gestaltung), Illustrationen, Inhaltsverzeichnisse oder Inhaltsangaben oder Meta-Texte (Rezensionen, Analysen) wirken natürlich auf die Wahrnehmung des Textes mit, sie sind jedoch nur Zusatztexte mit enorm hoher Intertextualität. Der Text könnte auch ohne diese existieren, würde allerdings oftmals eine etwas andere Wirkung erzeugen. Aus Rezipientensicht sind Para- und Meta-Texte wesentliche Angebote, die beispielsweise etwas über das Genre des Textes verraten und somit das Verständnis präkonfigurieren – damit können sie bei der Interpretation nicht einfach unterschlagen werden. Aber sie fungieren eher als Gleitmittel zwischen Text und Rezeption. Sie können nur dann als Textbestandteil behandelt werden, wenn sie bewusst und willentlich vom Textschöpfer als Textbestandteil vorgesehen sind, wie beispielsweise das Cover des „White Album“ der Beatles, die Illustrationen von Antoine Saint Exupery in „Der kleine Prinz“ oder die Zwischentitel in Armistead Maupins „Stadtgeschichten“.

Je nach Kontextwissen können somit Kapitelzusammenfassungen also Textbestandteil sein (wenn vom Autor eingefügt) oder vernachlässigbar (wenn vom Herausgeber eingefügt). Es gibt keine Faustregel, wann Paratexte vernachlässigt werden können, vor allem nicht, wenn man bedenkt, wie oft Text-Titel von Herausgebern geändert werden. Allgemein sollte alles, was als Textbestandteil präsentiert wird (und Textkohärenz enthält), auch als Textbestandteil angesehen werden – es sei denn, es gibt gute Gründe oder das Wissen, dies nicht zu tun.

Kurzum: Jeder Text entwickelt sich linear oder sequentiell von einem Anfang zu einem Ende. Diese Entwicklung ist durch den Textschöpfer vorgegeben.

Texte brauchen ein Medium

Um etwas als Text zu bezeichnen, muss dieses Artefakt irgendwie vorhanden und wahrnehmbar sein. Das unveröffentlichte Manuskript in der Autorenschublade ist zumindest potenziell wahrnehmbar und damit ein Text. Ein Text muss von anderen Personen als dem Autor wahrgenommen werden können. Trägt ein Autor einen Text allein in seinem Zimmer vor, ist der Text zwar potenziell wahrnehmbar, jedoch sind Aussagen über den Text nicht verifizierbar – sofern keine Aufzeichnung in irgendeiner Form (in irgendeinem Medium) vorliegt.

Als Medium für Texte eignen sich Sprache, Schrift, Bilder, Töne und alles, was sich irgendwie medial erfassen lässt. Die Luft als Trägermedium für Laute ist zwar ein physikalisches Medium, da sie es ermöglicht, die Töne wahrzunehmen. Allerdings stellt beispielsweise eine Theateraufführung keinen eigenen Text dar, da Aussagen über eine bestimmte Aufführung nicht verifzierbar sind – es fehlt die Möglichkeit, dass andere die selbe Aufführung erneut wahrnehmen. Am nächsten Abend wird eine andere Aufführung geboten, auch wenn die Inszenierung die selbe ist; auch der Ausgangstext (das geschriebene Theaterstück) ist der selbe. Der Inhalt mag zwar der selbe sein, die Form kann jedoch – in scheinbar unwesentlichen Details – abweichen. Ein Text besteht jedoch stets aus der selben Inhalt-Form-Kombination.

Bei der medialen Fixierung eines Theaterstücks (beispielsweise auf Film) entsteht zwar ein Text, dieser folgt jedoch – zumindest teilweise – anderen medialen Voraussetzungen (Perspektive, Kameraauschnitt, Montage, etc.) als das Theaterstück. Jede Medialisierung bewirkt eine Veränderung des Ausgangsmaterials, da jedes Medium seine eigenen formalen Grundsätze besitzt. Aus Gedanken oder Erzählungen werden Lesetexte, aus musikalischen Ideen Notenblätter, aus diesen ggf. Audio-Aufnahmen, aus visuellen Ideen entsteht in Kombination mit einer Geschichte ein Spielfilm. usw. usf. Der fertige Spielfilm muss allerdings nicht unbedingt viel von der visuellen Grundidee oder der Geschichte enthalten; Aussagen über einen Film treffen nur Aussagen über den Film und keine über die im Vorfeld konzipierte Visualität oder Geschichte.

