Lanzelet: Die liebenden Töchter und toten Väter

Die Frauen und Vaterfiguren in Ulrich von Zazikhovens „Lanzelet“, Hausarbeit im Wintersemester 2003/2004.
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1 Einleitung

Viermal begegnet Lanzelet [1]1 :: Mit „Lanzelet“ sind – je nach Kontext – sowohl der Roman als auch dessen Hauptfigur gemeint. Ich verwende die Ausgabe von Wolfgang Spiewok, die auch für Roman-Zitate herangezogen wird. Frauen, mit denen er eine Beziehung eingeht und die Herrschaft über das Land antritt (wenn zum Teil auch nur temporär). Dreimal muss er deren Vaterfiguren töten. Als erstes beschert ihm die namenlose, nach Liebe dürstende Tochter des Galagandreiz eine „heiße Liebesnacht“, anschließend ersticht er ihren Vater. Später reist Ade mit ihm eine Weile mit, nachdem Lanzelet ihren Onkel besiegt hat, verlässt ihn dann aber. Um seinen Namen zu erfahren, muss Lanzelet Iweret töten, was ihm dessen Tochter Iblis als Gemahlin einbringt. Schließlich zwingt ihn die Herrin von Plûrîs, einige Zeit in ihrer Burg zu bleiben.

Wofür stehen diese vier Frauen? Markieren sie, wie Ulrike Zellmann darlegt [2]2 :: Ulrike Zellmann legt in „Lanzelet. Der biographische Artusroman als Auslegungsschema dynastischer Wissensbildung“ das Schema von Puerita – Adolescentia – Iuventus – Gravitas zugrunde und deutet die vier Frauen auch jeweils als bestimmend für diese Phasen., nur Stationen in der topischen Entwicklung des Helden, oder teilen sie darüber hinaus dem Leser noch mehr mit? Worin unterscheiden sie sich, welche Frauenbilder werden gezeichnet, und welche Relevanz haben diese für Lanzelets Entwicklung? Und warum überleben keine Vaterfiguren die Begegnung mit Lanzelet? Diese Fragen bilden den Ausgangspunkt für die Untersuchung des Textes, das schließt nicht aus, dass im Zuge der Analyse weitere Problemkreise angeschnitten werden.

Der Text wird als gegeben angesehen, und das darin Geschilderte als real angenommen; Fragen nach literarischer Qualität oder Vermögen des Autors Ulrich von Zatzikhoven stellen sich daher nicht. Eine wertende Einschätzung des Textes, wie sie nach Werner Richter [3]3 :: In „Der Lanzelet des Ulrich von Zazikhioven“ fasst Werner Richter die Positionen der Germanistik zusammen, die vom „frivolen Artusroman“ (so Wilhelm Scherer laut Richter, S. 7), „altertümlich in der Sprache und ärmlich in der Darstellung“ (Karl Lachmann nach Richter, S. 8) und reiner Übersetzung (Nadler nach Richter, S. 11) spricht. Auch in anderen Texten finden sich regelmäßig Hinweise auf die negative Beurteilung des Romans. geläufig war, findet nicht statt. Auch dass die „Illustrierte Literaturgeschichte der deutschen Literatur. Das anerkannte Standardwerk“ ihn als unbedeutendsten Epigonen des Hartmann von Aue bezeichnet und ihm eine „willkürliche Aneinanderreihung von Abenteuern, die nicht im Dienste einer höheren Idee bestanden werden, sondern nur des Dichters Freude am Stofflichen verraten“ (Band 1, S. 128) attestiert, findet bei der Untersuchung keine Berücksichtigung. Die Lesarten des LanzeletRomans als ironischen Text kann ich zwar ob der superlativen Sprechweise und des überaus hervorragenden Helden nachvollziehen, werde sie jedoch nicht weiter zugrunde legen können.

Ich werde versuchen, so dicht am Text wie möglich zu bleiben und dabei Antworten auf die genannten Fragen zu finden. Daher folgt die Darstellung auch den Frauen in der Reihenfolge ihres Erscheinens im Roman [4].4 :: Die Gattungsfrage betrachte ich als beantwortet und verwende die Bezeichnung Roman, wie sie sich in nahezu allen Sekundärtexten findet.
5 :: Ich verwende hier die von Ulrike Zellmann verwendete Einteilung von Lanzelets Leben in einzelne Phasen.
Die erste Hälfte des Textes – durch die Nennung des Namens in V. 4706 erhält der Text eine markante Zäsur – wird dabei deutlich stärker berücksichtigt, da in der zweiten Hälfte nur noch die Herrin von Plûrîs auftritt, die auch teilweise die bereits dargestellten Schemata der anderen drei Frauen aufgreift.

2 Lanzelets Kindheit und Jugend [5]

2.1 Der eigene Vater und die fremden Erzieherinnen

Seinen eigenen Vater lernt Lanzelet nicht kennen. „daz kint [Lanzelet] wart eins jâres alt | und neizwie maneger wochen“, als sich die Untertanen gegen ihren König erheben und ihn schließlich töten. Die Mutter kann mit dem Kind fliehen, das dann zu seinem Schutz bei Meerfeen auf einer Insel aufwächst.

Pant, Lanzelets Vater, wird von Ulrich in wenigen Schlagworten beschrieben (V. 44 bis 71): Im Kriegführen war er „âne mâzen“, er war ein „degen“, wollte gerecht zu Gericht sitzen, ihm zu widersprechen war gefährlich, Grafen und Herzögen begegnete er mit „grôzen zorn“, er war „vil strenge“. Pants Frau Clarine bewahrt durch ihre Sanftmut und Ehrhaftigkeit als Gegenpol zur Art ihres Gatten den Status quo (V. 84f). Sie gebiert einen Sohn, zieht ihn ohne die Hilfe einer Amme, und er wird oft in „schoener vrowen handen“ gehalten. Es wird geweissagt, „daz es wurde ein wîgant“ (V. 95). Dies ist die einzige Textstelle, die Lanzelet in Beziehung zu seinem Vater setzt – wenn auch nur indirekt: „des freute sich der künic Pant“ (V. 96).

Im folgenden skizziert der Text den Kampf der Untertanen gegen Pant (V. 97 bis 167); erst als der König die Flucht durch einen geheimen Brunnenschacht antritt, finden seine Gattin und sein Sohn wieder Erwähnung. Es handelt sich ausschließlich um eine Angelegenheit zwischen ungerechtem Herrscher und aufgebrachten Vasallen, durch das Nichterwähnen Lanzelets wird dieser vom (Fehl)Verhalten seines Vaters distanziert. Lanzelet bleibt buchstäblich ein leeres Blatt, auf dem sich der Vater bisher noch nicht einschreiben konnte – um so tiefer greifen wohl die Einschreibungen seiner weiteren Erziehung. Der König stirbt auf der Flucht, Clarine flieht weiter, eine Meerfee nimmt ihr an einem Baum das Kind ab, und sie wird von den Feinden des Königs gefangengenommen.

