Prognosen über die Zukunft?

Es ist schon erstaunlich, wie präzise die Zukunft bekannt ist: 2017 wird „Windows RT“ fast zehn Prozent des Tablet-Markts beherrschen. Das behauptet NPD Display Search und ist sich seiner Sache so sicher, dass die Prognose sogar mit Nachkommastelle erstellt wird. Dann gibt es doch tatsächlich Menschen, die basieren Entscheidungen auf solchen Behauptungen. Dabei ist die Prognose als solche bereits mehr als fragwürdig.

„NPD expects that Apple’s share will fall from 72.1 percent in 2012 to reach 50.9 percent in 2017, while Android and Windows RT tablet shipments will grow from 22.5 percent to 40.5 percent and 1.5 percent to 7.5 percent, respectively.“ Der ganze Artikel bei AppleInsider dazu.Das Jahr ist noch nicht einmal vorüber, aber NPD weiß auf die Kommastelle genau, wie hoch der Marktanteil des iPad 2012 ist. Die Statistik weiß heute schon, welches Gerät wann welchen Hype erzeugen und Millionen Kunden überzeugen wird.

Zunächst einmal: Welchen Marktanteil wird der Nachfolger von „Windows 8“ haben? Windows Vista und Windows 7 gelten jeweils drei Jahre als das aktuelle Windows-System, bei diesem Tempo würde bei einem „Windows 8“-Start dieses Jahr 2015 die nächste Windows-Version fällig werden. Diese fehlt in der Statistik.

Man könnte zwar argumentieren, dass „Windows RT“ ganz allgemein für alle Windows-Versionen steht, die auf einem ARM-Tablet laufen, aber auch dann passt es nicht. Zum einen ist nicht garantiert, dass nicht 2014 ein Tablet auf X86-Basis auf den Markt kommt und das „normale“ Windows nutzt. Zum anderen ist bislang sowieso nicht wirklich klar, warum Microsoft neben die Hauptmarke „Windows 8“ noch die Nebenmarke „Windows RT“ setzt; die allgemeine Spekulation unterstellt, dass es um Lizenzzahlungen geht, da ein „Windows RT“ eben nicht von Lizenzzahlungen abgedeckt wäre, die für „Windows 8“ gelten. Eine künstliche Markenspaltung macht die Statistik zusätzlich umständlicher zu erstellen und zu verstehen – und damit angreifbar.

Das Tollste ist: Weder ist Windows 8 bereits auf dem Markt noch Windows RT, aber ihre Überzeugungskraft auf dem Markt sind genau einkalkuliert.

Die Prognostizeure sind sich sicher: Bis 2017 wird deren Marktanteil auf rund zehn Prozent steigen. Natürlich wünschen sich alle Hersteller, die nicht auf iOS setzen, dass Windows RT ein akzeptiertes System wird. Aber bislang gibt es nur ein erfolgreiches Tablet, das sich – v.a. wegen seines Preises – gegen das iPad in sinnvollen Stückzahlen verkaufen konnte: das Amazon Kindle Fire. Weder sind die Geräte, die mit Windows RT laufen sollen, noch das System selbst verfügbar, aber ihr Marktanteil ist berechenbar. Solche Prognosen gehören eher in den Bereich „Lesen in der Kristallkugel“ – wer dran glaubt, bitteschön.

Alte Prognosen

Egal wieviele Rechenmodelle und fachliche Kompetenz einer solchen Prognose zugrundeliegen. Hätte 2006 jemand eine gleichartige Prognose für Mobiltelefone erstellt – was hätten wir heute zu lachen gehabt! In keiner 2006er-Prognose wäre ein iPhone aufgetaucht. Ein nicht prognostiziertes Gerät verdient heute rund 70 Prozent aller Smartphone-Gewinne. Es wurde Initiator einer ganz neuen Geräteklasse (reine Touch-Phones). Es war der Wegbereiter für die exzessive Nutzung mobiler Datendienste und für Android.

Prognosen sind immer schwierig – besonders, wenn sie die Zukunft betreffen. Karl Valentin hat das bereits vor vielen Jahrzehnten treffend erkannt.

