iPhone-Realität und mediale Wirklichkeit

Auf seiner Notfall-Pressekonferenz sah sich Steve Jobs gezwungen, mehrere Tatsachen klarzustellen, um die allerorten breitgetretenen iPhone-Probleme im richtigen Verhältnis zu sehen. Das sogenannte „Antennagate“ erreicht bereits shakespearsche Dimensionen und erinnert – zumindest in Europa – an „Viel Lärm um nichts“. Doch für aufgeklärte und intelligente Menschen sollten Fakten schwerer wiegen als medialer Lärm.

  1. JEDES Smartphone hat Verbindungsabbrüche, wenn man es auf eine bestimmte Weise hält. Das iPhone ist also keine Ausnahme, sondern tut das gleiche wie alle anderen auch.
  2. Die Rücklauf- bzw. Reklamationsquote beträgt ist nur ein Drittel der Quote vom iPhone 3GS. Mit dem iPhone 4 haben also noch weniger Menschen Probleme als mit dem iPhone 3; und das iPhone 3 hatte schon eine Rücklaufquote (6 Prozent) deutlich unter Branchendurchschnitt.
  3. Tatsächlich, so bestätigt AT&T, verliert das iPhone 4 mehr Gespräche als das iPhone 3: ein Prozentpunkt mehr. Jobs erklärt diese Zahl damit, dass etwa 80 Prozent der iPhone-3-Käufer auch eine Schutzhülle kauften. Aber nur 20 Prozent der iPhone-4-Käufer kauften eine Schutzhülle. Somit sind mehr iPhones 3 vor dem „Killergriff“ geschützt als iPhones 4.
  • Der schlampige Algorithmus (so viel gab Jobs zu) zur Darstellung der Empfangsqualität ließ das Problem größer erscheinen als es ist. Mit der neuen Balkenberechnung verschwinden nicht mehr drei bis fünf, sondern ein bis zwei Balken, wenn man das Gerät „falsch“ hält. Der Algorithmus ist mit iOS 4.0.1 gefixt.
  • Jeder iPhone-4-Käufer erhält nun kostenlos eine Schutzhülle. Wer schon eine hat, erhält sein Geld zurück. Wer danach immer noch unzufrieden ist, erhält binnen 30 Tagen nach Kauf sein Geld zurück.

Ich bin geneigt, Jobs Darstellung zu glauben. Wenn er die Unwahrheit sagen würde, wäre das in einer solchen Situation geradezu Selbstmord. Jedes seiner Argumente wird in den nächsten Tagen von echten und behaupteten Profis analysiert und zerpflückt. Sollte er deutlich übertrieben oder gar etwas Falsches gesagt haben, dürfte das Apple doppelt schwer auf die Füße fallen.

Wäre Apples Aktienkurs nicht binnen zwei Tagen gefallen – wobei die Relevanz von fallenden Aktienkursen mehr als fraglich ist, wie der Kurssturz belegt, als Steve Jobs fälschlicherweise für tot erklärt wurde – hätte es die Pressekonferenz bzw. Jobs’ Vortrag nicht gegeben. Die Ironie liegt darin, dass Jobs, der über sein legendäres „Reality distortion field“ (Realitätsverzerrungsfeld) verfügt, nun den Rest der Welt in die Realität zurückholen musste. Dabei geht es nicht um „seine“ Realität, sondern um eine Realität der Fakten und Tatsachen. In dem ganzen medialen Tohuwabohu gingen beispielsweise die zahllosen Berichte über die verbesserte Empfangsqualität des iPhone 4 unter.

Ich kann drei Gründe erkennen, warum es zu diesem medialen Desaster kam.

1. Massenproduktion

Wenn Apple ein Produkt herausbringt, dann gibt es nicht mehrere Dutzend verschiedene Modelle. Auch ist die Modellpalette recht knapp. Damit wird jedes einzelne Modell sehr häufig verkauft. Im Gegensatz zu Dell, wo jeder Rechner individualisierbar ist, es zahlreiche Rechnerlinien und -optionen gibt, und im Gegensatz zu Nokia mit seiner unübersichtlichen Modellpalette pflegt Apple nur ein überschaubares Sortiment. Vom iPhone 4 wurden bislang etwa 3 Millionen Exemplare abgesetzt. Vom Nexus One dagegen bislang nicht einmal 200.000.

Würde das Nexus One ein Problem haben, das fünf Prozent aller Nutzer betrifft, so wären das gerade einmal 10.000 Menschen, die sich auf der ganzen Welt verteilen. Würde ein Problem nur ein Prozent aller iPhone-4-Besitzer betreffen, so wären das 30.000 Menschen. Das eigentlich kleinere bzw. seltenere Problem erscheint dadurch größer.

2. Schreihälse

Apple hat anfangs auf den gesunden Menschenverstand vertraut und gehofft, dass sich die Aufregung bald wieder legt. Stattdessen wurde es aber immer lauter, bis eine US-Verbraucherschutzeinrichtung ihr ursprünglich positives Urteil änderte und sogar vom Kauf eines iPhone 4 abriet.

Wo waren die Stimmen, die darauf hinwiesen, dass dies ein übliches Problem von Smartphones sei? Warum wurden diese nirgends zitiert? Aus den gleichen Gründen, weshalb in Deutschland zwar einerseits die konkreten Verbrechenszahlen seit Jahrzehnten sinken, sich aber gleichzeitig die Bevölkerung immer unsicherer fühlt. Schlagzeilen, v.a. Negativschlagzeilen verkaufen sich besser als beruhigende oder relativierende / relativierte Fakten. Kürzlich hat sich sogar unsere Justizministerin bar jeder Faktenkenntnis und jeden Schämgefühls dazu hinreißen lassen, von Apple zu verlangen, diese mögen doch den Datenschutz ernster nehmen. Apple ist der einzige Mobiltelefonanbieter, der die Abschaltung der Lokalisierungsfunktion im direkten Zugriff eingebaut hat und auch noch explizit darauf hinweist.

