Der Krieger und die Kaiserin (2000)

Drei Varianten, ein und denselben Film zu sehen … ich bin mir bis heute nicht sicher, welche Variante die treffendste ist.

Variante A: Larger than life

Schwulst und Schmalz verspricht der Titel, Wahnsinn und Liebe bringt der Film. Sissi (der gleichnamigen Kaiserin erstaunlich unähnlich) arbeitet in einer psychiatrischen Anstalt, Abteilung 5. Sie, die sich ihren Betreuten im Verhalten gut angepaßt hat, wird von einem Truck angefahren. Bodo (der Krieger; nun ja, er war mal beim Bund und trägt immer noch die verwaschene Jacke) rettet ihr das Leben und verschwindet. Nachdem Sissi ihn endlich aufgespürt hat, weist er sie von sich. Doch sie gibt nicht auf und erfährt schließlich, welche Schrauben in seinem Kopf schief liegen. Doch auch bei ihr ist nicht alles im Lot, aber die beiden haben ja über zwei Stunden Zeit, sich zu „therapieren“.

Geschickt verknüpft Tykwer die Zufälle des Lebens zu einer spannenden Liebesgeschichte, bei der alles möglich scheint. Unterstützt wird er dabei hinter der Kamera von nahezu dem selben Team wie bei „Lola rennt“. Vor der Kamera agieren ein bestechender Benno Fürmann, eine erblondete Franka Potente und in bester Kinski-Manier Lars Rudolph. Mit diesem Film beweist Tykwer, dass er mehr kann, als nur beeindruckende Filmexperimente herzustellen. Natürlich gibt es auch hier eine Fülle an filmischen Einfällen, wie die Kamerafahrt in die Muschel hinein, in der Sissi das Meer rauschen hört oder der Tiefflug über Wuppertal, wohin es Tykwers Geschöpfe diesmal verschlagen hat. Ihm ist eine kauzige, sowohl berührende als auch teilweise verstörende Geschichte über zwei ungewöhnliche Menschen geglückt. Dabei kam es ihm nicht auf Realismus an, vielmehr ist auch dieser Film eine Philosophie über die Großartigkeiten und Seltsamheiten der Liebe und die Unwägbarkeiten des Lebens.

Herausgekommen ist ein spannendes, unvergeßliches (Liebes)Abenteuer, treu nach dem Motto „larger than life“

 

Variante B1: Kino in Höchstform

Genau so muss großes Kino sein! Eine ungewöhnliche Geschichte in ungewöhnlichen Bildern erzählt. Immer ein bißchen über der Wirklichkeit schwebend, erwartet uns ein Ausflug ins Abenteuerland des Lebens und der Liebe. Alles ist hier möglich. Sogar, dass die angefahrene Sissi noch unter dem Fahrzeug liegend durch die Notoperation eines Vorbeikommenden, nämlich Bodo, gerettet wird. Dieser seltsame Retter geht ihr nicht mehr aus dem Kopf, und schließlich findet sie ihn auch wieder. Doch er, dem der Tod seiner Frau nicht mehr aus dem Kopf geht, jagt sie fort. Bis die beiden endlich zusammenfinden, passiert noch so einiges, womit niemand rechnet. Denn nicht nur über die verschlungenen Pfade der Liebe erzählt uns der Autor und Regisseur Tom Tykwer, auch über die unvorhersehbaren Wendungen des Lebens – und wie manches in anderem Licht erscheint. Eine bezaubernd betäubende Geschichte.

Die experimentellen Spielereien der rennenden Lola hinter sich lassend, beweist Tykwer sein Geschick in der Schaffung interessanter Charaktere, im Aufbau einer spannenden und mitreißenden Handlungen mit zahlreichen nicht vorhersehbaren Wendungen und in einer unvergleichlichen Präsentation des ganzen. Und auch die Schauspieler ziehen mit und laufen zu Höchstform auf. Sissi, deren Verhalten dem ihrer Patienten in der psychiatrischen Anstalt entspricht, ist in jeder Minute glaubhaft, selbst in den abstrusesten Momenten; das gleiche gilt für Bodo. dass beide einen Knacks weghaben, macht sie umso liebenswerter und rückt sie uns näher.

Möge das Tykwer-Universum noch viel für uns bereithalten.

Variante B2: Der Meisterdieb

Wieder einmal präsentiert uns Drehbuchautor und Regisseur (und auch noch für den Soundtrack mitverantwortlich) Tom Tykwer eine seiner abgedrehten Phantasien. So ziemlich jede Idee, die ihm seit „Lola rennt“ in den Kopf kam, musste er in diesen Film packen. Was da die Leinwand erreicht, gehört zu den unnötigen Dingen dieses Jahres. Angefangen bei den Szenen in der psychiatrischen Anstalt (wo die stark blonde Franka Potente als Sissi arbeitet) die an den gemahnen, der dereinst übers Kuckucksnest flog, und wo regelmäßig irgendwelche Gruppensitzungen ablaufen, deren Sinn nicht klar ist. Weiter über einen Lars Rudolph, der wahrscheinlich mit sämtlichen Büchern über Kinski unterm Kopfkissen einschlief. Bis hin zu einem Benno Fürmann, der sich beachtlich ins Zeug legt, der Gestalt des Bodo, der noch immer am Tod seiner Frau leidet, Leben einzuhauchen. Leben – wo gibt es das in diesem Film, der so weit von der Realität entfernt ist, wie Hussein vom Friedensnobelpreis.

