Von Rapunzel umgarnt

Gerade aus dem Kino zurück, und ich muss „Rapunzel“ wirklich empfehlen. Nicht, weil es ein Disney-Zeichentrickfilm ist (und ich ne Schwäche für Disney-Zeichentrickfilme habe … die ist weitestgehend überstanden), sondern weil es einfach ein richtig bezaubernd schöner, witzig flotter und in jeder Hinsicht sehenswerter Film ist.

Ein Rezensent fügte seiner Filmbesprechung in anderem Kontext eine persönliche Note an: „Das ist das erste Mal, dass ich mich in eine Trickfigur verguckt habe.“ (arg paraphrasiert und entschärft:-) Und ich kann verstehen warum. Die Figuren sind ausgearbeitete und vollständige Charaktere.

Film-Still: Rapunzel.

Alle Bilder: www.disney.de/rapunzel

Das sind Personen, deren Schicksal tatsächlich interessiert und mitreißt. Schauspielerisch – wenn man das bei Trickfiguren so sagen darf – sind sie mehr als überzeugend und sehen wirklich gut aus, gleichermaßen real (in Gestik und Mimik) und zeichentrickhaft. Schwer zu glauben, wenn mans nicht selbst gesehen hat. Mir fällt kein anderer Zeichentrickfilm ein, der in dieser Hinsicht so überzeugt, ohne ins Over-Acting bzw. Cartooneske verfällt. Das klingt jetzt so sachlich und abgeklärt, aber es kann nicht oft genug betont werden: Dieser Film macht wirklich Spaß!

Der Pixar-Zauber hat auf Disney übergegriffen. Rapunzel ist wirklich das Beste aus beiden Welten, was sich an den Produzenten bzw. Hauptverantwortlichen gut erkennen lässt. Pixars John Lasseter und Disney-Zeichentrick-Urgestein Glen Keane. Ästhetisch ist es ein moderner Zeichentrickfilm mit den Mitteln der CGI-Animation. Das ist in jeder Hinsicht wundervoll und überzeugend. Hatte ich schon erwähnt, wie witzig und flott dieser Film ist?

Film-Still: Flynn Rider ist keine Zeichentrickfigur, er hat tatsächlich Charakter – und Charme.

Flynn Rider ist keine Zeichentrickfigur, er hat tatsächlich Charakter – und Charme.

Auf der Ebene der Story stehen zwei Figuren im Vordergrund: Rapunzel und Flynn. Während bei „Arielle“ Prinz Erik nur eine Nebenrolle hatte und bei „Aladdin“ Prinzessin Jasmin mehr Randfigur als zweite Hauptrolle war, sind hier wirklich beide Figuren gleichberechtigt in der Story vertreten.  Beide sind nicht nur da, sondern jeder ihrer Schritte ist tatsächlich motiviert und plausibel. Jede ihrer Aktionen ist eingebunden in eine überzeugende und in sich schlüssige Welt von Figuren. So haben auch die „Comic Sidekicks“ stets eine wichtige Funktion für die Story. Ich will nicht zu viel verraten, daher nur so viel: Die Story entwickelt sich dynamisch aus den Figuren und ihren Sehnsüchten heraus, und schlägt die eine oder andere überraschende, aber eben dennoch sinnvolle Wendung. Falls ich es vergessen haben sollte: Der Film ist witzig! Auf eine wirklich witzige Art witzig, weil jede Situation eben auch in die Story eingebettet und in den Charakteren verwurzelt ist.

Filmstill: Rapunzel weiß sich zu helfen.

Rapunzel weiß sich zu helfen.

