Filmklassiker »Love and Death« (1975)

»Ich habe eine großartige Idee. Wir erschießen Napoleon.« Boris ist von Sonjas Vorschlag nicht sonderlich begeistert. »Was schlägst du dann vor? Passiven Widerstand?« »Nicht doch«, erwidert er, »ich schlage aktive Flucht vor.« Doch letztendlich setzt sich die Frau durch und Boris findet sich bald in Moskau wieder und hält dem kleinen Imperator die Pistole an die Schläfe.

Selbstverständlich kann sich Sonja retten, während Boris zum Tode verurteilt wird. Während er auf seine Hinrichtung am nächsten Morgen wartet, erzählt er uns sein Leben. Das trug dem Film in Deutschland den Titel »Die letzte Nacht des Boris Gruschenko« ein, mitunter wird er auch als »Man schießt nicht auf Napoleon« geführt. Der Originaltitel ist da deutlich aussagekräftiger, benennt er doch präzise die zwei treibenden Kräfte in Boris’ Leben: Liebe und Tod.

Mit seiner Komödie über einen feigen Russen, der Anfang des 19. Jahrhunderts durch die napoleonischen Kriegswirren stolpert, gelang Woody Allen als Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller einer seiner größten Kassenerfolge. Er verbindet seine klassischen Einzeiler, philosophische Nonsensdialoge über Gott und die Existenz, abgedrehten Slapstick und respektlose Parodien zu einem quirlig-bunten Lachfeuerwerk, das einen nur selten Luft holen lässt. »Love and Death« vereint das beste aus zwei Welten: Allens frühe chaotische »Spaßfilme« und seine späteren ernsthafteren Beziehungsdramödien. Als Sonja brilliert neben ihm Diane Keaton, die ihrer Rolle (»halb Heilige halb Hure«) neben all dem Humor auch die notwendige menschliche Tiefe verleiht.

Es dauert sehr lange, bis Boris nicht nur Sonjas Hand, sondern auch ihr Herz gewinnt. Denn erst einmal gehört ihre Hand Boskowitz dem Heringshändler und ihr Herz Boris’ Bruder Iwan, der »so eine animalische Ausstrahlung hat«. Doch den Krieg überleben beide nicht. Also willigt sie aus Mitleid in die Ehe mit Boris ein, verweigert sich ihm jedoch in der Hochzeitsnacht: »Sex ohne Liebe ist ein leeres Erlebnis für mich.« »Ja, aber von allen leeren Erlebnissen ist es das beste!«

Die letzte Nacht des Boris Gruschenko
USA, 1975, Regie: Woody Allen
90 Minuten, auf DVD erhältlich

erschienen in »Spree«, Januar 2005, Seite 49

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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