Zwei Fensterwelten sind eine zuviel

In Castingshows gibt es eine Jury, diese kann fehlbar sein, aber ihr Urteil bestimmt den Ausgang des Wettkampfs. Im Bereich der Computer-Bedienbarkeit gibt es zwei Koryphäen. Die eine, Jef Raskins, ist leider vor sieben Jahren verstorben, sein Buch „Das intelligente Interface“ ist aber immer noch lesenswert. Die andere, Jacob Nielsen, hat sich die Zeit genommen, Windows 8 zu testen – und sein Urteil ist vernichtend: „Weak on Tablets, Terrible for PCs“. Aber dass Windows 8 nicht alltagstauglich ist, stellt man auch gut selbst fest.

Raskins Ansprüche

Ich greife mir einige der großen Forderungen aus Raskins Buch heraus und schaue mal, wie sich Windows 8 dazu verhält.

Moduslosigkeit

Eine der großen Forderungen von Raskin ist die Moduslosigkeit. In all ihrer Radikalität ist sie zwar praxisfern, aber als Ideal bietet sie einen guten Maßstab. Das Problem eines Modus ist – in aller Kürze –, dass Dinge anders funktionieren als außerhalb des Modus, z.B. funktionieren Tastenkürzel nicht oder anders. Ein typischer Modus (bzw. Mini-Modus, da ja de facto nur Dialog) ist der Speichern- oder Öffnen-Dialog eines Programms. Ruft man den entsprechenden Befehl auf, reagiert das Programm völlig anders auf Tastatureingaben, als wenn man diesen Befehl nicht aufgerufen hätte. Um Fehlbedienungen zu vermeiden, gibt es zwei Strategien: Jeden Modus vermeiden, es sei denn, er wird unbedingt benötigt, und den Moduswechsel so deutlich wie möglich sichtbar machen, damit der Nutzer klar erkennt, dass Dinge jetzt anders funktionieren.

Windows 8: Das Kacheldesign ist völlig anders und als anderer Modus gut erkennbar. Aber es erfordert auch ständiges Umdenken – bei der Bedienung eines Computers (oder Tablets) muss der Nutzer also ständig zwei Bedienwelten berücksichtigen und sich vergegenwärtigen, in welcher er sich befindet. Zumal sich innerhalb jedes Modus (Standard-Desktop-Umgebung und Kacheldesign) wieder neue Modi verbergen (z.B. ein Speichern- oder Öffnen-Dialog).

Die bisherigen Windows-Versionen waren mit ihren Modi schon nicht immer ganz einfach, so kann ein Druckdialog-Fensterchen (auch ein Mini-Modus) geöffnet sein und damit die Arbeit am Dokument verhindern – das ist besonders dann mehr als irritierend, wenn der Dialog sich auf einem großen Monitor weit entfernt vom Dokumentfenster befindet. Zu solchen bestehenden Alltagssörgchen gesellen sich nun neue hinzu.

Konsistenz, Gleiches führt zu Gleichem

Als Nebeneffekt der Konsistenz-Forderung ergibt sich die Erwartbarkeit. Gleichartig aussehende Elemente führen zu gleichartigen Ergebnissen, sodass bereits mit wenig Erfahrung der Nutzer das Ergebnis einer Eingabe vorhersehen kann. Ist etwas wie ein Menü gestaltet, so muss es wie ein Menü funktionieren, also eine Liste weiterer Befehle, aus denen einer ausgewählt werden kann, präsentieren. Ruft dagegen ein Menüeintrag keine Befehlsliste auf, sondern führt direkt einen Befehl aus, entsteht Irritation. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass gleichartige Funktionen oder Dinge auch durch gleichartige Elemente bedient werden müssen.

Windows 8: Mit den zwei verschiedenen Modi wird diese Forderung bereits verletzt.

Sichtbarkeit/Erkennbarkeit

Bedienelemente müssen erkennbar sein, damit der Nutzer sie bedienen kann und so die Auswirkungen seines Tuns vorhersehen kann bzw. die geeigneten Bedienelemente für eine benötigte Funktion entdecken kann.