Im Reich der Meerfee, eine Insel, auf der nur Frauen wohnen, wächst Lanzelet auf und wird erzogen. An einem Meerungeheuer übt er den Kampf, auch beweist er seine sportlichen Fähigkeiten und übt das Jagen. In vornehmem, höfischem Verhalten hatten ihn die Frauen bereits unterrichtet.

Die Meerfee erkennt, „daz er gerne rûmte das lant“ (V. 350), stattet ihn mit Ritterzeug aus und entlässt ihn in die Welt. Seinen Namen will sie ihm aber erst sagen, wenn er Iweret getötet hat. Lanzelet streift durch die Welt, wohin sein Ross ihn trägt: „daz ros lief den wech în“, V. 414; auch beispielsweise in V. 424 und 460 ist es das Pferd, das den Weg bestimmt. Er ist noch nicht selbständig entscheidungsfähig und verläßt sich auf sein Glück: „Gelücke was der wîse sîn“ (V. 413).

Der noch namenlose Lanzelet kommt an der Burg Plûrîs vorbei, die später noch eine Bedeutung spielen wird, und begegnet kurz darauf Johfrit de Liez, der ihn im Reiten unterweist. Auf dessen Burg angelangt, wird er überaus freundlich empfangen („die vrowen muost er küssen gar“, V. 615; „diu wirtîn satzt in neben sich | an ir sîten vaste“, V. 620f), und ein dreitägiges Turnier findet statt, in dem Lanzelet seine ritterlichen Fähigkeiten vervollkommnet und schließlich „reit mit sölher fuoge, | daz in lobeten gnuoge, | und missevuor sô selten, | daz in nieman kunde geschelten“ (V. 663ff).

2.2 Die namenlose Tochter

Lanzelet reitet allein weiter und trifft auf Kurâus und Orphilet, mit denen er beschließt, die Nacht auf Moreiz, der Burg des Galagandreiz, zu verbringen, obwohl Kurâus rät: „swem ich es widerrâten kan, | der ist im niht ze dicke bî, | swie schoene doch sîn tohter sî“ (V. 740ff). Doch sie werden „wol emfangen“ (V. 776), und Galagandreiz stellt sie seiner Tochter vor. Dabei lassen Orphilet und Kurâus dem jungen Lanzelet den Vortritt, der dann an ihrer Seite sitzen darf. „von hübschlîchen dingen | und von minnen manicvalt | hât er der vrowen vor gezalt“ (V. 812ff), erfahren wir. [6]6 :: Es wäre an dieser Stelle spannend zu erfahren, was der in Liebesdingen unerfahrene Lanzelet zu erzählen wusste. Möglicherweise benutzt Ulrich das Erzählen von Minne auch nur, um das Thema Liebe anzureißen, das bisher noch nicht zur Sprache kam, im weiteren Verlauf aber eine wichtige Rolle spielt.

Den drei Besuchern werden drei Betten zugewiesen, und kurz bevor sie einschlafen „dô kom diu vrowe dar gegân“ (V. 850), „wan siu von starken minnen bran“ (V. 857). Doch obwohl „siu hete sich gemachet an | wol und hübschlîch genuoc“ (V. 858f) und „siu was ûf anders niht gedenet | wan als der sich nâch minnen senet | und dar nâch vil gedenket“ (V. 875ff), weist Orphilet sie aus Angst vor ihrem Vater zurück. Mehr als hundert Verse lang (ab 905) versucht sie vergeblich, ihn zu verführen. Kurâus verzichtet ebenfalls aus Respekt vor dem Vater: „doch wil ich ê gewinnen | von dir ie missewende, | ê ich mîn heil geschende“ (V. 1064ff).

Währenddessen sieht Lanzelet erwartungsfroh der Liebesnacht entgegen: „des muoz ich immer vreude hân“ (V. 1081). Sie kommt zu ihm, und diesmal muss sie keine Überzeugungsarbeit leisten (Lanzelet: „du endarft umb mich niht werben“, V. 1089; „mir enmohte lieber niht geschehen“, V. 1094). Der Erzähler weiß: „in wart diu beste minne kunt, | diu zwein gelieben ie geschach“ (V. 1098f). „der vrowen er sich underwant | harte lieblîche“ (V. 1102f) [7].7 :: Im Gegensatz zu gängigen Minnekonzeptionen nimmt Ulrich hier keine Verurteilung der körperlichen Liebe, die nicht auf tief empfundener Liebe basiert, vor. Michéle Remakel faßt diese Position zusammen: „Wer sich […] von der weiblichen ,Schlange‘ verführen […] ließ, arbeitete dem Teufel in die Hand.“ (S. 115) Wie immer erweist sich Lanzelet als allen anderen überlegen und beschert ihr „die aller besten naht, | die ie kein vrouwe gewan | mit deheim kindischen man“ (V. 1106ff). Allerdings „enmoht er vergezzen nie, | daz siu ze jungest zuo im gie“ (V. 1109f). Somit beinhaltet dies Liebesabenteuer auch eine Niederlage.

2.3 Rollenverhalten

Ulrich habe wenig von Veldekes oder Reinmars „dulce amarum“ der Liebe, schreibt Werner Richter (S. 218ff). Ulrich setze Süßigkeit und Leid der Minne in den Reden der Tochter gegeneinander, und Richter stellt dazu fest: „daß es sich nur um Bedenken gegen die Minne handeln kann, dass die Minne hier also nach ihrem Leiden bestimmt werden muß.“ Anders als Zellmann (S. 205ff) sieht Richter bei der um Liebe bittenden Tochter keinen Rollenwechsel, sondern einen Märchenstoff, der „auch in die Sphäre des altfranzösischen Eneasromans“ verweist. Nach Zellmann beweist sich Lanzelet, indem er wieder in die Rollenmodelle zurückkehrt und selbst um sie wirbt, die sie vergeblich um die beiden anderen warb.

Bemerkenswert ist die Bezeichnung Lanzelets als „kindlicher Mann“ [8],8 :: Im Gegensatz dazu wird die Tochter entweder als tohter oder kint (also im Verhältnis zu ihrem Vater) oder als vrowe bezeichnet. Der Text liefert keinen expliziten Hinweis auf ihre Jungfräulichkeit. Sie wird zwar als „jungvrowe guot“ (V. 971) und „jungfrowe“ (V. 1140) bezeichnet, doch dies lässt sich auch sozial deuten (wie z.B. im Begriffsglossar vermerkt), was insbesondere nach der vollzogenen Liebesnacht (V. 1140) geboten scheint. Die zwei Mädchen, die sie in das Schlafgemach der Ritter begleiten, werden dagegen als „juncvrowen reine“ (V. 884 und „juncvröwelîn“, V. 889) gekennzeichnet. in diesem Zusammenhang ist das wohl als „in Minnedingen unerfahren“ zu verstehen. Bisher durften wir allen Ausbildungsschritten Lanzelets beiwohnen; wir erfuhren, was er auf der Insel bei den Meerfeen lernte, wie er von Johfrit de Liez unterwiesen wurde und erfahren nun, wie es zu seiner ersten Liebesnacht kam. Insofern ist Zellmanns Ansatz nachzuvollziehen, Lanzelet als biographischen Roman zu sehen, enthält uns Ulrich doch keine relevanten Details der Entwicklung seines Helden vor, sondern listet akribisch alle Stationen der ehrwerten Mannwerdung auf. Mit dieser Nacht ist die Kindheit Lanzelets beendet. Er hat jetzt alle notwendigen Fertigkeiten erworben.

