Kinotipp: „J. Edgar“, ein fast schon intimes Drama

Ein großer Mann will, dass die Welt sich an ihn erinnert. So wie er es will, dass sie sich an ihn erinnert. Er erzählt seine Erinnerungen. Dieser alte Mann ist J. Edgar Hoover, legendärer Chef des FBI. Jungen Agenten diktiert er seine Vergangenheit in die Schreibmaschine. Irgendwann in den 1970ern. Der Film spielt damit auf drei Zeitebenen:

Die Gegenwart des Entstehens (2011) und das Wissen des heutigen Publikums über das 20. Jahrhundert und das FBI bezieht Clint Eastwoods Film „J. Edgar“ ebenso mit ein wie die Gegenwart des Diktierens und die geschilderten Ereignisse. Das sehr kluge und ausgewogene Drehbuch von Dustin Lance Back (Oscar für sein Drehbuch zu „Milk“) setzt vor allem auf seine Charaktere und deren Beziehungen statt auf „Action“. Deshalb ist dies neben aller politischer Geschehnisse ein intimer Einblick in eine absurde Dreiecksbeziehung zwischen J. Edgar Hoover, seiner Sekretärin Helen Gandy (Naomi Watts) und seinem Vertrauten Clyde Tolson (Armie Hammer).

Hoovers Sekretärin Helen Gandy (Naomi Watts), Clyde Tolson (Armie Hammer) und J. Edgar Hoover (Leonardi di Caprio)

Die Entstehung des „Bureau of Investigation“, deren stete Machterweiterung sind die wichtigen „Nebenhandlungen“ des Films, die anhand bedeutender Einzelfälle geschildert wird. Dabei nimmt die Entführung des Kindes von Charles Lindbergh die meiste Erzählzeit ein. Natürlich werden auch andere Fälle, Hoovers persönliche Geheimakten und Hoovers Kommunistenparanoia geschickt eingewoben. Fast schon ein Running Gag sind die Besuche bei US-Präsidenten nach deren Amtsantritt. Die Beziehung von J. Edgar zu seiner Mutter (Judi Dench) als private Nebenhandlung gibt der Figur zusätzliche Tiefe.

Mrs. Hoover (Judi Dench) und J. Edgar Hoover (Leonardo di Caprio).

Die ständigen Zeitsprünge, die entweder aus Hoovers Schilderungen oder J. Edgars Erinnerungen resultieren, sind elegant in die Handlung integriert. Sie geben dem Film seinen Fluss und die Spannung. Sie ermöglichen es auch, viele Themen unaufdringlich anzureißen und Konflikte in ihrer Entwicklung zu zeigen, ohne sie zu lösen. Das halte ich für die größte Stärke des Films: Er gibt keine Antworten, keine Interpretation vor, sondern zeigt fast nüchtern-distanziert-dokumentarisch die Ereignisse. Zumindest ist das sein Zeigegestus, seine Präsentationsweise.

Dazu passt, dass ständig wechselnde Agenten Hoovers Ausführungen aufschreiben. Hier gestaltet kein ordnender Geist die Aufzeichnungen kohärent, sondern J. Edgar Hoover selbst bleibt Herr und Beherrscher seiner Geschichte. Er entscheidet, was und wie er erzählt. Er sortiert die Fäden und schildert oder vernachlässigt Zusammenhänge. Der Film folgt somit J. Edgar Hoovers Sicht auf die Geschichte und Ereignisse und stellt private Erinnerungen neben die Schilderungen. Erst ganz am Ende – das ist ein schöner und überraschender Erzähleffekt – kann kurz eine andere Perspektive einige der erzählten Ereignisse in ein anderes Licht rücken. Das verleiht im Rückblick auch dem ganzen Film eine zusätzliche Doppelbödigkeit, die zahlreiche Fragezeichen bei allzu gloriosen Schilderungen setzt.

Die Präsentation gibt den Schauspielern Raum und den Szenen Zeit. Gerade in emotionalen Szenen können wir so die Protagonisten in Ruhe beobachten, sie ergründen und eigene Schlüsse ziehen. So können die verschiedenen Extreme Hoovers auf der Leinwand nebeneinander bestehen, ohne dass alle Widersprüche gekittet werden. Gerade dadurch entsteht ein vielschichtiges Charakterportrait. Als weiterer Effekt wird das Portrait nicht auf ein privates Drama oder politische Entwicklungen beschränkt, sondern verschränkt beide Bereiche. Das lässt die Wechselwirkungen zwischen den großen Geschehnissen und den kleinen Menschen – oft nur indirekt angedeutet – sicht- und fühlbar werden.

Dass die Beziehung zwischen J. Edgar Hoover und Clyde Tolson so zentral ausformuliert wird, ohne schwule oder andere Klischees zu bedienen, ist filmwirtschaftlich beachtlich und den (realen) Figuren gegenüber fair. Umso berührender sind die Szenen zwischen diesen beiden, die einander nicht gestehen können, was beide wissen und lebenswichtig für sie ist. Die codierte Sprache zwischen ihnen lässt viel erahnen, enttäuscht aber Zuschauer, die auf plakative Enthüllungen hoffen. Dass die Beziehung zwischen Clyde und J. Edgar sexfrei bleibt, wirkt plausibel und gibt ihr zusätzliche emotionale Tiefe.

J. Edgar Hoover (Leonardo di Caprio) und Clyde Tolson (Armie Hammer) im Fahrstuhl.

Ausstattung, Kostüme und Drehbuch wissen auf ganzer Linie zu überzeugen. Der Film lebt in seiner eigenen Welt (die 1970er im Rückblick auf die 1920er, 30er und 40er) und zelebriert sie durch die Augen seines Hauptprotagonisten. Auch die Alterungsmasken funktionieren besser als befürchtet, wenn allerdings bei Hoover besser als manchem anderen. Das Beeindruckende ist, dass man nicht Leonardo di Caprio als J. Edgar Hoover wahrnimmt, sondern die Inszenierung und seine Darstellung zusammen einen scheinbar realen J. Edgar Hoover präsentieren. Nur seine braunen Kontaktlinsen haben mich bei allen Nahaufnahmen gestört.

Kurzum: ein gelungenes biografisches Drama, dass sich nicht um Sensationsgier kümmert, sondern sich für seine Figuren intensiv interessiert.

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Facebook || auf Twitter folgen

Ein Kommentar

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