Metapher 2.0

Einst war die Schreibtisch-Metapher das Maß der grafischen Benutzeroberfläche. Die Metapher hat sich seit den 70er Jahren jedoch gewandelt, und heute kommt man um den Browser und dessen Implikationen nicht mehr herum.

Das Selbstverständnis des Umgangs mit dem Mac geht in seine zweite Generation. Dies wird zwar deutlich weniger laut proklamiert als der Wechsel auf die Unix-Plattform mit Mac OS X oder der Umstieg auf Intel-Prozessoren. Dennoch ist, 20 Jahre nach seiner Erstvorführung, auch die Bedienungsmetapher des Mac in eine neue Generation übergegangen.

1984 wurde der Öffentlichkeit mit dem Macintosh ein flotter kleiner Rechner präsentiert, der über ein optisches Eingabegerät gesteuert wurde. Damit klickte man Objekte (Icons a.k.a. Piktogramme) und Kommandos (im Menü oder grafische Symbole) an. Man konnte alles, was sich anfassen ließ (Icons, Grafik- oder Textteile) mit der Maus frei auf dem Bildschirm platzieren (manipulieren). Die Tastatur war im Wesentlichen zur Texteingabe vorgesehen und weniger, um kryptische Kommandos einzugeben.

Man brauchte dem Computer nicht mehr via Befehlszeile zu sagen „kopiere eine Datei auf eine Diskette“ sondern man tat es selbst. Man nahm das Datei-Icon und legte es auf das Disketten-Icon, worauf der Kopiervorgang startete. Aus Sicht der Computer war der Mensch weiter vom System entfernt als mit der Kommandozeile; es war noch die grafische Ausgabe und die Auswertung der Mausaktionen dazugekommen, die intern in die Kommandosprache zu übersetzen waren. Aus Sicht des Menschen war er dichter am System, denn er brauchte niemandem mehr zu sagen, was getan werden soll, sondern er konnte es gleich selbst tun.

Das alles ist heute noch so.

Mac sen. – Die alte Generation

Quelle: http://www.guidebookgallery.org/screenshots/macos11

Stellen wir uns einmal den alten Bildschirm vor: Eine große freie Fläche, unten rechts befindet sich das kleine Bild eines Papierkorbes, oben rechts die Darstellung einer Diskette und/oder Festplatte. Nach oben hin wird der Bildschirm von einer Leiste beschlossen, in der einige Worte stehen. Vielleicht liegen auch einige Datei-Icons auf dem Bildschirm herum. Auf jeden Fall ist irgendwo der schwarze Mauszeiger zu entdecken. Dieser repräsentiert die Hand des Nutzers. Ein Dokument-Icon repräsentiert das Dokument, der Papierkorb einen Papierkorb, die Diskette oder Festplatte einen Aufbewahrungsort für Daten. Auch der Papierkorb ist letztlich nur ein Aufbewahrungsort für Daten, bis er entleert wird – dann ist sein Inhalt verschwunden.

Quelle: http://www.guidebookgallery.org/screenshots/macos753

Übrigens befinden sich auf Diskette und Festplatte noch Ordner, in denen weitere Dokumente untergebracht sein können. War’s das etwa schon? Nein, es gibt auch Icons, deren Aussehen weder an ein Dokument erinnert noch an einen Datenspeicher. Dies sind wahrscheinlich Programme. (Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es noch Dateien gibt, die weder Dokumente noch Programme sind. Sie können Einstellungen von Programmen enthalten, Zeichensätze oder anderes sein. Also kleine Behältnisse, aus denen System und Programme ihr Verhalten oder Einsatzmöglichkeiten beziehen.)