Sofort wird er inthronisiert [9],9 :: Die Herrschaftnahme erfordert eine eheähnliche Bindung bzw. Beziehung zu der jungen Frau. Somit können wir von insgesamt vier Ehen für den gesamten Roman ausgehen. er tritt nach der Tötung des wütenden Galagandreiz dessen Rolle als Herr über das Land an und erhält auch die Verfügungsgewalt über die Tochter. Diese rechtfertig gegenüber den Vasallen die Tötung zusätzlich: „ich waen, mîn vater tôt sî, | der ie grimmekheite wielt | und iuch unrehte hielt“ (V. 122ff). Orphilets Einladung an Artus’ Hof lehnt Lanzelet ab, da er sich als Namenloser der Rolle eines Artusritters noch nicht gewachsen fühlt.

2.4 Galagandreiz und Pant

Im Lanzelet zerstört der Hauptheld stets die Beziehung zwischen einer mutterlosen jungen Frau und deren Vater bzw. Onkel, um deren Rolle als Herrscher einzunehmen. Doch wird ein möglicher Generationenkonflikt nicht vom Erzähler ausgeführt. Wir können ihn uns nur selbst zusammenstellen. Pant, Lanzelets Vater, herrschte schändlich („daz schuof des küneges schande“, V. 143), und auch Galagandreiz „hât vil manegen man geschant“ (V. 736), weiß Kurâus. So wie Pant von seinen Vasallen getötet wurde, tötet Lanzelet nun Galagandreiz. Figuren, die er in Vaterrollen erlebt, tötet er. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Ulrich die Taten seines Helden negativ bewertet. Ohne allzusehr in eine psychologische Deutung abzudriften, sei die Frage gestattet: Haben andere Vaterfiguren keinen Platz in der Handlung, weil Lanzelet vaterlos aufwachsen musste; wird somit seine Unfähigkeit, mit einer Vaterfigur umzugehen, oder sein Zorn auf den abwesenden Vater in tödliche Angriffe kanalisiert bzw. misstraut er väterlichen Figuren und deren Funktionen so sehr, dass er diese nur beseitigen kann? Stets liefert Ulrich ein Umfeld, das es Lanzelet gestattet, die Väter zu töten, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen – er wird sogar belohnt.

3 Die Adoleszenz

Schon nach kurzer Zeit zieht es Lanzelet, der seinen Namen noch nicht kennt und den Ulrich auch nicht vor V. 4706 preisgibt, weg von der namenlosen Tochter des getöteten Galagandreiz. Er kommt an die Burg des Linier von Limor, wo er aus Unwissenheit keinen Ölzweig als Friedenszeichen trägt, deshalb in einen Kampf verstrickt und schließlich ins Turmverlies gesperrt wird. Ade, die Nichte des Burgherrn, eilt ihm im Kampf zu Hilfe und versucht vergeblich, ihren erzürnten Onkel milde zu stimmen. Ade steht ihrem Lanzelet bei, versorgt ihn im Kerker und arrangiert, dass Lanzelet Liniers Kampfprobe [10]10 :: Die Kampfprobe, „daz sîn âventiure hiez“ (V. 1875), unterstreicht die Erzählstrategie der Reihung, indem sie durch die Bezeichnung den Blick auf die Episoden der Artusromane und der Kapitel des Nibelungenliedes, die ebenfalls als Aventiuren bezeichnet werden, öffnet. versuchen kann. Natürlich besteht er die Kämpfe, deren letzter Bestandteil ein Kampf gegen Linier ist, den er dabei tötet. Hatte Lanzelet Galagandreiz noch durch regelwidriges Verhalten (anstatt das Messer zu werfen, rannte er es ihm in den Bauch) besiegt, so berichtet Ulrich von diesem Kampf: „der junge, der den arn truoc, | der vaht âne liste“ (V. 2036f).

3.1 Limors ist anders als Moreiz

Die Episoden bei Galagandreiz und Linier weisen zu viele Parallelen auf, um nicht miteinander verglichen zu werden. In der groben Handlung sind sie sich sehr ähnlich, dennoch scheint bei Linier alles bewusst anders gestaltet zu sein. Nicht der Burgherr, sondern Ade begrüßt den Helden, in den sie sich verliebt und nicht nur körperliche Liebeslust stillen will, die hier auch nicht am Anfang, sondern am Ende der Beziehung steht, zumindest wird sie erst am Ende angesprochen. [11]11 :: Man kann auch argumentieren, dass die körperliche Liebe bei der Tochter ebenfalls nicht am Anfang steht, denn sie unterhält sich mit Lanzelet bereits beim Essen – allerdings über die Liebe, was dieses Argument wieder teilweise entkräftet. Auch ist die Bedeutung der Minne für die Moreiz-Episode von solcher Bedeutung und so prominent inszeniert, dass im Kontrast dazu das Fehlen dieses Themenkreises Ades Tugendhaftigkeit betont. Nicht der Burgherr fordert zum Kampf (er sträubt sich sogar), sondern Lanzelet will die Chance nutzen, aus dem Kerker zu kommen. Diesmal siegt Lanzelet nicht durch Regelbruch, sondern durch ausdauerndes, kräftezehrendes (z.B. „daz bluot im durch die ringe ran | ûz den tiefen wunden“, V. 1998f) Kämpfen. Erzähltheoretisch fällt auf, dass diesmal der Burgherr nicht von anderen charakterisiert wird, sondern sich durch sein Verhalten selbst charakterisiert; was andere über ihn denken, erfahren wir erst nach seinem Tod; die Feindseligkeit beim Annähern an die Burg wird als Landessitte („lantsite“, V. 1389) präsentiert. Auch die Verschiebung von Tochter zu Nichte unterstreicht, dass wir es bei Limors mit einer gänzlich anderen Situation als auf Moreiz zu tun haben. Das Ergebnis ist dennoch das gleiche: Lanzelet besiegt den Burgherrn und tritt seine Nachfolge an.

3.2 Lanzelet kämpft, er begehrt nicht

Warum erzählt uns Ulrich die gleiche Episode noch einmal in einer längeren Version? [12]12 :: Beispielsweise bringt die Beschreibung von Ades Pferd (V. 1453 bis 1475) keinen erzählerischen Nutzen. Die Modifikation der Details wird nicht reflektiert und hat für den weiteren Verlauf keine Bedeutung, der Text gewinnt ihnen scheinbar keinen über die reine Erzählung hinausweisenden Mehrwert ab.

