Meine Top-Film-Liste

Sag mir, was du magst, und ich sage dir, wer du bist. Persönliche Hitlisten sind interessant, verräterisch, selbstentblößend, rein subjektiv und in ihrer Zusammenstellung immer kritisch. Spaß machen sie aber trotzdem. Hier nun meine Lieblingsfilme. WORK IN PROGRESS

Diese Liste soll sich zu mindestens einer Top-20 fügen. Links führen jeweils zum Eintrag in der Internet Movie Database. Jeder Film hätte natürlich eine ausführliche Würdigung verdient. Ich mache es mir allerdings besonders schwer und versuche, mich auf einige wenige prägnante Zeilen zu beschränken. Eine weitere Beschränkung besteht darin, dass ich jedem Regisseur nur einen Eintrag in meiner Top-20 gönne. Daher gebe ich alle Filme zusätzlich an, die eigentlich ebenfalls mit in diese Liste gehören.

1. Barry Lyndon (1975)

Regie: Stanley Kubrick. Darsteller: Ryan O’Neill

EinBarry Lyndon steht stellvertretend für folgende Kubrick-Filme auf Platz 1: Dr. Seltsam Oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964), Shining (1980), Lolita (1962), Wege zum Ruhm (1957), Spartacus (1960), 2001 – Odyssee im Weltraum (1968). ästhetischer Hochgenuss, der Ruhe gebietet und wie beiläufig die Menschen demaskiert. Die Bilder sind wie Gemälde aus dem 18. Jahrhundert, und die klassische Musik ist schlicht ergreifend – ein Kunstwerk, das Kunst ist, nichts anderes sein will und irgendetwas tief in einem drinnen trifft. Highlights: jede Szene mit Musik und vor allem die Zoom-Plateaus. Nicht zu vergessen die intensiven Momente bei Kerzenlicht.

Die erste Szene – ein bezauberndes Panorama für eine kleine Duell-Szene – enthüllt die Erzählweise des Films. Der Off-Erzähler verrät stets wichtige Ereignisse im Voraus. Dadurch verschiebt sich das Interesse vom „Was passiert“ auf das „Wie passiert es“. Das verleiht dem Film eine besondere Wirkung, ohne die Geschichte zum bloßen Rechtfertigungsgrund für schöne Szenen verkommen zu lassen.

Einmal mehr beweist sich Kubrick – wie auch in seinen anderen Filmen – als neutraler Erzähler, und zwar tatsächlich neutral, in einem unbeteiligt-dokumentarischen Gestus. Sein Film nimmt niemandes Perspektive ein, sympathisiert mit keiner Figur und lässt das Publikum seine eigenen Entscheidungen fällen und Emotionen verteilen.

Eine Analyse über Vater-Komplexe und „national identity“ auf zanjero.de

2. Falstaff / Chimes at Midnight (1965)

Regie: Orson Welles

ZusammengestelltFalstaff steht stellvertretend für folgende Welles-Filme auf dem zweiten Platz (als Gesamt-Oevre gebührt Welles bei mir eigentlich der erste Platz, aber es gibt keinen Einzelfilm, der Barry Lyndon toppt): Macbeth (1948), Der Prozess (1962), Citizen Kane (1941), Othello (1952), F for Fake (1973) aus mehreren Shakespeare-Stücken schafft Orson Welles ein neues Stück mit Falstaff im Zentrum. Dessen Beziehung zum Thronfolger Prinz Hal und wiederum dessen Beziehung zu König und Hof werden mit Liebe für die Charaktere geschildert. Die Schlacht gilt als wegweisend, wie eine Schlacht im Kino aussehen sollte.

Dem begrenzten Budget begegnet Orson Welles mit meisterlicher Improvisation und lässt sich inhaltlich auf keine Kompromisse ein. Dies ist einer der wenigen Welles-Filme, in denen der Zuschauer nicht anders kann als Sympathie oder zumindest Interesse für die Figuren zu entwickeln. Keine technischen Raffinessen oder cineastischen Filetstückchen lenken von den Figuren, von der Geschichte ab, die mit größtmöglicher Effektivität und Liebe erzählt wird.

mehr über Orson Welles auf zanjero.de

3. Brazil (1984)

Regie: Terry Gilliam. Darsteller: Jonathan Pryce, Katherine Helmond, Robert de Niro, Bob Hoskins, Kim Greist

Menschen werden von der Bürokratie aufgesaugt, alles ist absurd und unwirklich und gerade deshalb erkennen wir viele Momente wieder. Ein Film zwischen Orwells „1984“, Kafkas „Prozess“ und Monty Python voll grandioser Nebenmomente, man denke an die Szenen im Restaurant oder Allyson, äh Barbara. In seinen Träumen ein Superheld, wird Sam Lowry vom bürokratischen Alltag, seiner sich ewiglich verjüngenden Mutter und seinem Drang, Dinge zu verändern und etwas zu bewegen, aufgefressen. Bis er in der angeblichen Terroristin Gil die Frau aus seinen Träumen findet. Überwältigende Bilder, ein kraftvoller, markanter Soundtrack und zahllose Seitenhiebe lassen Brazil zum Erlebnis werden.