Windows 8: Mit den Funktionen, die sich auf einem Tablet nur durch Gesten und auf einem Computer durch das Berühren eines unsichtbaren Auslösers mit dem Mauszeiger aktivieren lassen, verletzt Windows 8 diese Forderung nachhaltig. Zumindest die wichtigsten Funktionen müssen stets erkennbar erreicht werden können. Können sie aber nicht. Nur mit Gesten. Wenn eine Geste erfolglos bleibt, muss der Bediener selbst irgendwie herausfinden, ob er eine Geste nicht korrekt ausgeführt hat oder ob sie evtl. im aktuellen Kontext gar nicht möglich ist.

Die sich ständig z.T. drastisch verändernden Kacheln bilden keine zuverlässigen Klickziele, da sich der Benutzer stets neu orientieren muss, um eine gewünschte Kachel zu entdecken. Dazu kommt das betont zweidimensionale Design, das Klickziele schwer erkennbar macht, da eben Schaltflächen nicht mehr dreidimensional als klickbar dargestellt sind. Insbesondere verschiedene Schriftzüge verraten ihre Klickbarkeit nicht, auch sieht man vielen Icons nicht an, ob sie angeklickt werden wollen oder nur einen Status repräsentieren.

Alle wichtigen Dinge müssen sichtbar sein

Völlig banal, aber enorm wichtig: Geeignetes Informationsmanagement. Passend zur Aufgabe müssen so viele Informationen wie möglich sichtbar sein (vorausgesetzt, der Fokus ist klar). Eine geeignete Struktur der Inhalte sorgt dafür, dass man sich durch möglichst wenige Hierarchien hangeln muss, um ggf. weitere Informationen zu erreichen. Die meisten Benutzer geben nach der zweiten Ebene auf.

Windows 8: Selbst Tablets haben heute eine Bildschirmauflösung, die alten 15- oder gar 17-Zoll-Monitoren entspricht. Dennoch liegt die Informationsdichte in vielen Fällen noch unter der von 11-Zoll-Monitoren. Dazu kommt, dass die Kachel-Apps den Namen „Windows“ (Plural!) nicht verdienen, schließlich kennen sie nur einen Vollbildmodus, und das Nebeneinanderanzeigen zweier Fullscreen-Apps kann kaum überzeugen. So ist es schwerlich möglich, Informationen zwischen mehreren Apps oder mehreren Browser-Fenstern miteinander zu vergleichen oder Daten aus verschiedenen Quellen zusammenzutragen – das kommt im Büroalltag ja nicht so selten vor.

Zwischenstand

Windows 8 verletzt auf so vielen Ebenen Grundlagen der Mensch-Maschine-Schnittstelle, dass man sich nur fragen kann, wie dieses System über den Prototyp-Status hinauskommen konnte. Ja, für Mobilgeräte wie Smartphones oder Tablets ist das Kacheldesign durchaus zweckmäßig, wenn es nur nicht von so vielen Sichtbarkeitsproblemen dominiert würde. Aber auf Standard-PCs ist es eine Katastrophe. Jahrelang habe ich erläutert, warum ich keinen Vollscreenmodus bei Programmen brauche, und hielt dies auch für eine der unwichtigeren Ergänzungen im Mac-System. Im Alltag ist er zwar tatsächlich gelegentlich nützlich, aber wenn er wieder abgeschafft würde, wäre meine Trauer gering. Das ist mein subjektiver Arbeitsalltagseindruck, aber wenn ein ganzes System darauf basiert, scheint etwas grundsätzlich danebenzulaufen. Für kleine Mobil-Bildschirme ist Vollbild (und Monotasking) völlig ok (aufm iPad mag ich das auch), aber auf großen Desktop-Monitoren (wo meist komplexe Aufgaben erledigt werden) scheint er mir zumeist unnötig und eher hinderlich.

Windows – unser Freund

Es gibt sicherlich einen guten Grund, warum Mopeds, Autos und Lkws unterschiedliche Armaturenbretter und Bedienelemente haben. Es gibt viele Ähnlichkeiten, aber auch große Unterschiede, allein was die Lenkeinrichtung und Menge der Anzeigen betrifft. So gibt es auch gute Gründe, warum für Mobilgeräte (Smartphones und Tablets) und Desktop-PCs unterschiedliche Bedienweisen geeignet sind. Einen Lkw oder ein Auto würde ich auch ungern mit einem Mopedlenker steuern. Die „One fits all“-Lösung, die Windows 8 für alle Geräteklassen darstellen soll, ist eine nette ideologische Vision, aber praktisch völlig ungeeignet und verursacht mehr Probleme als sie Lösungen zeitigt.