Ein Programm sorgt dafür, dass Dokumente jeweils mit geeignetem Komfort bearbeitet werden können. Es wäre mühselig, sämtliche Funktionen einer Textverartbeitung, Grafikbearbeitung, Tabellenkalkulation, Datenbank, etc. in das Betriebssystem zu integrieren. Erstens benötigt nicht jeder alle diese Funktionen, zum anderen kann durch die Aufteilung in Betriebssystem und Programme das System leichter auf die Bedürfnisse des einzelnen eingestellt werden. Es ist leichter erweiterbar, die Komponenten sind leicht zu aktualisieren, etc. Vereinfacht gesagt, bietet das Betriebssystem den Programmen einen einheitlichen und vereinfachten Zugriff auf die Hardware, die technischen Geräte; das Betriebssystem stellte beispielsweise die Möglichkeit des Menüs zur Verfügung und dadurch entfiel für die Entwickler von Programmen einiger Aufwand, denn sie brauchten nur noch auf die Menü-Möglichkeiten des Systems zurückgreifen und diese nicht selbst programmieren und an die verschiedenen möglichen Monitore und Grafikkarten anzupassen.

Die Philosophie sah vor, dass eine gewisse Einheitlichkeit herrscht. Deshalb ist unter dem Mac OS oft erst durch die Befehle in der Menüzeile zu erkennen, welches Programm gerade die Datei bearbeitet. Die Dokumentfenster sehen gleich aus, lassen höchstens über den Inhalt auf das zugehörige Programm schließen. Der Nutzer wird somit entlastet und muss sich nicht um Programme kümmern. Er öffnet die Datei und in den meisten Fällen wird im Hintergrund das passende Programm dazu geöffnet (jedes Dokument hat in einer unsichtbaren Ressource-Fork-Datei gespeichert, welche Programme es bearbeiten können). Deshalb haben die Programme auch keine eigenen Fenster. Sie warten – wenn sie nicht gerade ein Dokument bearbeiten – sozusagen im Hintergrund, bis wieder ein für sie geeignetes Dokument geöffnet wird. Im Laufe der Zeit sind eine Menge scheinbar kleiner Verbesserungen in die Arbeit mit Programmen eingearbeitet worden; ich nehme Mac OS 7 von 1992 als Grundlage.

Zurück zum Bildschirm, der oft als „Desktop“ bezeichnet wird. Warum erhält der Inhalt der Monitoranzeige die selbe Bezeichnung wie das Möbelstück auf dem der Rechner steht? Auf meinem Schreibtisch liegen keine Festplatten (höchstens Disketten oder CDs), stehen keine Papierkörbe und eine Leiste mit Begriffen kann ich auch nicht entdecken. Aber: ich kann auch auf meinem Schreibtisch Dinge (beschriebene und leere Zettel, Ordner und Arbeitsgeräte) hin und her schieben. Ich kann diese Dinge auch wegwerfen, in den Papierkorb, der unter meinem Schreibtisch steht. Oder ich kann sie in einem Regal ablegen, wenn ich nicht mit ihnen arbeite.

Da ich all diese Dinge in der Realität tun kann und ebenso auf dem Computerbildschirm mit der Maus, was „direkte Manipulation“ (im Gegensatz zur „indirekten“ mit Kommandos) genannt wird, heißt auch die Arbeitsfläche auf dem Monitor „Schreibtisch“. Und wie bei einem echten Schreibtisch kann ich auch hier eine Schreibmaschine hinstellen und benutzen. Ich nehme einfach eine Textdatei (ob leer oder nicht) und öffne sie. Sofort wird mir die Schreibmaschine auf den Schreibtisch gestellt, in Form einer Textverarbeitung. Ich hebe mir keinen Bruch und kann sofort arbeiten. In der Menüleiste tauchen auch einige Befehle auf, die im Zusammenhang mit dem Verarbeiten von Text nützlich sind und die eine Schreibmaschine nicht bietet, z.B. kann ich einfach einen Textteil ausschneiden (!) und an einer anderen Stelle einkleben (!). Hier wird ebenfalls deutlich, dass sich die Bezeichnungen häufig am Pendant in der realen Welt orientieren.

Will ich eine Grafik erstellen, muss ich in der Realität die Schreibmaschine wegräumen, um genügend Platz zu haben. Auf meinem Monitor öffnet sich ein Zeichenprogramm, d.h. ich habe für das Erstellen und Bearbeiten von Grafiken sinnvolle Befehle in meiner Menüleiste. Im Hintergrund liegt meine Textdatei. Im Vordergrund habe ich ein Fenster, in dem ich meine Grafik erstellen kann. Dieses Fenster verdeckt erstens einen großen Teil des Hintergrunds, zu dem mein Text jetzt auch gehört, und bietet zweitens einen Blick auf meine Grafik. Meist ist dies nur ein Ausschnitt, der auch durch Zoomen verändert werden kann. Den Ausschnitt kann ich durch Rollbalken am Fensterrand wählen. Wieder ist ein reales Ding, nämlich ein Fenster, das ebenfalls Blick auf einen Ausschnitt der Welt bietet, in seiner Grundfunktion übernommen und stark erweitert worden.