Vielleicht gibt es auf den zweiten Blick eine Erklärung für die Notwendigkeit dieser Episode. Zum einen erhält Lanzelet Gelegenheit, in der Kampfprobe seine Fähigkeiten zu beweisen, zum anderen erhält er in der Figur der Ade eine begehrenswerte Frau, zu der er sich jedoch stets höflich-höfisch verhält. Da schimmert nirgendwo das körperliche Begehren zwischen den Zeilen, wie es bei einem so jungen Mann nicht verwundern würde, zumal Ulrich in der Galagandreiz-Episode verdeutlichte, dass er auch die Liebesdinge eindeutig beim Namen nennt.

Während sich Galagandreiz’ Tochter zu den Männern schleicht, um endlich Minne zu erleben, steht „diu juncvrowe“ (V. 1480) Ade Lanzelet im Kampfe und im Kerker bei, sie tut dies selbstlos, nicht auf einen persönlichen Nutzen bedacht, wie die Tochter, die nur eine fehlende Erfahrung machen wollte. Ging es bei der Tochter für Lanzelet noch darum, den letzten Schritt aus der Kindheit zu gehen, gilt es nun, sich als Ritter zu bewähren und zu erweisen.

„ob er ie bî ir gelaege, | des enweiz ich niht, wan ichz niht sach“ (V. 2348f), sagt Ulrich. Die Möglichkeit, dass aus Ades Liebe auch körperliche Liebe wurde, kann Ulrich nur wahrnehmen, aber nicht deren Erfüllung bestätigen oder verneinen. Aus der körperlichen Beziehung mit der Tochter geriet Lanzelet in diese, in der körperliche Liebe erst einmal keine Rolle spielt, aber dennoch mitgedacht werden muss. Ganz anders bei Iblis, hier wird die körperliche Liebe nicht mehr angesprochen – so wie bei Ade sehr eindeutig – sondern höchstens angedeutet.

3.3 Begegnung mit Iblis

Lanzelet zieht nach einer Begegnung mit dem Artusritter Walwein (V. 2396ff) nach Djofle zum Turnier, wo er sich vor allen anderen hervortut (V. 2816ff); eine Einladung an den Artushof schlägt er erneut aus. Mit Ade kommt er ins Schâtel le mort des Meerfeensohnes Mabuz, wo er sich aufgrund des Zaubers in einen Feigling verwandelt, was Ade dazu veranlasst, ihn zu verlassen (V. 3665ff). „iu enwirt mêr niht geseit | von ir dewederem ein wort“ (V. 3674f), verspricht Ulrich und erzählt, wie Lanzelet Iwerets Leute besiegt, die Schâtel le mort angreifen wollen. Im Kloster „zer Jaemerlîchen ubror“ erfährt er, dass Iweret ganz in der Nähe lebt, und wer an einem Brunnen dreimal den Gong schlägt, darf gegen ihn kämpfen, was bisher noch keiner überlebte. Der Sieger erhält außerdem Iwerets Tochter, das interessiert Lanzelet aber vorläufig nicht.

Nach der Beschreibung des Waldes „Behforet“, durch den Lanzelet hindurchmuss, erfahren wir „von der schoenen maget, | diu Iwerets Tochter was“ (V. 4016f), die in jeder Hinsicht vollkommen war (bis V. 4090) – etwas, das Ulrich bisher von keiner der Frauen sagte. Wir erfahren, dass Iblis, die Tochter Iwerets, in der Nacht von Lanzelet geträumt und sich in ihn verliebt hatte (V. 4215ff). Es geschieht auch so, wie sie träumte, Ulrich beseitigt alle Zweideutigkeiten oder Deutungsmöglichkeiten: So träumte sie, so ist es. Lanzelet lässt sich von ihr nicht davon abbringen, den Gong ein zweites (V. 4314) und ein drittes (V. 4362f) Mal zu schlagen. Iweret kommt herbei (V. 4407ff), sie kämpfen (V. 4475ff), Iblis fällt in Ohnmacht [13],13 :: Auf Limors war Lanzelet selbst nach langen Kämpfen in Ohnmacht gefallen, so dass Ade ihn bereits für tot hielt, ihn dann aber wieder erwecken konnte. Nun ist es die Frau, die beim Kampf das Bewusstsein verliert und vom Mann wieder geweckt werden muss. und Lanzelet siegt (V. 4557f). Wir erfahren, „daz er sô holt niemanne wart“ (V. 4621). Sie ziehen fort und setzen den Abt als Verwalter über das Land ein. Unter einer Linde (auch der Kampf fand unter einer Linde statt) werden sie dann ein Paar („si wurden gesellen, | als in diu minne geriet“, V. 4672f); mehr will uns Ulrich nicht sagen.

3.4 Der männliche Lanzelet

Hier fällt auf, dass Lanzelet den Kampf um des Sieges willen sucht (bei Galagandreiz stellte er sich dem Kampf, um zu überleben; bei Linier kämpfte er, um aus dem Kerker zu kommen), denn dann würde er von der Meerfee seinen Namen erfahren. Doch bezeichnenderweise ist die Liebe stärker als der Wunsch, endlich seinen Namen zu erfahren. Er rastet gemütlich mit Iblis, anstatt sich auf dem schnellsten Weg zur Meerfee zu begeben, wie man es erwarten würde. Das würde die Vermutung unterstreichen, dass das Erfahren des eigenen Namens eher ein Symbol denn direkte Handlungsmotivation ist.

In dem Moment, wo sich Lanzelet qualifiziert, den Namen zu erfahren, hat er sich in Ritter und Liebesdingen bewiesen; das Erfahren des Namens ist somit nur noch eine Formsache. Er ist kein Kind mehr und auch kein Jugendlicher, sondern jetzt ist er ein Mann. [14]14 :: Diese Erkenntnis verdanken wir erneut Ulrike Zellmann. Das stellte bereits Iweret fest: „… ich habe | gestriten mit kinden unz her. | ditz ist ein man …“ (V. 4512ff). Damit wird der Symbolgehalt der Menschenalter noch einmal unterstrichen, denn es ist höchst unwahrscheinlich, dass alle Gegner Iwerets jünger waren als Lanzelet.