Die medialen Signale sind linear bzw. sequentiell angeordnet und prallen nicht auf einmal auf den Rezipienten ein. Die mediale Repräsentation eines Textes ist eine scheinbar banale Voraussetzung, denn gäbe es keine mediale Repräsentation, gäbe es keinen Text, über den man sprechen kann. Diese Bedingung stellt mehrere Dinge sicher. Zum einen wird aus Rezipientensicht die Medialität betont und damit ist bei der Interpretation auch die mediale Repräsentation zu berücksichtigen: Ein Roman ist etwas anderes als ein Musikstück als ein Film im Kino als eine Fernsehserie als ein Comic – und alle unterscheiden sich jeweils von den ursprünglichen Ideen ihrer Schöpfer. Zum anderen stellt sie sicher, dass ein Spaziergang durch den Wald, auch wenn er endlich ist und von Menschen unternommen wird, kein Text sein kann. Zum dritten gewährleistet die Medialität die feste Bindung aus Inhalt und Form, die erst in ihrer Gesamtheit einen Text ergibt. Und zum vierten ist durch die Bindung an ein Medium die Verfügbarkeit eines Textes begrenzt.

So wie ein Text bewusst und willentlich entstehen muss, so ist die Rezeption auf die willentliche Bereitstellung angewiesen, werden beispielsweise Shakespeares Dramen nicht mehr gedruckt, online publiziert und auch nicht aufgeführt, ist deren Verfügbarkeit und damit Wahrnehmbarkeit deutlich eingeschränkt. Damit wir etwas als Text bezeichnen können, muss es existieren. Jede Person kann behaupten, einen Text geschaffen zu haben, ist dieser aber nicht für uns wahrnehmbar (existiert also nicht), so ist die Behauptung irrelevant.

Dass Texte in einer für uns verständlichen oder nutzbaren Form vorliegen müssen, ist klar. So muss ein Lesetext den Regeln einer Sprache folgen. Jedes Medium (Musik, Film, Comic, etc.) hat seine eigenen Vorgaben, wie Texte funktionieren – und das Publikum ist konditioniert, die Befolgung dieser Vorgaben zu erwarten. Andererseits kann bis zu einem gewissen Grad die Verletzung dieser Regeln auch als spannungssteigerndes Meta-Element wahrgenommen werden.

Kurzum: Damit ein Text existieren kann, benötigt er ein Trägermedium, das die konkrete Inhalt-Form-Kombination fixiert. Ein Text, der nicht – zumindest potenziell – wahrnehmbar ist, existiert nicht.

Texte besitzen Kohärenz

Die Kohärenz eines Textes verleiht ihm Zusammenhalt und den Einzelelemten eine Zusammengehörigkeit. Diese kann inhaltlich bestehen:

  • Figuren oder Themen, die im Lauf des Textes wiederholt auftreten
  • Wortfelder, die immer wieder aufgegriffen werden
  • Kausalität der Textelemente zueinander oder Entwicklung der Elemente auseinander

Auch die inhaltliche Widersprüchlichkeit – beispielsweise bei Antonymen oder dem Nebeneinandersetzen widersprüchlicher Aussagen – kann unter Umständen zur Kohärenz beitragen. In solchen Fällen gibt meist die konkrete Ausformung Hinweise, ob es sich um Willkür oder willentliche Gestaltung handelt.

Die formale Kohärenz bezieht sich zumeist auf die Struktur:

  • Gliederung des Textes
  • Reimschema und Wortklänge
  • stilistische Ähnlichkeit von Elementen
  • Grammatik (für Sprache, Filmszenen, Tonfolgen), die formale Regeln für die Zusammengehörigkeit der kleinsten Textelemente enthält

Die quantitative Erfassung von Kohärenz sagt nichts über die Qualität des Textes aus. Die Kohärenz besteht natürlich auch zu Intertexten, diese verfügen aber über einen eigenen Anfang und Ende und eine eigene mediale Repräsentation.