Und so geht es auch der Schreibtischmetapher. Das System stellt in den Grundzügen einen Schreibtisch mit den üblichen Schreibtischobjekten dar. Dabei hat jedes Objekt eine abstrakte Funktion, die der Wirklichkeit entspricht. Ein Papierkorb ist zum Löschen bzw. Auswerfen von Disketten oder CDs, ein Ordner zum Aufbewahren. Und die Interaktionen zwischen den Objekten werden durch die Maus, meinen virtuellen Vertreter, umgesetzt. Bei der virtuellen Nachbildung blieb man so dicht wie möglich an der Originalfunktion und versuchte, sie so weit wie möglich zu erweitern bzw. zahlreiche Einzelschritte (z.B. Schreibmaschine aufstellen, Papier einspannen und ausrichten; Malpapier und Utensilien suchen, Wasserglas und Malpalette vorbereiten) zu vereinfachen.

Mac jun. – Es wird verbessert

Bis auf einige Kleinigkeiten (es gibt jetzt ein Dock, der Papierkorb steht nicht mehr einfach auf dem Schreibtisch, etc.) ist alles noch so geblieben. Wo ist die neue Generation? Nun, zum einen wurde ein Umstand behoben, der eigentlich zu Anfang viel dringlicher gewesen wäre. Computer waren damals sehr teuer und deshalb bot es sich an, einen Computer gemeinsam zu nutzen. Aber: für alle galten dann die selben Einstellungen und jeder konnte die fremden Dateien sehen. Nun können theoretisch unzählige Menschen an einem Computer arbeiten. Jeder kann sich sein System und die Programme nach seinem Belieben einstellen und kann fremde Dateien nicht sehen oder gar öffnen. Dies ist ein kleiner Fortschritt, er hat mit der Benutzung des Systems wenig zu tun. Als jemand, der einen Rechner für sich allein hat (was eigentlich ein gigantischer Luxus ist oder als solcher gelten sollte), nutzt mir das nicht viel. Und dennoch habe ich den Eindruck, dass die Schreibtischmetapher die Versionsnummer 2.0 erhalten sollte.

Quelle: http://www.guidebookgallery.org/screenshots/macosx103

Dazu trägt wesentlich der Finder bei, über den ich meine Dateien organisere, die Programme aufrufe und mich durch das System navigiere. Aus dem schlichten Stöbern auf der Festplatte mit den Ordnern ist ein Navigieren geworden. Darin liegt im Wesentlichen der Unterschied. Der Finder ist eine Art interaktives Fenster auf meine Datenträger geworden, vergleichbar dem interaktiven Fenster auf das Internet, Browser genannt.

Ich muss nicht mehr eine Ebene hoch gehen, sondern kann über den Button „Zurück“ zu der letztbesuchten Ebene meiner Verzeichnisse wechseln. Der Finder bietet mir zahlreiche Links auf häufig benutzte Objekte und Befehle. Der Begriff „Link“ kommt erstens aus dem Internet, bedeutet zweitens „Verknüpfung zu“ und ist drittens eigentlich kein Unbekannter. Schon früher konnte ich Aliasse (Verknüpfungen) von allen Objekten auf meinem Rechner erstellen und sie mir so bereit legen, dass ich flott auf sie zugreifen kann; bisher konnte ich jedoch keine Links auf Befehle erstellen. Die Aliasse (unter Windows „Verknüpfungen“) waren den Links vergleichbar. Nur, jetzt sind sie stärker in das System integriert, ich kann sie mir in die Symbolleiste ziehen – ebenfalls etwas Neues für Macintosh.