3. (alternativ) Die Abenteuer des Baron Münchhausen (1988)

Regie: Terry Gilliam. Darsteller: John Neville, Eric Idle, Oliver Reed, Uma Thurman, Jonathan Pryce

EineBrazil und Münchhausen stehen stellvertretend für folgende Gilliam-Filme auf dem dritten Platz: Time Bandits (1981) (vor allem die letzte halbe Stunde!), Jabberwocky (1977), König der Fischer (1991), Fear and Loathing in Las Vegas (1998), 12 Monkeys (1995), Dr. Parnassus (2009) effektgeladene, absurd-komische Fortsetzung des klassischen Münchhausen. Highlight: die schwerelose Tanzszene zwischen Münchhausen und Venus (Uma Thurman!).

mehr (anlässlich von „Dr. Parnassus“) zu Münchhausen auf zanjero.de

4. Gattaca (1997)

Regie: Andrew Niccol. Darsteller: Ethan Hawke, Jude Law, Uma Thurman.

EinAußerdem waren noch folgende Niccol-Filme im Rennen: S1m0ne (2002) und Lord of War (2005). unaufgeregt spannender Film über die „nicht allzu ferne Zukunft“ mit beeindruckenden Bildern und nebenbei ethischer Sinnsuche. Ein Plädoyer für Menschlichkeit und dabei auch Familien-/Bruderdrama, Traumerfüllungsfilm, Liebesgeschichte, Krimi, Sci-Fi-Analyse. Ethan Hawke trägt ausnahmsweise mal nicht sein spöttisches Lächeln um den Mundwinkel. Unspektakulär ergreifend: „Der Wind hat’s weggeweht.“

Der Soundtrack ist immer noch mitreißend frisch, die Bilder von einer kühlen Ästhetik, die Geschichte von einer klaren Stringenz geleitet. Trotz der exakten Komposition der Geschichte bleiben die Figuren keine Schachfiguren einer Erzählung, sondern berühren mit ihren Entscheidungen und Schicksalen.

5. Fight Club (1999)

Regie: David Fincher. Darsteller: Edward Norton, Brad Pitt, Helena Bonham Carter

EineFight Club steht stellvertretend für zwei weitere Fincher-Filme: Alien 3 (1991) und Sie7en (1995). herrlich bissige Demontage unserer westlichen Werte. „Wir glauben, dass wir alle Rock- oder Filmstars werden – werden wir aber nicht.“ „Wozu muss ein Mann wissen, was ein plate ist, rein evolutionstheoretisch gesehen?“ „I want you to hit me as hard as you can.“ Brad Pitt mit Mut zur Hässlichkeit und Edward Norton einfach in einer grandiosen Präsenz als von der Rebellion überholter Statistik-Auswerter. Einprägsam: das Stehlen des Fettes.

6. Edward mit den Scherenhänden (1990)

Regie: Tim Burton. Darsteller: Johnny Depp, Winona Ryder, Dianne Wiest, Vincent Price

Bestechend ergreifendes modernes Märchen über einen Außenseiter, das seine satirischen Neigungen ebenso wenig verhehlt wie seinen Hang zum Schmalz und beide Seiten grandios ausbalanciert. Fantastisch zeitloser Soundtrack von Danny Elfman. Nur die blonden Haare stehen stehen Winona Ryder nicht so gut, aber Blondinen sind wohl Burtons Marotte, wenn man sich sein Œvre so anschaut.

6. (alternativ) Batmans Rückkehr (1992)

Regie: Tim Burton. Darsteller: Michael Keaton, Michelle Pfeiffer, Danny de Vito, Christopher Walken, Pat Hingle, Michael Murphy

DerEdward und Batmans Rückkehr stehen stellvertretend für folgende Burton-Filme: Big Fish (2004), Ed Wood (1994), Batman (1989), Beetlejuice (1988). beste aller Batman-Filme. Wegen Christopher Walken. Wegen Michelle Pfeiffer. Wegen Dannny de Vito. Wegen des Soundtracks (Danny Elfman). Wegen der Atmosphäre. Einfach weil er schön comichaft „larger than life“ aber nicht ganz so abseitig wie die anderen ist.

7. Rosenkranz and Guildenstern [sind tot] (1990)

Regie: Tom Stoppard; Darsteller: Tim Roth, Gary Oldman, Richard Dreyfuss (nach Stoppards Stück von 1967)

Hamlet einmal von der anderen Seite, aus Sicht der Nebenfiguren. Herrlich intelligent-absurde Dialoge und Vermischung der Realitätsebenen. Aufhorchen: die Ausführungen, ob eine Münze hundertmal hintereinander auf die gleiche Seite fällt, ob man lieber tot oder lebendig in einem Sarg liegen würde und wie man Hamlet aushorchen will. Anregung für trübe Nachmittage: mit Freunden das Frage-Spiel nachspielen – man muss ja dabei nicht Tennis spielen.