Die Iweret-Episode (Beschreibung Iwerets im Kloster, V. 3831, bis Abschlagen des Kopfes, V. 4557) ist etwa genauso lang wie das Abenteuer auf Limors (Ankunft an der Burg, V. 1397, bis Sieg im Kampf, V. 2117). Der Aufenthalt auf Moreiz dauert dagegen nur etwa halb so lang (Ankunft an der Burg, V. 763, bis Tod Galagandreiz’, V. 1183). War Moreiz noch durch kurze Skizzierungen der Akteure und die langen Minnedialoge gekennzeichnet, so herrscht in Limors die Handlung – es gibt nur eine Beschreibung, nämlich von Ades Pferd – vor; dazu kommen noch einige Dialoge, die Linier charakterisieren. Bei Iweret hingegen unternimmt Ulrich gar keinen Versuch, ihn zu charakterisieren. Iweret ist böse, warum und wie ist irrelevant; nur sein Pferd wird näher beschrieben (V. 4407ff). Der wichtigste Gegner Lanzelets bleibt als Figur erstaunlich konturlos. Auch die Beschreibung von Iblis beschränkt sich auf Allgemeinplätze in Superlativen.

Iweret wird schon sehr früh im Text als von Lanzelet zu Besiegender eingeführt (V. 331) [15],15 :: Wobei wir von der Meerfee auch nur erfahren, dass er ihr etwas angetan hat, sowohl die Person Iweret als auch seine Untaten bleiben uns erst einmal verborgen. Sie werden im Laufe des Textes nebenbei mitgeteilt. daher scheint es nicht notwendig, ihn noch einmal zu charakterisieren. Da der Kampf schon zu Beginn angesprochen wird, Iweret Thema auf Schâtel le mort ist und durch das Motiv des sich erfüllenden Traumes der Iblis haftet den IweretSzenen etwas von der Aura der Vorherbestimmung an; somit bedarf es keiner näheren Erläuterung.

Nun, da Lanzelet so ziemlich exakt in der Mitte des Textes seinen Namen erfahren, den wichtigen Gegner besiegt und eine ihn liebende Frau gefunden hat, könnte der Roman beendet sein. Doch zwischen den bisherigen Episoden wurde ein Element eingeführt [16],16 :: Da die zweite Hälfte des Romans auf der ersten aufbaut und auch eine noch zu zeigende Steigerung in den Stationen Moreiz, Limors und Dodone zu verzeichnen ist, kann eben nicht – wie oft behauptet wurde – von einer willkürlichen Anordnung der Episoden gesprochen werden. Diese sind keineswegs so frei gegeneinander austauschbar, wie es u.a. Richter nahelegt. das uns in die zweite Hälfte verweist: König Artus wünscht Lanzelet an seinen Hof. Nun, da dieser seinen Namen kennt, einige Bewährungen vorweisen kann und auch sonst an Superlativität nicht zu überbieten ist, geht er auch zum Artushof.

4 Die drei jungen Frauen

Das wesentliche fasst Walter Haug zusammen:

„Dreimal wird hier [im Lanzelet] dasselbe Thema variiert: Lanzelet kämpft wegen eines Mädchens oder um ein Mädchen mit dessen Onkel oder Vater. Die Kämpfe werden von Mal zu Mal schwieriger und die Gefahren größer. Auf die Begegnung mit dem Messerwerfer Galagandreiz folgt der dreifache Kampf auf Limors und am Ende steht die komplexe Situation mit Mabuz und Iweret. […] Die Rückseite sozusagen der sich steigernden Krafttaten ist eine sich steigernde Gefährdung und Hilflosigkeit. In Moreiz läßt er sich harmlos verführen und gerät dadurch in eine prekäre Situation. Auf Limors wird er überwältigt und gefangengesetzt, auf Schatel le mort ist er aufgrund eines Zaubers völlig hilflos.“ (S. 55)

Auch weist Haug auf die sich verändernde Rolle der Frau hin: Die Tochter bietet sich an, Ade hilft, gibt ihn aber vorschnell auf, und Iblis erst ist die perfekte Partnerin.

„Das Prinzip, nach dem die Episoden im ersten Teil sich ablösen, ist das der variierenden Steigerung ein und derselben Grundsituation: Kampf und Gewinn einer Frau.“ (Haug, S. 60)

4.1 Das Verlieben

Galagandreiz’ Tochter verliebt sich nicht in Lanzelet, sie wählt ihn erst als Liebespartner, nachdem die anderen beiden Ritter ihr Minne-Ansinnen als zu riskant ablehnten. Damit sind wir beim oft anzutreffenden Topos des verführten bzw. in die Liebe einzuweisenden Jünglings. Dass dies durch eine unerfahrene Frau – zumindest behauptet sie das von sich – erfolgt, scheint eher ungewöhnlich. Doch Ulrich operiert mit der Macht der Minne, und daher werden Zweifel schnell beseitigt.

Ade verliebt sich auf keusche Weise in Lanzelet, als sie ihn vor der Burg kämpfen sieht. Iblis verliebt sich auch beim ersten Anblick von Lanzelet in ihn, nur dass sie ihn das erste Mal im Traum sieht. Die Liebe der Frauen wird immer unkörperlicher. Die erste brauchte ihn körperlich, weil sie selbst vor Liebeslust brannte. Die zweite braucht seinen Anblick, um sich voll und ganz für ihn einzusetzen. Der dritten genügt die Erscheinung im Traum, der in Realität auftauchende Lanzelet ist nicht zwingend nötig, sie ist auch in seiner Abwesenheit in ihn verliebt, was später wichtig wird, wenn Lanzelet für ein Jahr auf Plûrîs festgesetzt ist.

In Bezug auf die Körperlichkeit der Liebe gilt das bereits Gesagte: Das Verhältnis mit der Tochter ist durch die körperliche Liebe gekennzeichnet, die Beziehung mit Ade schließt sie nicht aus und bei Iblis geht es nicht mehr um die Körperlichkeit. Ulrich findet zumindest keine Worte, die eine ähnliche Eindeutigkeit herstellen wie bei den beiden anderen.

4.2 Die ersten Begegnungen

Bei der ersten Begegnung zwischen Lanzelet und den Frauen gibt es ebenfalls bemerkenswerte Unterschiede. Freundlich von Galagandreiz an dessen Hof aufgenommen, stellt dieser seine Tochter vor. [17]17 :: Indirekt legt Galagandreiz selbst damit den Grundstein für seinen Tod. Erst später nähert sich die Tochter aus eigenem Antrieb den fremden Männern. Ade hingegen benötigt keine förmliche Vorstellung, die in der Situation von Lanzelets Bedrängnis und in Abwesenheit von Linier auch schwer möglich wäre. Sie ergreift gleich selbst die Initiative und eilt zu Lanzelet, um ihm zu helfen. Iblis braucht nicht nur keine förmliche Vorstellung, sondern auch nicht den Anblick von Lanzelet, wie oben ausgeführt.