Ohne Kohärenz bestünde ein Text nur aus Worten, Bildern oder Tönen. Der menschliche Geist konstruiert zwar immer (!) Kausalität und Kohärenz, auch wenn gar keine existiert (Lesetipp: Daniel Kahneman „Thinking, fast and slow“). Aber weist der Text selbst keine objektiven Kohärenzmerkmale auf (inhaltlich oder formal), dann handelt es sich vermutlich nicht um einen Text.

Collage-Texte wie Döblins „Berlin, Alexanderplatz“ spielen bewusst mit der Nicht-Kohärenz und erzielen dadurch eine besondere ästhetische Wirkung. Dieses Phänomen wird auch von Filmen bewusst ausgenutzt (siehe „2001“ von Stanley Kubrick). Bei der Untersuchung der Kohärenz ist also zu berücksichtigen, ob es sich um eine willkürliche Textelemente-Sammlung handelt, oder diese erst in ihrer Gesamtheit – die von der medialen Präsentation konkret mitgestaltet wird – einen kohärenten Eindruck erzeugen, der dann zumeist ein starkes Übergewicht auf der inhaltlichen Ebene enthält.

Kurzum: Ohne Signale, die auf die Zusammengehörigkeit der Elemente zu einem gemeinsamen Text verweisen, kann ein Text nicht bestehen.

Was tun wir mit Texten?

Wir könnten herausfinden, ob es ein künstlerisch bedeutender Text ist, eventuell ja sogar Kunst; im Fall von Lesetexten also Literatur. Möglicherweise handelt es sich auch um einen Gebrauchstext, wie eine Bedienungsanleitung oder einen Informationstext mit Nachrichteninhalt.

Anwendung auf Nicht-Texte

Nur weil irgendetwas nicht alle Text-Kriterien erfüllt, müssen wir es natürlich nicht gleich ignorieren. Selbstverständlich kann auch ein Gemälde oder ein Waldspaziergang oder ein Fußballspiel interpretiert und behandelt werden wie ein Text – solange man sich bewusst ist, dass es kein Text ist.

So wie man literarische Maßstäbe an einen Nachrichtentext anlegen kann, um diesen zu beurteilen, so kann man Text-Maßstäbe an Nicht-Texte anlegen, um über diese zu sprechen. Beispielsweise konstruieren manche Fußball-Kommentatoren einen Sinn und eine Geschichte in eine Partie, die manche „echten Texte“ nicht enthalten. Da jedoch bei einem Fußballspiel zwei Mannschaften mit grundsätzlich konträren Zielen aufeinandertreffen und eine ordnende Hand fehlt, die die Entwicklung des Gesamtspiels vom Anfang bis Ende gestaltet, handelt es sich niemals um einen Text. Ein Fußballspiel ist trotz seiner medialen Repräsentation (im Fernsehen) kein „Artefakt“.

Wir können im „Buch der Natur“ lesen, die „Geschichte der Architektur“ in einer Stadt bewundern, beim Radio-Zappen spannende Entwicklungen beobachten, ein Gespräch interessiert verfolgen. Doch bei all diesen Vorgängen fehlt die bewusst und willentlich ordnende Instanz, die das Beobachtete begrenzt und sequentiell ordnet sowie medial repräsentiert verfügbar macht. Deshalb sind diese Beispiele für die Literaturwissenschaft auch irrelevant.

Da wir Menschen immer einen Sinn (oder eine Geschichte) konstruieren und ästhetischen Genuss an den ausgefallensten Stellen entdecken können, ist es umso wichtiger, sich der Nicht-Text-Haftigkeit von Beobachtetem bewusst zu sein. Das schmälert ja dessen Wert nicht. Aber als Wissenschaftler gehen wir nicht den einfachsten Weg, sondern suchen uns den Weg mit dem größten Erkenntnisgewinn – und dazu gehört, bestimmte Grenzen und Unterscheidungen vorzunehmen und sich dieser bewusst zu sein.VG Wort Zählpixel

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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