Filmtipp: „Splice“

Frisch auf DVD erschienen, leider ohne den „Umweg“ über die großen Leinwände ist Vincenzo Natalis vierter Film. Seine bisherigen Filme (der klaustrophobisch und dramatisch dichte „Cube“, der locker-fröhliche „Nothing“ und der verrätselt thrillerige „Cypher“) ließen Großes erwarten, und er hat die Erwartung übertroffen, allerdings anders als erwartet.

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Wer den „Frankenstein“-Roman gelesen hat (und ich meine wirklich den Roman von Mary Shelley und keine einzige der Verfilmungen!), fühlt sich auf spannende Weise an diesen erinnert. *Spoiler-Alarm* Die Wissenschafts-Rockstars und Genetikforscher Clive und Elsa erschaffen eine eigene Kreatur. Anstatt das Experiment zu beenden, führen sie es konsequent weiter, indem sie sich um ihre Schöpfung sorgen und kümmern. Wie ihr eigenes Kind ziehen sie Dren, wie sie das „Mädchen“ nennen, auf. Durch verschiedene Umstände sind sie gezwungen, das Geschöpf geheimzuhalten, und als Gefahr droht, dass Dren im Labor entdeckt wird, bringen sie sie in eine Scheune auf der Farm von Elsas Mutter. Soviel zum Hauptplot, der von sechs Figuren getragen wird: Clive und Elsa sowie Dren, dazu zwei Vertreter des Unternehmens, in dessen Laboren sie arbeiten, und Clives Bruder, der ebenfalls dort arbeitet und sie bei ihren anderen Experimenten unterstützt.

DVD Cover »Splice«

„Splice“ DVD-Cover

Im Zentrum des Films steht nicht irgendeine Science-Fiction-Idee, sondern Clives und Elsas Beziehung zu ihrer eigenen Schöpfung. Die beiden sind quasi Eltern wider Willen geworden, und es ist teils bezaubernd, teils bedrückend, wie sie mit dieser neuen Aufgabe umgehen. Adrien Brody und Sarah Polley! Wie soll man versuchen zu beschreiben, was diesen beiden gelingt? Ohne Rückblenden oder langatmige Dialoge oder Nebenstränge hauchen die beiden ihren Figuren Leben und Geschichte ein. Das Großartige an „Splice“ ist, dass der Film, nachdem die Handlung einmal in Gang gesetzt wurde, diese weniger durch äußere Einflüsse als vielmehr nur noch aus den Figuren heraus weiterlebt und vorangetragen bzw. vorangetrieben wird. Dadurch entwickelt sich die *Spoiler-Alarm* Science-Fiction-Story eher zum Familiendrama, wenn nicht gar zum Psychothriller, der sich schließlich zwar nicht im klassischen Horror, aber doch würdig und sehr konsequent auflöst. Mit den drei Hauptfiguren durchlebt man eine emotionale Achterbahnfahrt, während der es weder Gut noch Böse gibt, da man sich mit jeder der Figuren, ihren Emotionen und Reaktionen gut identifizieren und sie nachfühlen kann. Gerade das macht den Film so zwiespältig und schwer verdaulich: Er gibt keine Antworten, er stellt keine wirklichen Fragen, aber er zeigt Probleme und Entwicklungen auf, die nach Antworten verlangen.

Die technischen Aspekte müssen mindestens erwähnt werden: Die optische Ästhetik ist von einer betörenden Kühle und erlesenen Sachlichkeit. Drens Erscheinung ist stets glaubwürdig. Die Effekte-Künstler haben nicht ein einziges Mal auf sich aufmerksam gemacht. Selbst wenn man es weiß, nimmt man Dren nicht als künstliches Geschöpf wahr; zu echt sind ihre Emotionen, ihre physische Präsenz, ihre Gedanken als dass man auf den Gedanken kommen könnte, hier kein echtes Wesen vor sich zu haben. Das Ganze bei einem Minimalbudget, für das normalerweise schlechtere und leichtere Filme nicht einmal halbwegs ansehnlich zusammengeschustert werden.

Gollum mag zwar als Durchbruch der virtuellen Wesen gegolten haben, aber Dren zuzuschauen, ist einfach bezaubernd. Sie wurde von einer echten Schauspielerin dargestellt und erst anschließend leicht verfremdet, genau so viel Verfremdung, dass sie fremdartig und seltsam wirkt, aber noch so wenig, dass sie vertraut und lieblich erscheint. Sarah Polley erinnert mich in ihrer Physiognomie und Intensität im besten Sinne an Uma Thurman in „Gattaca“. Wie mich auch „Splice“ insgesamt auf angenehme Weise an diesen erinnerte. Beide erzählen keine standardisierte Genre-Geschichte, sondern verweben mehrere Genres zu einer stringenten Erzählung, die primär von den Figuren (ihren Charakteren, Erinnerungen, Zielen, Träumen, Geschichten) vorangetrieben wird.

Mal wieder: Lange Rede, kurzer Sinn. Ein richtig guter Film, aber kein Gut-fühl-Film: spannend, bezaubernd, böse gut.

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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