Des Windows’ neue Kleider

Mit Windows 8 soll auch die Desktop-Umgebung ein neues Design erhalten. Das berichtet jedenfalls ein leitender Entwickler in seinem Blog. Das „Metro“-Design ist das nun siebte ästhetische Gewand für das Microsoft-System. Jedenfalls im Bereich der Desktop-Computer. Für mich fühlt sich der Sprung Windows Sieben zu 8 wie „Vom Rokoko zum Bauhaus“ an.

Wie der Blog-Eintrag selbst darstellt, gab es auch vor Windows 8 einige Fenster-Versuche; eine kurze Übersicht der bisherigen Entwicklung (die Links zeigen jeweils passende Screenshots in der GUIdebook-Gallery; auf Microsofts bisherige Mobil-Versuche verzichte ich):

Anmerkung: ich unterscheide zwischen „bunt“ (= Einsatz von Farben, damit es nicht so eintönig aussieht) und „farbig“ (= bewusste Verwendung von Farben)

Selbstkritisch merkt Jensen Harris zu Windows Vista an: „This style of simulating faux-realistic materials (such as glass or aluminum) on the screen looks dated and cheesy now, but at the time, it was very much en vogue.“ Das ist gerade mal sechs Jahre her! Eine Firma, die sich bereits nach sechs Jahren – und der offizielle Support läuft noch ein paar Jahre – für ihr Design rechtfertigt, hat es nicht verdient, damit Geld zu verdienen. Werden sie sich in vier Jahren (es beschleunigt sich ja alles) auch für Windows 8 entschuldigen?

Eine kleinliche Randbeobachtung: Harris’ Behauptung „Windows 7 also was the first mainstream non-phone OS to introduce multitouch support into the base OS“ scheint etwas unglaubwürdig. Windows 7 erschien im Herbst 2009. Seit Februar 2008 enthalten Apples MacBook Pros sogenannte „Multitouch Trackpads“, erlauben also verschiedene Gesten durch Mehrfingerbedienung. Spätestens mit Mac OS 10.8 („Snow Leopard“, veröffentlicht am 28. August 2009) war Multitouch-Support auf einem Nicht-Telefon-System Standard. Es sei denn, man erklärt als Microsoft-Entwickler das Mac OS zu einem Nicht-Mainstream-Betriebssystem. Das würde aber bedeuten, dass alles außer Windows nur Randerscheinungen sind – Verklärung der Realität oder Allmachtsanspruch? Harris hätte sich den Bezugsrahmen auch sparen und einfach auf die Multitouch-Fähigkeiten verweisen können.

Nun also Windows 8

Das Metro-Design soll das texturlastige und bunte Aero nun ablösen, zur Beurteilung habe ich bislang allerdings nur diesen einen Screenshot. Erste Assoziation: „Windows 3 reloaded“. Ich mag diesen Überpuritanismus überhaupt nicht. Vor allem finde ich das viele Weiß viel zu aufdringlich. Mit Helligkeit kann der Blick des Benutzers gesteuert werden – Windows 8 steuert ihn u.a. auf den Fenstertitel. Aber das ist eine alte Windows-Krankheit. Schließlich heißt das System „Fenster (plural)“. Deshalb muss das Fenster auch immer schön deutlich sichtbar sein, ob nun mit grellen Farben Anfang der 1980er, mit einem deutlichen Blau in den 1990ern, einem „kranken Blau-Verlauf“ in den 2000ern, einer völlig masturbatorischen Transparenz in den vergangenen Jahren und nun eben mit dem totalen Weiß.

Die Ribbon-Bedienung ist von oben und unten in Weiß eingekleidet und wirkt somit als das Unwichtigste vom ganzen Fenster – dabei ist sie doch die Steuerzentrale mit ihren Befehlen. Angesichts des Beispiel-Screenshots verstehe ich immer noch nicht, wie diese Icon-Cluster besser bedienbar sein können als ein sauber aufgeräumtes Text-Menü (das ja auch Icons – und zwar in identischer Größe – enthalten kann), das von einer sinnvollen Symbolleiste unterstützt wird. Ich verstehe es einfach nicht. Und meine bisherigen Erfahrungen mit Windows 7 und dem aktuellen Microsoft Office konnten mich davon nicht überzeugen.