Eine Symbolleiste bietet mir über die Symbole schnellen Zugriff auf häufig genutzte Befehle, z.B. „Löschen“ oder „Neu“ oder Änderungen der Darstellung. Im klassischen Mac OS (bis 9) gab es keine Fenster mit Symbolleisten, diese wurden von einzelnen Programmen über Paletten „simuliert“. Die Fenster werden so immer mehr in ihrer alten Funktion erweitert. Waren sie früher hauptsächlich dazu da, den Inhalt zu präsentieren und in ihnen bearbeiten zu können, enthalten sie nun zahlreiche Möglichkeiten, den Inhalt auch zu manipulieren. Die Grenze zwischen nicht-grafischer Menüleiste und Symbolleiste schwindet zunehmend. Zum Auslösen von Befehlen brauche ich oft das Menü nicht mehr, ich finde die Aktion auch in der Symbolleiste oder über das Kontextmenü (rechter Mausklick) oder ich habe mir ein Tastenkürzel gemerkt.

Die Fenster als solche sind nicht länger nur passive Rahmen zur Darstellung von Inhalt, sondern aktive Objekte, die selbst den Inhalt beeinflussen können. Bisher waren alle Aktionen, die das Fenster selbst ermöglichte, nur dazu geeignet, die Darstellung zu ändern, z.B. zu einer anderen Position zu scrollen. Nun können sie den Inhalt selbst verändern, denn „Löschen“ oder „Neu“ nehmen Änderungen am Inhalt, nicht nur an der Darstellung, vor.

Die einst so feste und ehern durchgehaltene Maxime, dass aktive Elemente eines Fensters stets nur die Darstellung und niemals den Inhalt selbst beeinflussen können, ist aufgegeben. Ich will das weder beklagen noch als etwas negatives hinstellen, es scheint mir nur bemerkenswert.

Taucht die Frage auf, warum verunsichert uns dieses Verhalten nicht, warum kommen wir sofort damit zurecht, dass Bedienelemente eines Fensters dessen Inhalt verändern. Das liegt am Browser. Mitte der 90er populär geworden, ist seine Bedienung so einfach wie einleuchtend: Ich gebe in einer Zeile am oberen Fensterrand etwas ein, worauf das Fenster den dazu passenden Inhalt darbietet. Durch Schaltflächen kann ich den Inhalt beeinflussen, z.B. sich neu aufbauen, eine andere Seite aufrufen (über „Zurück“ oder „Vor“), den Inhalt drucken, etc. Ich klicke auf Elemente des Fensters und dessen Inhalt ändert sich. Ohne die Schaltflächen direkt im Fenster wäre ein Browser erstens schwer vorstellbar und zweitens umständlich zu bedienen. Dadurch dass uns dieses Verhalten beim Internet angemessen schien und wir uns rasch daran gewöhnt haben, können nun auch Dokument-Fenster diese Funktion anbieten.

iTunes, iPhoto und eMail-Programm sind bereits gute Beispiele dafür, dass ein Fenster nicht nur etwas darstellt, sondern auch Befehle zur Veränderung des Inhaltes bereitstellt. Und auch dort schiene uns eine Trennung unangebracht bzw. wir nehmen die Kombination aus Befehlsknöpfen und Inhalt in einem einzigen Großelement auf dem Schreibtisch hin. Daher ist es nur konsequent, dass auch andere Fenster den Inhalt aktiv beeinflussen können – Sinnhaftigkeit vorausgesetzt.

Und mit dieser Entwicklung, dass Fenster nicht mehr bloß Ausschnitte auf die Welt (ihren Inhalt) präsentieren, sondern aktiv auf diesen einwirken können, haben wir Evolutionsphase 2 der Schreibtischmetapher erreicht. Denn es stellt eine Erweiterung des alten Konzeptes dar. Ein Blatt Papier hat keine Elemente, die seinen Inhalt beeinflussen können, dazu benötige ich schon Schreib- oder Zeichenwerkzeuge, also ein Programm.

Was scheinbar harmlos und unwichtig ist, ist doch ein gewaltiger Schritt, wird doch ein Gutteil der alten Metapher, der alten Nachbildung der Realität über Bord geworfen. Wie gesagt, das ist nichts Schlechtes. Es ist nicht nur nichts Schlechtes, sondern ein beachtlicher Fortschritt im Bereich der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine.

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

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