Flash auf Mobilgeräten

Hoch kochen die virtuellen Wellen zur Frage, ob und warum oder warum nicht Flash auf iPhone, iPod touch und iPad laufen soll. Mir fallen drei wichtige Argumente ein.

Erstens die grundsätzliche Machbarkeit

Das iPhone ist seit 2007 frei erhältlich. Mehr als drei Jahre hatte Adobe Zeit, um zu beweisen, dass Flash auf einem Mobilgerät flott laufen kann. Angekündigt war, dass Ende 2008 ein Flash-Plug-in für das iPhone bereitstünde. Das Projekt ist über den Beta-Status nicht hinausgekommen und stürzt noch heute bei Demos ab. Die Hardware-Anforderungen für ein Plug-in (!) sind astronomisch: Um zu funktionieren, werden ein Prozessor mit mindestens 1 Gigahertz und mindestens 512 Megabyte Arbeitsspeicher benötigt. Für ein kompaktes Mobilgerät sind das absurde Vorstellungen.

Stattdessen gibt es Flash-Versionen für Mobilgeräte (Flash-Lite, basierend auf Flash-Version 7 mit Actionscript 2) und PCs (Flash Version 10 mit Actionscript 3), die sich im Leistungsumfang unterscheiden. Es gibt derzeit kein einziges Mobilgerät (abgesehen von Laptops), das dieselben Flash-Inhalte anzeigen kann wie ein PC.

Adobe behautpet seit drei Jahren, Flash gehöre zu den Basistechnologien des Internet – und ignoriert dabei, dass die Basistechnologien des Internenet im Gegensatz zu Flash, das Adobe gehört, auf offenen Standards basieren. Mitte des Jahres soll es endlich eine Flash-Version für Android-Handys geben, die laut Adobe gut funktionieren soll. Android ist seit über zwei Jahren auf dem Markt.

Bislang konnte – abgesehen von Demo-Videos – Adobe nicht beweisen, dass seine Flash-Technologie tatsächlich so funktioniert wie sie behaupten. Da kann ich Steve Jobs verstehen, der mit einer solch unsicheren Technologie nichts mehr zu tun haben möchte. Selbst wenn Steve Jobs es hätte installieren wollen – es gab kein Flash, das er hätte installieren können.

Zweitens die Sicherheit

Auf einem Mobilgerät ist die Datensicherheit noch wichtiger als auf einem normalen PC. Denn jeder unnötige Datenverkehr kostet Geld – entweder den Nutzer oder den Anbieter der Datenflatrate.

Was kann auf einem PC geschehen? Die Daten können ausspioniert werden. Der Rechner kann ungefragt eMails verschicken. Der Rechner kann plötzlich nicht mehr funktionieren oder abstürzen. Die Zugangsdaten zu meinem Konto können abgefragt und missbraucht werden. Im letzten Fall habe ich einen direkten finanziellen Schaden. Alle anderen Szenarien sind weder überlebensnotwendig, noch ist die Art der Belästigung komplett unerträglich (im Gegensatz zu einem dauerklingelnden Telefon, weil durch ein Sicherheitsleck meine Nummer ständig angerufen wird). Die Kosten für zusätzlichen Datenverkehr werden von der Netzgemeinschaft stillschweigend getragen.

Ein Telefon muss im Notfall aber funktionieren und kann lebensrettend sein. Wenn das Telefonnetz plötzlich zusammenbricht, weil sich ein Schädling (wie der „I love you“-Virus) ausbreitet, käme das einer globalen Katastrophe nahe und hätte dramatischere Auswirkungen als ein Ausfall des Internet. Wird lediglich unnötig viel Datenverkehr verursacht, müssen dies die Telefonanbieter bzw. deren Kunden bezahlen. Es liegt also im Interesse aller, so wenig wie möglich unnötigen Datenverkehr zu provozieren.

Um den Datenverkehr zu reduzieren, vertreibt Apple alle Programme selbst über seinen App-Store und wickelt auch Programm-Updates darüber ab. So muss nicht jedes Programm separat für sich prüfen, ob es noch aktuell ist. Außerdem ist so sichergestellt, dass keine Schadprogramme auf mein Mobiltelefon gelangen. Wer möchte schließlich auch noch einen Virenscanner auf seinem Handy betreiben?

Das Gefahrenspektrum ist groß. Bislang hat Adobe nicht belegen können, dass Flash kein Sicherheitsrisiko darstellt. Im Gegenteil gehört Flash zu den schlimmsten Sicherheitsproblemen auf den PCs. Nicht nur die behauptete Machbarkeit ist bislang unbewiesen, sondern eben auch die Frage, ob Flash tatsächlich KEIN Sicherheitsrisiko für ein Mobiltelefon darstellt.

Drittens die Touchfähigkeit

Auf einem Computer werden die Bildschirminformationen mit Tastatur und Maus gesteuert. Ein Mauszeiger kann ein Element berühren oder anklicken. In vielen Flash-Programmen wird zwischen beiden Aktionen unterschieden. Ein Touch-Gerät kennt jedoch diesen Unterschied nicht. Um auf einem mobilen Touch-Gerät (von Multitouch nicht zu reden) benutzbar zu sein, müssen die Flashprogramme angepasst werden.