Klare Aufmerksamkeitssteuerung durch Farbgebung im Fenster für eine neue MailDas wichtigste Element des Fensters ist der rote Schließ-Button oben rechts. Auch Mac OS X hat einen roten Schließ-Button. Dieser wird aber von einem gelben Verkleinerungs- und einem grünen Größenänderungs-Button begleitet, was die optische Aufdringlichkeit reduziert. Auch die Größe und Farbintensität sind deutlich geringer als bei dem Windows-Screenshot. Dass die farbigen Fensterbuttons beim Mac auf einer grauen Fläche platziert sind, verringert die optische Relevanz zusätzlich. Der Bereich mit dem höchsten Kontrast ist stets der Fensterinhalt und nicht das Fenster selbst.

Alte Hüte

Für Windows 8 soll der Anspruch „fast and fluid“ (flott und flüssig) gelten; wenn sie das auch umsetzen, hat Windows 8 den vorigen Versionen bei deren Erscheinen einiges voraus. Ein Aspekt der flotten Flüssigkeit ist „That every piece of UI comes in from somewhere and goes somewhere when it exits the screen.“ Das war bereits ein Schlüssel-Element des klassischen Mac OS in den 1980ern. Damals wurden öffnende und schließende/verschwindende Fenster noch mit größer bzw. kleiner werdenden Rechtecken verdeutlicht, bevor sie in Mac OS X (dank der besseren Grafik-Performanz) tatsächlich aus einem Ort erscheinen und an einen Ort verschwinden können. Nun kann Windows das auch. Gähn.

Auch eine schöne Erkenntnis: „great battery life is just a requirement.“ Übrigens wurden Apple-Laptops auch deshalb so gern in Fernsehproduktionen eingesetzt, weil deren Akkus zuverlässig lang liefen, was besonders wichtig ist, wenn eine Szene mehrfach wiederholt werden muss. Da kann nicht das ganze Aufnahmeteam warten, bis die Requisite wieder aufgeladen ist. Aber schön, dass Microsoft nun auch lange Batterielaufzeiten für wichtig hält. Irgendwie drängt sich mir der Verdacht auf, der auch von Harris zitierte Erfolg von Mobilrechnern hat sich nicht wegen, sondern trotz Windows ereignet. Als Steve Jobs 2003 zum „Jahr des Notebooks“ erklärte, war Microsoft wohl noch gar nicht klar, dass Computer auch fern einer Steckdose länger als zwei Stunden laufen möchten.

Ich bin mir nicht sicher, ob sich Jensen Harris nicht ein wenig vergallopiert, wenn er über die besonderen APIs von Windows 8 schwadroniert. Jedenfalls kann ich mich gut erinnern, dass Mac OS X zahlreiche APIs bereitstellt, damit auch fremde Programme (oder Apps) auf die Daten vom beispielsweise Adressbuch, Schlüsselbund oder anderen Diensten zugreifen können. Auch für Datenbanken, Musikausgabe oder Animationen (bis hin zur Live-Verformung einer Video-Wiedergabe) gibt es leistungsfähige Programmierschnittstellen. Der globale Zugriff auf die Mediabibliotheken von iTunes, iPhoto und anderer Programme gehört dazu. Möglicherweise spielt Harris genau auf diese an: „Although other OSs have attempted to streamline such tasks“, um sie anschließend als festverdrahtet und unflexibel zu diskreditieren. Er ahnt also doch etwas von der Existenz anderer Betriebssysteme.