3. Apple = Aufmerksamkeit

Apple hat in den vergangenen Jahren hart gearbeitet und sein Image aufgebaut. Es gilt als Innovationsmotor der Branche, vor dessen Macht (z.B. beim Music- oder App-Store) man sich aber gleichzeitig fürchtet. Wie Phoenix aus der Asche gelang es dem Unternehmen, das in den 1990ern so oft totgeschrieben wurde wie kaum ein anderes, seinen Jahresumsatz kontinuierlich zu steigern und vor einigen Wochen sogar im Börsenwert Microsoft zu überholen.

Apple generiert bereits mit einer Produktankündigung weltweit Schlagzeilen. In diesem Maße gelingt das keinem anderen Unternehmen. Der einstige Underdog ist eine Art digitaler Messias geworden. So wie der einstige Messias besitzt auch dieser seine Anhänger und Feinde. Für alle anderen ist es vorteilhaft, dass es ihn gibt. Man braucht nur seinen Namen zu sagen, und schon ist einem die Aufmerksamkeit sicher. Apple hat ein solch un-technisches Image, dass es nicht in die technophilen Rubriken verbannt werden muss. Apple-Nachrichten können im normalen Nachrichtenteil platziert werden, weil sie jeder versteht.

Allein die Nennung von Apples Name generiert Klickzahlen, Zuschauer und damit Werbeerlöse. Je sensationeller die Nachricht, desto höher die Klickzahlen. Und was wäre sensationeller als ein Scheitern dieses Wunder-Unternehmens, dem in den letzten zwölf Jahren scheinbar alles gelang? Das mit einer hobbyhaften Nonchalance einen Marktsektor betritt und alle bisherigen Marktteilnehmer das Fürchten lehrt.

Da Apple immer Aufmerksamkeit generiert, werden solche Nicht-Probleme eben hochgepusht. Sicher ist auch bei dem einen oder anderen „Journalist“, „Blogger“, Meinungsbesitzer die Häme dabei, dass auch dem Wunder-Apfel mal etwas misslingt. Oder es ist Neid. Oder einfach nur Boshaftigkeit. Oder schlichtweg Ahnungslosigkeit.

Was nun?

iPhone 4 (Apple)

iPhone 4 (Apple)

Vor Jobs’ Pressekonferenz hieß es, Apple müsse eine Rückrufaktion starten. Wenn Jobs aber Recht hat, wäre ein iPhone-Rückruf in etwa so effektiv, als müsste VW alle Golf zurückrufen, weil der Scheibenwischer beim Scheibenwischen mitunter Scheibenwischgeräusche macht. Zum Theme Rückruf fällt mir noch eine andere Geschichte ein: 2006 brachte Microsoft sein Windows Vista (Windows 6.0) heraus. Keiner war wirklich zufrieden. Selbst Microsoft-Fans mussten einräumen, dass die Großartigkeit weniger großartig war. Als zwei Jahre später dann Windows Sieben (Windows 6.1) erschien, verlangte Microsoft noch einmal den gleichen Preis für das neue System. Also entweder hätte jeder (!) Vista-Nutzer kostenlos auf eine gleichwertige Sieben-Lizenz umstellen dürfen, oder die Welt des Meinungsjournalismus folgt seltsamen Vorstellungen von Gerechtigkeit.

Da eben damals niemand diese Forderung nach einer kostenlosen Sieben-Lizenz stellte, während jetzt alle Rückrufaktion riefen (und vermutlich trotzdem weiterhin rufen), scheint es mir angebracht, die Frage nach der Neutralität in der Berichterstattung zu stellen. Damit schließt sich der Kreis zur Überschrift: Das iPhone-Empfangsproblem exisitert vorwiegend in der medialen Realität.

Die wirkliche Realität hat Wichtigeres zu tun. Oder ist unsere Wirklichkeit tatsächlich so sehr von iPhone-4-Empfangsproblemen betroffen, wie die Schreihälse behaupten? Oder befinden wir uns einfach schon im Sommerloch, und haben es bislang einfach nicht gemerkt? Oder – die wahrscheinlichste Erklärung – im IT-Bereich ist zurzeit nichts los, die Tech-„Journalisten“ wissen nicht, worüber sie schreiben sollen. Da ist ein phoenizischer (oder wie adjektiviert man Phoenix?) Fehler ein gefundenes Fressen.

Und für alle, die Apple nur als Geldmaschine sehen: Auf die Frage, ob sich Jobs bei den Aktionären entschuldigen wolle, hat der Apple-Chef die passende Antwort. Apple bevorzugt langfristige Investoren; bei jenen, die ein paar Aktien gekauft haben und sich beschweren, dass der Kurs fünf Dollar sinkt, werde Jobs sich nicht entschuldigen.

Alexander Florin: Alexander Florinein Kind der 70er • studierter Anglist/Amerikanist und Mediävist (M.A.) • wohnhaft in Berlin • Betreiber dieses Blogs zanjero.de • mehr über Alexanders Schaffen: www.axin.de ||  bei Google+ || auf Twitter folgen

Ein Kommentar

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