Eine andere schöne Behauptung betrifft Android. Das beliebteste Tablet neben dem iPad ist Amazons Kindle Fire. Dieses wird mit einer eigenen Version von Android 2.3 betrieben. Möglicherweise „wissen“ die Prognostiker, dass Amazon auf Android 3 oder 4 wechseln will. Möglicherweise wird Amazon seine ganze Tablet-Palette umstellen. Dass aber bereits im nächsten Jahr der Marktanteil von Android-2.3-Geräten auf unter 1 Prozent sinken soll, ist mehr Wunschdenken als Wissen. Zu zerklüftet ist die Android-Landschaft, und zu viel Eigenarbeit steckt in der Amazon-Version, als dass diese einfach auf die 3er oder 4er Basis von Android wechseln könnten.

Vielleicht irgendwann

Aber vielleicht gelingt es ja auch 2014 Motorola endlich, ein überzeugendes Tablet auf den Markt zu werfen, nachdem der Xoom-Versuch peinlich scheiterte. Warum dieses Xoom so einfach im Sande verlaufen konnte, verstehe ich bis heute nicht … ;-) Oder Samsung gelingt ein „Samsung Galaxy HyperPad“ (oder wie auch immer das galaktische Wunderding dann heißen wird). Oder LG oder HTC oder Lenovo schaffen eine spannende Entwicklung.

Vielleicht portiert Samsung sein Bada-System auch mal auf Tablets. Vielleicht nutzt HP sein WebOS endlich für ein echtes Tablet. Vielleicht gelingt es RIM endlich, ein überzeugendes Tablet auf den Markt zu bringen. Vielleicht überrascht Sony mit einer mobilen Playstation, die parallel als Tab begeistert und von einer Eigenentwicklung angetrieben wird – ich vermute mal, 2016 könnte es so weit sein.

Es gibt so viele Unbekannte in diesem weiten Feld namens Zukunft. Es gibt so viele Motivierte, die in dem Tablet-Markt Geld verdienen wollen. Es gibt so viele Visionäre, die möglicherweise „The Next Big Thing“ entwickeln.

Somit ist auch diese Prognose – wie jede!!! – nichts anderes als Science Fiction. Sie erzählt mehr über die Jetzt-Zeit als über die Zukunft. Sie erzählt mehr über aktuelle Wünsche, Hoffnungen und Probleme als über künftige.

Bei allen Statistiken gelten die Beobachtungen von Volker Pispers:

iOS in der Prognose

Offenbar lässt sich iOS derzeit nur schwer auf dem realen Markt besiegen, dafür aber wenigstens in Prognosen. Aber zumindest wird iOS (und damit dem iPad) 2017 noch ein Marktanteil von rund 50 Prozent gegönnt. Dabei weiß heute noch niemand, ob es ein iPad mit sieben Zoll geben wird, das alles durcheinander wirbelt. Vielleicht hat Apple auch noch ein ganz anderes As im Ärmel. Vielleicht werden 2015 die Laptops mit den Tablets so sehr verschmelzen, dass jede Trennung nur noch auf künstlichen Kriterien basieren kann.

Die Prognose umfasst einen längeren Zeitraum, als die Geräteklasse „Tablet“ überhaupt relevant ist. Apples iPad erschien vor nicht mal 30 Monaten.

Ein iOS-Verächter würde die Prognose so lesen: Von fast 100 Prozent Marktdominanz Anfang 2010 halbiert sich binnen sieben Jahren der Marktanteil. Dass 50 Prozent 2017 einer Vielzahl mehr verkauften Geräten entspricht als die 100 Prozent Marktanteil 2010, ist ebenfalls nicht zu verachten. Aber dass sich die langfristige Halbierung des Marktanteils bereits nach zwei Jahren so präzise voraussagen lässt, beeindruckt mich.

