Neue Stadtgeschichten

Armistead Maupin hat seinem „Stadtgeschichten“-Zyklus, der in den 1970ern begann, eine frische Nachfolgerin gegönnt. „Mary Ann in Autumn“ greift die zahlreichen Erzählstränge auf, führt sie weiter und gewinnt ihnen neue Seiten ab. Drei Dinge fallen bereits auf den ersten Seiten auf:

  1. Maupin liebt seine Figuren. Es gibt keine „bösen“ oder schlechten Figuren, sondern alle Seiten sind von Sympathie, Verständnis und Freundschaft mit den Personen, über die er schreibt, durchzogen.
  2. Dem Drama, der Seifenoper bleibt auch der neueste Band treu. Das ist deshalb so erfrischend, weil es gut geschrieben ist und nicht dem Zeitdruck und den Budgetgrenzen einer täglichen TV-Soap geschuldet ist.
  3. Die Dialoge, Orte, Figuren fühlen sich alle echt an. Jede Figur ist motiviert und nicht einfach nur da, jede schleppt ihre Biografie, ihre Geschichte und ihr Leben mit all den Wünschen und Träumen mit sich. Jeder Ort atmet Leben. Die zahlreichen konkreten Benennungen von realen Objekten (Automarken, Technik, Musik, etc.) verkommen nie zum Product Placement, sondern geben dem Roman die Verhaftung in unserer Realität, was eine konsequente Fortschreibung der Geschichten seit nunmehr über 30 Jahren darstellt. Damit sind die Stadtgeschichten stets ein aktuelles Abbild der Zeitumstände, deren Wert sich nicht darin erschöpft.

Es begann alles damit, dass Mary Ann Singleton (Laura Linney) vor über 30 Jahren in der Barbary Lane 28 einzog.

Maupin erzählte selbst, dass er bei Mary Ann stets Laura Linney vor Augen hatte, die in der Verfilmung der ersten drei Bände (1, 2, 3) Mary Ann verkörperte. Das gibt dem Lesevergnügen einen zusätzlichen Schub und funktioniert prächtig. (Ob das nun ein literarischer Erfolg oder eine Auswirkung von anderen Medien auf die Literatur ist, kann jeder selbst entscheiden; jedenfalls belebt Linneys imaginierte Stimme und Präsenz Mary Ann in äußerst sympathischer Weise, wer es einmal in der TV-Serie, die nur als englisch-sprachiger Import zu bekommen ist, gehört hat, wird es bei jedem Auftauchen wieder vor dem geistigen Ohr in Linneys markanter Intonation hören: „Oh, Mouse!“.)

Die Stadtgeschichten gehen weiter.

Was ist eigentlich passiert? Mary Ann ist nun über 50 und steht vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens und kehrt nach San Francisco zurück. Sie nistet sich bei Michael „Maus“ Tolliver und dessen Partner ein. Viel mehr darf man eigentlich nicht verraten, denn das wäre allen gegenüber unfair, die die ersten Bände gelesen haben und nach jedem Lebenszeichen von Anna Madrigal, Brian Hawkins, Dede Halcyon, Dorothea Wilson und all der anderen Figuren lechzen. Ist es schon zu viel verraten, wenn man andeutet, dass zahlreiche der in späteren Bänden hinzugekommenen Figuren mindestens am Rand erscheinen und sogar einige aus dem ersten Band überraschend wieder auftauchen? Natürlich agiert auch San Francisco mit seinen bekannten und weniger bekannten Orten als stiller Protagonist im Hintergrund und lässt die Figuren und die Leser die Bedeutung von „Heimat“ und „Zuhause“ spüren.

Angenehm fällt auf, dass Maupin zu einer Balance zwischen den rasanten Szenenwechseln (für Literaturwissenschaftler: „Focalizer-Wechseln“) im ersten Band und den seltenen Wechseln (bis hin zur Komplett-Fokussierung auf „Maus“ in „Michael Tolliver lebt“) gefunden hat. Daraus bezieht der Band eine Dynamik, die ihn vorwärts treibt und es schwer macht, ihn aus der Hand zu legen. Jede Seite verspricht eine neue Perspektive auf das Geschehen, eine spannende Weiterentwicklung oder ein überraschendes Wiedersehen.

Die Gefahr war groß, dass „Mary Ann in Autumn“ zu einem Nostalgie-Tripp verkommen könnte. Doch genau das ist nicht geschehen. Maupin gönnt seinen Figuren würdige Weiterentwicklungen, Lebensentscheidungen und auch enttäuschende Erfahrungen. So ist Mary Anns Tochter eine wichtige Figur im Erzählstrang, die sich nicht auf ihre Rolle als Tochter bezieht, sondern davon lebt, dass sie ein eigenes Leben mit eigenen Zielen und Entscheidungen führt, das den Stadtgeschichten-Kosmos in die nächste Generation trägt. Ebenso wie Dedes Kinder und Michaels Gehilfe.

Man könnte noch so viel darüber sinnieren, welche Freude es ist, diesen aktuellen Bericht über alte Freunde zu lesen. Denn genau das ist es, was Maupin mit seinen Geschichten geschaffen hat: Freunde, deren Schicksal einen interessiert und berührt. Aber viel besser ist es, sich diesen Band einfach zu greifen und durchzuschmökern. Die neuen Erlebnisse mit alten Freunden sind jede Sekunde wert.

Amazon-Link: Mary Ann in Autumn: A Tales of the City Novel
PS: Ich habe den Roman natürlich schon im November gelesen, denn die alten Freunde wollte ich nicht so lange warten lassen. Da sich aber laut Amazon bislang keine deutsche Fassung ankündigt, habe ich beschlossen, eben etwas zur englischen Ausgabe zu schreiben. Wer nicht auf die Arbeit der Übersetzer warten mag: Auch mit normalen Englisch-Kenntnissen lässt sich das Buch gut und flüssig lesen.

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Alexander Florin
Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de

Ein Kommentar

  1. Pingback: Hallo, Mary-Ann | zanjero.de

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