Sicher, die Verpackung in Bild und Ton ist perfekt und beeindruckt. Was nützt der beste Eindruck, wenn er einem nichts zu sagen hat, weil die Personen nicht atmen. Das kann zwar Sissi nach ihrem Unfall auch nicht, doch Bodo verhilft ihr mit einer raschen Notoperation, die uns an den letzten Film der beiden „Anatomie“ erinnert, wieder zu Atem. Aber wer hilft dem Film und haucht ihm das Leben ein? Bestimmt nicht der Regie-Autor, der mehr in seine Stories verliebt ist als seine Protagonisten jemals ineinander sein können, und der sich fleißig bei anderen Filmen bedient, um seine Story in Szenen zu pressen, wo diese Ungetüme nicht hineinpassen. Denn was einem da an Handlung geboten wird, läßt jedes Maß hinter sich. Dafür ist die Menge solcher „Handlungsstränge“ maßlos.

Unterm Strich bleibt der Film eine leblose Hülle, die mehr sein will als sie sein kann und ist. Merke: „Besser gut geklaut als schlecht erfunden“ bedeutet nicht, dass Klauen für einen guten Film ausreicht.

Variante C: Das ist Leben! Das ist Liebe!

Endlich! Die Zeit, als nur die reichen und die schönen oder die reichen und schönen sich verlieben durften, ist vorbei. Hier sind es zwei Underdogs, nämlich die als Pflegerin in einer psychiatrischen Anstalt arbeitende Sissi und der ewig Jobs testende Bodo. Man muss auch nicht die Rasur eines erfolgreichen Managers haben, um einer Frau zu gefallen. Bodo, zum Beispiel, ist immer unrasiert und sieht auch ungepflegt aus – doch noch Wochen nachdem er Sissi das Leben gerettet hat, muss sie an seinen tollen Geruch denken. Und auch Sissi ist alles andere als eine ausgestaltete Schönheit in ihren blonden Haaren. Doch beide sind glaubwürdige Charaktere in einer Geschichte, in der so ziemlich alles möglich scheint. Zum Beispiel, dass auch Männer weinen können, sei es auch nur bei der Beerdigung einer fremden Frau.

Wie sich all die kleinen Teile der Geschichte schließlich zu einem organischen Ganzen fügen, dürfte selbst den letzten davon überzeugen, dass es irgendwo eine ordnende Kraft geben muss, mag sie nun „Schicksal“ heißen oder sonstwie. Stets windet sich die Handlung, den Unwägbarkeiten des Lebens folgend, aus der Erwartung des Zuschauers, wirkt jedoch nie konstruiert. Und bald scheint einem, das alles möglich ist. Da schaut Bodo das Bild der Frau an, bei deren Begräbnis er Sargträger war. Doch woher hat Sissi dieses Bild? Und plötzlich sieht man alles in einem anderen Licht. So ist das Leben, zumindest hier.

Mit „Lola rennt“ schuf Tykwer einen erfolgreichen, international anerkannten deutschen Film. Mit „Der Krieger und die Kaiserin“ geht er einen Schritt weiter und präsentiert locker und einfallsreich eine streng durchchoreographierte Handlung. Wobei man keinen direkten Vergleich der beiden Werke anstellen sollte. Auch jetzt finden sich wieder viele originelle Ideen umgesetzt, doch sind sie weniger „aufdringlich“, wie zum Beispiel die erste Begegnung des Zuschauers mit Bodo: kopfüber füllt sein Gesicht die Leinwand. Eine kurze Kamerafahrt später – die so nur im Kino wirken kann – wissen wir, dass er von einer Brücke herabsieht. Denn Tykwer weiß, was Kino ist: Große Leinwand und Großer Sound. So wird das Spektrum der deutschen Beziehungsfilme nicht nur um extreme Nahaufnahmen, über deren Sinnhaftigkeit am Filmanfang man sich streiten kann, und grandiose Panoramaansichten erweitert. Auch beim Ton legte Tykwer selbst mit Hand an. Der rasante Klangteppich der rennenden Lola ist hier einem originellen und spartanisch besetztem Musikeinsatz gewichen.

Ein Problem der tykwerschen Figurenwelt ist die ungeklärte Frage nach dem Woher. Wie kamen sie dahin, wo sie jetzt sind. Von Bodo wissen wir, dass er offenbar beim Bund gewesen sein muss, doch warum lebt er jetzt mit seinem Bruder zusammen und warum so? Nicht einmal ein Nebensatz bringt da Licht ins Dunkel. Von Sissi wissen wir noch weniger, nämlich nur, dass sie eigentlich Simone heißt und ihre Freundin jetzt an einer ausländischen Küste wohnt. Doch anscheinend ist Tykwer nicht an einer realistischen epischen Ausgestaltung von zwei Individuen gelegen. Er benötigte lediglich zwei Charaktere, denen seine Geschichte dann passieren konnte. Doch da kann er sich voll auf seine Hauptdarsteller verlassen, sie beleben seine Figuren und verpassen ihnen die Portion Mysteriösität und Kauzigkeit, die sie benötigen.

Somit ist auch dieser Film weniger eine Dokumentation des realen Lebens und der menschlichen Befindlichkeiten und Probleme. Vielmehr ist er eine Illustration der Überzeugung, dass die Liebe und das Leben die verrücktesten und wunderbarsten Dinge auf der ganzen weiten Welt sind. Wem das genug ist und wer sich eine ungewöhnliche Geschichte in ungewöhnlichen Bildern ansehen will, ist hier genau richtig.

Der Krieger und die Kaiserin
Drehbuch & Regie: Tom Tykwer
Darsteller: Franka Potente (Sissi), Benno Fürmann (Bodo), Joachim Król (Walter, Bodos Bruder), Lars Rudolph (Steini)
Kamera: Frank Griebe
129 min Start: 12.10.2000

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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