Ebenso wie die Kontaktaufnahme von der Verhaftung in höfischen Ritualen über die eigene Initiative zur imaginierten Realität des Traumes verschoben wird, so verlängert sich auch die Dauer des Zusammenseins. Die Begegnung mit Galagandreiz’ Tochter beschränkt sich im wesentlichen auf eine Nacht, danach wird sie nicht mehr in der Handlung erwähnt. [18]18 :: Unterstrichen wird die Rolle von Galagandreiz’ Tochter im Text durch die Tatsache, dass sie keinen Namen hat. Ihre Bedeutung in der Handlung scheint sich tatsächlich nur auf Lanzelets erste Liebesnacht zu erstrecken.
19 :: Der Gedanke, dass der Roman auch einen didaktischen Anspruch verfolgt, wird durch die zahlreichen Sentenzen genährt. Ulrike Zellmann postuliert in diesem Zusammenhang: „Der kompilatorische Charakter lässt die Didaxe selbst zum konstituierenden Element der Erzählung werden.“ (S. 75)
Ade sorgt sich um ihn mehrere Tage hinweg und bleibt auch nach der Tötung Liniers bei Lanzelet, bis der Zauber von Schâtel le mort ihn in einen Feigling verwandelt. Iblis schließlich bleibt bis zum Ende des Textes – von einigen Aufenthalten ohne Lanzelet abgesehen – bei ihm. Ist somit Iblis’ aus einem Traum entstandene Liebe die stärkste? [19] Die Handlung bejaht dies, denn die auf Körperlichkeit bzw. Ansehen gegründeten Liebes-Abenteuer sind jeweils nur von kurzer Dauer.

Eine Dreier-Klimax, wobei die dritte Station das zu erreichende Ideal darstellt, finden wir auch an anderen Stellen im Roman. Die erste Einladung, an Artus’ Hof zu kommen, schlägt Lanzelet nach der Tötung Galagandreiz’ aus; Orphilet hatte ihm dies empfohlen. Die nächste Einladung überbringt Walwein nach Lanzelets Sieg über Linier. Und schließlich lädt Artus nach dem Turnier bei Djofle Lanzelet selbst ein; diesen hält nur noch sein ihm nicht bekannter Name davon ab. [20]20 :: „,Das Gesetz der Steigerung‘, das hinsichtlich der ritterlichen Tapferkeit und der Minne gilt, kommt also auch in einer immer größeren Annäherung an die Artusgemeinschaft zum Ausdruck.“ Haug, S. 56 Auch Liniers Kampfprobe besteht aus drei Kämpfen, wobei die Steigerung hier nicht so deutlich wird (Riese – Löwen – Linier selbst). Aber die Kämpfe gegen Galagandreiz (wird zum Kampf gefordert; Sieg durch List), Linier (geht in den Kampf, um aus dem Kerker zu kommen; Lanzelet macht einen mitleiderregenden Eindruck) und Iweret (Lanzelet stellt sich dem Kampf und besteht darin wie ein Mann) weisen eine deutliche Steigerung in der Qualität auf. Das ritterliche Ideal kann erst im Kampf mit Iweret erfüllt werden. Auch das Turnier bei Djofle dauert drei Tage, dabei kämpft Lanzelet am ersten Tag allein, am zweiten in der Gruppe des Grafen Ritschart, und am dritten vereinigen sich die Ritterscharen des Grafen und eines ungenannten Fürsten, und er kämpft für diese große Gruppe.

4.3 Lanzelets Motivation

Auch Lanzelets Motivation für die Aufenthalte bei Galagandreiz, Linier und Iweret sind verschieden. Zu Moreiz gelangt Lanzelet, weil er ein Nachtlager sucht. Er ist in Begleitung von Kurâus und Orphilet, und das Aufsuchen der Burg geschieht zum Teil auch, weil keiner vor den anderen als Feigling dastehen möchte. Zu Limors gelangt Lanzelet durch zielloses Reisen, er sieht die Burg und reitet zu ihr hin; man kann wahrscheinlich Neugierde und ritterlichen Tatendrang als seine Antriebe vermuten. Das spätere Aufsuchen Plûrîs’ wird durch die erste Reisestation Lanzelets (V. 420ff) motiviert, wodurch sich ein erzählerischer Bogen um die anderen drei Frauen spannt. [21]21 :: Ulrich selbst betont den weiten Bogen, den er mit Plûrîs schlägt: „har zuo geriet der geiselslac, | der Lanzelete wart geslagen“ (V. 5540f).

Dem Zusammentreffen mit Iweret ist noch die Begegnung mit dem Abt vorgeschaltet, der Lanzelet den Kampf ausreden will. Doch wie wir schon früher erfahren haben, muss und will Lanzelet gegen Iweret kämpfen. Somit bedarf es auch keiner Burg – diese wird nur beschrieben, ohne dass Lanzelet ihr zu nahe kommen müsste [22]22 :: Die Beschreibung des privatesten aller Gemächer, Iwerets Schlafgemach, ist insofern solitär, als nicht die funktionalen Aspekte der Burg, sondern deren Luxus betont werden. Außerdem wird hier ein Raum beschrieben, der für Lanzelet und die Handlung hochgradig irrelevant ist, er zeichnet Iweret nur als wohlhabenden Burgherren aus; mögliche Implikationen für den Text werden nicht ausgeführt.
23 :: Auf Moreiz bestand seine Verletzung des Hausfriedens im Beischlaf mit der Burgtochter. Auf Limors zeigte er aus Unwissenheit nicht das Friedenszeichen und galt damit als Hausfeind; wozu möglicherweise noch Ades Fürsprache beigetragen haben könnte. Ein Zusammenhang zwischen verletzter Hausehre und amourösen Ambitionen scheint jedenfalls zu bestehen.
24 :: Dabei ist der Roman voll von fantastisch-märchenhaften Orten, nur dass keiner die Topoi des Locus amoenus aufruft. Dagmar Ó Riain-Raedel verweist in diesem Zusammenhang regelmäßig auf die Anderen Welten bzw. Jenseitswelten, die sie auch in anderen Vertretern der Artus-Epik belegt.
–, sondern es genügt die Konstruktion eines Ortes, an dem sich die beiden begegnen. Lanzelet muss also kein Hausrecht verletzen [23], es genügt, dass er Iweret begegnet und mit ihm kämpfen will.

Dieser Ort des Kampfes ist auch der Ort, an dem Iblis im Traume Lanzelet zuerst sah und ihm dann in Realität begegnet. Wahrscheinlich trägt deshalb diese Stelle am Brunnen Züge des „locus amoenus“. Bisher war ein solcher oder vergleichbarer Ort nicht konstruiert worden, [24] was die Bedeutung der Begegnung Iweret-Lanzelet-Iblis unterstreicht.

Die Bedeutung der Iblis wird im gesamten Text betont. Die Mantelprobe besteht sie als einzige aller Frauen am Artushof. Von der Meerfee erhalten sie und Lanzelet das Minnezelt. Ihre Heimkehr nach Dodone in der zweiten Texthälfte ist ebenfalls Anlass zahlreicher Freude-Bekundungen. Darüber könnte der Eindruck entstehen, die Tochter- und Ade-Episoden wären verzichtbar für die Handlung. Dass dem nicht so ist, dass nämlich nur durch die Darstellung der verschiedenen Lieben Iblis in der uns jetzt vorliegenden Vorzüglichkeit zur Geltung kommen kann, habe ich dargelegt.