Es gilt wohl die alte Erkenntnis in Bezug auf Windows: Die Folgeversion ist nutzbar.

  • Windows 1/2 –> Windows 3
  • Windows 95 -> Windows 98
  • Windows 2000 -> Windows XP
  • Windows Vista -> Windows 7
  • Windows 8 -> bleibt das Hoffen auf Windows 9

Die übernächste Version bricht dann aber wieder mit gewohnten Bedienweisen, und lässt die Leute lieber bei der Vorversion bleiben:

  • Windows 1/2 –> Windows 3 -> Windows 95 (radikales Neudesign, aber dennoch erfolgreich)
  • Windows 95 -> Windows 98 -> Windows Me (hat das jemand ernstgenommen?)
  • Windows 2000 -> Windows XP -> Windows Vista (optischer und technischer Mischmasch)
  • Windows Vista -> Windows 7 -> Windows 8 (radikales Neudesign)

Microsoft will mit Windows 8 den Mobilmarkt nicht an Android und iOS verlieren. Mit dem „One fits all“-Ansatz soll die Entwicklergemeinde davon profitieren, was die Bedeutung und Attraktivität der Windows-Plattform erhöht und damit die Benutzerzahlen steigert bzw. die Abhängigkeit von Windows auf noch mehr Bereiche ausdehnt. Das ist völlig plausibles und wirtschaftliches Denken.

Allerdings geht dies in der aktuellen Ausprägung zulasten der Desktop-Nutzer. Diese sind an bestimmte Bedienweisen gewöhnt, für sie ergibt sich kaum ein Vorteil durch eine Umgewöhnung. Ob klassiches Desktop-Design und Kachelmodus langfristig so verbunden bleiben, wie es sich derzeit darstellt, scheint mir zweifelhaft. Vermutlich wird der Kachelmodus langfristig nur zu einem zusätzlichen Modus auf Computern „degradiert“ und die übermäßige Abhängigkeit etwas reduziert. Aber die Benutzer (die dank Microsofts Knebelverträge ein Windows 8 mit ihren Computern zwangserwerben) werden schon ihre Wege finden, irgendwie damit klarzukommen; Menschen sind unglaublich anpassungsfähig und finden kreative Lösungen für alle Arten von Problemen – selbst für solche, die kein Mensch benötigt.

Es wäre sehr angenehm gewesen, wenn statt der eierlegenden-Wollmilchsau-Fenster-Lösung eine gut aufeinander abgestimmte System-Farm (um im Tierbild zu bleiben) entstanden wäre. Gute Programmierschnittstellen (APIs, die Entwicklern auf Desktop und Tablet Zugriff auf die gleichen Funktionalitäten bieten) und sinnvolles Aufeinanderabstimmen beider Hardware-Typen wären da sehr nützlich gewesen – und hätten auch etwas Speicherplatz gespart; auf einem 32-GB-Surface-Tablet wird die Hälfte des Speicherplatzes für System und Apps verschlungen.

Als prototypisches Beispiel: Um Microsoft Word mit allen Funktionen auf einem Tablet zu verwenden, muss das Programm an die Fingerbedienung angepasst werden. Ist dies endlich geschafft, ergeben sich Nachteile für die Bedienung auf Desktop-PCs. Dank des Mauszeigers können dort kleinere Bedienelemente genutzt werden, es gibt einen Unterschied zwischen Zeigen und Klicken, es steht deutlich mehr Bildschirmfläche zur Verfügung, die für Inhalte und Bedienung genutzt werden kann. Was für den einen nützlich und produktivitätsfördernd ist, wirkt für den anderen kontraproduktiv und z.T. belästigend.

Das „One fits all“-Modell geht letztlich an der Realität vorbei und sorgt dafür, dass niemand eine gute Version erhält. Aber das wusste bereits Volker Pispers (wenn auch in anderem Kontext): „Ein guter Kompromiss ist dann erreicht, wenn alle unzufrieden sind.“

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Facebook || auf Twitter folgen

Ein Kommentar

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