Achja, und irgendwo erwähnt Harris die großartige Suchfunktion von Windows; bei Mac OS heißt sie „Spotlight“ (seit 10.4, „Tiger“, 2005) und ist ein <cmd>+<Leertaste> entfernt (Tastenkürzel bestehen immer aus zwei Tasten, damit keine Fehlbedienungen entstehen).

„The apps run in a local sandbox called AppContainer, so they can’t mess with or corrupt your PC. And they always uninstall cleanly, without a trace left behind.“ Na endlich!

Was man nicht sieht

Wie in meinem ersten Test mit Windows 8 festgestellt, stören mich die ganzen unsichtbaren Bedienweisen. Microsoft geht davon aus, dass ich irgendwas Unsichtbares vom Rand ranziehe. Es spart ja ne Menge Bildschirmplatz, dass die Bedienelemente erst bei Aufforderung erscheinen – aber die Aufforderung hätte durchaus irgendwie sichtbar sein können. So wird es zum Ratespiel. Die erste App, die es irgendwie schafft, das Menü nicht erscheinen zu lassen, raubt dann das Vertrauen in solche unsichtbaren Selbstverständlichkeiten. Ganz abgesehen davon, ist es psychologisch immer notwendig, Wichtiges SEHEN zu können. Sonst fühlt man sich unwohl. Was ich nicht sehe, existiert nicht. Oder ich liefere mich einem fast göttlichen Vertrauen in die Unfehlbarkeit der nicht sichtbaren Möglichkeiten aus.

Nicht-sichtbare Elemente sind vertretbar, wenn sie nicht kritisch sind. Das Kontextmenü ist nicht kritisch, denn die enthaltenen Befehle finden sich auch alle im Menü, wenn der Rechtsklick mal nicht funktioniert.

Ein weiterer Bereich, den man nicht sieht, aber dessen Auswirkungen spürbar sind, ist der technische Unterbau. Harris gibt sich euphorisch über Windows 8: „And all in a package that uses fewer system resources than Windows 7.“ Ich glaub erst dran, wenn ichs nachgemessen hab. Das wäre tatsächlich mal ein Novum in der Windows-Geschichte, wenn eine Version weniger Ressourcen verbraucht als die Vorgängerversion. Allerdings beschleicht mich der Verdacht, dass das minimalistische Design vorwiegend den technischen Anforderungen von Mobilgeräten geschuldet ist – insofern hätte deren Vereinnahmung durch Microsoft tatsächlich einen positiven Nebeneffekt für die Desktop-Benutzer.

Falsche Behauptung

„We know that people are increasingly snacking on snippets of live information. Who wrote on my timeline? Did I get any new email? Did anyone post pictures of yesterday’s party? Did anything big happen in the news? Who’s winning the game? Is my expense report approved? Did someone beat my high score? Is it my turn? When is my next meeting? Is a new book by my favorite author available for preorder? Is our inventory running low? What’s the traffic like?“

Ich weiß nicht, wer diese „people“ sind, von denen Jensen Harris das weiß. Ich gehöre nicht dazu. Wenn ich eine App starte (z.B. über den dann obligatorischen Start Screen), will ich eben NICHT über all diese Dinge informiert werden. Ich weiß, dass Leute sich ganz schnell ablenken lassen. So gibt es genügend Studien, die belegen, dass eMails im Arbeitsalltag die Produktivität senken; dass es sogar effektiver wäre, das Mail-Programm nur ein oder zweimal pro Tag zu öffnen. Und nun soll der Benutzer ständig nicht nur erfahren, dass er neue Mails hat, sondern auch noch mit Inhalten belästigt werden. Und zwar jeder Menge Inhalte! Sicher, es gibt solche Menschen, die das möchten. Aber viele andere möchten einfach nur eine bestimmte Aufgabe ohne jede Ablenkung erledigen. Denen sind die Balloon-Hinweise unter Windows XP schon zu viel, weil diese sie auf Dinge hinweisen, die mit ihren eigenen aktuellen Aufgaben und Zielen nichts zu tun haben.