5 Der Aufenthalt in Plûrîs

Nachdem Lanzelet mit der vollkommenen Iblis und dem Platz am Artushof ein in jeder Hinsicht idealer Ritter geworden ist, wird diese doppelte Bindung im zweiten Teil auf die Probe gestellt.

Alles ist schön und gut am Artushof, nachdem der Anspruch Valerins auf Artus’ Frau Genover im Kampf durch Lanzelet beseitigt wurde. Doch aus der ersten Texthälfte ist noch eine Station übrig, an der sich Lanzelet beweisen muss. Die wiederholte Einladung an den Artushof hat er bereits angenommen und sich bewährt. Doch ganz zu Anfang seiner Reise kam er an Plûrîs vorbei, wo ihn ein Zwerg beleidigte, indem er Lanzelets Pferd peitschte (V. 421ff). Auch später wird Plûrîs immer wieder erwähnt (u.a. V. 3501ff). Nun also beschließt Lanzelet, zum Ort seiner ersten Schmach zurückzukehren und diese zu rächen.

5.1 Viele statt einem

Lanzelet muss nun wieder „durch die Stufe der Demütigung und Gefangenschaft gehen, bevor er die höchste Stufe erreichen kann“, (S. 85) leitet Dagmar Ó Riain-Raedel ihre Analyse des Plûrîs-Abenteuers ein. Die Geißelung des Zwerges, der durch diese Aktion erst eine Handlung zwischen Lanzelet und der Plûrîs-Herrin in Gang bringt, und Lanzelets Nicht-Rache dessen entspricht der Demütigung, die in der Gefangennahme auf Limors und der Lethargie in Schatel le mort ihre Entsprechung findet. Dieses Mal ist allerdings kein väterlicher Beschützer zu bezwingen, wie es im ersten Teil noch üblich war. Stattdessen besiegt Lanzelet hundert Krieger. [25]25 :: Auch von dieser Kampfprobe weiß Ulrich: „es hiez ir âventiure“ (V. 5448). Dadurch stellt er den Bezug zur Limor-Episode her. Die Qualität der Einzelsiege aus Teil eins wird in Teil zwei durch die Quantität des Massensieges ausgeglichen. Auch hier folgt auf den Sieg die Herrschaft über die Burg und das Land.

Der Kampf gegen die hundert Ritter ist also nur eine institutionalisierte Variante des Herrscher-Bezwingens bzw. notwendige Abwandlung, da kein Herrscher von Plûrîs existiert, der besiegt werden müsste. [26]26 :: Daher gibt es auch keine Vaterfigur, und dies ist ein sachlicher und ritterlicher Kampf; Tote werden nicht erwähnt, nur die Vortrefflichkeit der Ritter, und die Darstellung des Kampfes beschränkt sich auf: „Lanzelet stach si nider | von den rossen ûf daz gras, | alse vil sô ir was“ (V. 5512ff). Auf Moreiz kämpfte Lanzelet um sein Leben, auf Limors gibt es schon eine feste Tradition, nämlich Liniers Aventiure. In beiden Fällen erhält der Sieger die Herrschaft, obwohl dies vorher nicht als Bestandteil des Kampfes ausgemacht wurde; es ergibt sich logisch aus der Tatsache, dass der Herrscher im Kampf gefallen ist und jemand das Gebiet beherrschen muss.

Erst bei Iweret steht der Gewinn, der über die Bewahrung des eigenen Lebens hinausgeht, vorher fest: Es soll jeder den Gong unter der Linde schlagen, „der muot ûf mîne vrowen hât | und der manheit will bejagen“ (V. 3902f). Die Herrin von Plûrîs hat ebenfalls den Preis für den Sieger schon vorher festgesetzt: „dem gaeb die künigîn hêre | lîp, guot und êre“ (V. 5461f).

Selbstverständlich siegt Lanzelet über alle hundert Ritter und gewinnt die Herrschaft über Plûrîs. Die Herrin findet jedoch solchen Gefallen an ihm, dass sie ihn nicht wieder fortlassen will (sie nimmt ihn in „Minnehaft“, Kurt Ruh, S. 42). Nach einem Jahr gelingt es Lanzelet mittels einer List und durch die Hilfe der befreundeten Artusritter zu entkommen.

5.2 Schon wieder verheiratet

Moralisch fragwürdig wird die nunmehr vierte Beziehung Lanzelets mit einer Frau überhaupt nicht gedeutet. Dagmar Ó Riain-Raeder begründet dies – so wie einige andere Phänomene des Textes – mit Ursprüngen aus der keltischen Überlieferung. So gebe es einen walisischen Rechtstext, wonach es möglich ist, sich vom Ehepartner zu trennen und wieder zu heiraten (S. 89). Genau das geschieht ja im Lanzelet. Er lässt sich erst mit einer Frau ein, wenn er die andere bereits verlassen hat.

Doch diesmal auf Plûrîs ist es ein wenig anders als zuvor. Im ersten Teil verschwand eine einmal verlassene Frau auch endgültig aus dem Text, was Ulrich z.B. bei Ade extra betont (s.o.). Nun jedoch sehnt sich Lanzelet plötzlich nach der letzten Frau, nach Iblis zurück. Wir müssen berücksichtigen: Wie bisher in allen anderen Kämpfen ging es ihm primär nicht darum, etwas dazu zu gewinnen, sondern nur etwas zu bewahren (sein Leben) bzw. zu rächen (die Meerfee). So will er auch dieses Mal nur die Schmach rächen, muss jetzt aber – wie zuvor auch – den Preis, nämlich die Ehe mit der Herrin mit in Kauf nehmen. Doch, und darin liegt der Unterschied, er hatte Iblis ja nicht verlassen (wie die Tochter) und sie nicht ihn (wie Ade). Daher haben wir jetzt eine dritte Beziehungsausgangssituation: nicht die des Verlassers oder Verlassenen, sondern die des „von der Beziehung Überraschten“. „dô muose aber briuten | der wîpsaelige Lanzelet. | ich enweiz, ob erz ungerne tet“ (V. 5528ff).

Konzeptionell ist bei den Artusromanen – und um einen solchen handelt es sich nach Einschätzung der meisten Betrachtungen zum Lanzelet – zu bemerken, dass „,Affektregulierung’ und ,Triebkonditionierung’ nur die eine Seite der Medaille sind. […] die offen erotische Liebesdarstellung wird ja von der Gattung [des Artusromans] keineswegs unterdrückt, sie wird nur vom Artushof ausgelagert. Fern vom Hof ist sie möglich, ist sie zugelassen und verschafft sich auch ihr Recht.“ (Gert Kaiser, S. 251) Die Idee, hinter der Plûrîs-Episode eine verknappte Darstellung des modernen Midlife-Crisis-Phänomens (wonach die Männer sich für eine kurze Zeit noch einmal an jungen Frauen versuchen wollen) zu sehen, scheint weit weniger überzeugend als die Vorstellung, dassdiese Episode eben den Regeln des Genres entsprechend die Liebe vom Artushof auslagern muss und sonst im zweiten Teil kein Minne-Abenteuer zu bestehen wäre, was im Verhältnis zum ersten Teil deutlich mehr stören würde.