In vielen Fällen ist dies trivial, aber es bedeutet letztlich auch, dass für Mobilgeräte und PCs verschiedene Programme bereitgehalten werden. Denn als PC-Nutzer bin ich daran gewöhnt, dass ich nicht klicken muss, um eine Flash-Navigation zu bedienen. Auf einem iPad müsste ich aber klicken (touchen).

Es wäre zuviel, Adobe Lügen bei seiner Argumentation zu unterstellen. Aber drei wesentliche Aspekte sind in der Praxis bislang nicht anzutreffen:

  1. vollwertige Flash-Umgebung für Mobilgeräte (die das Selbe kann wie auf einem PC)
  2. Beweis, das Flash sicher und stabil läuft
  3. Sicherheit, dass für Klick- und Touch-Bedienung die selben Flash-Programme verwendet werden können.

Nachtrag

Flash gehört Adobe. Apple selbst kann nur Adobe betteln, dass die endlich mal einen vernünftigen Flash-Player entwickeln, der auslieferbar sein könnte. Das hat Apple getan. Da man aber kein iPhone mit Tech-Demo-Software ausliefern möchte, warten alle weiter auf Flash, das die o.g. Nachteile nicht aufweist. Wer also schimpfen oder jammern möchte, soll sich an Adobe wenden – denn die sind es auch, die behaupten, dass ohne Flash kein Internet funktionieren würde.

Mit der gleichen Inbrunst und „Vernunft“, mit der Apple ständig aufgefordert wird, Flash auf iPhone, iPad und iPod touch zu lassen, fordere ich Microsoft auf, endlich den Graphic Converter für Windows auszuliefern! Oder ich beschimpfe Apple, weil sie kein Access (aus Microsoft Office) auf dem Mac ermöglichen (doch, ermöglichen sie, Microsoft bietet’s nur nicht an, weil FileMaker auf dem Mac die deutlich bessere Alternative ist). Ebenso schwachsinnig wäre es, von BMW die Auslieferung ihrer Modelle mit einer VW-Einspritztechnologie zu verlangen. Wer eine VW-Einspritztechnologie benötigt, muss einen VW kaufen. Wer einen BMW kauft, erhält dafür andere Vorzüge. Steve Jobs hat aus der Nicht-Verfügbarkeit von Flash für Mobilgeräte mit seinem offenen Brief letztlich die einzig korrekte Schlussfolgerung und die nötigen Konsequenzen gezogen (nur um das klarzustellen: Sein Brief war nicht der Auslöser, sondern nur seine Reaktion auf eine versprochene aber nicht gelieferte Flash-Version). Inhaltlich ist er bislang noch nicht widerlegt worden. Es werden immer nur unreflektiert Beispiele aufgeführt, wo man ganz unbedingt Flash braucht. Offenbar hat es noch niemand gemerkt: Ein iPhone, iPad oder iPod touch sollen keine Computer ersetzen. Es ist auch nicht Jobs’ Aufgabe, alle Flash-Inhalte umzuprogrammieren.

So wie einst der Internet Explorer ein eigenwilliges – und teilweise inkompatibles – Verständnis von HTML hatte, so hat Adobe derzeit, zumindest noch offiziell, die Meinung, dass ein Internet (offene Standards) ohne Flash (proprietäre Entwicklungsumgebung) kein echtes Internet ist. Da stellt sich mir allerdings die Frage, was Adobe unter „Internet“ versteht. Flash gehört weder zu den technologischen Grundlagen des Datenaustauschs oder von Netzwerken noch zu den HTT-Protokollen oder zu irgendeinem WWW-Standard. Erstens musste irgendwann auch Microsoft einsehen, dass ein offener und allgemeiner HTML-Standard für alle sinnvoller ist als Insellösungen (der Internet Explorer 9 soll endlich voll standardkonform sein). Zweitens ist davon das Internet nicht untergegangen.

Bei aller persönlichen Betroffenheit der Flash-Liebhaber: Ohne Flash geht das Abendland nicht unter. Vielleicht resultiert aus der ganzen Debatte sogar etwas ganz Neues, das wir uns gerade noch nicht vorstellen können, und in fünf Jahren wird in den Computergeschichtsbüchern stehen „Das Flash-Debakel (Sicherheitsprobleme, Ressourcenhunger), das durch Apples Haltung auf den damaligen Mobilgeräten öffentlich und heiß diskutiert wurde, führten bei Adobe zu einem Umdenken und letztlich zur Entwicklung von XXX.“

Oder anders herum: Was sollen unsere Nachkommen von uns denken, wenn sie durch einen ungünstigen Zufall all die schwachsinnigen Flash-Debatten, die on- und offline geführt werden, lesen? Hatten die damals keine anderen Sorgen?

Eine Argumentation gegen Flash auf dem iPad.
Fünf Mythen über Apple und Flash.
Bericht über die Entwicklung von Flash für Mobilgeräte.
Analyse eines absurden „Friedensvorschlags“ zwischen Adobe und Apple.
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Alexander Florin
Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de

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