8. Garden State (2004)

Regie: Zach Braff. Darsteller: Zach Braff, Natalie Portman

Begeisternd unprätentiöses Erstlingswerk mit Tiefe, Wärme und Kauzigkeit. Besonders beeindruckt die für einen Independent-Film hervorragende Kamera-Arbeit. Der Soundtrack dieser feinen, feinfühligen Coming-of-Age-Geschichte verführt zum Immer-wieder-Hören.

mehr zu Garden State auf zanjero.de

9. Before Sunrise | Before Sunset (1995 | 2004)

Regie: Richard Linklater; Darsteller: Ethan Hawke, Julie Delpy

Ein Amerikaner und eine Französin begegnen sich im Zug und verbringen eine Nacht in Wien. Der Film verlässt sich zu Recht auf seine zwei liebenswerten Darsteller und die Dialoge. Einfach herzergreifend, wie sie im Restaurant mit ihrer Freundin telefoniert und er mit seinem Kumpel.

NeunVon Richard Linklater außerdem sehr zu empfehlen: A Scanner Darkly (2006) und Me and Orson Welles (2008). Jahre später begegnen sich die beiden in Paris wieder und streunen redend durch die Seine-Metropole. Genauso entwaffnend charmant wie der Vorgänger.

10. My private Idaho (1991)

Regie: Gus van Sant. Darsteller: River Phoenix, Keanu Reeves, Udo Kier

AlleinMy private Idaho steht stellvertretend für den Mut, mit dem van Sant immer wieder überraschende Filme schafft: Elephant (2003), Gerry (2002), Milk (2008). wegen des depressiven Schlussbildes immer wieder für melancholische Tage geeignet. Wie überzeugend hier der Shakespeare der Straße gegen die versnobte Oberklasse ausgespielt wird – und wie trotz aller Melancholie eine Lebensfreude aus den Bildern spricht – einfach überwältigend.

11. Der Dialog (1974)

Regie: Francis Ford Coppola. Darsteller: Gene Hackman, Robert Duvall

EinDer Dialog steht stellvertretend für folgende Coppola-Filme: Der Pate III (1989), Dracula (1992), Der Pate I (1972) und II (1974), Rumble Fish (1983), Apocalypse Now (1979). Abhörtechniker – der beste seines Faches – wird die Geister, die er rief, nicht los und verfällt der Paranoia. Beklemmendes Portrait eines Außenseiters, der eigentlich keiner ist. „Er würde uns umbringen, wenn er es wüsste“, diesen Satz aus zahllosen Aufnahmen zusammenzusetzen, seinen Sinn zu ergründen und dennoch auf professioneller Distanz bleiben – das ist seine Aufgabe, aber irgendwann verfällt er dem Sog. Einfach grandios die Einführungsszene, wie Gene Hackman und seine Mitarbeiter das Gespräch auf dem belebten Platz mitschneiden (übrigens z.T. ohne dass die Passanten wussten, dass ein Film gedreht wird).

12. Starship Troopers (1997)

Regie: Paul Verhoeven. Darsteller: Casper van Dien, Dina Meyer, Denise Richards, Neil Patrick Harris, Patrick Muldoon, Michael Ironside

Ein Film wie ein Comic: laut, bunt, schrill, flott und witzig. Ob man ihn nun als Action-Krach-Spaß-Reißer oder als zynischen Kommentar auf eben diese Action-Krach-Spaß-Reißer sehen will, bleibt jedem selbst überlassen.

13. The Front – Der Strohmann (1974)

Regie: Martin Ritt; Darsteller: Woody Allen, Zero Mostel

Engagierter Film über die McCarthy-Ära mit Woody Allen als Held wider Willen, der sich unter der fremden Regie zurücknimmt und die ernsthafte Rolle menschlich voll ausfüllt. Ein präzises Zeiten-, Stimmungs- und Politikgemälde voll sauber gezeichneter Schicksale, die einen nicht kaltlassen.

14. September (1987)

Regie: Woody Allen. Darsteller: Mia Farrow, Dianne Wiest, Sam Waterston

Ein schlichtes Kammerstück, das die Nerven der sechs Protagonisten blanklegt, ehrlicherweise keine Lösung anbietet und in seiner Schlichtheit und menschlichen Präzison meinen Nerv traf.

September steht stellvertretend für folgende Allen-Filme: Annie Hall, Love and Death, Zelig, Manhattan, Radio Days, Match Point, Innenleben, Crimes and Misdeanors


Wer Lust bekommen hat, sich gleich einen der Filme anzuschauen, findet hier eine kurze Übersicht über Online-Angebote (kostenloses eBook laden).
  • Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Delicious
  • LinkedIn
  • Email
  • Print

Alexander Florin
Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de

Ein Kommentar

  1. Pingback: Me and Orson Welles (2008) | zanjero.de

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>