Irgendjemand in den Microsoft-Entwicklungsabteilungen hat die private Nutzung mit der Arbeit verwechselt. Was auf einem Mobilgerät oder Tablet noch praktisch und nützlich ist (nämlich die Vielzahl der o.g. Informationen auf einen Blick, sodass man sich entscheiden kann, welche Anregung man aufgreift), stört dagegen im Arbeitsfluss enorm. Naja, vielleicht gelingt es ihnen, ja einen „Silence“-Button zu integrieren, sodass nur ein oder zwei Kacheln („Tiles“) aktuelle Informationen anzeigen.

Sammelbecken

„today’s Windows is almost absurdly configurable“. War das nicht mal die erklärte Stärke von Windows? Die anschließend aufgezählten Tools für Power User sind zwar schön. Auch dass Normalnutzer nun mit weniger Optionen belästigt werden, ist nett. Klingt alles irgendwie nach Mac OS mit seinen schlanken Systemeinstellungen, wobei man über die Kommandozeile und einige Apps dann tiefere Veränderungen an den Einstellungen vornehmen kann.

„Great hardware like this doesn’t quite exist yet, but it will be commonly available later this year.“ Wird sie tatsächlich großartig sein? Wird sie bezahlbar sein? Welche Krüppelversion von Windows 8 wird darauf enthalten sein? [lakonischer Nachtrag: Hersteller: Tablets mit Windows 8 nicht konkurrenzfähig]

„And today’s touch hardware, which was designed for Windows 7, doesn’t always do a great job of interpreting swipes from the edge. The good news is that hardware designed for Windows 8 will have excellent edge detection“. Also mal wieder neue Hardware, damit wir die unsichtbaren Elemente auch tatsächlich benutzen können. Die Antwort kommt ein paar Absätze später: „Think of past versions of Windows that worked on existing hardware but were even better with new hardware. That’s our approach with Windows 8.“

„Throughout the history of computing, people have again and again adapted to new paradigms and interaction methods“. Da hat Jensen Harris offenbar selbst vergessen, was er eingangs lang und breit erklärt hatte: die ursprünglichen Vorbehalte gegenüber der Maus als Eingabe-Paradigma. Es dauerte bis in die frühen 199er, bis die Maus so weit akzeptiert war, dass sie als Eingabemedium ernstgenommen wurde. Aber jetzt akzeptieren die Menschen natürlich viel schneller solch drastische Änderungen.

Fazit

Wenn sich’s irgendwie einrichten lässt, warte ich auf das erste Service Pack oder besser noch auf Windows 9. Der jetzige Entwurf gefällt mir weder in seiner Optik noch mit seinen Implikationen auf Hardware-Anschaffung und Bedienungsweise.

Aber mit seiner ausführlichen Erläuterung der Vorhaben für Windows 8 hat Jensen Harris eine gute Vorlage geliefert. An dieser wird sich das fertige System messen lassen müssen. Wenn es ihm künftig gelingt, etwas weniger Marketing in seine Ausführungen zu integrieren, könnte er eine lesbare Quelle sein. Aber die ständigen (zum Teil unterschwelligen) Verweise auf andere Systeme lassen Microsoft kleinlicher wirken als es sein sollte.

Windows hat bereits 90+ Prozent Marktanteil auf dem Desktop. Nur im Mobilbereich haben sie deutlichen Aufholbedarf. Wenn Microsoft dort nun die gleiche Selbstironie/-kritik an den Tag legen würde wie in Bezug auf die eigene Geschichte (im ersten Teil des Blog-Beitrags), könnten sie ein paar Sympathie-Punkte sammeln. So nett und informativ ein solcher Blog-Eintrag auch ist, man wird das Gefühl nicht los, dass ihn mindestens zwei Marketing-„Experten“ lektoriert haben. Kommunikationsstrategisch ist der Beitrag aber ein cleverer Schachzug und sichert Microsoft die Deutungshoheit über sein Windows 8.VG Wort Zählpixel

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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