Anscheinend ist es heutzutage tatsächlich recht einfach, einen Markt in so kurzer Zeit zu erfinden und so felsenfest zu besetzen, dass andere keine realen Chancen mehr haben. Denn seit seiner ersten Ankündigung wird das iPad von Redakteuren und Konkurrenten totgeschworen. Und wenn dies nicht im Jetzt gelingt, dann hoffentlich in einer noch erlebbaren Zukunft. Deshalb muss auch jedes halbgare Gerät messiasgleich hochgejubelt werden, bis die Erwartungen so hoch steigen, dass das betreffende Gerät gar keine Chance mehr hat.

Prognose vs. Tendenzrechnung

Journalisten und Menschen dieser Welt, hört endlich auf, Prognosen als Fakten und Tatsachen zu verkaufen! Denn Prognosen können nur so rechnen, als würde alles so bleiben, wie es ist, oder sich so entwickeln wie bisher. Wenn alles so bliebe, wie es ist, oder sich in so klaren Bahnen entwickeln würde, dann können wir uns auf sehr spannungsarme Jahre und Jahrzehnte gefasst machen.

99,7 Prozent aller Prognosen treffen nicht so ein wie vorhergesagt. Begründung: „nicht vorhersehbare Ereignisse“. Gegen solche statistischen Lektionen sind Prognostizeure allerdings immun, offenbar eine Berufskrankheit.

Gegen Tendenzrechnungen habe ich gar nichts, finde sie sogar wichtig! Eine Tendenzaussage beispielsweise zur Klimaveränderung hat allerdings eine ganz andere Funktion: Sie soll uns verdeutlichen, was passiert, wenn sich nichts ändert, wenn alles so weiterläuft wie bisher. Eine solche Prognose behauptet keine Aussagen über die Zukunft, sondern trifft Aussagen über das Jetzt – nämlich die künftigen Konsequenzen des jetzigen Tuns. Damit ist sie eine klare Aufforderung zum Handeln – möglichst bald.

Wirtschaftsprognosen dagegen beinhalten eine solche Aufforderung nicht, sondern behaupten – zumindest in ihrer medialen Präsentation – Tatsachen über die Zukunft. Tatsachen, die angeblich so eintreten, unabhängig davon, was der einzelne dafür oder dagegen tut. Als wäre es eine höhere Macht oder als gäbe es eine normative Kraft, die die Erfüllung der Prognose im Moment ihrer Erstellung besorgen wird.

Die Prognose von heute mittag ist die Wixvorlage des Auftraggebers am Nachmittag.

Damit haben Prognosen tatsächlich eine fast pornografische Funktion. Sie tun so, als würden sie eine Realität abbilden. Tatsächlich entspringen sie der Fantasie und dem Wunschdenken des Zielpublikums. Wir als normalsterbliche Menschen sind aber gar nicht das Zielpublikum; genauso wie bestimmte Pornogenres für eine bestimmte Klientel produziert werden – es gibt nicht den einen Porno für alle.

Warum also werden wir ständig mit solchen geistigen Ergüssen (pun intended) belästigt? Weder wirkt sich der behauptete Marktanteil auf unsere persönliche Nutzung aus, noch hat er für uns eine tatsächliche Relevanz. Solche Prognosen sind allenfalls als Pseudo-Fakten getarntes Marketing! Und damit dienen sie nicht uns als Publikum, sondern allenfalls den Initiatoren.

Das Schlimme ist, dass es große Menschengruppen gibt, die dafür Geld erhalten, für andere solchen Blödsinn zu erstellen. Ich hoffe, diese Menschen sind wenigstens zynisch genug, die Hohlheit ihres Tuns zu erkennen, sodass sie ein wenig Spaß dabei haben.

— „Ich sag mal, 2031 wird der Marktanteil 38,3 Prozent betragen.“
— „Wieso 38,3 Prozent?“
— „Das klingt irgendwie gut. Ich schreib dann nach der Mittagspause ein paar Zeilen dazu, dann klingt das schon plausibel.“

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Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

2 Kommentare

  1. Pingback: Wer braucht ein iPad? | zanjero.de

  2. „Es ist ein verbreiteter Gedanke, dass die lakonischste je aufgegebene militarische Depesche , die von Caesar an die Horseguards in Rom abgesandte war, die die drei denkwurdigen Worte

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