Die Herrin von Plûrîs bleibt wie Galagandreiz’ Tochter namenlos. Die Tochter wählte Lanzelet als letzten, traute ihm also am wenigsten zu, ihre Wünsche zu befriedigen. Genauso sehnt sich jetzt Lanzelet von Plûrîs weg, die seine Wünsche nicht so gut erfüllen kann wie Iblis. Obwohl sich in beiden Episoden jeweils beide Beteiligten auf das Miteinander eingelassen haben, können beide nicht von Dauer sein. Denn auch von der Tochter, bei der wie hier in Plûrîs die körperliche Liebe zentral war, zog es Lanzelet fort. Somit bestätigt Plûrîs indirekt noch einmal die Vollkommenheit Iblis’. Denn diese ist die einzige, bei der, wie bereits gesagt, die körperliche Liebe im Text keine Rolle spielt, und zu ihr sehnt sich Lanzelet zurück, was seine Vollkommenheit bestätigt.

5.3 Treue, Treulosigkeit als zentrale Motive

Das Prinzip der triuwe, deren Mangel den ersten Teil dominierte (z.B. Pants beendete Gewaltherrschaft, Iwerets Erbraub an der Meerfee, Ades rasche Abwendung von Lanzelet), bestimmt auch den zweiten Teil (z.B. Lanzelet bleibt in Plûrîs insofern treu, als er stets zu Iblis zurückstrebt, Iblis passt als einziger der Mantel, Lanzelet hält Artus und seinen Mitrittern die Treue und steht ihnen bei) und kulminiert schließlich in der Episode mit dem Drachen. Die Geschichte des aus Treulosigkeit in einen Drachen verwandelten Mädchens fasst noch einmal den Kernproblemkreis zusammen, stellt Haug fest (S. 58).

6 Zusammenfassung

Die drei Frauen im ersten Teil sind noch deutlich voneinander unterschieden. Bei Galagandreiz’ Tochter dominiert die körperliche Liebe. Man könnte die namenlose Frau auch als lüstern bezeichnen. Ade hingegen steht für die respektable, pragmatische Liebe. Sie unterstützt Lanzelet und verhält sich tugendhaft, das entspricht der Konzeption einer Ehefrau. Iblis repräsentiert die vollkommene Liebe. Sie steht für das hohe Ideal der Minne, wie es aus der hohen Minne-Dichtung bekannt ist.

Die Herrin von Plûrîs würde ich als Mischung aus der Tochter und Ade einordnen. Sie genießt die körperliche Liebe und schätzt Lanzelet als Ehemann und Herrscher, kurzum in seiner ritterlichen Männlichkeit. Sie hält ihn fest, weil sie befürchtet, keinen „man sô wol getân“ (V. 5551) zu finden, was im direkten Anschluss an den Beischlaf (V. 5545f) beide Deutungen zulässt und wohl auch meint. Auch damit wird erneut Iblis’ Sonderstellung als nicht imitier- oder übertreffbar indirekt betont.

Die Bedeutung der vier Frauen für die Handlung sehe ich darin, dass die drei skizzierten Typen von Beziehungen dargestellt werden können. Sie folgen in ihrer Anordnung im Text dem Schema der Steigerung. Der dritten Frau, die als perfekt präsentiert wird, ist noch einmal zur Bekräftigung ihrer Vollkommenheit die Plûrîs-Herrin im zweiten Teil als Wiederaufnahme der beiden anderen Typen entgegengesetzt.

Was die toten Vaterfiguren betrifft, so kann ich nur Vermutungen anstellen. Ich halte die bereits gegebene psychologische Erklärung für tragfähig. Systematisch lässt sich noch hinzufügen, dass Lanzelet bis zur Wiedererlangung des eigenen Thrones potenzielle Gegner, die ihm sein Reich jetzt oder künftig streitig zu machen versuchen könnten, beseitigt. Letztendlich ist die Tötung des Vaters und anschließende Beziehung mit der Tochter aber auch ein oft anzutreffender literarischer Topos, der hier dreifach bzw. bei Plûrîs stellvertretend aufgegriffen wird, um die Parallelität der Episoden zu unterstreichen und dadurch die Unterschiede zu betonen.

7 Quellen

Die vorliegende Arbeit entstand unter Zuhilfenahme folgender Texte. Zitate sind stets als solche gekennzeichnet.

7.1 Primär

Ulrich von Zatzikhoven, „Lanzelet“, mittelhochdeutsch/neuhochdeutsch, herausgegeben von Wolfgang Spiewok, Greifswald 1997

7.2 Sekundär

Walter Haug, „Rezeption als Reduktion: Ulrichs ,Lanzelet’“ in „Das Land, von welchem niemand wiederkehrt“, Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte, Band 21, Tübingen 1978

Gert Kaiser, „Artushof und Liebe“, in „Höfische Literatur. Hofgesellschaft. Höfische Lebensformen um 1200“, hrsg.v. Gert Kaiser und JanDirk Müller, Düsseldorf 1986

Maurice Keen, „Das Rittertum“, Düsseldorf 2002

Michéle Remakel, „Rittertum zwischen Minne und Gral“, Mikrokosmos. Beiträge zur Literaturwissenschaft und Bedeutungsforschung, Band 42, Frankfurt/Main 1995

Dagmar ó Riain-Raedel, „Untersuchungen zur mythischen Struktur der mittelhochdeutschen Artusepen“, Philologische Studien und Quellen, Heft 91, Berlin 1978

Werner Richter, „Der Lanzelet des Ulrich von Zazikhoven“, Deutsche Forschungen, Heft 27, Frankfurt/Main 1934

Kurt Ruh, „Höfische Epik des deutschen Mittelalters, Band II“, Grundlagen der Germanistik, Berlin 1980

Klaus M. Schmidt, „Begriffsglossar und Index zu Ulrichs von Zatzikhoven ,Lanzelet‘“, Tübingen 1993

Ulrike Zellmann, „Lanzelet. Der biographische Artusroman als Auslegungsschema dynastischer Wissensbildung“, Düsseldorf 1996

Prof. Dr. Anselm Salzer, Prof. Eduard von Tunk, „Illustrierte Geschichte der deutschen Literatur. Das anerkannte Standardwerk in drei Bänden, Band I. Revidierte und erweiterte Neuauflage“, Komet Verlag

Update 2010: Beim Einpflegen wurde unaufdringlich auf neue Rechtschreibung umgestellt und einige Zeichensetzungen korrigiert.
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Alexander Florin
Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de

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