Für alle, die es etwas konkreter mögen: Rapunzel wurde dem Königspaar geraubt, da ihre Haare besondere Kraft besitzen und in einem Turm eingesperrt. „Mother Gothel“ gibt sich ihr gegenüber als ihre Mutter aus und verwehrt ihr jeden Kontakt zur Außenwelt. Flynn, ein armer Dieb, gerät auf der Flucht vor seinen Verfolgern zu diesem versteckten Turm, erklimmt ihn und wird von Rapunzel niedergeschlagen – muss man sehen! ;-) Die beiden schließen folgenden Deal: Flynn soll ihr für einen Tag die Welt draußen zeigen, sie dabei beschützen und sie danach wieder zu ihrem Turm bringen. Dafür gibt sie ihm dann sein Diebesgut zurück, das sie ihm abgenommen hat. Natürlich kommt es dann alles ein wenig anders …

Das Erstaunlichste sind die Dialoge. Es wird überraschend wenig gesprochen (auch nur vier Mal gesungen, aber das ist wirklich in Ordnung, weil die Musiknummern immer die Story vorantreiben, Dank an Mr. Menken). Über Gestik, Mimik und einfach Tun erzählen die Figuren mehr über sich als viele Dialogzeilen es könnten. Auch der König und die Königin sprechen kein einziges Wort, in ihren Mienen sind ihre Regungen und Gedanken deutlich abzulesen. Nichts ist überflüssig, es gibt keine flapsigen Kommentare, keine unnötige Figur, die nur für einen Lacher sorgen soll, keinen triefenden Kitsch, sondern alles fügt sich harmonisch zu einer runden Gesamthandlung: flott, keinen Moment langweilig und – falls ich es noch nicht oft genug gesagt habe – witzig. Kein einziger Missklang trübt das Gesamtvergnügen, alles ist einfach perfekt. Disney-Unterhaltung auf der höchsten Höhe ihrer Kunst (auch im Vergleich zu „Die Schöne und das Biest“). Einziger Nachteil: Der nächste Disney-Film wird es schwer haben, diesen zu übertreffen.

Es gibt eine Theaterregel: Wenn in der ersten Hälfte eine Pistole auftaucht, muss sie in der zweiten Hälfte benutzt werden. So gibt es einige Filmregeln (die leider viel zu oft missachtet werden):

  • Jede Figur, jedes Element muss motiviert sein, also nicht nur da, sondern aus eigener (nachvollziehbarer) Motivation heraus eben dort.
  • Alles, was dem Humor (einem Lacher) dient, muss ebenfalls motiviert sein.
  • Alles muss eine Funktion für die Story haben, diese vorantreiben.

Wenn also eine Figur etwas Albernes sagt, muss dies ihrem Charakter entsprechen. Damit diese Figur in einem Film etwas sagt, muss sie für diesen bzw. für die Story eine Funktion haben, es muss also einen Grund geben, warum sie zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort ist und auf eine bestimmte Weise handelt. Am konkreten Beispiel: Die Räuber in der Kneipe, in die Flynn und Rapunzel einkehren, sind nicht nur einfach – wirklich witzige – Räubercharikaturen, sondern glaubwürdige Charakterskizzen (schließlich sind sie nur Randfiguren). Jede dieser Figuren wird nicht nur für die Kneipenszene (und die Lacher darin) gebraucht, sondern auch am Ende für eine ganz andere Sequenz, in der sie der Handlung eine neue Wendung geben. Dadurch wird der Film rund und überzeugend, weil er eben nicht auf der Suche nach Lachern ist, sondern uns mit Flynn und Rapunzel auf eine witzige, rasante und überraschende Reise nimmt.

Etwas Romantik ist natürlich auch dabei, aber die fällt gar nicht auf. Fast schon als Anspielung auf „Küss sie doch“ in „Arielle“ gibt es eine Bootsszene – eben ohne Kuss. Das wirklich Tolle ist, dass weder Rapunzel noch Flynn etwas tun, weil sie sich verliebt haben, sondern eben nur weil sie etwas tun möchten. Das Konzept der Liebe wird gar nicht thematisiert, das Wort „love“ oder ähnliches taucht nicht einmal auf. Statt schmachtender Blicke gibt es ein wachsendes Interesse für die andere Person (!). Damit ist dies in jeder Hinsicht der modernste aller Disney-Filme.

Achja, selbst die Szenen mit Kitschgefahr wirken überraschend wenig kitschig, sondern berühren und reißen mit. Der beste Disney-Trickfilm seit Jahren! Sogar besser als „Aladdin“ – und das will bei mir was heißen! ;-)))

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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